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Die Wolken ziehen weiter
Die Wolken ziehen durch Münchens Straßen wie schmutzige Fetzen. Das flackernde Kunstlicht zeichnet dunkle Schatten auf den Beton, Autos fahren mit grell blendenden Lichtern. Es ist mitten in der Nacht. Aus den U-Bahnschächten strömt es warm.
Sie steht vor einem der grauen Gebäude. Klein sieht sie aus, verloren auf dem Bürgersteig. Nur hin und wieder die Autos. Sie friert.
In der schäbigen Wohnung im vierten Stock schaltet er den Fernseher ein. Aus den Lautsprecherboxen kommt ein Kreischen. Berge von Kleidung, schimmelndes Geschirr. Der Fernseher flimmert. Das Bier zischt. Leere Flaschen.
Sie blickt hinauf, zu dem Fenster im Vierten. Ein blauer Schimmer hinter dem Fenster ohne Vorhänge. Sie friert. Was soll sie ihm sagen? Deine Tochter möchte dich sehen.
Er schaltet den Fernseher wieder aus. Ruhe. Wie es ihr geht?
Ein vorbeifahrendes Auto erhellt kurz ihr Gesicht. Die Schrammen sind immer noch geschwollen. Vorsichtig streicht sie über den Flaum des Kindes, das sie in einem Tuch vor der Brust trägt. Es regt sich nicht, schläft trotz der Kälte, die sie langsam zum Zittern bringt.
Er reißt sich ein weiteres Bier auf. Denkt an den Streit vor drei Nächten. Er blickt auf seine Hände, die die Dose halten. Die gleichen Hände, die sie vor ein paar Tagen an die Kanten des Tisches gestoßen und ihr Gesicht geprügelt haben. Das Schreien des Kindes. Ihr tonloses Weinen. Die leere Wohnung danach und die Stille.
Sie blickt erneut hoch zu der schmutzigen Fensterscheibe. Nur noch schwaches Licht dringt aus dem Raum und wirft ein gelbes Rechteck auf den Beton. Sie fühlt ihr Gesicht. Ihre Wangen und die Stirn. Versucht, die Zärtlichkeit seiner Hände zu empfinden, die noch vor wenigen Wochen ihre Haut berührt hat. Die Erinnerung kommt nur langsam. Immer wieder muss sie die Fäuste aus ihren Gedanken schieben.
Die Stille. Und die Angst. Angst wovor, fragt er sich.
Das Kind wimmert. Leise fängt sie an, ein Lied zu summen, schaukelt das kleine Bündel Mensch, erst wenige Wochen alt, vor ihrem Körper.
Seine zarte Stimme an ihrem Ohr, seine Freude, als er seine Tochter zum ersten Mal halten konnte. Sein junges Lachen.
Angst… er sitzt da, den Kopf aufgestützt. Die Bilder vor seinen Augen verschwinden nicht. Ihre verschreckten Augen. Das Kind, mit verschwollenem Gesicht schreiend und nach Luft schnappend. Die Haarbüschel auf dem Dielenboden. Seine Hände… immer wieder seine Hände.
Und das Kind… sein Kind.
Sie beißt sich auf die Lippen. Eine stake Windbö treibt alte Blätter an ihr vorbei und eine zusammengedrückte Dose. Die Luft ist nass. Das Kind beruhigt sich nicht, beginnt zu weinen.
Sie denkt an die gemeinsamen Stunden, die kleinen Ausflüge, an seinen und ihren Stolz auf dieses gemeinsame Kind, als sie einen Namen aussuchten.
Margit hatten sie sie genannt. Seine Tochter. Ihre Tochter.
Er steht auf. Wo war sie hingegangen, als sie die Tür zugeworfen hat, mit dem weinenden Kind im Arm, mit nichts außer der Kleidung am Leib?
Er geht zum Fenster, blickt in die Nacht. Nebel zieht vorbei, die Neonbeleuchtung flackert kalt.
Ein Schatten am Fenster. Das Kind schreit laut, Hunger und Kälte lassen den kleinen Körper zittern.
Wie schlimm ist Hunger, wie schlimm Kälte, wie schlimm sind die Schläge? Unsicher drückt sie auf die Klingel.
Das Summen lässt ihn zusammenzucken. Er wendet sich ab vom Fenster, weg von den dunklen Schatten, den fragenden Gedanken. Öffnet die Türen. Wartet.
Zögernd betritt sie das modrige Stiegenhaus. Steigt die Treppen hinauf, bis in den Vierten. Margit weint.
Sie sieht ihn im hellen Türrahmen stehen. Kann die Erinnerungen an diese Nacht nicht verdrängen. Angst.
Angst. Er sieht ihr geschwollenes Gesicht. Hört das leise Weinen. Möchte auf seine Hände blicken, die alles zerstören konnten, vor ein paar Tagen…
Es fällt kein Wort. Unsichere Blicke. Zögernd schiebt sie sich schließlich an ihm vorbei in die kleine Wohnung. Das Kind schluchzt noch leise, als hinter ihnen die Türe ins Schloss fällt.