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Die Mission

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24.09.2000
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Die Mission

Sechs Schuss

Bitte nur zu Vergleichszwecken lesen. Die aktuelle Version befindet sich hier.


Die Mission

Der dritte Schuss traf endlich und das Blut des Feindes klatschte an die Wand. Es erinnerte Michael an das Geräusch aus seiner Kindheit, als er mit seinen Freunden im Wasser geplanscht hatte. Doch nun gab es keine Zeit zum Träumen. Er hatte noch drei Schuss in seiner Pistole und musste fliehen.
Chaos kam auf. Niemand konnte so richtig fassen, was gerade geschehen war. Ein paar Kinder rannten schreiend in dem Zimmer umher, ihre Kopfe wurden durch das Brüllen knallrot und Tränen liefen ihnen die Wangen hinunter. Andere saßen einfach nur da und glotzten ihn mit großen Augen an. Einige wenige lachten. Es war nicht leicht für sie zu verstehen, was da gerade vor sich ging, schließlich waren sie, im Gegensatz zu ihm, Kinder und keine Geheimagenten.
Michael lief zur Tür. Ein Mädchen stellte sich ihm in den Weg. Auf ihrem geröteten Gesicht sah er spuren von Tränen und in ihren Augen war Abscheu. So jung und schon so viel Hass, dachte Michael.
„Du hast sie umgebracht“, sagte die Kleine mit zitternden Lippen und bebender Stimme. Kurze Zeit erinnerte sie ihn an Jenny, das Mädchen, das in der Schule eine Reihe vor ihm gesessen war. Sie hatte auch rotes Haar und zwei Zöpfe gehabt. Kurz sah er sie vor sich, dann verschwand sie wieder. Er hatte keine Zeit für Erinnerungen.
Er stieß das kleine Mädchen zur Seite, hoffte sie hatte sich beim Sturz nicht zu sehr verletzt und stürmte aus dem Zimmer. Bei einem Einsatz eines Geheimagenten durften nicht zu viele Unschuldige verletzt werden.

Draußen befand sich ein Gang. Es war düster und Michael konnte Staub in den Sonnenstrahlen, die durch die wenigen Fenster hineinfielen, tanzen sehen. Und es war still. Zu still und nicht stimmig mit der Situation, mit dem Krieg, der hier ablief.
Geduckt ging er den Flur entlang, robbte unter den Fenstern vorbei, damit er von draußen keinen feindlichen Schuss abbekam und machte an der Ecke halt. Er atmete schwer vor Aufregung, versuchte aber seinen Atem unter Kontrolle zu halten. Schweiß rann ihm die Stirn hinunter und sein Mund war trockener als die Wüste draußen. Er hasste den Häuserkampf, aber er war im Krieg und musste sich mit der Situation abfinden.
Langsam lugte er um die Ecke. Wenn sich ein Scharfschütze irgendwo dahinter versteckte und auf ihn wartete, dann würde er jetzt sterben. Zentimeter für Zentimeter bewegte er seinen Kopf um die Kante der Mauer. Wenn er jetzt einen Schuss vernehmen würde, dann wäre es vorbei. Dann wäre er hinüber. Aber er wäre bei einem Einsatz gestorben. Gestorben wie ein Mann, nicht wie ein Kind, wie ein kleiner, fetter Junge.
Minuten verstrichen. Er bewegte sich ganz langsam und schließlich konnte er um die Ecke sehen. Es war niemand da. Erleichtert atmete er aus. Plötzlich öffnete sich hinter ihm eine Tür.
Ein Mann trat heraus und zuerst glaubte Michael, er habe ein Lineal in der Hand, eines, mit dem Lehrer Linien an die Tafel zeichneten. Er erinnerte sich an seinen Mathe Lehrer und wie er von diesem als Schüler wegen fehlenden Hausübungen oder sonstigen Kleinigkeiten immer angeschrieen worden war. Wenn er doch wüsste, welche Taten der Kleine von damals heute für die Welt vollbringt. Er würde staunen.
Michael schüttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich wieder auf seinen Einsatz. Der Mann der aus der Tür heraustrat, war mit einem Maschinengewehr bewaffnet und richtete es auf Michael. Er schoss.
Blut ergoss sich über den grauen Linoleum Boden. Es war der Kontrast, der in Michael Schmerzen verursachte. Er hasste es zu töten, auch wenn es nur um die Bewohner eines dieser Schurkenstaaten ging, aber diesmal war er froh, dass er den Mann gleich beim ersten Mal getroffen hatte. Noch zwei Kugeln. Er lief weiter.

