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Ich habe alles dabei

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02.11.2001
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Ich habe alles dabei

Das Kind schreit. Es liegt im Kinderwagen und hört mit dem Schreien nicht auf.
Tief beugt sich die Frau darüber. Ihre Brüste berühren den Kopf des Kindes. Die Decke hängt seitlich aus dem Wagen. Die Frau ist still. Unter der Bluse trägt sie nichts.
Männer gehen vorbei, schauen zurück.
Die Frau merkt davon nichts.
Die Stimme des Kindes wird trocken. Ein Krächzen bleibt.
Die Akazie war immer schon da. Ich erinnere mich. Sie muss sehr alt sein.
Die Frau und der Kinderwagen darunter. Ein Rad des Wagens hat sich in der Decke verfangen. Die Frau zerrt daran. Ihre Brüste. Unter den Achseln ist ihre Bluse dunkel.
Es ist heiß. Das Kind ist jetzt ruhig. Der Schatten der Akazie spendet Kühle.
Die Frau sitzt auf der Bank. Unter der Akazie.
Sie wippt den Kinderwagen auf und ab.
Schläft das Kind?
Alles ist ruhig. Es muss so sein.
Unter der Akazie tanzen Mückenschwärme.
Die Frau schließt die Augen. Sie atmet gleichmäßig. Fältchen hat sie um die Augen. Das Haar trägt sie kurz. Das Wippen des Kinderwagens. Ihre Bluse.
In der Akazie bewegen sich die Zweige. Eine Brise.
Die Akazie ist ein alter Baum. War der immer schon da?
Oft bin ich vorbei gerast, den Terminen hinterher.
Jetzt versuche ich keine mehr zu haben.
Die Frau schläft. So glaube ich. Das Wippen des Kinderwagens ist schwächer.
Die Ruhe dort im Schatten.
Ein Speichelbläschen hängt in ihrem Mundwinkel. Eine Haarsträhne ist eingefärbt.
Sie hat schöne Brüste. Auch jetzt, so zusammengesunken wie sie dort sitzt.
Wenn ich hingehe?
Ihr das Speichelbläschen wegwische?
Wenn ich dabei versuche, sie weiter schlafen zu lassen?
Ich will die Ruhe dort nicht stören. Die Akazie und ihr Schatten sind alt.
Mich lockt die Farbe ihrer Haarsträhne. Das Kind schläft. Darüber tanzen Mücken.
Wenn ich hingehe zu ihr in den Schatten und dort auch meine Augen schließe?
Wegen der Ruhe dort bei den Mücken unter dem alten Baum.
Schläft sie denn tatsächlich? Eine Hand liegt am Griff des Kinderwagens. Der Kinderwagen steht ruhig.
Ein Fuß des Kindes lugt unter der Decke hervor.
Ihre Fältchen um die Augen. Wie alt mag das Kind sein? Und wie sieht der Vater aus?
Wie ist sie, wenn sie sich einem Mann hingibt?
Sie hat volle Lippen und goldene Härchen auf den Wangen. Ich habe die Farbe ihrer Augen nicht gesehen. Ich sah nur ihre Brüste, anfangs. Als sie an der Decke gezerrt hat, in der sich ein Rad verfangen hatte. Mückenschwärme tanzen um ihre geschlossenen Augen. Ich hätte in ihre Augen schauen sollen. Was gäbe ich, könnte ich in ihre Augen sehen. Was gäbe ich dafür.
Jetzt ist es zu spät.
Ich will die Ruhe nicht stören.
Ich sehne mich selbst danach.
Ich stehle mich weg. Weg von diesem alten Baum und der Ruhe und den tanzenden Mücken darunter. Ich nehme aber das Bild mit von dem Rad, das sich in der Decke verfangen hatte. Auch das Bild vom Wippen des Kinderwagens und von den Brüsten der Frau, die den Kopf des Kindes berührten. Ich habe alles dabei.
Nur die Farbe ihrer Augen kenne ich nicht.
Obwohl ich alles dabei habe, gehe ich leer aus.

 

Hallo Auqualung,

ich traue mich gar nicht es zu sagen.
Aber ich will es wissen.
Ich verstehe es gar nicht. Ab der Akazie verstehe ich es nicht mehr. Verstehe nicht, warum die Akazie schon immer da war, warum darunter Mücken tanzen. Sie kommt immer wieder in der Geschichte vor.
Der Mückenschwam bringt mich auch durcheinander. Du schreibst so anders.
Ich habe mir Mühe gegeben, aber ich komme nicht weiter.
Ich habe schon andere Geschichten angeklickt, und da habe ich gesehen, daß es anderen auch manchmal so geht.
Da bin ich froh.

