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Ein Kindlein unterm Weihnachtsbaum

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25.11.2007
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Ein Kindlein unterm Weihnachtsbaum

Da war sie fort. Die Frau mit dem Pferdegebiß hatte sich für das kleine Mädchen mit der lustigen Schleife im Haar entschieden, das ich so gerne mitgenommen hätte.
Die Auswahl war nun nicht mehr sehr groß. Da war der Junge mit den roten Haaren. Er hatte niedliche Sommersprossen und lustige Ohren, aber seine Nase tropfte. Das war eklig.
Dann waren da noch das Kind mit dem verunstalteten Gesicht, ich wußte nicht, ob Junge oder Mädchen – und der dünne Bimbo-Bub.
"Aus Afrika?", wollte ich wissen.
Der Wärter schüttelte den Kopf. "Nein, das glaube ich kaum. Wir haben ihn an der Autobahnraststätte gefunden. Wahrscheinlich ein US-Army Kind."
"Army, heh?"
"Kein Problem, mein Herr. Er hat bereits Erfahrung und ist nicht schwer zu führen. Letztes Jahr war man sehr zufrieden mit ihm."
"Nun, die Auswahl ist ja nicht mehr groß." Es war bereits vierzehn Uhr. "Die Schnäppchen sind wohl schon alle weg."
Der Wärter verzog die Augenbrauen. "Ach, sagen Sie soetwas nicht. Negerbuben sind recht beliebt. Stellen Sie sich doch mal vor: Der Kleine unter Ihrem Tannenbaum. Das hat doch etwas ungeheuer Soziales."
Ich willigte ein.

"Sehen Sie, wenn Sie ein bißchen an der Leine rucken, dann folgt er Ihnen ganz von selbst." Der Bub trottete hinter dem Wärter her. "Hier nehmen Sie." Er gab mir die Leine.
Ich ging ein paar Schritte zu meinem Auto hin. Der Junge folgte mir wie von alleine.
"Sehr gut machen Sie das."
"Und wenn er plötzlich stehen bleibt?"
"Mein Gott, der Bub wiegt doch nichts. Den können Sie überall hin mitschleifen."

Ich öffnete die Autotüre und schob den Jungen auf den mit Zeitungen ausgelegten Sitz. Er leistete überhaupt nicht viel Widerstand und setzte sich in Fahrtrichtung. Eigentlich hätte ich ihm auch den Gurt anlegen müssen, aber ich war froh, daß soweit schon alles so gut gegangen war und wollte es nicht beim erstenmal nicht übertreiben.
Ich fuhr los.
Die Fahrt verlief recht unproblematisch. Er blieb ruhig sitzen und faßte nichts an. Ich hatte nicht den Eindruck, daß er die Zeitungen beschmutzte. Auch sein Körpergeruch war erträglich. Ich konnte mir zunehmend vorstellen, daß der Junge gebadet und mit Drogen ruhiggestellt worden sein konnte. Der Service war zufriedenstellend.
Als der Junge aussteigen sollte, wurde er ein bißchen bockig. Als ich an der Leine zog, drehte er den Kopf zur Seite und blieb sitzen. Schnell ruckte ich an der Leine und beförderte den Jungen aus dem Wagen. Als kleine erzieherische Maßregel zog ich das Halsband etwas enger an. Der Junge schnappte ein bißchen nach Luft, folgte mir dann aber bereitwillig in die Wohnung.
Gerne hätte ich den Buben einfach im Wohnzimmer abgestellt, um den Tannenbaum aus dem Schuppen zu holen, aber dann hätte ich damit rechnen müssen, ihn niemals wieder zu sehen und die ganze Mühe, die ich mir mit ihm gemacht hatte, wäre umsonst gewesen.
Als ich die Leine an der Heizung anbinden wollte, begann der Junge zu zappeln. Ein paar gedrückte Laute kamen aus seiner eng geschnürten Kehle. Das war verständlich. Der Kleine war noch etwas ängstlich und all die vielen fremden Dinge in meiner Wohnung mußten ihn doch arg nervös gemacht haben. Ich hatte so etwas schon befürchtet und ein großes Glas voll Baldrian vorbereitet. Das Schlucken fiel ihm etwas schwer.

"Nun schau mal, was ich hier habe", sagte ich, als ich den Tannenbaum ins Wohnzimmer schleppte. "Ooooh! Ein Tannenbaum!"
Der Junge saß an die Heizung gelehnt und blickte mit verdrehten Augen zur Decke.
"Na guck doch mal, wie schön der ist!"
Der Junge reagierte nicht. Mit einem Paar strahlender Kinderaugen hatte ich in diesem Moment schon gerechnet. Ich begann zu verstehen, daß sich die Augen von schwarzen Kindern nicht besonders zum Strahlen eigneten.
"Na dann wollen wir mal anfangen, den Baum zu schmücken." Der Bengel starrte weiter apathisch zur Decke. Sein Gesicht hatte eine dunkelgrüne Farbe angenommen. Ich ließ mich nicht provozieren und öffnete die Schachtel mit den Weihnachtskugeln. "Ooooh, wie schön die funkeln."
Das Lametta hatte einen lila Farbton. Das verlieh dem Baum etwas geradezu spirituelles und bildete einen lustigen Kontrast zu den blauen Elektrokerzen.
"So, jetzt schau aber mal her." Ich schaltete die Kerzen ein. "Das ist doch mal ein Anblick. Na was sagst du?"
Als ich zur Heizung blickte, stellte ich fest, daß der Junge inzwischen mit dem Rücken auf dem Fußboden lag. Anstelle mir zu antworten, gab er ein heiseres Röcheln von sich. Meine Geduld war aufs Äußerste strapaziert. Ich löste die Leine von der Heizung, packte ihn und setzte ihn unter den Tannenbaum. Mehr konnte ich nicht mehr tun. Er kippte zur Seite und legte sich aufs Ohr.