Dann sah er die Tür. Er rannte nur noch den düsteren Flur entlang und achtete nicht mehr auf Fenster und Ecken. Er musste nur noch hinaus, draußen war er gerettet.
Als er an der Tür ankam und sie aufstieß, fühlte er einen Stich in den Augen und schrie auf. Er hatte sich an die Dunkelheit des Flurs gewöhnt und durch die Anspannung hatten sich seine Pupillen noch weiter geöffnet. Und nun verbrannte das Tageslicht seine Augen.
Michael hörte Stimmen. Er konnte nicht ganz verstehen, was sie sagten, aber er hörte am Tonfall, dass sie ihm gegenüber nicht freundlich gestimmt waren. Verdammt, jetzt hatten sie ihn!
Zaghaft blinzelte er und in der Welt aus Licht und Stimmen, sah er eine Armee. War er etwa verraten worden?
„Noch ist es nicht zu spät, Michael!“, rief einer der Panzerfahrer, die nur Meter entfernt vor ihm standen und ihr Rohr auf ihn gerichtet hatten. Nun war es aus, oder?
Es konnte aber nicht aus sein. Nicht jetzt, wo er so weit gekommen war! Er hatte doch eine Aufgabe! Schließlich hatten sie IHN geschickt, um die Zukunft zu retten, um alles wieder ins Lot zu bringen, was die Menschheit damals falsch gemacht hat. Sie hatten IHN auserkoren, um die Last der Rettung auf den Schultern zu tragen. Und sie hatten IHN programmiert, um die Mission zu vollenden. Sie konnten doch keinen Fehler gemacht haben. Das glaubte er nicht. Und Panzerrohre konnten ihn nichts ausmachen, er war unzerstörbar, ein T 2000 mit Flüssigmetalllegierung. Er war ihnen bei weitem überlegen.
Michael ging weiter und erfasste den Panzerfahrer mit seinen Augen. Er tastete ihn ab. Mensch. 81 Kilogramm. 189 Zentimeter. Feind. Er schoss einmal, aber er hörte zwei Schüsse. Er war getroffen worden.

Und dieser Schuss musste etwas an seinen Schaltkreisen zerstört haben, denn für kurze Zeit setzte die Realität aus. Er fühlte sich plötzlich wie ein kleiner Junge und als er an sich herab sah, bemerkte er, dass er auch wie ein kleiner Junge aussah. Zwölf Jahre alt, Schüler des Bernstock Gymnasiums. Er sah auf und inmitten einer Menge aus Menschen sah er seine Mutter. Sie weinte fürchterlich und wollte zu ihm laufen, aber Polizisten hielten sie auf. Er winkte ihr zu, doch sie winkte nicht zurück. Vielleicht sah sie ihn nicht, durch ihre Tränen. Die Leute die um sie herum standen, hatten alle sehr ernste, beinahe entsetzte Gesichter. Michael lächelte ihnen zu, doch niemand lächelte mit ihm. Wieso lächelt denn keiner, wie sonst auch? fragte sich Michael und griff sich auf den Bauch. Er fühlte etwas Warmes und als er herab sah, bemerkte er, dass er blutete. Er fiel zu Boden.
Darum lächelt keiner mit mir ich bin verletzt etwas schlimmes ist passiert, denkt er in einem Schwall aus Gedanken. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er sich vor seiner Schule befand, in der Mitte des Hauptausgangs. Was war denn passiert? Warum hilft mir denn keiner? Helft mir doch, ihr Polizisten und hört endlich auf, Waffen auf mich zu richten! Ich bin verletzt seht ihr das nicht?
Dann sah er etwas seltsames. Er sah sich selbst, wie er am Morgen mit zitternden Knien aufsteht und sich entsetzlich vor der Welt da draußen fürchtet. Er geht zu Vaters Schrank und sieht eine Pistole. Sie zieht die Angst magisch an und als er sie berührt, hat sie die gesamte Angst aufgenommen. Er geht zur Schule.
All das sah er ganz klar vor Augen.

