Was ist neu

Sonja im Schneemannland

Mitglied
Beitritt
22.12.2002
Beiträge
482

Sonja im Schneemannland

Sonja ist traurig.
Sie steht am Fenster und schaut hinaus in den Garten. Auf dem Rasen steht der Schneemann, den sie letzte Woche mit Papa gebaut hat. Er besteht aus drei weißen Kugeln, und er ist genauso groß wie Sonja. Auf dem Kopf trägt er eine von Sonjas Mützen. Eine alte, die ihr zu klein ist. Rot, mit blauem Muster.
Ein Gesicht hat er auch. Augen, Mund und Nase, aus kleinen Stöckern, die Sonja in die oberste Schneekugel gesteckt hat.
Doch das schönste ist die Kette, die er um den Hals trägt. Sonja hat sie im Herbst aus Kastanien gebastelt. Der Schneemann sieht aus, als sei er sehr stolz auf die Kette.
Aber jetzt scheint die Sonne, und der Schneemann schmilzt.
Plötzlich steht Opa neben Sonja. Eine Weile beobachten beide den Schneemann. Dann sagt Sonja traurig: „Ich wünschte, er könnte für immer stehen bleiben.“
Opa nickt. Er legt einen Arm um Sonjas Schultern und sagt: „Sei nicht traurig. Er wird es gut haben im Schneemannland.“
Sonja guckt Opa mit großen Augen an. „Im Schneemannland? Was ist das denn?“
Da verrät Opa ihr das Geheimnis, das er selbst von seiner Mutter erfahren hat, als er noch ein Kind war. Daß die geschmolzenen Schneemänner an einem fernen Ort weiterleben. In einem Land, wo es immer kalt ist und wo immer Schnee liegt. So richtig zum Wohlfühlen für Schneemänner.
Jetzt, wo sie das weiß, ist Sonja nicht mehr ganz so traurig.
Am Abend wirft sie vor dem Schlafengehen einen letzten Blick in den Garten. Von dem Schneemann ist kaum noch etwas übrig – nur ein kleiner, unförmiger Klumpen Schnee, auf dem die Kastanienkette und die Mütze liegen.
Im Bett denkt Sonja daran, wie schön der Schneemann war. Und wieviel Spaß sie und Papa beim Bauen hatten.
Dann fallen ihr die Augen zu.
Als sie sie wieder aufmacht, ist sie im Schneemannland.
Alles um sie herum ist weiß. Ein paar Schneeflocken tanzen fröhlich in der Luft.
Nicht weit entfernt stehen Schneemänner. Sonja geht darauf zu. Jetzt sieht sie, daß sich die Schneemänner bewegen.
Einer von ihnen dreht sich um und winkt Sonja mit seinem dicken Schneearm zu. Sonja erkennt ihn. Sie hat ihn letzten Winter mit ihrer Freundin Nicole gebaut. Na ja, ein kleines Bißchen hat Nicoles großer Bruder geholfen. Aber das zählt kaum.
Als sie die Schneemänner erreicht, spricht der eine, den sie kennt, zu ihr: „Hallo, Sonja. Schön, daß du uns hier mal besuchst.“ Dann erklärt er den anderen, daß Sonja ihn gebaut hat. Auch die anderen begrüßen Sonja freundlich.
Anschließend führen sie das Mädchen durch’s Schneemannland.
Hier ist wirklich fast alles aus Schnee. Die Häuser, in denen die Schneemänner wohnen. Die Tische und Stühle in den Häusern. Die Zäune, ja sogar Blumen und Bäume aus Schnee sieht Sonja!
Nun, ein paar Dinge gibt es schon, die nicht aus Schnee sind. Einige Schneemänner tragen einen Schal um den Hals oder einen Kochtopf auf dem Kopf. Manche haben Knöpfe aus Kohlen – und natürlich Gesichter, auch aus Kohlen, oder aus Stöckern. Und ab und zu eine Mohrrübe als Nase.
Sonjas Schneemann – er wird von den anderen Babbel genannt – hat immer noch die Pfeife von Nicoles Opa im Mund.
An einem besonders großen Schneehaus steht das Wort „SCHULE“. Die Buchstaben sind aus kleinen Steinen gelegt. Sonja sieht zwei Schneemannkinder fröhlich herausgehüpft kommen. Sie tragen kleine Ränzel auf dem Rücken.
„Ihr habt ja wirklich alles!“ ruft Sonja begeistert.
„Ja, ist es nicht schön hier?“ Babbel grinst. Aber dann blickt er betrübt drein und sagt: „Nur schade, daß es hier keine Hunde gibt. Ein kleines Hündchen wünsch’ ich mir nämlich schon lange.“
Dann führt er Sonja auch schon wieder herum.
Sie kommen zu einem Schneeklumpen, der wie ein geschmolzener Schneemann aussieht. Obendrauf liegt eine Kastanienkette!
Babbel errät, was Sonja denkt, und nickt. „Das ist die Kette, die du gebastelt hast. Wenn der Schneemann bei euch ganz geschmolzen ist, wird er hier bei uns wieder lebendig.“
Es ist Zeit für Sonja, nach Hause zurückzukehren. Sie verabschiedet sich von Babbel und all ihren neuen Freunden. Dann schließt sie die Augen, öffnet sie – und liegt wieder in ihrem Bett.
Sie muß die ganze Nacht über im Schneemannland gewesen sein, denn die Sonne scheint zum Fenster herein.
Noch im Schlafanzug, rennt Sonja in den Garten. Sie hört nicht auf Mama und Papa, die sie rufen. Sie achtet nicht auf die Kälte, die ihre Füße hochkriecht. Sie sieht nur auf den winzigen Schneehaufen, auf dem die rot-blaue Mütze liegt.
„Sei nicht traurig, Schatz“, hört sie Papas Stimme hinter sich.
Sie antwortet: „Die Kette ist nicht mehr da.“
„Bestimmt hat ein Tier sie geholt, um die Kastanien zu essen.“
„Nein“, ruft Sonja, „sie ist im Schneemannland!“
Papa ist überrascht, wie glücklich Sonja aussieht. Als er sie fragt, was das Schneemannland ist, sagt sie einfach: „Frag’ Opa.“
Gleich nach dem Frühstück kratzt sie im Garten die letzten Schneereste zusammen. Für einen großen Schneemann reicht es nicht mehr. Aber Sonja baut sowieso etwas anderes daraus.
Ein kleines Hündchen.
Als es fertig ist, steht die ganze Familie darum herum.
„Hoffentlich schmilzt es ganz schnell“, seufzt Sonja.
Mama sieht verwirrt aus, und Papa fragt: „Kann mir mal jemand erklären, was hier los ist?“
Sonja und Opa blinzeln sich zu. Dann lachen sie fröhlich. Aber sie sagen nichts.
Eltern brauchen ja nicht alles zu wissen.