Ich hatte aufgehört, mich zu ärgern. Mit einem Gläschen Wein und einem Teller voller Weihnachtsgebäck machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich. Ein wenig Licht im Dunkel des Lebens dieses Buben hätte es werden sollen, aber mir wurde immer bewußter, daß das schwachsinnige Kind sein Schicksal nicht anders verdient hatte. Wäre es mein Sohn gewesen, ich hätte ihn ebenfalls an der Autobahnraststätte abgesetzt.
Ich legte eine Cassette mit Weihnachtsmusik in den Rekorder und schenkte mir ein weiteres Glas ein. Ich ging nicht mehr davon aus, daß der Junge dazu zu bewegen gewesen wäre, selbst ein Liedchen anzustimmen. "Was habt ihr überhaupt für Weihnachtslieder in Afrika?" Es war mir längst egal.

Es war dem Wein zu verdanken, daß trotzdem ein wenig sentimentale Weihnachtsstimmung aufkommen konnte. Als mir das süße Weihnachtsgebäck überdrüssig geworden war, nahm ich den Teller und legte ihn vor den Jungen unter den Tannenbaum. Es war ein so armselig dünnes Bimbo-Kind. Sollte auch er sich einmal richtig sattessen.
Er aß nicht. Schüchtern blieb er unter dem Tannenbaum liegen.
Da wurde es mir warm ums Herz. Ich brach einen Keks in kleine Teile, tunkte ihn in den Wein und fütterte den armen Wurm. Er konnte sein Glück kaum fassen, nagte und saugte ein bißchen an dem Gebäck und schob es mit der Zunge wieder aus dem Mund, so daß es langsam an seinem Kinn hinunterschleimte und dann zu Boden fiel. Das konnte meine Weihnachtsstimmung nicht mehr trüben. Mir wurde klar, was die selbstlose Liebe eines Erwachsenen für ein Kind bedeuten konnte. Wäre er kein schwarzes Kind gewesen, ich hätte ihn drücken können.

"Und, hat Ihnen der Junge Freude bereitet?"
"Das kann man wohl sagen. So ein Bimbo-Kind unter dem Tannenbaum macht wirklich sehr viel Weihnachtsstimmung."
"Na, sehen Sie", der Wärter lächelte. "Was habe ich Ihnen gesagt."
"Ich glaube, man muß es einfach selbst erlebt haben, was Kinder einem für eine Freude bereiten können."
"Mit Sicherheit, so wird es sein."
Voller Vorfreude dachte ich bereits an das nächste Jahr. "Kann ich ihn für das kommende Weihnachtsfest schon einmal reservieren lassen?"
Der Wärter blickte ein wenig verstohlen zur Seite. "Ich fürchte, das wird kaum möglich sein." Er faltete seine Hände. "Aber mit Sicherheit läßt sich ein anderes Negerkind für Sie finden."
"Wissen Sie, ich habe ihn aber schon so richtig ins Herz geschlossen.", entgegnete ich.
"Sie werden den Unterschied kaum merken. Bei den Negern ist ein Kind wie das andere."
Ich rieb mir die Hände. "Nun gut", sagte ich. "Abgemacht!"

 

Hi findur,

noch einmal vorweg: Ich fand deine Geschichte gut.
Es geht aber bei meinem Einwand nicht um Interpretation, sondern mE um Handwerk. In den von dir zitierten Sätzen findet die Wiedersprüchlichkeit nicht statt, dazu sind sie in der Wortwahl viel zu politisch inkorrekt. Mir geht es dabei nicht um eine politisch korrekte Geschichte, sonder darum, dass ein Mensch, der wirklich glaubt, es gut zu meinen, nicht von Bimbos spricht, weiß, dass ein zu eng gezogenes Halsband Folter ist. Die von dir ja ganz richtig aufgezeigte Haltung, "von oben herab" "barmherzig" zu sein, findet man vielleicht in diesem Zynismus bei einem bestimmten Typus männlicher Thailandtouristen, der Zynismus eines gekauften Weihnachtsglücks mit Kind würde sich evtl. eher im Bemühen um politisch korrekte Ausdrücke offenbaren. An dieser Stelle ist meine Kritik: Weniger plump in der Ausdrucksweise deines Erzählers wäre mAn die Geschichte noch härter, auch wenn du dabei vielleicht auf manch provokantes Reizwort verzichten müsstest.
Beispiel:

Es war ein so armselig dünnes Bimbo-Kind. Sollte auch er sich einmal richtig sattessen
Eine Haltung, in der dem Kind ein typisches Weihnachtsessen, wie meintwegen Karpfen oder Grünkohl serviert werden, ohne sich um kulturelle Essgewohnheiten des Gastes zu kümmern, die dann zur Enttäuschung führt, weil das Kind es nicht anrühren kann, hätte inhaltlich die gleiche Wirkung.
Allgemein: Ein vielleicht unfreiwillig kinderloses Ehepaar, das sich zu Weihnachten den Wunsch "Kind" zum Fest erfüllt, dieses mit Geschenken zuscheißt, die es gar nicht gebrauchen kann, wäre für die beabsichtige Aussage Eigennutz" vielleicht ein geeigneterer Träger, als ein Mann, der in seinem Auftreten und in seinen Ausdrücken schon so asozial wirkt, wie es die angeprangerte Haltung gesellschaftlichen Egoismusses sicherlich ist, die mich aber eben wieder eher an besagten Thailandtouristen denken lässt.
Aber so viel umschreiben muss gar nicht sein. Ich denke halt nur, etwas defiziler wäre es noch wirkungsvoller gewesen. Bei deinem Protagonisten haben viel zu viele Menschen die Möglichkeit, weit von sich zu zeigen und zu sagen: So bin ich nicht.

Lieben Gruß
sim

 

Mir geht es dabei nicht um eine politisch korrekte Geschichte, sonder darum, dass ein Mensch, der wirklich glaubt, es gut zu meinen, nicht von Bimbos spricht, weiß, dass ein zu eng gezogenes Halsband Folter ist.

