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Die Treppe
Hettys und Sophias Lachen hallte durch den Flur. Die beiden Mädchen spielten fangen und kreischten jedes Mal, wenn sie sich berührten oder knapp entkamen. Hetty rannte die geschwungene Treppe hinunter, so schnell sie konnte.
Sie kannte jede einzelne der alten Holzstufen, die unter ihren Füßen entlang flogen. Die dritte Stufe von oben knarzte am lautesten, die folgenden zwei quietschten leise, wenn man in die Mitte trat, am Rand aber konnte man ungehört entlang gehen. Im Mittelteil der Treppe stand die Kante des alten Sisalteppichs hoch und man musste vorsichtig sein, nicht mit der Schuhspitze darunter hängen zu bleiben, wenn man versuchte, die Treppe schneller hinunterzulaufen als all die Male zuvor.
Weiter unten gab es ein loses Brett, das nur vom Teppich gehalten wurde. Die Kanten waren abgesplittert und wenn die Socken auf dem Weg nach oben dort hängenblieben, fiel man auf die nächste Stufe und schlug sich das Knie an. Auf dem Weg nach unten durfte man dort nicht hängen bleiben. Hetty hatte sich jede Eigenheit jeder einzelnen Stufe eingeprägt. Sie konnte ohne den kleinsten Laut die Treppe hinauf und hinunter schleichen.
Doch jetzt spielte das keine Rolle und ihre Finger hüpften über das Geländer, ihre Schwester sechs Stufen hinter ihr. Am Fuß der Treppe drehte sich Hetty nach Sophia um und ging ein paar Schritte rückwärts, bis sie mit dem Rücken an der alten Tür mit dem Glasausschnitt stand, die die Halle vom Windfang trennte. Sie mochte das gelbe Glas mit dem kleinen Wirbelmuster. Wie ein kleines, gelbes Meer, dass alles in seinen Strudeln verschlucken konnte, was man hineinwarf.
Sie ließ Sophia auf Armeslänge herankommen, drehte sich dann um und lief weiter.
Sophias kleine Finger streiften durch Hettys dunkles Haar.
„Hab‘ dich“, quiekte sie.
„Nein, Haare gelten nicht“, rief Hetty ihr über die Schulter zu und lief in einem Bogen um sie herum. Sophia stoppte und ihre Augen funkelten: „Doch!“
„Okay“, antwortete Hetty schnell. Sie gab ihrer kleinen Schwester ein paar Sekunden, die Antwort zu erfassen und wegzulaufen. Sophia rannte ins Wohnzimmer, Hetty lachend hinterher: „Ich krieg dich.“
Hetty folgte Sophia um die kleine Wand, die das Esszimmer vom Wohnzimmer trennte und hielt dann abrupt an. Sophia stand hinter ihrem Vater und hielt sich an seinem Hosenbein fest. Hetty schaute ihre Schwester an und dann hoch zu ihrem Vater. Er war objektiv gesehen nicht besonders groß, doch Hetty musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu schauen. Seine dunklen Augen und sein beinahe schwarzer Vollbart schauten auf sie hinab. Hetty schaute auf ihre Schuhe.
Er drehte sich zu Sophia um: „Spielt ihr schön?“
Sophia grinste ihn an: „Ja. Hetty muss mich fangen. Ich hab‘ sie getickt, weil ich viel schneller bin als sie und jetzt kann sie mich nicht kriegen, weil ich auch schlauer bin.“
Er lächelte sie an: „So, so.“
Er machte eine kleine Pause: „Ich bin mir ganz sicher, dass das so ist.“
Dann drehte er sich zu Hetty: „Ich will nicht, dass ihr im Haus tobt.“
Hetty atmete aus und ihr Blick wanderte von ihren Schuhen hin zu ihrer Schwester, die sich immer noch an der Jeans ihres Vaters festhielt und abwechselnd links und rechts an ihm vorbei zu Hetty sah.
„Hast du mich gehört?“ fragte ihr Vater. Hettys Schultern berührten wieder die Unterkante ihres Bobs.
„Ja“, flüsterte sie.
Ihr Vater nahm Sophia auf den Arm und ging mit ihr hinüber zum Sofa. Er setzte sie neben sich und schaltete den Fernseher an. Hetty folgte ihnen und setzte sich auf die zweite Couch, die im rechten Winkel zu ihrem Vater und ihrer Schwester stand. Das helle Leder hatte einige Kratzer und war auf den beanspruchten Flächen glatter als an den übrigen Stellen. Der Mahagoni-Tisch glänzte, hatte aber auch bereits einige Kerben. Für einen Couchtisch war er recht hoch.
Immer wenn Hetty allein auf dem Sofa saß, zog sie die Klappe mit dem Fuß zu sich heran und ließ sie dann gegen das Tischbein fallen. Der Lack an der Kante der Klappe war abgesplittert und das raue Holz zeigte sich genau über die Breite des Tischbeins. Jetzt saß sie auf dem anderen Sofa. Sie hätte ihre kleine Routine aber auch nicht im Beisein ihrer Eltern gewagt.
Hetty schaute nicht zum Fernseher, sondern an sich hinab. Sie rutschte, kaum merklich, aus ihrer Sitzposition weiter nach unten. Immer nur ein ganz kleines Stückchen. Immer weiter bis ihre Fußspitzen den Querbalken unter dem Tisch berührten. Sie tippte abwechselnd mit den Fußspitzen auf den Balken. Ganz leise, so dass es niemand hörte. Sie lächelte.