 

Hallo Roy,
ich staune immer sehr, dass du als Mann dich so gut in Kinder versetzen kannst. Gut, mein Vater konnte es auch. Aber die meisten Männer sind doch irgendwie wie ein Elefant im Porzellenladen.
Deine Geschichte ist genau so, wie ich es mir vorstelle.
Kinder sollen Illusionen aufbauen. Die Realität holt sie schnell genug ein.
Wunderschön - Deine Geschichte.
Du hattest damals meine Geschichte "Ferien daheim" gelesen.
Solltest du dazu kommen, würde mich deine Meinung zu meiner Überarbeitung interessieren (bes. der Schluss).
Alles Gute
stauni

 

Hallo Stauni,

ich freue mich, daß diese Geschichte (sie war meine erste Veröffentlichung) Dir gefallen hat. Daß sich viele Männer nicht so gut in Kinder hineinversetzen können, liegt vielleicht auch daran, daß sie von ihren eigenen Kindern so wenig mitbekommen, weil sie den ganzen Tag arbeiten. Ich hatte das Glück, zumindest mit meiner ersten Tochter sehr viel Zeit verbringen zu dürfen, da ich damals noch Student war.

Deine Überarbeitung von "Ferien daheim" habe ich noch nicht vergessen, bin nur bisher noch nicht dazu gekommen.