Doch nur für kurze Zeit, dann kommt er wieder zurück in die Realität. Sein Autohealing-Mode hat bereits begonnen, seinen Körper zu regenerieren. Oh ja, er ist ihnen verdammt noch mal überlegen! Noch ein Schuss in seiner Waffe. Und er weiß auch schon, wen er damit treffen muss. Die Verursacherin des ganzen Schlamassels, die Frau, die in der Mitte der Menge steht und von den Soldaten aufgehalten wird, damit sie ihn nicht umbringt. Noch lassen sie sie nicht los. Aber bald. Wenn er sie tötet, dann ist es vorbei.

Mit erhobener Waffe ging Michael auf seine Mutter zu, als ihn die Gendarmerie von Bernstock mit zwei Schüssen tötete.

 

Hi Peter,

da Du schon mehrere Geschichten als "nicht in medias res" bezeichnet hast, wollte ich mal wissen, wie Du es so machst. Meines Erachtens kann man kaum direkter anfangen. Auch die weitere Handlung geht zielstrebig, geradlinig vorwärts. Direkt auf die Pointe zu, die ich ungefähr beim dritten Satz geahnt habe. Eine inhaltlich heftige, aber wichtige Geschichte. Der Rückfall in die Realität erscheint mir allerdings ein wenig aufgesetzt. Ich denke, dass die Geschichte wirksamer, gnadenloser wäre, wenn man darauf verzichten würde. Der Schluss erlaubt mehrere Deutungsmöglichkeiten, und ich frage mich, ob dadurch die klare Aussage gegen First-Person-Shooter, die im ersten Teil zutage tritt nicht unnötig abgeschwächt wird, denn plötzlich könnte tatsächlich die Mutter an allem Schuld sein.

Sprachlich hast Du jedenfalls mitreißend erzählt, prima!

Uwe

 

Hm. Fehlt es mir möglicherweise an Kenntnissen über die "Ballerspiele", um den Schluss der Geschiche zu vestehen? Warum will seine Mutter ihn töten? Ist in "Bernstock" etwas ähnliches geschehen, von dem ich nicht weiß, und mich daher die Erwähnung des Ortes/Bezirkes irritiert?
So bin ich am Ende der recht gut erzählten Geschichte ratlos, und ein wenig enttäuscht.

Gruß
bobo

 

Holla.

Eine rasant erzählte Story, am Stil gibt's nix zu kritisieren, und auch Fehler fand ich keine.

Die Geschichte erinnerte mich in ihrer Machart bereits zu Beginn an First-Person-Ballerspiele, und damit wuchs auch die Befürchtung, es würde sich um eine "school shooting"-Story handeln (als der Lehrer auftauchte), noch dazu eine, die die häufig gemachte Connection "PC-Spiele/Videofilme/Schulmassaker" aufgreift.
Und siehe da, es war auch fast so. Zwar wird nirgendwo explizit erwähnt, weshalb der Junge durchdreht, er könnte auch aus anderen Gründen gestört sein, ohne dass "zu viel Computerspiele" an seinem Realitätsverlust schuld seien (eine Schuldzuweisung die lediglich ein Wiederkäuen, eine Illustration geläufiger Argumente wäre).
Aber wie viel besser hätte ich es gefunden, ohne den letzten Satz. Der letzte Satz erzählt nicht mehr aus der Perspektive des Protagonisten, sondern objektiv. Das hier ist die Realität, zack.
Eine viel bessere Pointe wäre gewesen, es einfach offen zu lassen... vielleicht ist es ja in Wirklichkeit doch ein Terminator mit Funktionsstörung. Oder nicht...
Mag sein, dass das ein wenig albern wäre, je nach dem, wie ernst die Geschichte sein sollte, bzw. welche Aussage intendiert war. Aber so hätte ich es gemacht. Auf jeden Fall hätte ich die Perspektive von Michael konsequent bis zum Schluss durchgehalten.