Sophia lachte und giggelte, während die animierten Figuren über den Bildschirm hetzten, sich gegenseitig mit Holzbrettern schlugen oder den Abgrund hinunter stürzten. Sie klatschte in die Hände und warf sich zur Seite. Hetty schaute aus dem Augenwinkel zu ihrer Schwester hinüber, ohne sonst irgendein anderes Körperteil zu bewegen. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so gesessen hatte, als ihr Vater aufstand und hinaus ging. Durch die Glastür konnte Hetty beobachten, dass er in Richtung Küche ging.
Sophia sprang auf das Sofa und rief: „Du musst mich fangen!“
„Nein, wir sollen nicht toben“, antwortete Hetty leise.
„Aber du bist dran. Du musst mich fangen,“ rief sie aufgeregt.
„Nein.“
„Aber du bist dran.“ Sophia stampfte wütend mit dem Fuß auf: „Ich will jetzt spielen.“
„Nein, Papa hat gesagt, wir sollen nicht toben.“ Hetty wurde lauter.
Sophia kletterte über die Lehne des Sofas zu Hetty hinüber und schlug Hetty mit der flachen Hand auf den Arm. „Du bist.“
Dann sprang sie vom Sofa und rannte zur Tür in die Halle. Hetty stand auf und lief hinter ihr her. Sie hörte Sophia lachen und rufen: „Fang mich doch!“
Hetty lachte: „Ich krieg dich“.
Sophia schaute nach hinten, um zu sehen, wie dicht ihre Schwester hinter ihr war. Sie lief weiter Richtung Treppe. Die alte Kommode mit ihren Löwenfüßen stand schon so lange in der Halle, wie die beiden Schwestern sich erinnern konnten. Sophia machte einen Schritt nach rechts. Nur einen kleinen. Sophias und der Löwenfuß berührten sich nur kurz. Ganz kurz. Aber lang genug, um sie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ihr Lachen verstummte, als sie fiel. Sie war viel zu nah an der Glastür zum Windfang. Sie fiel durch die alte Glastür und die Scheibe zersplitterten in alle Richtungen. Sophia schrie und das Blut lief über ihr Gesicht. Hetty war in drei Schritten bei ihr und beugte sich über sie.
„Nicht so laut, sonst kriegen wir Ärger“, flüsterte Hetty. Sie versuchte ihrer Schwester aufzuhelfen, aber Sophia schrie und weinte. Hetty versuchte, Sophia zu beruhigen und sie aus den Scherben zu heben, als sie am Arm gepackt und zur Seite gerissen wurde. Hetty fiel hin. Sie sah ihren Vater, wie er sich neben Sophia kniete und sie mit Leichtigkeit hochhob. Er hielt sie in einem Arm. Mit der anderen Hand zerrte er Hetty hoch und hinüber zur Treppe auf die fünfte Stufe von unten. Die mit dem losen Brett. Hetty spürte die abgesplitterte Kante unter ihrer Hand. Sie drückte ihre Hand fest auf das Brett und spürte, wie sich die Holzsplitter in ihre Handfläche bohrten.
„Ich hab‘ gesagt, ihr sollt nicht toben. Warum kannst du nicht einmal machen, was man dir sagt?“ Seine Stimme dröhnte durch die Halle.
Er drehte sich um: „Nimm den Autoschlüssel.“
Hetty wollte aufstehen und zum Auto rennen. Sie mussten schnell ins Krankenhaus fahren. Sie mussten los.
„Du nicht.“ Die Hand drückte sie zurück auf die Stufe.
„Du bleibst hier sitzen und wartest. Und wehe du rührst dich vom Fleck.“
Hetty weinte nicht. Sie konnte die Angst fühlen, die sich in ihrem Körper ausbreitete. Von der Mitte bis in die Finger, die Zehen und ihren Kopf. Nach jedem Atemzug hielt sie die Luft an, ohne es zu merken. Wie eine Statue saß sie auf der Stufe und wartete.
Der Schmerz in ihrer Handfläche war längst verklungen und das Blut getrocknet. Sie dachte darüber nach, auf die linke Seite der Treppe zu rutschen. Dann könnte sie ihren Kopf an die Wand lehnen. Aber noch viel wichtiger, sie könnte ihre linke Hand auf die andere, ebenfalls abgesplitterte Seite des losen Bretts legen. Dann könnte sie das Holz und die raue Kante in ihrer Handfläche fühlen. Die Splitter wären eine willkommene Ablenkung vom Schmerz. Aber sie wagte es nicht, sich zu bewegen.
Sie saß dort und blickte auf das Loch in der Scheibe und die Scherben auf dem Boden. Sie bewegte sich nicht. Starr sah sie auf die Muster, die die Glassplitter bildeten und auf die Muster, die das Licht durch das Loch in der Scheibe auf den Boden warf. Die Muster begannen, sich zu bewegen und zu tanzen. Sie verschmolzen miteinander, verknoteten und umschlungen sich, bis sich ein Ball aus gelbem Glas gebildet hatte, der langsam in der Dunkelheit verschwand. Sie wachte nicht auf, als sie ins Bett getragen wurde und ihre Mutter sie zudeckte.