Was ist neu

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Genre: alltag

  1. Neue Fenster

    alltag 
    Der Sessel meines Vaters ist mit braunem Leder bezogen. Die Stelle, wo sein Kopf liegt, während er vor dem Fernseher schläft, hat sich dunkel verfärbt. Meine Mutter ärgert sich über den speckigen Fleck, überhaupt ist die Garnitur, die mal edel und teuer war, ziemlich schäbig inzwischen. Aber...
  2. Fäulnis im Wurzelsystem

    Die einzige Stütze nach dem Verlassen des Hauses wäre die verschmutzte Wand links neben mir. Ich versuche die Blicke der Passanten auf mich zu ziehen, doch sie gleiten über mich hinweg, noch bevor ich den Mund geöffnet habe. Es muss so gehen. Nach einigen Schritten steigt mir der...
  3. Gefrierfleischorden

    Mein Großvater steht vor dem Herd und rührt in einem großen Topf, feuchter Dunst zieht durch das angekippte Fenster. Er schöpft mit einer Kelle Schaum ab, und erst jetzt sehe ich den Kopf, der auf dem kochenden Wasser schwimmt. Hier, sagt er und schneidet mit einem seiner Ausbeinmesser ein Stück...
  4. Hackordnung

    Als ich um kurz vor acht zur Baustelle kam, standen sie schon da. Zwei große Kerle Ende zwanzig. Einer mit zu viel auf den Rippen, der andere mit rasierten Seiten und Zöpfchen am Hinterkopf. Ich stieg aus und grüßte: „Morgen!“ Der mit der eigenwilligen Frisur kam näher, streckte mir die Hand...
  5. Zozo

    alltag 
    »Warum isst du die Weißen nicht?«, fragt Zozo. »Mag die nicht«, antwortet Oriol. Er pickt ein Weißes aus der Tüte, legt es quer auf den Daumennagel und schnippt es über die Mauer in den Fluss. Ringe tanzen auf der Oberfläche, ein Fisch schnappt danach, schlägt mit der Schwanzflosse und taucht...
  6. Schnee

    SIEBEN Maria überlegte, den Brief hier zurückzulassen. Brief? Sie warf einen Blick auf das Papier, das sie in der Hand hielt; kaum eine halbe Seite, drei Sätze, das war ihre letzte Mitteilung. Drei Sätze, an niemanden gerichtet. Niemand ist mir eingefallen. VIERZEHN So endet es. Von Anfang bis...
  7. Vor einer dunklen Nacht ging er aus seiner stillen Hütte

    alltag 
    Die Sonne hatte sich zurückgezogen, und mit ihr die flimmernde Schwere des Tages. Erste Tropfen fielen, kaum sichtbar auf der Fensterscheibe. Er stand am Glas, die Hände locker auf der Lehne seines alten Stuhls, und schaute. Bald folgten weitere Tropfen, zunächst vereinzelt, tastend, ehe dann...
  8. Verschärfte Regeln

    alltag 
    Es scheppert, klirrt, Scherben rutschen über das jahrzehntelang gepflegte Parkett. Ich horche auf. Ein Fluchen von meinem Enkel Paul oder irgendeinem der anderen Umzugshelfer. Was haben sie jetzt wieder zerstört? Als meine selbstgebastelte Tiffanylampe zu Bruch ging, hieß es von den jungen...
  9. Kätti gibt Gas

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    "Denk an deine Hüfte, Oma", mahnt ihr Enkel und zeigt auf die Harley Jahrgang '78. "Ich möchte dich nicht eines Tages vom Asphalt abkratzen." Reto ist Rettungssanitäter. Einmal im Monat schaut er bei seiner Oma nach dem Rechten, erledigt Garten- und kleinere Handwerksarbeiten. Seit die Arthrose...
  10. Schmeiß die Oma vom Balkon!

    alltag 
    „Wenn du dich entscheiden müsstest: Jessica Alba oder lieber –“ „Wieso muss ich? Gib her!“ „Weil dir sonst der Schwanz abfällt!“ Tommi reichte ihm den Joint. „Weil deine Oma stirbt – such dir was aus.“ „Meine Oma stirbt?“ Max sah beunruhigt aus, zog gierig an der Zigarette. „Nein! Woher soll ich...
  11. Ich darf das!

