Mitglied
- Beitritt
- 13.07.2017
- Beiträge
- 563
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 31
Die Verbeugung
Vor ihm würde er sich so tief verbeugen, wie nie zuvor im Leben. Bis die Nase die Knie berührt. Mit glühenden Wangen sitzt Yun in der U-Bahn. Sein Brustkorb füllt sich mit Wärme, ehe ein Krächzen in der Tonbandschleife über Errungenschaften und Republikfeinde ihn aus dem Tagtraum reißt. Yun hetzt zur Tür. Auf dem Weg vom U-Bahnhof zum Eisstadion schmerzt der rechte Fuß wieder. Niemals würde er gegenüber dem Trainer oder den anderen ein Wort darüber verlieren. Sie sollen nicht befürchten, dass er an ihrem wichtigsten Tag scheitert.
Als er die Tür zur Eishalle aufstößt, sind alle Deckenlichter aus. Normalerweise ist der Strom in dem Stadtteil um diese Zeit schon wieder angestellt. Ihm genügt das einfallende Tageslicht. Die Halle ist leer. Einen Moment lang steht Yun an der Bande und spurt mit seinem Blick die Furchen vom gestrigen Training nach. Er wärmt sich auf, läuft ein paar Runden auf dem Eis, setzt sich auf eine der altersschwachen Bänke und schaut zur Uhr über dem Eingang. Ohne die Anweisungen seines Trainers kann er nicht beginnen. Die Füße liegen schwer auf der Gummimatte, kleine Pfützen bilden sich unter ihnen.
In den Umkleideräumen hört er die Stimmen der anderen Sportler. Auf seine Fragen hin blinzeln sie verlegen und kramen in ihren Sachen. Einer von ihnen poltert heraus, dass Yun den Trainer nicht wiedersehen werde, weil dieser in die Berge geschickt worden sei. Die anderen strafen ihren Freund mit scharfen Blicken ab.
Yun verlässt mit der Sporttasche in der Hand die Eishalle, sich der Bedeutung der Aussage bewusst, die man nur leise, hinter vorgehaltener Hand ausspricht. Dennoch ergibt es für ihn keinen Sinn. Die U-Bahn ist so früh vor dem regulären Schichtende seltsam leer, die weiten Plätze vor den großen Statuen vereinsamt. Den restlichen Tag weiß Yun nichts mit sich anzufangen. Er könnte seine Eltern besuchen. Sie haben sich schon lang nicht mehr gesehen. Besser nicht. Die beiden würden sich bloß Gedanken über sein versäumtes Training machen.
In der Nacht steht Yun ganz oben. Der Stolz nimmt ihm fast den Atem. Doch niemand sonst ist da, bei dem Dreistufenpodest inmitten der tiefgrün leuchtenden Reisfelder. Yun sieht einen Reiher durch die Luft gleiten, in manchen Nächten ist er selbst der Reiher, und hört die Zikaden. Dann wird das Zirpen dumpfer und lauter. Schlaftrunken öffnet er die Tür. Zwei Uniformierte fordern Yun auf, ihnen zu folgen. Er widerspricht nicht.
Die trockenen Lippen reißen auf, als Yun sie aufeinanderpresst. Sechs Tage fristet er bereits in dieser Zelle mit einer Liege und einem schmalen Fenster. Der breit gefächerte Riss an der Wand erinnert ihn an den Straucheibisch vor dem Haus seiner Eltern. Das Einkommen vom Vater reichte aus für einen Kühlschrank, einen Fernseher und die ersten Schlittschuhe. Der kostbarste Besitz der Familie war die Parteimitgliedskarte des Vaters. Yun springt auf, als ein Staatsbeamter die Zelle betritt. Er teilt Yun mit, dass sein Prozess am gestrigen Tag stattgefunden habe.
Ihm werde gemeinschaftliche Planung zur Republikflucht vorgeworfen. Die heruntergeratterten Worte überschlagen sich auf dem Weg von Yuns Ohren in seinen Kopf. Der Tatbestand gelte durch Zeugenaussagen und das Geständnis des Trainers als erwiesen. Yun schmeckt Blut. Noch am selben Tag werde er die Strafe von sieben Jahren Arbeitslager antreten.
Yun steht kerzengerade und sagt nichts. Sein Atem verlässt stoßweise die Nase. Er starrt durch die Gitter seiner Zellentür auf die großen Porträts am Ende des Flurs.