Hat trotzdem viel Spaß gemacht, deine Geschichte zu lesen.

Gruß

Ben

 

Hi Peter

Ich denke an der in medias res Tauglichkeit gibts hier nix zu meckern, der erste Satz ist ein Katapult.
Die Schreibweise mit den Stakkatosätzen gefällt mir auch sehr gut.

Allerdings stört mich auch die Durchschaubarkeit des Plots, die Ben ja schon erwähnt hat. Das is mir irgendwie zu dünn, wenn einfach die reale Situation als Krieg oder Pc-game wahrgenommen wird. Das mit dem Feind im ersten Satz ist noch eins der subtileren Mittel. Ich erinnere mich an das Gesicht meines Fahrlehrers, als ich die anderen Autofahrer als "Gegner" bezeichnet hab :D

Aber hier taucht alle paar Sätze so eine glasklare Erinnerungssequenz auf, die gleich darauf ärgerlich verwischt wird. Für mich ist das nicht nachvollziehbar, dass der Prot erst den Lehrer mit dem Lineal in der Hand sieht und dann plötzlich ein Maschinengewehr daraus macht. Wenn er wirklich so krank ist, dann nimmt er doch gleich alles als Fiktion wahr.

Hier hätte vielleicht die Ich-Perspektive besser gepasst, um den Leser auf die falsche Fährte zu führen. Die erste Person ist zwar bei allen Vergewaltigungs und Amoklauf Stories verpönt, aber in der dritten Person erregt der Prot allenfalls Mitleid.

Aber er wäre bei einem Einsatz gestorben. Gestorben wie ein Mann, nicht wie ein Kind, wie ein kleiner, fetter Junge.

Hier schimmert die Motivation des Jungen durch. Aber müsste da nicht ein bisschen mehr Hass sein, wenn er früher so gehänselt wurde?
Das wirkt alles noch so kühl, finde ich.

Dann sah er die Tür. Er rannte nur noch den düsteren Flur entlang und achtete nicht mehr auf Fenster und Ecken. Er musste nur noch hinaus, draußen war er gerettet.

Hm, ich hab gedacht, er will sein Land retten und nich sich selbst? Vielleicht beabsichtigte Wende, k.A.

Er geht zur Schule.
All das sah er ganz klar vor Augen.

Doch nur für kurze Zeit, dann kommt er wieder zurück in die Realität. Sein Autohealing-Mode hat bereits begonnen, seinen Körper zu regenerieren. Oh ja, er ist ihnen verdammt noch mal überlegen!

Hier is mir der Wechsel auch zu schnell, zwischen hilflosem, kleinen Jungen und verblendetem Monsterkind.
Das mit dem Autohealing find ich allerdings ausbaufähig, wenn auch nicht unbedingt realistisch.
Da gingen früher Witze in der Shooter Szene rum von wegen Respawn...

Dass am SChluss wieder rausgezoomt wird, gefällt mir wieder sehr gut, Dramatik kommt am besten, wenn sie in einem Satz steckt.
Sorry, dass ich jetzt nich auf Grammatik geachtet hab, aber mir is auch nichts in der Richtung aufgefallen.