Schöne Grüße
Roy

 

Hallo,

wieder einmal sind ein paar Jahre ins Land gegangen, und diese Geschichte ist wieder etwas "erwachsener" geworden. :D

Das oben erwähnte Theaterstück von Barbara Peters ist jetzt in ihrem Buch Theater spielen in der Weichnachtszeit im Hase und Igel Verlag erschienen. Ich bin - im wahrsten Sinne des Wortes - stolz wie Schneekönig. :lol:

Schöne Grüße
Roy

 

Hallo stolzer Roy

Diese Geschichte verdient es wirklich, an die Oberfläche geholt zu werden.
Wunderbar und einfühlsam geschrieben, hat mich berührt!
(Bin im innersten eben immer noch Kind!)

Ach ja, und alles Gute zum Geburtstag!

Sonja sieht, wie zwei Schneemannkinder fröhlich herausgehüpft kommen.
„Ihr habt ja wirklich alles!“[komma] ruft Sonja begeistert.
Babbel errät, was Sonja denkt[,] und nickt.
Komma weg.

Sie hört nicht auf Mama und Papa, die sie rufen.
, die ihr nachrufen.

Eltern brauchen ja nicht alles zu wissen.
Genau, aber wo kommen eigentlich die Schneemannkinder her?
:D

Gruss.dot

 

Hi Roy,

ganz zauberhaft, deine kleine Geschichte! Ich denke auch, dass sie für die kleineren Kinder gut geeignet ist. Werde sie also noch zusätzlich als Weihnachtsüberraschung zu meiner eigenen (Die kleine Fee Lilliflor) ausdrucken und meiner Nichte und meinem Neffen schicken. Meine Nichte ist erst 5, der wird sie bestimmt sehr gut gefallen, v.a. weil sie in Süddeutschland lebt, wo sie auch gerade Schneemänner bauen können. Ich bin schon gespannt auf weitere Geschichten von dir! LG venusBonn

 

Hallo Barbara,

wie heißt es denn? Ist es hier vröffentlicht? Bin gespannt drauf!

 

Hallo dotslash, hallo venusBonn,

vielen Dank für Eure netten Kommentare. Ich freue mich, dass die Geschichte nach so vielen Jahren immer noch diesen Anklang findet.

@venusBonn: das Theaterstück von Barbara hat den gleichen Titel wie meine Geschichte, aber Theaterstücke werden ja auf kg.de nicht veröffentlicht. Wenn du einen Blick auf das Buch werfen möchtest, in dem es erschienen ist, kannst du in meinem Posting oben dem blauen Link folgen.

Übrigens: Wenn du dich auf weitere Geschichten von mir freust, gib doch einfach mal meinen Namen in die erweiterte Suchfunktion ein (oben links auf KG.de-Suche klicken), da müsstest du ungefähr zwei Dutzend Texte von mir finden - die meisten davon Kindergeschichten!

Schöne Grüße und noch eine schöne Vorweihnachtszeit
Roy

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo venusBonn,

ein kleiner Nachtrag - vielleicht gefällt dir ja die folgende Geschichte, sie passt auch in diese Jahreszeit:

Paul auf dem Weihnachtsbasar

Schöne Grüße
Roy

 

Hier schreibt die Tochter vom Papui (Zielgruppe der Geschichte):

Ich finde deine Geschichte toll. Ich bin zwar schon 11 , aber trotzdem ist die Geschichte toll. Nur ich finde, dass Sonja vielleicht später von Babbel träumt, der sich von ihr für den Schneehund bedankt. Das wäre noch schöner.
Deine Frederike

 

Hallo Frederike,

vielen Dank für deine lieben Worte. Ich freue mich sehr, dass dir die Geschichte gefällt! Sie ist schon ein paar Jahre alt, deshalb möchte ich sie nicht mehr groß ändern - aber wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann mal eine Fortsetzung.

Oder was hältst du davon, wenn du einfach selbst eine Fortsetzung schreibst? Ich könnte mir vorstellen, dass dir das Spaß macht. Wenn du magst, kannst du deine Fortsetzung ja hier als Antwort auf meine Geschichte veröffentlichen. :) Oder du behältst sie für dich, als dein Geheimnis... Dann weißt nur du, wie es mit Babbel und Sonja weitergeht!

Auf jeden Fall wünsche ich dir erst mal einen Winter mit ganz viel Schnee und natürlich ein tolles Weihnachten!

Schöne Grüße
Roy

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom