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Zuerst zerbrichst du eine Fensterscheibe
„Mit 14 habe ich Marx vergöttert.“ sagt Julian, ehe er, den Kopf etwas schief legend, eine Zigarette in seiner hohlen Hand anzündet.
Julian, der seinen Namen, wenn er sich Leuten vorstellt, immer englisch ausspricht, in der Hoffnung, dass sie es übernehmen würden. Dschulien.
Während er redet, zünde ich mir auch eine Zigarette an, und versuche, sein Gerede an den äußersten Rand meiner Wahrnehmung zu drängen, ungefähr dorthin, wo der Blick immer den Nasenrücken streift, ohne das man es bemerkt.
Unglaublich, wieviel Aufmerksamkeit ich in diesem Moment auf die Zigarette richten kann.
Er fragt mich, ob ich in letzter Zeit etwas gelesen hätte. Irgendwas von Ché Guevara, antworte ich geistesabwesend. Er beginnt, mich über meine Ansichten zu Ché auszufragen.
Julian ist etwa so groß wie ich, und etwas schmaler. Zehn Kilo weniger, schätze ich, und damit knappes Untergewicht. Er sieht trotz der vergangenen Nacht wacher und frischer aus als ich es jemals in den letzten Jahren getan haben dürfte.
„Ich meine, würdest du Ché als Helden bezeichnen?“, fragt er.
Mein Handy vibriert. Dass ich es merke, verrät, wie sehr meine Sinne eine Flucht aus dieser Situation herbeisehnen. Normalerweise höre ich es nicht einmal klingeln. Knallrot und mit einem bunten Schweif schießt der Gedanke durch meinen Kopf, es aus der Tasche zu nehmen. Aber ich weiß, wer anruft, und will nicht drangehen.
„Dein Handy.“, sagt Julian. Freak.
„Ich weiß“, antworte ich. „Ist nicht wichtig.“
„Das meint sie also.“
„Hm?“
„Katja. Sie bezeichnete dich als einen Easy-Living-Menschen.“
Katja. Sie ist der Grund. Der Grund dafür, dass ich mit Julian an diesem Bahnhof sitze. Der Grund dafür, dass ich nicht an mein Handy gehe.
„Hm.“
Meine Hände zittern. Julians nicht.
„Darf ich fragen, wo sie dich her hat?“
„Katja?“
„Ja.“
Ich überlege, ob er die Frage so harmlos meint, wie es klingt. Sofern ich es richtig verstanden habe, lief zwischen den beiden mal etwas, aber ich habe keine Ahnung was und wielange es her ist. Wenn es denn vorbei ist.
„Schule“, meine ich. „Die Raucherecke ist klein.“
„Sie hält viel von dir.“
Er weiß, dass ich verstehe, was er nicht ausspricht. Da mir nichts schlagfertiges einfällt, belasse ich es dabei.
In diesem Moment kommt Katja die Treppe zum Gleis hoch, einen braunen Pappbecher in der rechten Hand. Ich liebe sie, aber in diesem Moment hasse ich sie dafür, nicht nur zur Toilette gegangen zu sein.
„Hat Flo sich gemeldet?“ fragt Julian sie.
„Nein“, antwortet sie kopfschüttelnd, „und ich denke auch nicht, dass er es noch tun wird.“
„Das ist schlecht. Weißt du was?“ fragt er mich.
Ich bin raus aus dieser Sache. Mehr oder weniger. Aber da ich schon den Anruf gerade ignoriert habe, wohl eher weniger.
„Schon. Aber hab’ kein Geld auf dem Handy.“
Mit dem süffisanten Lächeln des Besserverdienerkindes, das er nicht sein will, reicht Julian mir seins. Ich krame meins aus der Tasche und suche die Nummer raus.
„Zum Wählen auf grün oder was?“
Zumindest möchte er nicht als das Kind reicher Eltern behandelt werden. Mit dem Geld hat er kein Problem. Marx zitieren und eine Nadelstreifenhose tragen. Dschulien.