Das kann auch andere Gründe haben, zum Beispiel mangelnde Bildung, Oberflächlichkeit, etc.

Weniger plump in der Ausdrucksweise deines Erzählers wäre mAn die Geschichte noch härter, auch wenn du dabei vielleicht auf manch provokantes Reizwort verzichten müsstest.

Kann sein. Ich habe für manche platte Pointe sicherlich auch so manches geopfert. Aber sicherlich auch das eine oder andere gewonnen.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Findur!

Ich fand deine Geschichte inhaltlich nicht schlecht, auch den Anspruch einer Satire erfüllt sie mMn. Leider gehöre ich nicht zu jenen Lesern, für die Inhalt vor Sprache geht, deshalb:
Handwerklich, vor allem sprachlich, mangelt es leider. Abgesehen von der Korrektur etlicher Rechtschreibfehler, vor allem ss/ß, Kommas, würde ich Straffung empfehlen.
So etwas macht einen Text knackiger und flüssiger. Manche Sätze erschienen mir umständlich formuliert, da könntest du mit weniger Worten dasselbe, direkter sagen. Vermeidbare Hilfsverben und etliche Füllwörter gehören ebenfalls noch überarbeitet.
Dein Eröffnungsabsatz, der ja den Leser bekanntlich in den Text locken soll, gefiel mir sprachlich überhaupt nicht. Warum?
„war“ ist kein richtiges Verb, wirkt immer inaktiv und sagt im Grunde genommen überhaupt nichts aus.
Am Beispiel dieses Absatzes ein paar Ideen:

Da war sie fort. Die Frau mit dem Pferdegebiß hatte sich für das kleine Mädchen mit der lustigen Schleife im Haar entschieden, das ich so gerne mitgenommen hätte.
Die Auswahl war nun nicht mehr sehr groß. Da war der Junge mit den roten Haaren. Er hatte niedliche Sommersprossen und lustige Ohren, aber seine Nase tropfte. Das war eklig.
Dann waren da noch das Kind mit dem verunstalteten Gesicht, ich wußte nicht, ob Junge oder Mädchen – und der dünne Bimbo-Bub.

"sie?" Es ist doch ein Mädchen.
Pferdegebiss
Lustig = Adjektivwiederholung im selben Absatz, für zwei äußere Figurenprofile
"nun" ist ein überflüssiges Füllwort.
„sehr“ ist ein Wort, das man am besten weglässt. ;)
wusste

Was bleibt, sind fünf "war"-Konstrukte.
Alternative:

Sie zerrte das Kind weg. Die Frau mit dem Pferdegebiss hatte sich für das kleine Mädchen mit der bunten Schleife im Haar entschieden. Ich hätte es so gern mitgenommen!
Mir blieb nicht mehr viel Auswahl. Ein Junge mit roten Haaren stand noch da. Er hatte niedliche Sommersprossen und lustige Ohren, aber seine Nase tropfte. Mich ekelte.
Dann gab es noch das Kind mit dem verunstalteten Gesicht, ich wusste nicht, ob Junge oder Mädchen – und den dünnen Bimbo-Bub.

Liest sich das nicht wesentlich aktiver?
Hoffentlich konnte dir mein Kommentar weiterhelfen.

Lieben Gruß,
Manuela :)

 

Hallo Findur,

es stellt sich sicherlich die Frage, ob eine unter "Satire" veröffentlichte Geschichte, die vordergründig auf Schock, Empörung und Ekel ausgerichtet zu sein scheint, höchstens nachrangig auf die Kritik gesellschaftlicher Missstände, noch als Satire gelten kann.

Eine wirklich gute Satire, so sehe ich das (ohne jedoch eine solche vorweisen zu können), nimmt ganz im Gegenteil die Herausforderung an, an der realen oder fiktiven gesellschaftlichen Zensur elegant vorbeizuschlüpfen. Man sieht in dieser Meinung deutlich meine pessimistische Haltung, dass man eine Gesellschaft mit dererlei massiv schockenden, empörenden und abstoßenden Geschichten kaum verändern kann. Die Response dürfte nur eine gehörige Abwehrhaltung sein, kein evtl. mit schlechtem Gewissen gewürztes "Hihi, ich versteh sie ja" des Einzelnen. Insofern möchte ich sim beipflichten.

Ich hoffe, du hattest beim Schreiben genauso viel Spaß wie ich beim Lesen. Na gut, bei mir war es eigentlich Vorfreude, ja, Sensationslust bzgl. der zu erwartenden Leserkommentare. Ehrlich gesagt war ich etwas enttäuscht, als du schon nach ein paar Antworten erklärend und rechtfertigend klein beigegeben, in meinen Augen die mit diesem Text an den Tag gelegte Unprofessionalität verraten hast. Naja, das hat aber auch sein Gutes: Kann ich mir eine eigene Interpretation sparen, die sich mit deiner Erklärung weitgehend gedeckt hätte ;). eheh, dluhcS tsbles ud tsib narad ,sinmieheG niem tbielb ,tmmits tztej sad bO

Nen guten Rutsch,
-- floritiv.

 

Hallo,

das ist ein typischer Fall von einer Geschichte, bei denen der Inhalt diskutiert wird und nicht die Form.
Eingeleitet von einem Kommentar, der überspitzt ausdrückt: Wer die Geschichte nicht mag, ist ein Gutmensch,

Formal und handwerklich ist es ein fader Text, der nie den Gang wechselt. Er fängt an und hört auf, da ist keine Entwicklung drin, es ist ein gleichbleibender Strom.
Schon im ersten Absatz spricht man vom "Bimbo-Jungen", dann ist er unter Drogen gesetzt und wird an einer Leine herumgeführt - und dann kommt nix mehr, es steigert sich nicht mehr.

