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Von Eskimos und Kühlschränken

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05.12.2001
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Von Eskimos und Kühlschränken

Ich fand es immer erstaunlich, wie viele kluge Menschen bei einem Selbstmordversuch scheitern. Da gibt es den Physikprofessor, der sich in die Schläfe schießt und noch zwanzig Jahre mit einem irreparablen Hirnschaden weiter lebt. Oder die junge Schriftstellerin, die sich die Pulsadern vertikal statt horizontal durchtrennt, was sie zwar nicht umbringt, ihr aber für immer jede Bewegung der rechten Hand unmöglich machen wird. Von den Schmerzen einer abgetrennten Sehne mal ganz zu schweigen. Ich habe mir im Laufe meines Lebens eine Menge Dinge vorgenommen und das meiste davon nicht gehalten (ich rauche zum Beispiel immer noch wie ein Schlot), aber für mich stand immer fest, dass ich niemals Selbstmord begehen würde, und wenn, dann ganz sicher auf eine professionelle Art und Weise. Selbstmord erinnerte mich immer an den alten Witz über den Handelsvertreter, der einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen möchte. Das Leben ist im Grunde genommen ein langer und ziemlich nutzloser Kampf gegen den Tod. Warum zum Teufel soll ich ihm mein Leben auf einem Silbertablett servieren, wenn er es sich früher oder später sowieso selbst holen kommt?
Sie fragen jetzt natürlich völlig zu Recht, warum ich dann mit einem Revolver und einem Eimer Wasser in meinem Arbeitszimmer sitze. Nun, ich will es Ihnen verraten. Ich habe vor, den Mund voller Wasser zu nehmen, den Revolver zwischen meine Lippen zu stecken und abzudrücken. Todsichere Alternative könnte man sagen und ich würde Ihnen das morbide Wortspiel auch nicht übel nehmen. Der Druck der abgefeuerten Waffe beschleunigt das Wasser, es weitet sich aus, und – am Schluss eines unglaublich komplizierten physikalischen Zusammenhangs, den ich selbst nicht völlig verstehe – explodiert einem der Schädel. Ziemlich professionell, finden Sie nicht?
Die restliche Zeit, die mir bleibt, würde ich gerne nutzen, um Ihnen zu erzählen, warum ich vorhabe, meinen Schädelinhalt an der Stuckwand zu verteilen, die mich vor acht Jahren ein kleines Vermögen gekostet hat. Keine Angst, ich werde Sie nicht lange aufhalten. Man könnte meinen, dass jemand, der Selbstmord begehen will, alle Zeit der Welt hat, aber ich habe nur noch vier Stunden. Dann wird es dunkel.
Zeit genug für eine Geschichte. Danach werde ich einen Kühlschrank an einen Eskimo verkaufen.

