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Meine Ess(bare Freundin)
Weil meine Freundin aus Schokolade besteht, können wir nicht nach Italien fahren. Sie würde schmelzen. Behauptet sie.
Den Sommer 2006 hat sie vor dem Kühlschrank verbracht, ich weiß das noch, weil sie beim Polenspiel eingeschlafen ist, mit dem Kopf im Obstfach, ich musste sie dann rausziehen - ihre Nougatschultern waren schon ganz spröde. Und dabei hab ich sie nur zufällig entdeckt. Weil Fußball ohne Bier, also da bin ich Traditionalist.
Es ist nicht immer leicht mit ihr, aber es hat auch Vorteile. Ihre Fingernägel sind Mandeln, da reißt nichts ein. Vor Orangenhaut im Alter fürchte ich mich auch nicht bei ihr. Gut, der Sex ist schwierig, sicher, aber wenn sie mal eine Erkältung hat, dann niest sie kleine Pfefferminz-Schokostückchen raus. Natürlich ein wenig eklig, aber köstlich, wirklich köstlich.
Freilich, sie sieht das nicht gerne, ich muss das hinter ihrem Rücken machen, aber wenn sie grad nicht hinsieht, dann schlürfe ich die kleinen After-Eight-Babies kurz vom Regal, oder von der Fensterscheibe oder von wo auch immer sie sie hingeniest hat. Es ist jedes Mal der Höhepunkt des ganzen Monats - ich bete heimlich für Erkältungen, wenn ein Kollege die Grippe hat, werde ich sein bester Freund.
Mein Versuch, sie zu überreden, doch das Spülen nach Klogängen zu unterlassen, nun … der hatte keine sehr positive Resonanz. Ich glaube die Worte „perverses Schwein“ fielen und eine Tür flog. Sie kann manchmal schon sehr energisch sein. Ob sie dann nach Chili schmeckt?
Ihre Augen sind Trüffel, ihre Haare Karamell, die Sommersprossen auf ihrer Nase sind Krokantsplitter und ich glaube, hm, nein, ich bin mir fast sicher, sie schwitzt Marzipan. Manchmal sitzen wir am Frühstückstisch und ich rühre in meinem Müsli und will ihr sagen: „Schatz, halte doch mal deinen Finger hier rein, mir ist nach etwas Schoko-Milch.“ Manchmal, wenn sie auf dem Sofa eingeschlafen ist, da will ich meinen Kopf tief in ihr Karamell-Haar vergraben, im Duft schwelgen, einen Mund voll nehmen und ihre Mandel-Fingernägel zum Nachtisch.
Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man gar nicht mehr aufhören. Man denkt immer weiter. Man überlegt sich, wie sie wohl zu Fleisch schmeckt. Das ist ja der neuste Trend: Fleisch und Schokolade. Und ehe man es sich versieht, sitzt man über einem Jägerschnitzel und spielt mit dem Gedanken, seine Freundin zu fragen, ob sie denn mal das Salz rüberreichen könne, mit ihren schokobraunen Armen.
Es geht nicht, es macht mich wahnsinnig, ich kann auch mit keinem darüber reden. Niemand versteht mich. Wenn ich zu Nick gehe, meinem besten Freund, und ihm erzähle, was mit mir los ist, dann sagt er: „Jetzt ist bald Weihnachten, hast du keine Angst, dass sie dich mit einem Schokoweihnachtsmann betrügt? Und was ist mit Ostern? Sodomie? So ein Schoko-Rammler.“ Dann lacht er und ich natürlich mit, aber leise.
Und wenn ich Fremden davon erzähle, denken sie, es wäre eine Metapher. Oder eine Allegorie. Oder solch eine Sache.
Vor zwei Tagen ist es dann passiert. Es war ein Dienstag, da schlafen wir immer miteinander. Ich lag auf ihr und Eiswürfel unter ihr. Sie schmilzt sonst. Behauptet sie. Mit ihr zu schlafen ist so, als würde man durch ein Düfte-Paradies wandern. Sie riecht nussig und schokoladig, manchmal bilde ich mir auch ein, Straciatella zu riechen und Minze, Karamell und Vanille, obwohl Vanille natürlich gar keine Schokolade ist. Vor zwei Tagen war es besonders stark, ich lag auf ihr und stellte mir vor, mein kleiner Freund wäre ein Duplo, die längste Praline der Welt. Und … ich weiß auch nicht, irgendwas war ganz anders. Sie war wild, ihre Trüffel leuchteten, sie schwitzte und stöhnte, streckte mir ihre mit Smarties überzogene Zunge entgegen und leckte in meinem Gesicht umher, dann biss sie mir mit ihren diamantscharfen Toblerone-Zähnen in die Schulter und … ich biss zurück.
Ein mundgroßes Stück Nougat aus ihrer Schulter heraus. Sie schrie, stieß mich von sich und ich, noch Nougat im Mund, lag neben ihr und wollte grade kauen, meine Zunge liebkost von ihr, mein ganzer Mund voll mit ihr, grade wollte ich meine Zähne ins Nougat vergraben, kauen und schlucken, schlucken und kauen, da knirschten die Eiswürfel und sie gab mir eine Ohrfeige, so heftig, dass all die schönen Nougatstückchen aus meinem Mund hinaus durch die Luft segelten. Danach warf sie mich aus der Wohnung.
Ich kaufte Nougat, das edle Zeug, direkt aus Belgien, ein halbes Vermögen hab ich dafür bezahlt und als ich zurückkehrte, da war die Tür weit offen und sie saß in der Küche, mit entblößter Schulter. Ich küsste sie in den Nacken und sie sagte: „Früher oder später musste das passieren.“
„Ja“, sagte ich, und machte mich daran, das Nougat im Wasserbad zu erhitzen. „Aus Belgien“, sagte ich.
„Hm“, machte sie.
Als das Nougat flüssig war und begann, Bläschen zu werfen, nahm ich einen Kochlöffel, tauchte ihn hinein, bis er glasiert war, und strich die Spachtelmasse auf die Schulter meiner Freundin.
Sie stöhnte leise auf und sagte: „Ich liebe dich.“
Sie ist dann früh ins Bett gegangen, mit ihrer neuen Schulter, und auf dem Küchentisch sah ich schwarzbraune Tröpfchen glitzern. Ich tunkte einen Finger hinein und leckte ihn ab. Es war Schokolade, nein, Schokolade nicht, die Essenz der Schokolade. Pure Schokolade.
Tränen.
Das war ja das erste Mal, dass ich sie richtig aß.
Meine Geschmacksknospen explodierten, mir wurde schwindlig, alles drehte sich, ich musste mich am Tisch festhalten, denn ich zitterte am ganzen Körper. Ich leckte über meine Lippen, sah über die Schulter in Richtung Schlafzimmer und, ich kann es nicht verhehlen, ein Lächeln glitt über mein Gesicht, als ich die Heizung hochdrehte.