Dass sowas, wie Makita sagt, schon zu hart wäre, um es im Fernsehen zu zeigen ... ach herrje.
Ich glaub der Gehart-Polt-Sketch mit Mey Ling ist bestimmt 25 Jahre alt und nicht minder böse. Nur subtiler, da wird mit der Komik der Stille gespielt, das macht für mich auch eine gute Satire aus. Die Stille. Während es für andere die immer deutlichere Überspitzung ist, das aufs Messer Schneide gehen - bin ein Fan von.
Neulich hab ich mal aus Versehen eine Folge von "It's always sunny in Philadelphia" geschaut, in der zwei der Hauptfiguren absichtlich Crack-Junkies geworden sind, um Sozialhilfe zu kassieren. Das war böse. Da muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich Gutmensch genug bin, um nicht darüber lachen zu können. Deine Geschichte fand ich nur einfach so inhaltlich und handwerklich lahm.


Gruß
Quinn

 
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Abgesehen von der Korrektur etlicher Rechtschreibfehler, vor allem ss/ß, Kommas

Wie weiter oben schon vermerkt, wurde die Geschichte zur Zeit der alten Rechtschreibung geschrieben. Ich habe die ss/ß Schreibweise seither nicht aktualisiert. Bei den Kommaregeln bin ich in der Tat seit Jahren desorientiert. Ich habe mir für das neue Jahr vorgenommen, mich um das Thema zu kümmern.

"sie?" Es ist doch ein Mädchen.

Nein, es ist die Frau, die das Mädchen mitgenommen hat.

Sie zerrte das Kind weg. Die Frau mit dem Pferdegebiss hatte sich für das kleine Mädchen mit der bunten Schleife im Haar entschieden. Ich hätte es so gern mitgenommen!
Mir blieb nicht mehr viel Auswahl. Ein Junge mit roten Haaren stand noch da. Er hatte niedliche Sommersprossen und lustige Ohren, aber seine Nase tropfte. Mich ekelte.
Dann gab es noch das Kind mit dem verunstalteten Gesicht, ich wusste nicht, ob Junge oder Mädchen – und den dünnen Bimbo-Bub.

Liest sich das nicht wesentlich aktiver?


Das tut es. Aber passt diese Ausdrucksweise dann noch zu der Person, die die Geschichte erzählt? Ich fürchte nein. So würde sich dieser Erzähler nicht ausdrücken. Es mag eine Grenzwanderung sein, über die Ausdrucksweise eines Ich-Erzählers einen Weg zu finden, sich selbst als Autor ein bisschen vom Ich-Erzähler zu distanzieren. Ich würde dabei nicht soweit gehen, die Geschichte in Mundart oder in gebrochenem Deutsch zu schreiben. Ich habe das Gefühl, die ersten Kommentatoren in diesem Thread hatten meine Abgrenzung vom Erzähler womöglich nicht deutlich genug erfasst. Was wäre geschehen, hätte ich gänzlich darauf verzichtet, zu versuchen mich sprachlich vom Erzähler zu distanzieren? Ich weiß es nicht.

Hoffentlich konnte dir mein Kommentar weiterhelfen.

Auf jeden Fall. Auch wenn ich vielleicht nicht jeden Vorschlag umsetzen werde.

Ehrlich gesagt war ich etwas enttäuscht, als du schon nach ein paar Antworten erklärend und rechtfertigend klein beigegeben

Ich selbst auch. Mich hatte nach den ersten Antworten einfach der Mut verlassen daran festzuhalten, es solle jeder seine eigene Interpretation über die Geschichte finden. Aber da ich nach zehn Jahren, die seit dem Schreiben des Textes vergangen sind, auch nicht viel mehr als ein Leser bin, war das dann auch nicht viel mehr als die Interpretation eines weiteren Lesers.

Formal und handwerklich ist es ein fader Text, der nie den Gang wechselt. Er fängt an und hört auf, da ist keine Entwicklung drin, es ist ein gleichbleibender Strom.
Schon im ersten Absatz spricht man vom "Bimbo-Jungen", dann ist er unter Drogen gesetzt und wird an einer Leine herumgeführt - und dann kommt nix mehr, es steigert sich nicht mehr.

Nun, wenn der fahrlässige Tod eines Kindes keine Steigerung zu latentem oder offenem verbal ausgedrücktem Rassismus ist..?

 
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Hallo Findur!

Ich bin es nach einigen Jahren im Internet gewohnt, dass manche Autoren unangenehme Kritiken von sich abprallen lassen. Besonders, wenn es sich um das Aufzeigen handwerklicher Defizite handelt.
Ehrlich gesagt, langsam hängt mir das zum Hals heraus!
Man setzt sich hin, schreibt Kommentare, die nicht selten länger als der Text sind, und kriegt dann keine oder eine blah-blah-Antwort.
Bestimmte Rechtschreibfehler werden fast immer mit dem Hinweis auf die alte Rechtschreibung abgeschmettert, sogar einige empfohlene Geschichten enthalten solche Fehler. Aber: auch die alte Rechtschreibung basierte auf Regeln und ist nicht vom Himmel gefallen. Warum hältst du dich also an diese?
Und: Ich erwarte von einem guten Text, dass er der aktuellen Rechtschreibung entspricht. Sonst könnte ich wie Walther von der Vogelweide schreiben und mich auf die mittelhochdeutsche Rechtschreibungordnung berufen.
Weißt du, man kann lang und breit über den Inhalt einer Geschichte dahinschwafeln, ist das jetzt rassistisch, oder nicht, oder vielleicht doch; das tut nicht weh, denn vieles davon ist und bleibt Geschmacksache. Über sprachliche Mängel hingegen, gibt es kein Herumgerede. Wenn es in einem Text von nichtsagenden Hilfsverben, Füllwörtern, überflüssigen Adjektiven oder unsauberen Perspektiven wimmelt, gefällt mir die Story eben nicht. Egal was sie mir inhaltlich mitteilen will. Das Werkzeug eines Autors ist die Sprache. Auch wenn ich ein noch so tolles Möbel im Kopf entworfen habe, mit einer stumpfen Säge wird nichts daraus. ;)
Du sagst, der Erzähler will sich ein wenig von der Handlung distanzieren? :confused:
Ich frage mich, warum du dann nicht in die dritte Person gehst, oder auktorial bleibst, wenn du keinen zu engen Kontakt zur Hauptfigur willst. Es gibt keine persönlichere, subjektivere Sicht und Erzählweise, als die Ich-Form, bzw. in erweiterter Form den Bewusstseinsstrom.
Aber da sind wir wieder beim Handwerk und darüber willst du ja nicht belehrt werden.