Ich glaube, der ganze Schlamassel begann 1991. Damals beschloss ein Mann namens Saddam Hussein in ein kleines Emirat namens Kuweit einzufallen und ein Großteil der westlichen Welt beschloss, dass man ihn da wieder herausbomben würde, wenn er nicht von selbst ginge. Saddam machte natürlich keine Anstalten sich zu verpissen und wir schickten die Bomber. In einem davon saß ich.
In Filmen sieht man immer, wie der Hauptdarsteller schon als kleiner Junge vom Fliegen träumt. Ich war so ein Junge. Ich liebte das Fliegen. Ich liebte das Dröhnen der Turbinen, ich liebte die Geschwindigkeit beim Start, die einen zurück in den Sitz drückt, und ich liebte es, wenn die Maschine airborne ging; es war ein faszinierendes und eigentümliches Gefühl und es sollte zwei Jahrzehnte dauern, bis ich mir bewusst wurde, worum es sich dabei handelte: Um die instinktive Gewissheit etwas Verbotenes zu tun. Wenn ich flog war ich wieder der Junge, der hinter dem Schuppen heimlich eine Zigarette paffte. Es war aufregend und atemberaubend, aber Angst war immer dabei; Angst, dass Mutter Natur herausfinden würde, dass sich da oben etwas befand, was dort ganz und gar nicht hingehörte.
Als Sohn ein Büroangestellten war es selbst in den aufgeklärten siebziger Jahren ein Ding der Unmöglichkeit, in der zivilen Luftfahrt eine Pilotenkarriere zu beginnen, und aus diesem Grund tat ich das einzig mögliche – ich trat in die Airforce ein. Dort ließ man mich wenigstens fliegen.
Als sie unsere Staffel im Dezember 1990 nach Saudi Arabien verlegten, war das Ultimatum an den Irak noch nicht abgelaufen, aber wir wussten alle, dass es zum Krieg kommen würde. Ich bereitete mich so gut es ging darauf vor, aber als es dann tatsächlich begann, überrollte es mich. Es machte mich fertig. Ich war auf einen Krieg gefasst, aber es fühlte sich an, als würde ich in einer Spielhalle sitzen. Sie erinnern sich bestimmt noch an die Bilder aus Bagdad, in denen grüne Blitze über den Himmel zucken – wenn ja, dann haben Sie mehr gesehen als ich. Ich flog achtundvierzig Einsätze und alles, was ich von dem verdammten Krieg sah, waren kleine blinkende Punkte auf dem Display meiner F-14. Der Krieg machte mich nicht fertig, weil er grausam war, sondern weil er es nicht war, nicht für mich. Bis zu jenem Tag.
Drei Tage bevor der Irak schließlich kapitulierte, saß ich auf dem Stützpunkt und trank eine Coke. Die Stimmung unter den Jungs war gut. Unsere Staffel hatte keinen Piloten verloren und da es außer Frage stand, dass wir das Land notfalls zurück in die Steinzeit bomben würden, warteten wir darauf, dass Saddam die weiße Fahne schwenken und um Entschuldigung bitten würde. Ich bin mir nicht mehr sicher, aber ich glaube, wir spielten Hearts, als unser Flight Officer meinen Namen brüllte.
Wie es aussah, war einer unserer Jungs zu früh runtergekommen und hatte sich dabei das Bein gebrochen. Sein Glück war, dass er keine fünf Meilen neben einem Stützpunkt unserer Pioniere abgeschmiert war. Zehn Meilen weiter südlich und er wäre mitten in eine irakische Kompanie gerasselt und Sie können sich wahrscheinlich vorstellen, was die mit jemandem angestellt hätten, der noch vor zwanzig Minuten ihre Frauen und Kinder bombardiert hatte. Wie dem auch sei, wir hatten zwei Probleme. Erstens den Piloten, der von den Sannis abgeholt werden musste und zweitens die Maschine, die irgendwie auf den Stützpunkt zurückgeflogen werden musste.