Ich telefoniere nichtmal eine Minute. Nach den zwei Fragen, die ich habe, fällt mir spontan nicht intelligentes ein, womit ich das Geld von Julians Eltern verquatschen könnte.
„Okay“, sag ich, als ich ihm das Handy zurückgebe, „wir fahren zu mir, holen das Auto, fahren bei der Bank vorbei und dann zu ’nem Kumpel.“
„Versteh das nicht als undankbar“, setzt Julian an, als ich ihm sein Handy zurückgebe, „aber wie gut kennst du den? Ich meine, nicht nur wegen des Geldes, ich mache mir bloß Gedanken wegen…“
„Passt schon.“ Poser. Als würd der sich nicht auch Katzenstreu in den Kopf jagen.
Eine Durchsage kündigt an, dass unsere Bahn sich verspätet. Synchron zünden wir uns Zigaretten an.
Ich werfe einen Blick zu Katja, den sie nicht bemerkt. Sie ist hübsch. Nicht bloß, weil ich auf kaputte Mädchen in schwarzen Klamotten stehe – sie ist wirklich hübsch. Nicht wirklich eine Katja. Katjas haben lange braune Haare, machen eine Ausbildung als Kauffrau XY. Sie sind nicht gepierct, höchstens Nase oder Bauchnabel, trinken nur an Karneval und hören Jack Johnson. Diese Katja weiß nicht, wer Jack Johnson ist, und hat acht Piercings, von denen man drei sieht, wenn sie angezogen ist. Vier im Bikini.
Sie redet mit Julian über irgendwelche Leute, die ich nicht kenne. Irgendein Pärchen.
Als der Zug einfährt, und Julian vor uns einsteigt, lächelt sie mich an. Wenn sie lächelt, möchte ich ihr alles erzählen. Aber ich glaube, dass sie dann nicht mehr lächeln würde, und halte meinen Mund.
Als wir im Auto sitzen, und Mars Volta läuft, fühle ich mich zum ersten Mal an diesem Tag entspannt. Julian sitzt neben mir und hat die Augen geschlossen. Schätze, er ist müde, denn sein Ego verbietet ihm, meine Musik zu mögen. Katja liegt auf der Rückbank. Als ich an der Bank einparke, schlafen beide.
Ich hole Geld, setze mich auf die Motorhaube und rauche in Ruhe. Ich bezweifle, dass es in den nächsten Stunden viel Gelegenheit dazu geben wird, etwas in dieser Art von Ruhe zu tun. Es ist ein ruhiger Feiertagsmorgen, niemand ist auf der Straße. Irgendwann will ich mal an einen Ort kommen, an dem ich mich in jede Richtung umsehen kann, ohne irgendein Zeichen von Zivilisation zu sehen. Keine Straßen, keine weit entfernten Lichter einer Stadt, meinetwegen kilometerweit brach liegendes Land. Keine Ahnung, ob es so einen Ort noch gibt.
Ich setze mich wieder ins Auto und fahre zu Tim. Da sie noch immer schlafen, als wir ankommen, gehe ich alleine zur Haustür. Er öffnet nach dem siebten Klingeln und sieht scheiße aus. Ich wahrscheinlich auch. Dass ich ihn geweckt habe, muss er mir nicht sagen.
Seine Wohnung riecht verqualmt. Ein Stapel aus Pizzakartons im Flur reicht mir bis zur Hüfte.
„Gute Party?“
„Geht so. Annika ist angepisst.“
Tim und Annika wohnen jetzt ein halbes Jahr zusammen. Vorher haben sie bei ihren Eltern gewohnt. Ich vergesse ständig, wie alt Tim ist, weiß nur, dass seine Ma ihn mit 16 rausgeschmissen hat.
„Was brauchst du?“
Ich habe keine Ahnung.
„Was zum Wachwerden und irgendwas flashiges.“, meine ich. Tim kramt in einer Einkaufstüte.