Nette Grüße,
Manuela :)

... die auch kein Profi ist, aber wenigstens lernfähig bleibt.

 

Es gab mal – oder gibt sie immer noch? – die Zeit, als es schick war, Kinder aus der dritten Welt zu adoptieren. Man reiste vorzugsweise nach Indien oder Nepal, ging in ein Weisenhaus und suchte sich ein Kind aus wie man sich im Tierheim einen Hund aussucht: Schön und möglichst jung sollten sie sein.

Jung deswegen, weil bei älteren Kindern die Gefahr größer ist, psychisch geschädigt zu sein. Hier offenbart sich der wahre Grund: man will nicht wirklich helfen, sondern sich mit dem Kind bzw. der vermeintlich guten Tat schmücken.

Aus dieser Geschichte hier hätte was werden können – wenn der Prot nicht so hoffnungslos belämmert wäre. Durch seine Beschränktheit – er merkt nicht, dass er das Kind physisch misshandelt -, ist er nicht identifizierungsfähig, so dass jeder Leser das sagen kann, was schon sim anmerkte: So bin ich nicht.

Gewiss muss eine Satire überzeichnen, aber sie muss sich wie jede andere Geschichte den Gesetzen der Logik beugen. So ist es einfach unlogisch, wie der Prot zu wissen, was Baldrian bewirkt, aber die Folgen davon nicht zu sehen bzw. miss zu interpretieren. Das gleiche gilt übrigens auch für das Halsband.

Bei etwas guten Willen kann man zwar erkennen, dass du eine Satire schreiben wolltest, aber heraus kam leider ein Etwas, das weder Fleisch noch Fisch ist. Wie eine Satire auf ein ähnliches Thema aussehen kann, zeigte in der Tat am besten Gerhard Polt mit seiner in Thailand gekauften Braut Mey Ling – Quinn hat es schon erwähnt.

Übrigens: bei Polt passiert es regelmäßig, dass die Zuhörer und Zuschauer seine satirisch gemeinten rassistischen Tiraden ernst nehmen und ihm bzw. dem Sender Dankesbriefe schreiben, so nach dem Motto: Endlich einer der sich traut, die Wahrheit über Schwarze, Asylanten, Arbeitslose etc. zu sagen.

Dion

 

Ich bin es nach einigen Jahren im Internet gewohnt, dass manche Autoren unangenehme Kritiken von sich abprallen lassen. Besonders, wenn es sich um das Aufzeigen handwerklicher Defizite handelt.
Ehrlich gesagt, langsam hängt mir das zum Hals heraus!
Man setzt sich hin, schreibt Kommentare, die nicht selten länger als der Text sind, und kriegt dann keine oder eine blah-blah-Antwort.

Ich glaube, Du erwartest zu viel. Man bekommt in diesem Form dadurch, dass sich andere Menschen die Zeit nehmen, ihre Gedanken zu einer Geschichte zu formulieren, schon so viel zurück. Mehr als mancher Buchautor von seinen Lesern bekommt. Wenn ich selbst Kommentare zu anderen Geschichten schreibe, dann ist das ein Dankeschön von meiner Seite dafür. Ich erwarte dann nicht, dass der andere Autor sofort seine Geschichte umschreibt und meint, sie würde durch meine Ideen und Vorschläge besser.

Ich nehme mir viel Zeit, mich mit jedem Vorschlag, den ich bekomme zu befassen und ich finde es unheimlich interessant zu sehen, wie unterschiedlich meine Geschichten aufgenommen werden. Und ich rechne es Dir hoch an, dass Du Dir die Arbeit gemacht hast, mir alternative Formulierungen vorzuschlagen. Aber am Ende muss ich selbst entscheiden, ob diese zur Geschichte passen oder nicht. Ich habe lange darüber nachgedacht und hatte nicht das Gefühl, dass die Geschichte durch diese Formulierungen besser geworden wäre. Das soll nicht Deine Fertigkeit Sätze geschliffen zu formulieren herabsetzen. Deine Sätze entsprechen sicherlich eher der Kunst des Schreibens so wie sie irgendwo vielleicht gelehrt werden kann, als meine eigenen Formulierungen. Aber ich wollte sie so nicht haben. Sie passen nicht zur Geschichte, nicht zum Erzähler und nehmen dem Text viel Eigenwilligkeit. Ja sie neutralisieren ihn geradezu. Sie machen die Geschichte normaler, standardisierter, langweiliger. Nach meinem Empfinden. Viele andere Leser würden das genau gegensätzlich sehen. Es gibt keinen Autoren-Gott der in letzter Instanz definieren kann, ob eine Geschichte durch eine Änderung besser oder schlechter geworden ist. Das kann letztenendes nur der Autor selbst machen.

Bestimmte Rechtschreibfehler werden fast immer mit dem Hinweis auf die alte Rechtschreibung abgeschmettert
, sogar einige empfohlene Geschichten enthalten solche Fehler. Aber: auch die alte Rechtschreibung basierte auf Regeln und ist nicht vom Himmel gefallen.