„Besteht die Möglichkeit von dort zu starten, Sir?“, fragte ich und mein FO nickte.
„Die Pioniere haben eine provisorische Startbahn ausgehoben“, sagte er. „Könnte ein bisschen holprig werden, aber es sollte klappen.“
Ich dachte an den alten Witz über Pioniere („Soldat, graben Sie mit ihrem Helm ein Loch – wer hat was von absetzen gesagt?“) und nickte ebenfalls.
Ein stiernackiger Corporal fuhr mich schließlich vierzig Meilen in einem Jeep durch die Wüste. Es war heiß und der helle Sand blendete schlimmer als Schnee. Wir hätten stundenlang im Kreis fahren können und ich hätte es nicht bemerkt. Ich glaube, dass wir während der gesamten Fahrt keine fünf Sätze miteinander wechselten, aber ich hatte den Eindruck, dass das für ihn bereits eine ausschweifende Unterhaltung war.
Das Camp der Pioniere bestand im Grunde aus zwei Dutzend Zelten und einer Artillerie-Stellung. Und mein FO hatte recht behalten: Die verrückten Wichser hatten tatsächlich eine provisorische Startbahn ausgehoben. Sie war kurz und uneben, aber eigentlich sollte es funktionieren. Ein junger Seargent begrüßte mich und führte mich zu der F-14.
„Eigentlich sollte der Vogel noch fliegen“, sagte er. „Irgendwer hat anscheinend die Spritmenge falsch berechnet.“
„Dann wird er auch nicht mehr fliegen", sagte ich kopfschüttelnd.
Er grinste. „Wir haben uns die Freiheit genommen, ihn aufzutanken. Der Vogel ist voll wie tausend Russen, könnte man sagen.“
„Wo zum Teufel habt ihr denn Kerosin her?“
Er lächelte und deutete auf das Abzeichen auf seiner Brust.
„Im Buddeln und Besorgen sind wir große Klasse.“
Gegen meinen Willen musste ich lachen. Ich wollte gerade etwas erwidern, als die Hölle losbrach.
Die erste Explosion riss fünfzig Meter entfernt drei Zelte völlig auseinander. Soldaten rannten durcheinander und einige von ihnen hatten das Pech, mitten in die zweite Detonation zu laufen. Sie lösten sich buchstäblich auf. Ich stand einfach nur da und starrte in die grellen Lichtblitze, bis mich der Seargent zu Boden riss und in Richtung Lager zerrte. Dort wo die Bomben einschlugen.
„Sind Sie völlig verrückt geworden?“, brüllte ich durch den Lärm.
Eine dritte Granate schlug genau an der Stelle ein, an der vor einer Sekunde noch das große Kommandozelt gestanden hatte.
Der Sergeant blickte über die Schultern zu der F-14.
„Wo zum Teufel glauben Sie denn, dass die hinschießen, wenn die hier ein Flugzeug herumstehen sehen?“
Wir krochen weiter. Der heiße Sand brannte unter meinen Handflächen. Ich wollte mich übergeben.
Plötzlich herrschte völlige Stille, wie in einem Nachtclub, dem man die Stromzufuhr der Soundanlage abgeschnitten hatte.
Ich hob den Kopf und hörte jemanden rufen:
„Gas!“
An alles, was folgte, kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Soldaten, die panisch nach ihrer Schutzausrüstung suchten, abgerissene Körperteile, Blut.
Ich blieb einfach im Sand liegen und schloss die Augen.
Es schmeckte bitter.
Irgendwann, es könnte fünf Minuten oder eine halbe Stunde gedauert haben, hörte ich eine gedämpfte Stimme, die nichts Menschliches mehr an sich hatte, neben meinem Ohr schreien:
„Bringt sofort eine Schutzmaske her!“
Noch später kam der ABC-Trupp mit Spezialfahrzeugen. Wir wurden aufgeladen und ich bekam eine Spritze. Danach weiß ich gar nichts mehr.

Ich quittierte den Dienst ein Jahr später. Vorher sagten mir die Ärzte, ich wäre ein medizinisches Wunder, aber das war mir scheißegal. Nachdem ich fünf Monate damit zugebracht hatte, Blut zu kotzen, Blut zu pissen und Blut zu schnupfen, wollte ich nur noch raus. Man riet mir dringend, das Rauchen aufzugeben, aber obwohl es noch heute an schlimmen Tagen höllisch in der Lunge brennt, hörte ich nicht auf. Bevor ich gehen durfte, musste ich eine Schweigeerklärung unterschreiben. Ich hatte nichts dagegen.
Ein paar Wochen später fand ich einen Job bei einem Flugzeugkonstrukteur. Ich flog Prototypen und für eine Weile schien es, als hätte ich die ganze Scheiße hinter mir gelassen. Ich trieb umher, zum ersten Mal in meinem Leben ohne ein festes Ziel vor Augen, und ich genoss es. Ich trank zu viel und ich kokste ab und an (und meine Nase blutete am nächsten Morgen so stark, dass ich die Löcher mit Watte zustopfen musste). Ich war glücklich, jedenfalls glaube ich das heute. Denn wissen Sie, Glück ist eine Erinnerung, kein Gefühl.

Es begann vor einem halben Jahr. Ich wachte auf und fühlte mich wie gerädert. Ich hatte noch nie Schlafprobleme (glauben Sie mir, das Militär stellt so etwas ab), aber plötzlich konnte ich kaum die Augen offen halten. Es ging die ganze Woche so und am Freitag kam mein Boss zu mir und fragte mich, ob ich krank sei. Ich verneinte. Er schickte mich trotzdem zum Arzt.
„Treiben sie Sport“, riet mir ein junger Doktor, der noch die letzten Spuren einer Jugendakne im Gesicht trug.
Also trieb ich Sport. Ich lief jeden Morgen fünf Kilometer und jeden Abend noch einmal dieselbe Strecke. Es half nichts. Obwohl ich jeden Abend totmüde ins Bett fiel, wachte ich am nächsten Morgen ebenso müde und mit schmerzenden Gliedern auf. Das ging ein paar Wochen so weiter, bis mir mein Boss unter vier Augen erklärte, dass er mich in diesem Zustand unter gar keinen Umständen ein Flugzeug fliegen lassen würde, das mehr gekostet hatte, als der Verteidigungshaushalt eines afrikanischen Staates. Ich war ganz seiner Meinung.
Er gab mir sechs Wochen Zeit, mein Problem zu lösen. Ein Problem, von dessen Existenz ich zwar wusste (es war im Spiegel auch schwer zu übersehen), aber dessen Ursache mir völlig rätselhaft war. Ich versuchte alles. Lange schlafen, kurz schlafen, Alkohol, Drogen, scheiße, sogar Meditationsübungen – nichts half. Im Juli wurde es richtig schlimm und mir fielen zum ersten Mal die kleinen Veränderungen auf. Mal war der Fernseher eingeschaltet, obwohl ich ihn am Vorabend ausgeschaltet hatte, mal fand ich Mayonnaise und Schinken auf dem Küchentisch. Ich fragte mich, ob ich schlafwandelte und dann passierte die Sache mit dem Auto. Ich sollte den Mercedes zur Inspektion bringen und hatte für den nächsten Tag einen Termin vereinbart. Der Mechaniker wollte den Kilometerstand wissen und so schrieb ich ihn auf. Als ich am nächsten Morgen auf dem Weg in die Werkstatt war, bemerkte ich, dass er sich seit dem Vortag um achtzig Meilen erhöht hatte. Kennen Sie einen Schlafwandler, der Auto fährt?
Und dann war da noch die Sache mit dem Anruf:
„Collins hier. Gut, dass ich sie noch erwische.“
„Wer sind Sie?“
„Hank Collins. Der Propeller-Mann. Wissen Sie nicht mehr?“
Ich wollte ihm sagen, dass ich ganz bestimmt keinen Propeller-Mann kannte, aber er plapperte einfach weiter:
„Die Maschine ist jetzt startklar, Mr. Baker. Sollte den Biestern ordentlich Dampf unter dem Arsch machen.“
Baker? Biester?
„Was für eine Maschine?“
„Die VC-134, wegen der Sie gefragt haben. Oder hat sich Ihr Heuschrecken-Problem erledigt? Mein Bruder hatte die Mistviecher mal auf seinen Feldern und die haben ihm sogar die Vogelscheuche kahl gefressen.“
„Die Vogelscheuche?“
„Hm-mh. Man sollte die kleinen Scheißdinger ausrotten, wenn Sie mich fragen, aber meistens fragt mich ja niemand.“ Er kicherte. „Wie auch immer, Sie können jederzeit loslegen, wollte Ihnen nur Bescheid sagen. Tut mir leid, wenn ich Sie geweckt habe. Sie hatten mir ja gesagt, dass ich Sie nur nachts anrufen soll, aber ich dachte mir, ich probiere es trotzdem.“
Ich bedankte mich und legte auf. Ein Bild begann sich in meinem Kopf zu formen. Das Bild eines Wahnsinnigen, der tagsüber vor Müdigkeit kaum aus dem Sessel kommt, aber im Schlaf Auto fährt und Flugzeuge mietet. Ich war verrückt geworden. Ich dachte an das Giftgas.