„Und wieviel?“
Ich lege das Geld auf den Tisch. Er nickt und sucht mir was zusammen.
Das Schloss der Schlafzimmertür knackt und Annika kommt heraus. Ihre Haare sind wüst und strähnig, die Augen verheult, aber sie grinst, als sie mich sieht.
„Morgen.“, grinse ich zurück. Sie lässt sich neben Tim fallen und lehnt sich an seine Schulter.
Meine Freunde. Jedenfalls waren wir mal Freunde. Inzwischen scheinen wir alle nur noch Bekannte zu sein. Alte Bekannte. In letzter Zeit ist so einiges schiefgelaufen. Wir können nicht ewig diese kaputte Schiene weiterfahren, aber wir versuchen es. Von der Party wusste ich. Angerufen hat mich keiner. Aber ich wäre auch nicht hingegangen.
„Was geht heute?“
„Erstmal klarkommen. Gravel spielen heute.“
„Stimmt“, erinnere ich mich. „Irgendwann zum See?“ frage ich im Aufstehen.
„Nach dem Konzert?“
„Okay.“
Ich setze mich wieder ins Auto zu den Schlafenden. Gucke in Tims Wundertüte. Fahre los. Zweimal komme ich auf dem Heimweg von der Straße ab, weil mir die Augen zufallen. Ich überlege, nicht auf die beiden zu warten, aber es gibt nicht wirklich einen Grund, den Tag nicht zu verschlafen, also hoffe ich, dass der zweite Adrenalinkick für den Rest des Weges reicht.
Beim Ankommen wird Katja wach. Sie lächelt verschlafen. Wieder dieses Lächeln.
„Morgen.“
„Morgen.“
Es ist das erste Mal seit Tagen, dass wir praktisch allein sind. Ohne Julian zu wecken, steigen wir aus.
„Du siehst kein bisschen erholt aus.“
„Du siehst kaputt aus.“
So wie sie kaputt sagt, meint sie nicht erschöpft. Sie meint kaputt wie ein zerbrochenes Fenster.
„Was machen wir jetzt?“
„Schlafen?“
Wieder dieses Lächeln. Ich bin unglaublich verliebt, totmüde und habe das schlechteste Gewissen meines Lebens. Was soll ich mit diesem Lächeln anfangen?
„Nicht besonders einfallsreich. Sogar ziemlich naheliegend. Und Julian?“
„Achja…“ sagt sie. Keine Ahnung, ob ich ihr das abnehmen soll. „Schlimmstenfalls weckt er uns.“
Ich nicke, und wir gehen rein. Als wäre sie jeden Tag hier, wirft sie ihre Sachen in irgendeine Ecke und legt sich ins Bett. Ich stehe im so deplatziert im Raum herum, wie es nur geht.
„Was ist?“
Überlege ich gerade wirklich, auf der Couch zu schlafen?
„Stell dich nicht an. Wir schlafen sowieso in zwei Minuten.“
Sie hat recht.
Als ich wach werde, fühlt es sich an, als hätte ich einen toten Hamster im Mund. Meine Augenlider sind verklebt.
Es dauert einen Moment, ehe ich realisiere, dass sie nicht da ist. Ihre Klamotten liegen nicht mehr in der Ecke.
Mein rechter Knöchel knackt bei jedem Schritt, als ich zuerst ins Bad und dann in die Küche gehe. Als ich wieder in mein Zimmer komme, sehe ich den Zettel auf der Tastatur vor dem Rechner liegen.
‚Julian wollte nachhause. Ruf an wegen heute Abend.’
Ich hätte ja wenigstens meinen Namen druntergeschrieben.
Es ist kurz nach vier. Früh genug, noch ein paar Leute wegen des Gigs heute Abend anzurufen.
Mit der Gewissheit, dass noch mehr von denen, die mal meine Freunde waren, auftauchen werden, fange ich irgendwann an, mich fertig zu machen. Nach dem Duschen stelle ich fest, dass der Spiegel mich hasst.