Ich glaube (abgesehen von möglichen Schwächen in den Kommaregeln) die Geschichte entspricht exakt der Rechtschreibung zum Zeitpunkt, als sie geschrieben worden ist. Als Update zur neuen Rechtschreibung müsste man die "ss" und "ß" aktualisieren. Wenn Du Rechtschreibfehler findest, sag einfach Bescheid. Ich werde sie umgehend ausbessern.

Und: Ich erwarte von einem guten Text, dass er der aktuellen Rechtschreibung entspricht.

Ich nicht. Ich sehe auch, dass so manches Buch, das in der alten Rechtschreibung erstveröffentlicht worden ist, bei einer Wiederveröffentlichung nicht unbedingt umgearbeitet worden ist. Selbst die Neuauflagen der Comictaschenbücher von Walt Disney, die sich ja an Kinder richten, die mit der neuen Rechtschreibung aufwachsen, haben auf der ersten Seite einen kurzen Hinweis darauf, dass die alte Rechtschreibung nicht überarbeitet worden ist. ;-)

Wenn es in einem Text von nichtsagenden Hilfsverben, Füllwörtern, überflüssigen Adjektiven oder unsauberen Perspektiven wimmelt, gefällt mir die Story eben nicht.

Damit bist Du sicherlich nicht allein und damit muss ich leben, wenn ich mich dafür entscheide, die Geschichte sprachlich ungeschliffen zu lassen. Ich lese so etwas sehr gerne. Es bringt Persönlichkeit in die Geschichte und macht die Geschichte interessanter. Ich empfehle in meinen Kommentaren bei kg.de sogar anderen Autoren so weiter zu schreiben. Ich lese zum Beispiel auch gerne Romane von Helge Schneider, die ich noch für viel "ungeschliffener" halte und die bestimmt auch nicht jedermanns Sache sind.

Ich frage mich, warum du dann nicht in die dritte Person gehst, oder auktorial bleibst, wenn du keinen zu engen Kontakt zur Hauptfigur willst.

Ich wollte jetzt schon wieder anfangen zu analysieren, warum ich das in der Geschichte gemacht habe. Vielleicht weil sie durch die Ich-Erzählung mehr provoziert, was ich dann über eine gewisse sprachliche Distanz auszugleichen versuchte, bla bla bla. Dann ist mir eingefallen, dass ich die meisten Geschichten in der Ich-Perspektive geschrieben habe. Und dann ist mir aufgefallen, dass die meisten Charaktere meiner Geschichten überhaupt keine Namen haben. Vermutlich war das der Grund. Hoffentlich werde ich niemals Vater ;-)

Aber da sind wir wieder beim Handwerk und darüber willst du ja nicht belehrt werden.

Gute Ratschläge sind bei mir sehr gut aufgehoben und ich lerne ständig dazu. Nur hänge ich mein Fähnlein nicht nach jedem Windzug, der von irgendeiner Seite weht. Du wirst in diesem Forum zu jedem Ratschlag auch ein Mitglied finden, das sich genau das Gegenteil wünscht. Was bliebe von einer guten Geschichte dann noch übrig?

 

Bei etwas guten Willen kann man zwar erkennen, dass du eine Satire schreiben wolltest, aber heraus kam leider ein Etwas, das weder Fleisch noch Fisch ist.

Wird eine Geschichte besser dadurch, dass sie exakt in eine der Schubladen passt? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall.

 

Hi Findur, und friedvolle Grüße!

Du bist der Autor, und du hast das letzte Wort darüber, was du annimmst und was nicht. Selbstverständlich respektiere ich deine Einstellung.

Lieben Gruß,
Manuela :)

 

Für wie dumm hältst du uns eigentlich?

Nur hänge ich mein Fähnlein nicht nach jedem Windzug, der von irgendeiner Seite weht.

Wird eine Geschichte besser dadurch, dass sie exakt in eine der Schubladen passt? Ich denke, das Gegenteil ist der Fall.
Falls es dir entfallen sein sollte, findur: Es geht hier nicht um Windzüge oder Schubladen, sondern um schlichte logische Fehler, die jedem halbwegs verständigen Leser auffallen, aber nicht immer dem Autor, den der ist manchmal blind für Solches. Dass du das mit dem Baldrian und dem Halsband nicht korrigieren willst, ist allerdings jetzt, nachdem du davon Kenntnis bekommen hast, bestenfalls eine Missachtung der Leser.

 

Falls es dir entfallen sein sollte, findur: Es geht hier nicht um Windzüge oder Schubladen

Ich habe etwas Probleme mit Deiner "Argumentation" und verstehe nicht ganz, was Du mir wirklich sagen möchtest. Du hattest davon gesprochen, die "Geschichte lasse Ansätze einer Satire erkennen, sei aber weder Fisch noch Fleisch" und ich stimme Dir darin zu, dass auch ich die Geschichte in keine Schublade stecken möchte und auch nicht denke, dass Geschichten dadurch besser werden, wenn man sie so schreibt, dass sie in eine Schublade passen. Nun schreibst Du, „es ginge nicht um Schubladen“ (?) und bezichtigst Du mich, ich würde Dich für dumm halten wollen. Sag mir doch einfach, was Du tatsächlich gemeint hast, falls ich Dich falsch verstanden haben sollte. Das ist konstruktiver als solche Unterstellungen.

Dass du das mit dem Baldrian und dem Halsband nicht korrigieren willst

Beschreib mir mal konkret, was Du ändern würdest? Sollen wir der Geschichte die Überzeichnung nehmen? Natürlich würde sich kein Mensch so verhalten wie der Mann in der Geschichte. Aber diese Überzeichnung ist doch das wichtigste an diesem Text, sonst hätte es rein gar nichts mehr von einer Satire. Natürlich ist der Text keine logisch nachvollziehbare Tatsachenbeschreibung. Und hierin siehst Du einen handwerklichen Fehler? Und es soll eine „Missachtung eines Lesers“ sein, wenn ich einer solchen Argumentation nicht folgen kann?