    „Du musst mir unbedingt beibringen, wie man das mit dem Ersteigern genau macht“, sagte er und während sie nickte, hatte sie seinen Wunsch schon wieder vergessen. Aber er ließ nicht locker, erinnerte immer wieder daran und irgendwann stand er vor ihrem Schreibtisch. „Du wolltest mir das mit dem...
  12. Als mein Vater schön wurde

    Ich erinnere mich an unsere zwei letzten Begegnungen. Nummer eins, ich sitze in der Bahn und spüre seinen Blick in meinem Nacken, ich starre aus dem Fenster und draußen zieht die Nacht vorbei, ich spiegele mich in der Scheibe und sehe: Ihn. Ich steige aus, gehe den Weg entlang, vorbei an den...
  13. Alva

    Die nasse Wäsche wog schwer in Maireads Händen. Ihre Finger, knotig und kalt, krallten sich in das Geflecht des Korbes. Rauch lag in der Luft, sie beeilte sich ins Dorf zurückzukommen. Die letzte Anhöhe hinauf fiel ihr das Atmen schwer, der Rauch kratzte in ihrer Kehle. Jeder Schritt schien ihr...
  14. Schneewittchen

    Hildegard saß am Fenster, wie sie es fast immer tat. Ihr Blick ging durch den Garten und verweilte bei den Apfelbäumen, die jetzt schon viele Blätter verloren hatten. An den Ligusterhecken vorbei spazierte er dann in den Park und die Pappelallee mit den gold-gelb gefärbten Blättern entlang. Ihr...
  15. Depression - oder einfach Horst?

    „Sie sind depressiv.“ sagt meine Ärztin. Und während ihre in so ruhigem, gelassenem Tonfall dargebrachten Argumente, die ihre Einschätzung stützen, noch verklingen, reagiert mein so lapidar umrissenes Hirn empört, mit Unverständnis und ich entsprechend mit gereizt hochgezogenen Augenbrauen...
  16. Aasfresser

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    Bei Frechen führte die Strecke über einen Hügel und die Autobahn sah aus wie ein rot-weißes Leuchtband. Das aufgepeitschte Moderatorenduo im Radio kündigte den nächsten Popsong an, als wollten sie mir meine Müdigkeit unter die Nase reiben. Ich musste gähnen, was Günther sofort amüsiert...
  17. Remembrance

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    Jean Paul schrieb einst, Erinnerungen seien das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können – aber manchmal irrt sich auch ein Schriftsteller. Diese Erkenntnis kam Rémy bei einem Besuch seiner Oma Celia. Er fuhr morgens mit seinem Firmenwagen aus Rheinbach nach Auw bei Prüm. Er...
  18. Feuerlöscher

    „Müssen wir da hin?“, fragt Jonathan. „Müssen wir!“, sagt meine Frau zu unserem Sohn. „Oma Hilde wird 85.“ „Das ist aber ganz schön alt“, sagt meine Tochter. Sie hat einen Schuh verkehrtherum angezogen und streift ihn wieder ab. Ich schleppe die Koffer zum Auto und befestige den Kindersitz auf...
  19. Alleine zu zweit

    alltag 
    „Erinnerst du dich noch an all die Abende? Wir haben Chopin gehört, schwenkten im Wohnzimmer. Ich erinnere mich an den Geruch deiner Haare, an die Wärme deiner Wangen und wie ich mich fühlte.“ „…“ Er packte den Korb: zwei Teller, zweimal Besteck, zwei Gläser und einen Wein. Über zehn Jahre...
  20. Es darf nicht wieder sein wie vor einem Jahr

    „Dirk, was ist mit dir?“ fragt Steffen in einem ruhigen Moment. Dirk wirkt gedankenverloren. Sein Blick liegt auf seinem Sohn, der am Rand einer Gruppe Kameraden in der Fahrzeughalle steht. Seine Augen scheinen in die Ferne zu blicken, als wären sie an einem Ort, den niemand sonst betreten...

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