Mit 14 habe ich angefangen, meine Haare lang wachsen zu lassen. Mit 15 sah das ziemlich gut aus. Mein Bartwuchs war gepflegt, und ich hatte diese rebellische, unangepasste Ausstrahlung, die auf Mädchen in diesem Alter unheimlich gut wirkt. Selbst in der Zeit danach, in der Mädchen irgendwie blechgeil werden, und sich einen älteren Freund mit Auto suchen, hatte ich meistens sowas wie eine Freundin, die auch gar nicht so verkehrt war.
Jetzt bin ich 19. Selbst wenn ich ausgeschlafen bin, habe ich mehrfarbig kaskadierende Augenringe. Meine Hände zittern, so wie die von Junkies und Alkoholikern in Filmen es tun. Mein Blick sieht tot aus und lässt mein Gesicht wie die gleichgültige Maske eines sterbenden Menschen wirken.
Ich höre mein Telefon klingeln. Mein Knöchel knackt wieder, als ich in mein Zimmer gehe, und ich hebe tatsächlich den Hörer ab.
„Ja?“
„Hey…“
Sie ist es.
„Hey.“
Nach diesen drei beschissenen Zeilen ist das Gespräch am Punkt des peinlichen Schweigens angekommen.
„Du…ich wollte nur anrufen, um zu fragen, ob du heute vielleicht Zeit hast. Ich will mit dir reden.“
„Hm heute ist schlecht.“
„Das sagst du immer.“
„Ja.“
Dieses ‚ja’ kam viel zu schnell und klang nicht ansatzweise so reuevoll, wie sie es sich gewünscht hätte.
„Ich will aber nicht am Telefon mit dir reden.“
„Dann lass es.“
Sie meinte mal, dass es ihr den Hals zuschnürt, wenn ich mich so aufführe. Dass es ihr körperlich weh tut, sowas zu hören.
„Du solltest dir mal was neues einfallen lassen, die Tour kenn ich schon.“
„Oh, ich arbeite an einer neuen Nummer. Die wird großartig.“
„Siehst du, genau aus dem Grund will ich nicht am Telefon mit dir reden. Also, ist es heute wirklich schlecht, oder soll ich mal wieder aus deinem Leben verschwinden?“
Der Gedanke, dass ich sie zu jemandem gemacht habe, der so reagiert, schießt durch meinen Kopf.
„Letzteres, denke ich. Aber wenn ich mir sicher wäre, hätte ich dir das schon von selbst gesagt.“
„Was machst du denn heute?“
„Wenn ich es dir nicht sage, rufst du dann Tim oder so an, und tauchst trotzdem da auf?“
„Kommt drauf an, warum ich das nicht tun sollte.“
„Okay. Ich geh zu Gravel. Mach was du willst, aber ich werde weder irgendein klärendes Gespräch mit dir führen, noch mir ’ne Szene machen lassen.“
„Warum tust du das?“
Ich lege auf.
Ich weiß, dass sie in ein paar Minuten wieder anrufen wird. Sie weiß, dass ich nicht dran gehen werde. Später wird sie es dann nochmal versuchen.
Ich überlege, ob ich Katja noch anrufen soll, aber ich befürchte, dass ich mich nicht sonderlich freuen werde, wenn ich höre, dass sie irgendwo mit Julian ist. Stattdessen nehme ich den Rucksack mit Tims Beutel und gucke nach, ob sie wenigstens das Auto abgeschlossen haben, als sie abgehauen sind.
Weil ich nichts besseres zu tun habe, gehe ich rüber zu Steffen. Steffen ist etwas jünger als ich und ein ziemlich seltsamer Mensch. Er redet wenig, und ich glaube ich bin nicht der einzige, der zwar recht viel Zeit mit ihm verbringt, ihn aber irgendwie doch kaum kennt. Vielleicht liegt es aber auch genau daran, dass man mit ihm sehr zwanglos umgehen kann. Und weil er nie Geld hat, ist er immer nett zu dir, solange du ihm Akohol oder Drogen gibst.
Die Überraschung, mit der er mich ansieht, lässt mich erahnen, wer ihn gerade angerufen hat, um zu fragen, ob er zu Gravel geht. Da er aber nichts dazu sagt, schneide ich das Thema auch nicht an, sondern baue.
„Gehst du nachher mit zu Gravel?“ frage ich, und mein Handy klingelt. Anrufe, als wäre ich der beschissene Manager der Chaos GmbH & Co. KG.
„Ja?“
„Die Idee, dich durch sowas einfaches wie einen Zettel dazu zu bringen, deine gleichgültige Attitüde zu ändern, war schon lachhaft, oder?“
Ich grinse so breit, dass man es beim Sprechen hört.
„Hallo Schatz. Gerade wollte ich dich anrufen.“
„Klar. Wo ist das Konzert?“
„Können uns am Bahnhof treffen.“
„Klingt gut. Zehn vor Acht oder Zehn vor Neun?“
„Gegen Neun reicht.“
„Okay. Bis später.“
„Ciao.“
Spätestens beim Tonfall meines ‚Ciao’ hat Steffen mitbekommen, was Sache ist. Was er davon hält, weiß ich nicht.
„Und?“
„Klar, ich komm mit.“
Wir vergammeln den Rest des Nachmittags. Hören Musik. Gehen Bier holen. Hören mehr Musik. Irgendwann fragt er, ob sie auch kommt.
„Weißt du besser als ich, hm?“
Er nickt. Dass er so vertrauensselig fragt, täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass er sie sofort mit nachhause nehmen würde, wenn sie auch nur die geringsten Anstalten dazu macht. Warum mich das nichtmal aufregt, weiß ich nicht.
Weil er sich noch fertigmachen muss, gehe ich allein zum Bahnhof. Ich überlege, zu laufen, da ich mal wieder zu spät dran bin, und lasse es sein. Wenn du cool bist, warten Menschen auf dich. Wo habe ich das nochmal gehört?
Katja hat natürlich Julian dabei. Als er mich sieht, grinst er, als hätte er sie heute nicht nur einmal flachgelegt.
„Hey.“
Sie sieht perfekt aus. Ich hätte mitbekommen sollen, wie sie heute aufgestanden ist, bloß um zu wissen, wie sie aussieht, wenn sie total verpennt aus dem Bett kippt. Wahrscheinlich noch viel besser.
Die beiden sagen, dass sie noch nicht zum Essen gekommen wären, und wir gehen an der nächstbesten Dönerbude vorbei. Sie bestellt Pommes, er einen Döner. Scheinbar hat sie ihm gesagt, dass ich Vegetarier bin, denn er spricht mich darauf an.
„War ich auch mal. Aber das ist ausgesprochen ungesund. Der Mensch ist als Fleischfresser konzipiert, und die Natur sieht es vor, dass er Tiere tötet, um sich zu ernähren.“
Wie ich seine pseudowissenschaftlichen Exkurse hasse.
„Das Klischee schreibt vor, dass ich dir einen Vortrag halten sollte.“
„Ja, und ich bin erstaunt, dass du es nicht tust.“
Obwohl unsere Zickereien Katja ziemlich nerven müssen, lässt sie sich nichts anmerken. Ob sie nach dem Gig schon was vor hat, frage ich.
„Nee. Hast du eine Idee?“
„See, wenn nix besseres geht.“
Wir kommen noch während des Soundchecks an. Es ist voller als sonst, viele Gesichter, die ich nicht kenne. Sieht aus, als fände eine Gruftie-Kaffeefahrt für Minderjährige statt. Ich begrüße Tim und Annika, und lasse Katja und Julian bei ihnen, um der Band meine Aufwartung zu machen. Steffen steht schon bei ihnen rum, und bequatscht ihren Sänger, ihm ein Bier zu geben.
„Cool, dass du da bist.“
„Das sagt ihr immer, und ich bin immer da.“
Ihr Drummer, Olli, grinst.
„Wer sind diese ganzen Leute? Nicht, dass es mich stört, aber die anderen beiden bekommen Lampenfieber.“
Als ich mich umdrehe, um noch mehr Small Talk mit den üblichen Verdächtigen zu machen, kommt sie rein. Sie sieht gut aus. Ein bisschen erledigt, aber offenherzig genug, um sich heute über mich hinwegzutrösten. Ich lasse es drauf ankommen, und ignoriere sie.
Um sie nicht bei unseren gemeinsamen Freunden zu erwischen, stelle ich mich zu Alex und Erik. Die beiden sind ungefähr so alt wie ich und hätten heute spielen sollen, hätte sich Erik nicht die Hand gebrochen. Nachdem wir genug Mist geredet haben, gehen wir auf dem Klo den Einkaufsbeutel testen. Es dauert ein paar Minuten, aber dann geht es mir gut.
Gravel spielen schon, und vor der Bühne fliegen Kinder herum. Der Sound ist nicht gut, aber laut, und ich stelle mich zufrieden zu Katja. Sie lächelt, und diesmal bekomme ich es hin, zurückzulächeln.
„Lächelst du wegen mir, oder weil du mir nichts abgegeben hast?“ schreit sie mir ins Ohr.
„Beides“, antworte ich zu leise, aber sie versteht. Ich drücke ihr etwas in die Finger, und sie spült es mit ihrer Cola runter.
Später, als wir am See sitzen, muss ich an einen Film denken, den ich als Kind mal gesehen habe. Es ging um eine Clique von Jugendlichen, die immer zusammen Baseball spielten. Gegen Ende erzählte der mittlerweile erwachsene Hauptcharakter davon, wie nach und nach alle weggezogen sind, und man sah dazu ihr Spielfeld, das sich langsam leerte. Dann sagte die Stimme aus dem Off sowas wie, dass sie immer so weitergespielt hätten, als ob noch alle da wären.
Jetzt, hier am See, ist es so ähnlich, aber doch ganz anders. Wir sitzen so herum, wie wir es seit Jahren immer wieder tun. Mit ein paar von den Leuten hier habe ich in der fünften Klasse auf dem Schulhof Fußball gespielt. Es sind die Leute, mit denen ich angefangen habe, mich auf Parties zu betrinken. Leute, die mich noch mit kurzen Haaren kennengelernt haben.
Mittlerweile kennen wir uns alle nicht mehr wirklich. Wir haben die größte Scheiße miteinander durchgemacht, und trotzdem scheint das nichts zu bedeuten.
Ich weiß noch, wie wir, als Annikas Dad einen Herzinfarkt hatte, tagelang bei ihr waren. Er lag vier Tage im Krankenhaus, ehe er gestorben ist.
Ob uns das heute nochmal so kümmern würde wie damals, weiß ich nicht. Obwohl wir alle mehr oder weniger ständig miteinander rumgehangen haben, haben wir uns auseinander entwickelt. Jeder hat ein eigenes Leben, und scheinbar hat auch jeder es, so gut er es auf die Reihe bekommen hat, dabei irgendwie übersehen, sich neue Freunde zu suchen. Deswegen sitzen wir hier immer noch mit denselben Leuten – wir haben keine anderen.
Ich gucke mich um. Steffen liegt neben mir im Sand und schaut ins Nichts. Olli und Annika quatschen aufeinander ein. Alex und Erik sitzen daneben und Alex spielt Gitarre. Tim, Julian und Katja sitzen am Seeufer. Der Rest hat sich um ein Lagerfeuer herum drapiert. Sie ist auch dabei. Wenn Steffen jetzt aufsteht, oder ich aufstehe und nicht schnell genug neben jemand anderem lande, wird sie mich abfangen und mit dem ganzen Mist anfangen, auf den ich seit einiger Zeit keinen Nerv mehr habe. Noch hat sie sich nämlich nicht ganz plakativ an jemand anderen rangeschmissen.
Als ich gerade die Einkaufstüte aus meinem Rucksack kramen will, um eine Bestandsaufnahme zu machen, steht Julian vor mir.
„Wir sollten mal reden.“
Von allen, wir allen Dingen, die hier heute Abend hätten passieren können, wäre mir das zuletzt in den Sinn gekommen. Nicht nur, weil ich auf so eine Aktion absolut keinen Bock habe, sondern weil es einfach wahrscheinlicher gewesen wäre, dass Olli Steffen in den Wald zerrt, ihn dort schwängert und Steffen das Baby acht Monate später verliert und anschließend jeden Dienstag von mir zur Therapie gefahren werden muss.
„Schieß los.“
„Allein.“, meint er, und nickt Richtung Steffen.
„Er versteht unsere Sprache nicht, wir haben ihn bloß dabei, weil er ziemlich sexy ist.“
„Hat dir schonmal jemand gesagt, dass deine Sprüche wirklich einfach nicht cool sind?“
Ich weiß nicht warum, aber ich höre diese Frage dauernd. Menschen scheinen grundsätzlich davon auszugehen, dass ich, wenn ich eine geringschätzige Antwort von mir gebe, total cool rüberkommen möchte. Dass mir durchaus bewusst ist, dass ich, um cooler als Fred Ward in ‚Rückkehr der Raketenwürmer’ zu sein, besser aussehen, mehr Geld machen und/oder Gitarre spielen können müsste, trauen mir die wenigsten zu. Fakt ist, dass mich Julian tatsächlich nur insofern interessiert, als dass er Katjas einzige Schattenseite zu sein scheint.
„Gelegentlich. Sollen wir also lieber einen Mondscheinspaziergang machen?“
Er nickt genervt. In den folgenden Minuten höre ich mir also einen Monolog darüber an, wieso ich die Finger von Katja lassen sollte. Dass sie innerhalb einer Beziehung ganz anders sei, als wenn man sie kennenlernt. Dass sie sehr zerbrechlich sei. Dass sie oft Typen angrabe, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Dass sie untreu sei. Irgendwann, als Julian fertig ist, frage ich ihn, ob er nicht bloß befürchtet, dass mein Schwanz größer sein könnte als seiner, und er seine Fickfreundin verlieren könnte.
„Wenn dir das als Grund lieber ist, meinetwegen. Ich will bloß, dass du die Finger von ihr lässt.“
Ich muss grinsen, als ich daran denke, ihn zu fragen, was er sonst tun wird, denn er ist einer der wenigen Menschen, die mir schonmal keine Schläge androhen können, ohne dass ich sie allein für das Vorhaben auslache.
„Okay“, sage ich, „ist angekommen.“
Als wir zurückkommen, steht sie auf und verschwindet, Steffen an der Hand, in die entgegen gesetzte Richtung.
Ich weiß, dass sie will, dass ich es bemerke.
Sie weiß, dass ich es bemerke.
Ich hasse mich.
Julian sitzt neben Katja. Sie ist ziemlich stoned, aber auf eine niveauvolle Weise. Ich suche meinen Rucksack und setze mich dazu. Es ist unvernünftig, in Momenten emotionaler Extreme zu Drogen zu greifen, aber ich muss auskosten, dass Julian nichts dabei hat und sich nicht die Blöße geben wollen wird, mich zu fragen. Ein erbärmlicher Triumph an einem bereits gänzlich gescheiterten Tag.
Es vergehen Minuten ohne den Hauch einer Unterhaltung, ehe Katja das Schweigen bricht.
„Ich finde, ihr solltet miteinander ficken, diese sexuelle Spannung ist nicht auszuhalten.“
Es ist das erste Mal, dass Julian und ich über dasselbe lachen.
-DoT