 

Du bist der Autor, und du hast das letzte Wort darüber, was du annimmst und was nicht. Selbstverständlich respektiere ich deine Einstellung.

Danke. Und ich finde Deine Gedanken zu der Geschichte sehr interessant, auch wenn ich sie über weite Strecken nicht teilen konnte.

 

Beschreib mir mal konkret, was Du ändern würdest?
Übertreiben muss man, sonst kann es keine Satire geben. Doch die innere Logik muss einer Nachprüfung standhalten.

Konkret bedeutet das - Zitat:
Ein paar gedrückte Laute kamen aus seiner eng geschnürten Kehle. Das war verständlich. Der Kleine war noch etwas ängstlich und all die vielen fremden Dinge in meiner Wohnung mußten ihn doch arg nervös gemacht haben. Ich hatte so etwas schon befürchtet und ein großes Glas voll Baldrian vorbereitet. Das Schlucken fiel ihm etwas schwer.

Der Prot merkt die eigentliche Ursache, handelt aber nicht bzw. falsch. Hier würde ich die erste fett gekennzeichnete Stelle streichen, so dass die anschließende Behandlung mit Baldrian als sinnvoll erscheinen kann – man kann sich ja mal irren. :D

Allerdings sollte dann angefügt werden, dass er keine Erfahrung damit hat, anstatt der zweiten fetten Stelle vielleicht so:
Ich hatte so etwas schon befürchtet und gab ihm Baldrian zu trinken, gleich aus der Flasche, schließlich meinte schon meine Oma – Gott hab sie selig -, es gäbe zur Beruhigung nichts Besseres.

Das wär’s.

 
Zuletzt bearbeitet:

Also als Satire möchte ich deine Kurzgeschichte auch nicht bezeichnen wollen, selbst aller dünkelster schwarzer Humor wäre untertrieben. Zwar ist dein Schreibstil sicher und solide, jedoch glaube ich bist du ein wenig zu - im Mangel eines besseren Wortes- hart bist.
Trotzdem besteht bei mir Interesse mehr von dir zu lesen.

Viele Grüße!

 

Ich habe eine "Special Edition" der Geschichte erstellt, in der alle Vorschläge aus kg.de integriert worden sind, die in die neue Rechtschreibung konvertiert worden ist und natürlich mit neuen Special Effects, die in der Zeit, als die Geschichte entstanden ist, technisch noch nicht möglich gewesen sind ;-)

Ich würde mich freuen, wenn auch die Originalversion, die ich nunmal liebgewonnen habe, bestehen bleibt. So kann jeder Leser (falls sich jemand noch so viel Mühe machen will - Weihnachten ist ja inzwischen vorbei) selbst entscheiden, welche Version er favorisiert.

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Ein Kindlein unterm Weihnachtsbaum (Special Edition)

Sie zerrte das Kind weg. Die Frau mit dem Pferdegebiss hatte sich für das kleine Mädchen mit der bunten Schleife im Haar entschieden. Ich hätte es so gern mitgenommen!
Mir blieb nicht mehr viel Auswahl. Ein Junge mit roten Haaren stand noch da. Er hatte niedliche Sommersprossen und lustige Ohren, aber seine Nase tropfte. Mich ekelte.
Dann gab es noch das Kind mit dem verunstalteten Gesicht, ich wusste nicht, ob Junge oder Mädchen – und den dünnen Bimbo-Bub.
"Aus Afrika?", wollte ich wissen.
Der Wärter schüttelte den Kopf. "Nein, das glaube ich kaum. Wir haben ihn an der Autobahnraststätte gefunden. Wahrscheinlich ein US-Army Kind."
"Army, heh?"
"Kein Problem, mein Herr. Er hat bereits Erfahrung und ist nicht schwer zu führen. Letztes Jahr war man sehr zufrieden mit ihm."
"Nun, die Auswahl ist ja nicht mehr groß." Es war bereits vierzehn Uhr. "Die Schnäppchen sind wohl schon alle weg."
Der Wärter verzog die Augenbrauen. "Ach, sagen Sie soetwas nicht. Negerbuben sind recht beliebt. Stellen Sie sich doch mal vor: Der Kleine unter Ihrem Tannenbaum. Das hat doch etwas ungeheuer Soziales."
Ich willigte ein.

"Sehen Sie, wenn Sie ein bisschen an der Leine rucken, dann folgt er Ihnen ganz von selbst." Der Bub trottete hinter dem Wärter her. "Hier nehmen Sie." Er gab mir die Leine.
Ich ging ein paar Schritte zu meinem Auto hin. Der Junge folgte mir wie von alleine.
"Sehr gut machen Sie das."
"Und wenn er plötzlich stehen bleibt?"
"Mein Gott, der Bub wiegt doch nichts. Den können Sie überall hin mitschleifen."

Ich öffnete die Autotüre und schob den Jungen auf den mit Zeitungen ausgelegten Sitz. Er leistete nicht viel Widerstand und setzte sich in Fahrtrichtung. Eigentlich hätte ich ihm auch den Gurt anlegen müssen, aber ich war froh, dass soweit schon alles so gut gegangen war und wollte es nicht beim erstenmal nicht übertreiben.
Ich fuhr los.
Die Fahrt verlief recht unproblematisch. Er blieb ruhig sitzen und fasste nichts an. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er die Zeitungen beschmutzte. Auch sein Körpergeruch war erträglich. Ich konnte mir zunehmend vorstellen, dass der Junge gebadet und mit Drogen ruhiggestellt worden sein konnte. Der Service war zufriedenstellend.
Als der Junge aussteigen sollte, wurde er ein bisschen bockig. Als ich an der Leine zog, drehte er den Kopf zur Seite und blieb sitzen. Schnell ruckte ich an der Leine und beförderte den Jungen aus dem Wagen. Als kleine erzieherische Maßregel zog ich das Halsband etwas enger an. Der Junge schnappte ein bisschen nach Luft, folgte mir dann aber bereitwillig in die Wohnung.
Gerne hätte ich den Buben einfach im Wohnzimmer abgestellt, um den Tannenbaum aus dem Schuppen zu holen, aber dann hätte ich damit rechnen müssen, ihn niemals wieder zu sehen und die ganze Mühe, die ich mir mit ihm gemacht hatte, wäre umsonst gewesen.
Als ich die Leine an der Heizung anbinden wollte, begann der Junge zu zappeln. Ein paar gedrückte Laute kamen aus seiner eng geschnürten Kehle. Das war verständlich. Der Kleine war noch etwas ängstlich und all die vielen fremden Dinge in meiner Wohnung mussten ihn doch arg nervös gemacht haben. Ich hatte so etwas schon befürchtet und gab ihm Baldrian zu trinken, gleich aus der Flasche, schließlich meinte schon meine Oma – Gott hab sie selig -, es gäbe zur Beruhigung nichts Besseres. Das Schlucken fiel ihm etwas schwer.

