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Manchmal ....
Warum hörte Gott sie nicht? Wenn auch die Sorgen der Welt weit größere waren, so waren ihre Sorgen doch gleichsam ihre Welt. Manchmal schien es, als hätte er Einsehen, nahm ihr die Angst und ihre Mutlosigkeit. Dann wurde sie stark wie ein unbesiegbares Fabelwesen, kämpfte um alles und jedes, stellte sich jeder Übermacht gegenüber und war nicht zu schlagen. Zorn und Wut und ein unbezwingbarer Wille trieben sie, bis sie glaubte, allein alles schaffen zu können.
Da lief sie zielstrebig durch den Alltag, weit ausschreitend und empfand so viel Lebensfreude, dass es ihr manchmal den Atem nahm in ihrer Gier nach Leben. In diesen Momenten hatte sie das Gefühl, dass ihr die Freiheit, die Unabhängigkeit des Denkens, das Spüren der eigenen Sinne und die Sehnsucht wie ein frischer Wind durch das Haar streiften. Und es fühlte sich so gut an.
Diese Energie war verlockend und zog schwache Menschen an, die gerne davon haben wollten. Sie wurde gebraucht. Das tat ihr gut. Sie fühlte sich geliebt, sammelte all ihre Stärke, um soviel von dieser Liebe und dieser Energie zu geben, wie ihr möglich war. Und man nahm.
Irgendwann zeigte sie dann auf sich selbst, ihre Wünsche, ihre Bedürfnisse. Sie bat wahrzunehmen was ihr wichtig war, wo ihre Schwerpunkte lagen. Ihre Wahrheiten zu achten und zu respektieren.
Aber das war dann so mühsam für die Anderen. Sie wollten doch bekommen. Von Geben war zwar die Rede gewesen. Aber irgendwie hatten sie es so nicht gemeint. Sie war doch gerade deshalb immer so angenehm, weil sie nichts für sich begehrte. Jene, die so gerne genommen hatten, sagten ihr plötzlich, wie egoistisch sie sei, mit ihrem „alles haben wollen vom Leben“. Sie begriff nicht was sie meinten. Sie wollte doch nichts Unmögliches. Sie wollte doch nur Liebe spüren wie sie sie verstand.
Und sie zog sich zurück, ging auf Distanz und verschloss sich. Lebte in einer inneren Höhle. Ein selbst errichtetes Gefängnis, das sie ihren Freiraum nannte. Dort fand sie die Liebe die sie brauchte zwar auch nicht, aber es gab dort keinen Streit, keine Missachtung ihrer Gefühle. Sie suchte das Alleinsein, versteckte sich hinter Zynismus. Aber man ließ nicht zu, dass sie zurückbehielt woran man doch schon gewohnt war. Man forderte es ein. Und irgendwann lehnte sie ab, es zu geben. Kämpfte sie vorher für andere, kämpfte sie nun um ihre Autonomie. Sie stürzte nach vorn und schlug mit der Hand auf den Tisch. „Warum wollt ihr mein Fühlen, mein Denken nicht als gleichwertig anerkennen?"
Das hielten manche nicht aus. Glaubten sie wolle ihnen ihre Überzeugungen aufzwingen. Sie gingen fort von ihr, verstanden sie nicht und machten sich nicht die Mühe es verstehen zu lernen. Fühlten sich in ihrer eigenen kleinen Welt bedroht durch ihre Eigenart des Hinterfragens. Andere stellten sich diesem vermeintlichen Kampf um Macht. Ein Kampf den sie nie gesucht aber immer wieder vorgefunden hatte. Sie zwangen sie in die Arena, jahrelang.
So oder so konnte sie nur verlieren. Und sie verlor. Wie ein sterbender Mensch zog sie sich in sich selbst zurück. Sie wehrte sich, wieder und wieder aufzustehen und sich aufzubäumen um das Spiel der Stärke von Neuem heraufzubeschwören. Doch klein und sterbend wollte sie auch nicht bleiben. Was also tun?
Sie wischte die Tränen ab. Sie hatte die, irgendwo am Weg verlorene, Maske des ewig verständnisvollen und unerschütterlichen Lachens wieder aufgehoben. Sie wog schwer in ihrer Hand. Sie legte sie nicht mehr an. Wenn sie jemand berührte, irgendwann, sollte es wenigstens ihr wahres Gesicht sein, welchem die Berührung galt. Die Maske hatte sie ohnehin viel zu lange getragen. Sie wurde von ihrem Gewicht letztlich sogar nach unten gezogen. Bewusst achtlos warf sie dieses Requisit ihrer Vergangenheit in den Staub und ging einfach los. Ohne ihren Weg zu kennen. Und manchmal fühlte es sich wieder richtig gut an, unterwegs zu sein.