Liebe Grüße
wolkenkind

 

Moin Peter,

Ich schließe mich meinen Vorrednern an.
Du hast das Thema erfüllt. Kurzer Einstieg mitten ins Geschehen und dann den Plot ohne viel Drumherum flott und mitreißend durchgezogen und dabei immer zielgerichtet. Auch hast du den Realitätsverlust des Jungen sehr gut rübergebracht - ob der nun aus Filmen oder Computerspielen herrührt, spielt dabei eigentlich keine Rolle (wobei ich persünlich allerdings der Meinung bin, daß PC-Spiele bzw Filme alleine keinen solchen Realitätsverlust hervorrufen).
Die Herzschlagszene, in der den Kopf zaghaft um die Ecke streckt aus Angst vor Scharfschützen hat mir sehr gut gefallen. Dadurch schaffst du eine Vermischung der echten Realität (Polizei vor der Schule) und der Realität deines Protagonisten (der denkt, er wäre ein Actionheld).

Und Panzerrohre konnten ihn nichts ausmachen, er war unzerstörbar, ein T 2000 mit Flüssigmetalllegierung
Das kommt mir ein wenig zu plötzlich. Zu Beginn sprichst du noch Geheimagenten und nun ist er auf einmal ein Terminator. Paßt nicht wirklich. Ich würde entweder diesen Identitätswechsel weglassen, oder es als Stilmittel benutzen, um zu zeigen, daß dein Protagonist zwischen mehreren Filmen/Realitäten hin und her wandelt. Dann würde ich aber mehrere solcher Wechsel einbauen, um es deutlicher zu machen.

Mit erhobener Waffe ging Michael auf seine Mutter zu, als ihn die Gendarmerie von Bernstock mit zwei Schüssen tötete.
Hier stimme ich Ben zu. Irgndwie paßt dieser Satz nicht zur restlichen Geschichte. Mein Vorschlag wäre, die Mutter schon im Absatz davor als die gesuchte Frau (den Endgegnger) zu erkennen zu geben und den letzten Satz wegzulassen. Die Idee von Ben (den Protagonisten wirklich einen Terminator sein zu lassen) fände ich natürlich noch eine ganze Ecke besser, aber ich will dir auf keinen Fall in deine Geschichte reinreden, weil dieses Ende die Intention des Textes natürlich vollkommen ändern würde.

Insgesamt hat mir die Geschichte wirklich gut gefallen.

 

Liebe Kritiker!

Vielen lieben Dank für´s Lesen!


@ Uwe Post

Gut, dass die Geschichte für dich in medias res ist. Das ist mir wichtig, da es mir ziemlich schwer gefallen ist, so eine Geschichte zu schreiben und die Trennlinie zwischen Kurzgeschichte und in medias res zu finden, was verdammt schwer ist.
Aber dann dachte ich mir, wenn ich schon so viel herumkritisier, sollte ich mich auch kritisieren lassen, sozusagen als Punching-Ball für alle, denen ich unrecht getan habe. ;)
Das du die Pointe schon so früh geahnt hast, ist zwar schade, aber ich hab mir auch nicht wirklich viel Mühe gegeben sie zu verstecken, habe eher schon Andeutungen in diese Richtung gemacht.
Den Rückfall in die Realität finde ich persönlich gut. Es soll schließlich eine weitere bzw. die Deutungsmöglichkeit zeigen.
Die klare Aussage gegen 3rd-Person-Shooter wollte ich eigentlich gar nicht machen. Aber Interpretation ist Intertpretation! :)

@ Bobo

Vielleicht habe ich diesen Teil nicht verständlich genug geschrieben, aber es gibt in dieser Geschichte gewisse Realitätsebenen, die manchmal nichts miteinander zu tun haben. Ich wollte nicht sagen, dass ihn seine Mutter töten will, der Terminatorverschnitt sieht ja nur eine Frau, die die Maschine töten will. Der Junge sieht seine weinende Mutter.
Das sollte man wirklich trennen, sonst kommt man durcheinander.