Ziska

 

Hallo Ziska,

danke, dass du dir Zeit für die Geschichte genommen hast. Ich dachte schon, dass die unentdeckt bleiben würde.
Stell dir einen Menschen vor, der etwas beobachtet. Immer dasselbe und über einen kurzen Zeitraum hinweg. Und dabei, beim Beobachten dieser Frau und der Mückenschwärme, plötzlich erkennt, dass er sich nach Ruhe sehnt. Er macht anfangs den Fehler, den er später bereut. Wie die anderen Männer auch, sieht er auf die Brüste der Frau. Erst als sie schläft, will er ihre Augen sehen. Dazu müsste er ihren Schlaf, die Ruhe, stören. Also stiehlt er sich weg. Und trotz der vielen Details, die er beobachtet hat, fehlt was.
Eine Geschichte, völlig reduziert. Das beschreibende Wiederholen ist beabsichtigt. Alles spielt sich im Zeitraum einer Stunde ab.
Du kannst beim Lesen die unterschiedlichsten Dinge reininterpretieren. Ich wollte bewusst vieles offen lassen.
Bleib mir gewogen.

Liebe Grüße - Aqualung

 

Lieber Aqualung !

Diese Geschichte ist der beste Beweis, dass man an verschiedenen Tagen völlig unterschiedlich aufnahmebereit ist für das Dargebotene.
Als ich sie vor Tagen erstmals las, dachte ich, naja hat er eine Frau beobachtet, ihre Brüste und dazu die Stille des Baumes und des Kindes eingeatmet, nett.

Heute bin ich daheim, habs gemütlich und hab nochmal reingeschaut. Und wie anders spricht der Baum zu mir, erzählt mir sogar, dass der Beobachtende ihn schon als Kind gesehen hat, ihn noch weit älter vermutet. Die Mücken sind wirklich da und das ganze Einlassen auf den Anblick dieses Menschen in einer Ausnahmesituation der Ruhe und des vermeintlichen Unbeobachtetseins. Und dein, in dem Anblick entstehendes, Gedankenspiel kommt an bei mir, der Lesenden. Ich erfahre von der Vollkommenheit indem du die Unvollkommenheit des Augenblicks beklagst.

Und plötzlich ist es nicht nett, sondern wunderbar, deinem Blick gefolgt zu sein.

Lieben Gruß Eva

 

Hallo Eva, schnee.eule,

DU HAST ES VERSTANDEN!!!
Bussi dafür, Bussi und danke.
Auch wenn am Anfang nichts da ist, kommt ein Tag, wo die Oberfläche leichter zu durchbrechen ist. Gut für mich, dass du so einen Tag hattest.
Aqualung BRAUCHT deine Kritik.

Liebe Grüße

 

Hi Aqualung!

Nun schreib ich Dir doch, nachdem Du ja jetzt weißt, was mich erst dran gehindert hat... ;)

Die Aussage Deiner Geschichte find ich leiwand! An den Ausdrücken könntest Du noch ein bisschen feilen...

Am Beginn würde ich etwas kürzen, die Aussage, daß das Kind nicht aufhört, ist unnötig - es hört ja dann auf...

"Ein Rad des Wagens hat sich in der Decke verfangen. Die Frau zerrt daran." - Sie zerrt am Rad? Oder hat sich die Decke im Rad verfangen...?

Am Anfang schreibst Du:
"Die Akazie war immer schon da. Ich erinnere mich. Sie muss sehr alt sein."
Und später noch einmal:
"Die Akazie ist ein alter Baum. War der immer schon da?"

"Oft bin ich vorbei gerast, den Terminen hinterher.
Jetzt versuche ich keine mehr zu haben." - Hier mußte ich erst überlegen, was Du keine mehr haben willst, das ist etwas seltsam hier...

"Obwohl ich alles dabei habe, gehe ich leer aus." - das "gehe ich leer aus" finde ich nicht so besonders...naja. Vielleicht gefällt Dir auch ein "fehlt mir das Wichtigste" oder "fehlt mir etwas" oder "ist es, als hätte ich nichts." oder oder oder besser?

Alles liebe
Susi

 

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