Das war der heutige Stand. Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich mich umbringen möchte. Verrückt zu sein hört sich ja schlimm an, aber besser als tot, nicht wahr? Nun, da ist immer noch der Keller. Ich hasse Keller. Dunkle Löcher, in denen alles mögliche rumkriechen kann, konnte ich nie leiden. Und Insekten – wenn ich vor einer Sache auf dieser Welt wirklich Angst habe, dann sind es Insekten. Deshalb war ich auch seit Monaten nicht mehr im Keller. Heute sprang eine Sicherung aus der Fassung und ich musste hinunter, um sie auszuwechseln.
Ich fand ein Labor. Reagenzgläser, Rotlichtscheinwerfer, seltsame Apparaturen, die man aus Filmen kennt und die sündhaft teuer aussahen. Und Bücher. Da waren Dutzende, über Krankheiten, Viren, Vererbungslehre. Die kleinen Gläser waren alle ordentlich mit meiner Handschrift gekennzeichnet und leer. In der hinteren Ecke stand ein Kühlschrank. Als ich näher heran ging, sah ich, dass er an einigen Stellen tiefe Kratzer hatte. Dunkelgrüne Kratzer. Wie von einem dunkelgrünen Auto. Einem Mercedes.
Ich öffnete die Tür. Noch mehr Gläser. Ebenfalls beschriftet und mit einem hellen Bodensatz. Auf ihnen stand: Bacillus Anthracis. Ich fuhr in die Bibliothek.
Es wird dunkel. Ich darf es nicht riskieren einzuschlafen. Ich weiß nämlich jetzt, was Bacillus Anthracis bedeutet. Lange kann ich mich nicht mehr wach halten. Ich denke es ist Zeit, einem Eskimo einen Kühlschrank zu verkaufen. Denn ich habe ein Flugzeug und einen Keller voller Milzbrand-Erreger und ich bin sehr, sehr müde.

 

Hi Wendigo!

Deine Geschichte hat mir gefallen. Guter Aufbau, guter Stil, guter Plot! Der Kühlschrank-Vergleich ist super und eine wirklich originelle Metapher. Der Titel deiner Story passt in diesem Zusammenhang natürlich wie die Faust aufs Auge oder die Milzbranderreger ins Flugzeug ;) . Fazit: :thumbsup:

 
Zuletzt bearbeitet:

Ich auch noch mal ...

Oder die junge Schriftstellerin, die sich die Pulsadern vertikal statt horizontal durchtrennt, was sie zwar nicht umbringt, ihr aber für immer jede Bewegung der rechten Hand unmöglich machen wird.
Es ist genau umgekehrt: Wenn man sich den Unterarm quer anschlitzt, erwischt man nur die Beugesehnen. Die Pulsadern liegen versteckt in den "Ecken".
und wenn – und ich meinte niemals -,
Das ist dann doch etwas holprig.
und – am Schluss eines unglaublich komplizierten physikalischen Zusammenhangs, den ich selbst nicht völlig verstehe – explodiert einem der Schädel. Ziemlich professionell, finden sie nicht?
:thumbsup:
Dunkelgrüne Kratzer. Wie von einem dunkelgrünen Auto. Einem Mercedes.
Er kann vom Lack die Marke ablesen? Wow!
Es wird es dunkel
!!!

Die Story reißt mich nicht vom Hocker, der Schreibstil schon. Plastische, präzise Beschreibungen, die wie Insider-Wissen klingen: So müssen Geschichten geschrieben sein!

Was ich am Inhalt zu bemängeln habe: Er wirkt mir nicht durchdacht genug. Sowohl das Verrücktwerden durch Giftgas als auch die Jekyll/Hyde-Sache sind gute Ausgangsstoffe, aber in der Kombination wirken sie auf mich so albern wie der Kerl, der vom Blitz getroffen wird und so zu "Elektro-Man" mutiert.
Ich nehm es dir auch nicht ab, daß sein Alter Ego sich im Keller ein Labor bauen und zum Virenexperten werden kann, ohne daß er was davon mitbekommt. Da hätte ich mir etwas mehr Durchmischung der Persönlichkeiten in Kombination mit Verdrängung gewünscht. Angst vor Krabbelviechern ist kein wirklich valider Grund, nie in den Keller zu gehen, zumindest nicht für einen Ex-Soldaten.
Außerdem ist Selbstmord nicht die zwingende Lösung. Wenn er jetzt doch weiß, was los ist, kann er doch um Hilfe ersuchen und sich ggf. selbst einweisen lassen.

r

PS: Auch wenn ich mich als Doofmann outen sollte: Den Vergleich mit den Kühlschränken raffe ich nicht. Die Redensart ist doch darauf gemünzt, ein so guter Verkäufer zu sein, dass man jemandem wirklich jeden Mist verkaufen kann. Er aber will sich "nur" erschießen. Ich raff es nicht.

 

@rel: Der Vergleich bezieht sich hierauf, denke ich:

Das Leben ist im Grunde genommen ein langer und ziemlich nutzloser Kampf gegen Tod. Warum zum Teufel soll ich ihm mein Leben auf einem Silbertablett servieren, wenn er es sich früher oder später sowieso selbst holen kommt?

Hi Wendigo,

mir hat die Story gut gefallen, obwohl ich zu keiner Zeit überrascht wurde. Das wird aber sicher daran liegen, dass ich versehentlich den "Milzbrand-Erreger"-Satz zuerst gelesen hab. Auf jeden Fall eine erfrischende Idee - ich halte es aber ebenfalls für unrealistisch oder besser unglaubwürdig, dass der Typ gar nichts von seinen nächtlichen Aktivitäten mitbekommt.

Gruß

MisterSeaman

 

Hallo Rel, hallo Mister Seaman,

danke fürs Lesen und Kritisieren.

@rel

Es ist genau umgekehrt: Wenn man sich den Unterarm quer anschlitzt, erwischt man nur die Beugesehnen. Die Pulsadern liegen versteckt in den "Ecken".

Okay, das ist peinlich. Da recherchiere ich ausnahmsweise mal und schreibe es dann falsch hin. Danke für den Hinweis!

Das ist dann doch etwas holprig.

Stimmt.

Er kann vom Lack die Marke ablesen? Wow!

Nein, er fährt einen dunkelgrünen Mercedes, also liegt dieser Schluss nahe. Hmm. Wenn das nicht deutlich wird, werde ich es ändern.

Es wird es dunkel

!!!


???


Deine inhaltliche Kritik ist natürlich völlig berechtigt - wie ich schon weiter oben bei macsoja angemerkt habe, erscheint auch mir die Story mittlerweile zu konstruiert. Eine gründliche Überarbeitung wäre wirklich nötig - auch wenn diese wahrscheinlich bedeuten würde, dass ich die Geschichte komplett neu schreiben müsste. Andererseits habe ich angesichts der überraschend positiven Resonanz ein wenig Angst, dass ich sie verschlimmbessern könnte ...

@Mister Seaman

Das wird aber sicher daran liegen, dass ich versehentlich den "Milzbrand-Erreger"-Satz zuerst gelesen hab

Immer diese ungeduldigen Menschen, die das Ende zuerst lesen müssen ... ;)

ich halte es aber ebenfalls für unrealistisch oder besser unglaubwürdig, dass der Typ gar nichts von seinen nächtlichen Aktivitäten mitbekommt.

Stimmt. An dieser Baustelle muss ich wirklich noch arbeiten. Danke!

 

Wendigo schrieb:
Nein, er fährt einen dunkelgrünen Mercedes, also liegt dieser Schluss nahe. Hmm. Wenn das nicht deutlich wird, werde ich es ändern.
Der gedankliche Sprung ist zu groß. Nirgends zuvor hast du erwähnt, daß der Mercedes dunkelgrün ist, und auch daß es Lackspuren sind, erschließe ich eben nur aus dem Zusammenhang mit dem Mercedes.
Ist vielleicht auch Geschmacksache, aber ich hätte es vielleicht so geschrieben:
Als ich näher heran ging, sah ich, dass er an einigen Stellen tiefe Kratzer hatte. Dunkelgrüne Kratzer. Lackspuren. Es sah aus, als habe ein dunkelgrünes Auto den Kühlschrank gerammt.
Mein Mercedes war dunkelgrün ...
Ich mußte Gewißheit haben. Ich ging in die Garage und sah nach. blablabla

Ja nu, fällt dir an dem Satz denn gar nichts auf?

Eine gründliche Überarbeitung wäre wirklich nötig - auch wenn diese wahrscheinlich bedeuten würde, dass ich die Geschichte komplett neu schreiben müsste. Andererseits habe ich angesichts der überraschend positiven Resonanz ein wenig Angst, dass ich sie verschlimmbessern könnte ...
Ja, das ist so eine leicht metaphysische Angst, die man hat, wenn man vorher exzessiv gelobt wurde. Man bekomt eine Ehrfurcht vor dem Werk und traut sich nicht mehr, es anzutasten, so wie man auch eine Skulptur von da Vinci im Museum nicht anzufassen traut.
Allerdings wird man nur durchs Überarbeiten besser.

r

 

@rel

Ja nu, fällt dir an dem Satz denn gar nichts auf?

Äh ... oops ... ja, jetzt fällt mir was auf.

Ja, das ist so eine leicht metaphysische Angst, die man hat, wenn man vorher exzessiv gelobt wurde. Man bekomt eine Ehrfurcht vor dem Werk und traut sich nicht mehr, es anzutasten, so wie man auch eine Skulptur von da Vinci im Museum nicht anzufassen traut.

Nein, so meinte ich das nicht. Wenn ich die Story überarbeite, wird sie unweigerlich länger, weil ich vieles genauer erklären muss. Vielen Lesern schien aber gerade die etwas schnörkellose Knappheit gefallen zu haben. Bei einer Story, die nicht plotgesteuert ist, sondern auf eine Pointe abzielt, ist das mit dem Umfang immer so eine Sache ...

Allerdings wird man nur durchs Überarbeiten besser.

Hey, das ist mein Spruch! :)
Nein, im Ernst: ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, dass ich die Story nicht überarbeiten will, sondern dass ich mir zunächst überlegen muss, wie diese Überarbeitung aussehen soll, damit der Umfang immer noch im Verhältnis zu der recht simplen Auflösung steht.

@Kris

Danke für die Kritik! Ein paar Kommentare hätte ich dazu noch:

Würde hier gegen den Tod schreiben, weil es ja auch das Leben ist.

Ja, würde ich auch. Stellt sich natürlich die Frage, warum ich's nicht gemacht habe ...

Außerdem würde ich den Teufel eventuell rauslassen - Du sprichst davon, dass der Tod sich den Protagonisten holt, bringst aber den Teufel rein, der dann ja quasi die Konkurrenz zum Tod ist.

Hmm. Der Teufel ist hier nur eine Redewendung und hat eigentlich keine weitere Bedeutung. Werde mal darüber nachdenken.