@ Ben Jockisch

Ein bisschen wird an der Geschichte noch getüftelt werden müssen, denn wenn sie wie eine reine "school shooter"-Geschichte mit den üblichen Argumenten aufgenommen wird, ist etwas falsch gelaufen.
Und angenommen, man deutet es wie ein Schulmassaker, was ja nur eine Möglichkeit ist, dann habe ich darauf geachtet, dass mehr Aspekte herauskommen: neben Comp.Spielen habe ich versucht, das Fernsehen einzubauen, einfach um die trivialn Argumente nicht auszulassen, aber ich habe auch Lehrer mit ins Spiel genommen, Krieg, seine Mutter und schließlich auch ihn selbst. Zumindest wollte ich es andeutungsweise erwähnt haben.
Auf keinen Fall sollte es eine übliche Argumentationskette werden und ich finde es schade, dass es so rüberkommt.


@Wolkenkind
Zuerst: Was sind Stakkatosätze??? :confused:
Dann: Danke für die lange Kritik :)

ad Durchschaubarkeit)
Ich habe, wie schon erwähnt, nicht sehr viel Wert auf die Undurchsichtigkeit der Geschichte gelegt. Zum einen ist die Schulmassakerhandlung keine wirkliche Pointe, sondern es wurde einfach nicht explizit gesagt. In medias res eben, aber man weiß, worauf es hinaus läuft. Oder laufen kann.

ad erinnerungssequenz)
Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ein Wahnsionniger gleich alles als Fiktion wahrnimmt oder nicht. Und wenn es so ist, dann gibt es aber bestimmt auch Wahnsinnige, die sich ihren Wahnsinn noch einbilden müssen um wahnsinnig zu sein. Oder ist das zu wahnsinnig? :cool:

ad Ich-Perpektive)
Schien mir als nicht sehr glaubhaft. Wäre zu nahe dran. Finde ich zumindest.

ad Motivation)
Der Junge war in diesem Moment ein stolzer Soldat seines Landes. Hass empfände meiner Meinung nach eher der Schüler, nicht der Soldat.

ad Wende)
Vom Geheimagenten zum Soldaten zum Terminator. Beabsichtigt.

ad zu schneller Wechsel)
Den Wechsel fand ich allerding wiederum gut, muss ich ehrlich sagen. Ein schneller Wechsel, der den Wahn des angeschossenen (!) Kindes ausdrückt. Seine Fantasie wird immer Unrealistischer, darum der Auto-healing-mode.

ad Schluss)
Der liegt mir jetzt im Magen. Einerseits bin ich bei Ben, wenn er sagt, er hätte ihn nicht so objektiv sondern eher offener gelassen. Das würde auch den Schulmassakerabklatsch abschwächen.
Andererseits hat mir das objektive Ende auch ziemlich gut gefallen. Ich finde auch ein Schulmassaker ziemlich schreibenswert, warum nicht, auch wenn es zu beginn nicht beabsichtigt war, es so eindeutig zu machen.

ichh glaube ich wart einfach auf weitere Kritiken und lass mir das ganze nochmals durch den Kopf gehen.

Vielen Dank nochmals an alle, liebe Grüße aus Wien, Peter Hrubi

 

Danke gnoebel und entschuldige, dass ich dir seperat schreibe. Du hast während meiner Antwort gepostet.

Tja, eigentlich hab ich auf viele deiner Themen schon geantwortet. Nur noch einiges.

Der Realitätswechsel passiert eigentlich pro Absatz. Im ersten ist er Geheimagent, im zweiten Soldat, im Dritten ein Terminator und im vierten ein Junge. Der Wechseln zwischen ersten und zweiten ist zwar eindeutig da, ich wollte ihn aber nicht so sehr ins Auge springen lassen. Vier Wechsel empfand ich als ausreichend.

Das mit dem Ende ist halt jetzt so eine Sache. Explizite erklärungen schreibe ich in Geschichten eigentlich sowieso nie, aber sie war schon auf den Jungen ausgerichtet, obwohl alles offen sein könnte.
Doch der Schluss gibt dann die Richtung vor. Hm...
Keine Ahnung, da muss ich mal drüber schlafen. Vielleicht ändere ich ja noch die Geschichte und mach einen verrückt gewordenen Terminator, der glaub er ist ein Schuljunge und poste das dann unter SienceFiction um mich dort von der hiesigen Fangemeinde niedermetzeln zu lassen... wer weiß. :D

Da kommt noch ein bisschen Denkarbeit auf mich zu. Bis dahin wünsche ich dir auch liebe Grüße aus Wien, P.H.