"Nun schau mal, was ich hier habe", sagte ich, als ich den Tannenbaum ins Wohnzimmer schleppte. "Ooooh! Ein Tannenbaum!"
Der Junge saß an die Heizung gelehnt und blickte mit verdrehten Augen zur Decke.
"Na guck doch mal, wie schön der ist!"
Der Junge reagierte nicht. Mit einem Paar strahlender Kinderaugen hatte ich in diesem Moment schon gerechnet. Ich begann zu verstehen, dass sich die Augen von schwarzen Kindern nicht besonders zum Strahlen eigneten.
"Na dann wollen wir mal anfangen, den Baum zu schmücken." Der Bengel starrte weiter apathisch zur Decke. Sein Gesicht hatte eine dunkelgrüne Farbe angenommen. Ich ließ mich nicht provozieren und öffnete die Schachtel mit den Weihnachtskugeln. "Ooooh, wie schön die funkeln."
Das Lametta hatte einen lila Farbton. Das verlieh dem Baum etwas geradezu spirituelles und bildete einen lustigen Kontrast zu den blauen Elektrokerzen.
"So, jetzt schau aber mal her." Ich schaltete die Kerzen ein. "Das ist doch mal ein Anblick. Na was sagst du?"
Als ich zur Heizung blickte, stellte ich fest, dass der Junge inzwischen mit dem Rücken auf dem Fußboden lag. Anstelle mir zu antworten, gab er ein heiseres Röcheln von sich. Meine Geduld war aufs Äußerste strapaziert. Ich löste die Leine von der Heizung, packte ihn und setzte ihn unter den Tannenbaum. Mehr konnte ich nicht mehr tun. Er kippte zur Seite und legte sich aufs Ohr.

Ich hatte aufgehört, mich zu ärgern. Mit einem Gläschen Wein und einem Teller voller Weihnachtsgebäck machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich. Ein wenig Licht im Dunkel des Lebens dieses Buben hätte es werden sollen, aber mir wurde immer bewusster, dass das schwachsinnige Kind sein Schicksal nicht anders verdient hatte. Wäre es mein Sohn gewesen, ich hätte ihn ebenfalls an der Autobahnraststätte abgesetzt.
Ich legte eine Cassette mit Weihnachtsmusik in den Rekorder und schenkte mir ein weiteres Glas ein. Ich ging nicht mehr davon aus, dass der Junge dazu zu bewegen gewesen wäre, selbst ein Liedchen anzustimmen. "Was habt ihr überhaupt für Weihnachtslieder in Afrika?" Es war mir längst egal.

Es war dem Wein zu verdanken, dass trotzdem ein wenig sentimentale Weihnachtsstimmung aufkommen konnte. Als mir das süße Weihnachtsgebäck überdrüssig geworden war, nahm ich den Teller und legte ihn vor den Jungen unter den Tannenbaum. Es war ein so armselig dünnes Bimbo-Kind. Sollte auch er sich einmal richtig sattessen.
Er aß nicht. Schüchtern blieb er unter dem Tannenbaum liegen.
Da wurde es mir warm ums Herz. Ich brach einen Keks in kleine Teile, tunkte ihn in den Wein und fütterte den armen Wurm. Er konnte sein Glück kaum fassen, nagte und saugte ein bisschen an dem Gebäck und schob es mit der Zunge wieder aus dem Mund, so dass es langsam an seinem Kinn hinunterschleimte und dann zu Boden fiel. Das konnte meine Weihnachtsstimmung nicht mehr trüben. Mir wurde klar, was die selbstlose Liebe eines Erwachsenen für ein Kind bedeuten konnte. Wäre er kein schwarzes Kind gewesen, ich hätte ihn drücken können.

"Und, hat Ihnen der Junge Freude bereitet?"
"Das kann man wohl sagen. So ein Bimbo-Kind unter dem Tannenbaum macht wirklich sehr viel Weihnachtsstimmung."
"Na, sehen Sie", der Wärter lächelte. "Was habe ich Ihnen gesagt."
"Ich glaube, man muss es einfach selbst erlebt haben, was Kinder einem für eine Freude bereiten können."
"Mit Sicherheit, so wird es sein."
Voller Vorfreude dachte ich bereits an das nächste Jahr. "Kann ich ihn für das kommende Weihnachtsfest schon einmal reservieren lassen?"
Der Wärter blickte ein wenig verstohlen zur Seite. "Ich fürchte, das wird kaum möglich sein." Er faltete seine Hände. "Aber mit Sicherheit lässt sich ein anderes Negerkind für Sie finden."
"Wissen Sie, ich habe ihn aber schon so richtig ins Herz geschlossen.", entgegnete ich.
"Sie werden den Unterschied kaum merken. Bei den Negern ist ein Kind wie das andere."
Ich rieb mir die Hände. "Nun gut", sagte ich. "Abgemacht!"

 

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