Doch, absolut, dafür finde ich es aber sehr unprofessionell, die Höflichkeitsform konsequent klein zu schreiben

Ja, ich auch. Stellt sich erneut die Frage ... aber das hatten wir ja schon.

Wenn er ihn zu Boden gerissen hat, wie kann er ihn dann noch zerren?

Man kann durchaus auch im Liegen jemanden zerren, wie ich bei der Bundeswehr gelernt habe :)

Gibt es in Nachtclubs keine sprechenden Menschenmengen?

Doch, aber die pflegen gewöhnlich verblüfft zu schweigen, wenn plötzlich die Musik abgestellt wird. Oder nicht?

 
Zuletzt bearbeitet:

Da ich den bisherigen Kritikpunkten nichts Essentielles hinzuzufügen habe, werde ich versuchen, auf den Punkt zu bringen, wie die Geschichte insgesamt auf mich gewirkt hat: wie eine sehr originelle Melange aus "Heart of Darkness" (wg. der passagenweise nüchternen Darstellung unbeschreiblichen Grauens, das der Protagonist an vorderster Front miterlebt hat), "Le Horla" von Guy de Maupassante (weil die Hauptfigur besessen scheint und davon nur indirekt durch die nächtlichen Veränderungen im Haushalt erfährt) und - wie bereits erwähnt wurde - natürlich "Dr. Jekyll & Mr Hyde". An dieser Stelle sei die Frage angebracht, ob du irgendeine dieser Stories tatsächlich vor Kurzem gelesen hast oder dich womöglich andere Einflüsse zum Verfassen dieser Erzählung getrieben haben.

Was den Schreibstil angeht, so ist dieser präzise und gleichermaßen assoziativ, man lässt sich unweigerlich von der darin widerhallenden Dynamik mitreißen, sodass man die Geschichte prompt durchhat (was einen aber freilich nicht davon abhält, sie noch ein zweites Mal lesen zu wollen, was ich evtl. in den nächsten Tagen in Angriff nehmen werde).

Noch eine Bemerkung zum Ende: Der Selbstmord ist ja de facto noch nicht begangen worden. Und eingangs erläutert er, dass diese Sünde bereits unzähligen intelligenten Menschen misslungen ist. Und da er sich aufgrund seiner Einsichten und mancher fast sentenzhaften Aussagen als ziemlich cleverer Typ outet, bleibt offen, ob er selbst es jemals schafft, die potentielle Katastrophe durch ein solches Selbstopfer abzuwenden. Du hättest unter Umständen noch einbauen können, dass er zunehmend fremdbestimmter ist, sprich: dass sein Nacht-Double/Alter Ego allmählich auch seine bewussten Taghandlungen sabotiert, sodass er etwa das Lenkrad verreißt, ihm beim Essen die Hände zittern oder er vom Stuhl fällt, um nur einige allgemeine Beispiele zu nennen.

 

Hallo Wendigo,

Toll geschrieben. Eine packende Geschichte - insbesonders am Anfang. Zum Ende hin könnte der Übergang zum seltsamen Verhalten noch subtiler sein. Auch das Ende wirkt dann etwas patzig/abrupt

Denn ich habe ein Flugzeug und einen Keller voller Milzbrand-Erreger und ich bin sehr, sehr müde.
Ich verstehe auch nicht ganz den Zusammenhang mit dem Giftgasangriff und seinem jetzigen Zustand: Überdies war die Szene mit dem Giftasangriff unklar, weil ich nicht wusst, ob das Gas von den eigenen Leuten kam, oder ob sie mit Giftgasgranaten angegriffen wurden - > Das sind überall nur kleine Änderungen, die dann das GEsamtbild noch weiter verbessern können
Jedenfalls eine sehr gute Geschichte, die es verdient, dass du sie zur perfektion bringst

LG
Bernhard

 

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