 

stakkatosätze sind niedliche, kleine Satzkonstruktionen, die in den letzten zwei Jahrzehnten wieder vermehrt in freier Wildbahn zu beobachten sind. :teach:
Das kommt aus der Musiksprache, aber auf ner Seite wo es nichmal ein Musik-Smilie gibt, weiß das ja keiner...

Der Halbseiten-satz ist out :thdown:

 

Hallo Peter!

Das ist eine sehr rasante, aber auch inhaltlich ziemlich dichte Geschichte. Du hast selbst aufgezählt, was du alles hineingepackt hast.

Bevor ich die Kommentare gelesen habe, ließ mich die Geschichte etwas ratlos und nachdenklich zurück. (Ähm .. ich musste unwillkürlich an das Lied "I dont like Mondays" denken.)
Nach dem zweiten Mal Lesen wirkt sie auf mich wie der Traum eines von seinen Eltern vernachlässigten Kindes, das sich eine eigene Welt aufgebaut hat, die hauptsächlich vom Fernsehen, von Videos und Computerspielen geprägt ist. Der Junge ist davon vollkommen überfordert. Die "Eindrücke des Tages" kommen in seinem wirren, gehetzten Alptraum zum Ausdruck.
Hmm. Vielleicht interpretiere ich zuviel in die Geschichte hinein. Auf die Gefahr hin, dass ich mit meiner Interpretation falsch liege - aber mich hat sie ziemlich berührt. Sie bringt für mich auch zum Ausdruck, wie belastend Videos etc. für Kinder sein können, bzw. wie diese verarbeitet werden müssen.

Sprachlich und stilistisch bekommst du von mir eine Eins. Sie erfüllt auch mit Sicherheit die Anforderungen des Challenge, indem sie "losfetzt" und bis zum Schluss dieses Tempo durchhält.

lg
klara

 

Hallo Klara!

Danke für deine lieben Worte. Ich bin ja noch immer am Überlegen, ob und wenn ja, was ich ändern sollte. Deine Interpretation lässt mich wieder dazu gehen, die geschichte weigehend so zu lassen.
Ich wollte keine Und-Am-Schlimmsten-Sind-Video-Spiele-Für-Kinder-Geschichte schreiben, da ich selbst daran nicht glaube. Zumindest nicht auschließlich.
Ich möchte die Geschichte noch dahingehend ausbauen, als das die anderen Faktoren besser herausgearbeitet werden, denn das scheint mir wichtig. Bei der zuvor kritisierten "Schoolshooter" geschichte wird es im Grunde(!) bleiben. Mit der Trauminterpretation bin ich sehr zufrieden. :cool:

Dochmals danke fürs Antworten schreiben. Liebe Grüße von Wien nach Linz, Peter

 

Hallo, Peter Hrubi!

Sehr beeindruckend ist Dein geschliffener Schreibstil, der mir gut gefällt. Eine Geschichte, die durch Tempo und Bildhaftigkeit besticht. Das Einzige, was ich bemängeln möchte, ist der psychologische Hintergrund des Jungen, der m. E. etwas zu kurz geraten ist. Zum gleichen Thema habe ich vor Kurzem eine KG von Rainer gelesen, die in dieser Hinsicht besser ausgeleuchtet war.

In media res hast Du getroffen, über gut oder nicht bin ich mir nicht sicher, da du zwischen zwei Ebenen (Traum und Realität) hin und her springst.

Noten gibt es von mir keine, da mir hierzu die Befähigung (und Sonstiges) fehlt.


Ciao
Antonia

 

Hallo Peter,

es ist ja schon viel gesagt worden, deshalb nur kurz einige Kleinigkeiten:
„... richtete es auf Michael. Er schoß ...“ - da sollte vielleicht gleich benannt werden, wer „Er“ ist.
Günstiger fände ich: Zaghaft blinzelte er. In der Welt aus... (ist „Armee“ nicht übertrieben?).
„verbrannte das Tageslicht seine Augen“ - `blendete´ ist realitätsnäher.
Deine Geschichte ist toll erzählt, die Verschachtelungen machen sie interessant, auch wenn man bald ahnt, worauf alles hinausläuft. Eine tiefere Aussage (psychologischer Hintergrund) fehlt mir, doch das ist auch schon angesprochen worden. Jedenfalls gut zu lesen, mit geschickt eingesetzten Andeutungen, z.B „Lineal“, „fetter Junge“.

Alles Gute,

tschüß... Woltochinon

 

Seas Antonia!
Danke für deine Kritik! Dass dir mein Schreibstil gefällt, freut mich sehr! Schreibstil ist meiner Meinung nach etwas wichtiges.
Das mit dem psychologischen Hintergrund ist wahr, aber schwer für mich umzusetzen und umsetzen zu wollen. Aber ich werd mir noch waas überlegen.
In medias res bemängelst du das gleiche, was ich bei dir bemängelt habe! Einigen wir uns bei uns beiden: Wir haben eine neue Kreation des Traum-in-medias-res erschaffen, die zu den wichtigsten Strömungen in der IMR Szene gehört! (Bisschen übertrieben, aber das muss ja keiner wissen ;)).


Seas Woltochin!

"richtete es auf Michael. Er schoß ...“ - da sollte vielleicht gleich benannt werden, wer „Er“ ist.
-Naja, ichh hab mir gedacht, vielleicht mach ich einen kurzen, eingebauten Spannungsmoment, indem ich nicht gleich verrate, wer "er" ist und wessen Blut sich über den Flur ergießt. Als ich es fertig hatte, schien es mir etwas verwirrend, aber ich wollte Lesermeinungen dazu haben. Du bist der erste der es bemängelt, aber ich bin deiner Meinung. Werde mir noch etwas ausdenken.

„verbrannte das Tageslicht seine Augen“ - `blendete´ ist realitätsnäher
-"verbrannte möcht ich eigentlich lassen. Find ichh eine gute übertreibung, vor allem, da wir uns hier im fiktiven Bereich befinden.

Das mit den Andeutungen habe ich auch als eine gute Idee empfuneden, allerdings ist sie mir noch ein bisschen zu wenig ausgebaut. Vielleicht mach ich da ja noch was.

Sodale, viele liebe Grüße aus Wien und danke für´s konstruktive kritisieren. Habt mir sehr geholfen.

Peter Hrubi

 
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Sechs Schuss

Diese Version ist folgendermaßen abgeändern. Zum einen trägt sie nun den Titel "Sechs Schuss" und zum anderen ist das Ende neu. Vielleicht verliert sie so an den ursprünglichen Interpretationsmöglichkeiten, aber ich denke, dass sie nun mehr von dem ausdrückt, was ich eigentlich sagen wollte. Bis auf ein paar Kleinigkeiten ist nur der letzte Absatz geändert. Für alle die das Original kennen, brauchen also nur diesen lesen. Ich hoffer, das alternative Ende, kommt etwas besser an.
Viel Spaß.


Sechs Schuss

Der dritte Schuss traf endlich und das Blut des Feindes klatschte an die Wand. Es erinnerte Michael an das Geräusch aus seiner Kindheit, als er mit seinen Freunden im Wasser geplanscht hatte. Doch nun gab es keine Zeit zum Träumen. Er hatte noch drei Schuss in seiner Pistole und musste fliehen.
Chaos kam auf. Niemand konnte so richtig fassen, was gerade geschehen war. Ein paar Kinder rannten schreiend durcheinander, ihre Köpfe wurden durch das Brüllen knallrot und Tränen liefen ihnen die Wangen hinunter. Andere saßen einfach nur da und glotzten ihn mit großen Augen an. Einige wenige lachten. Es war nicht leicht für sie zu verstehen, was da gerade vor sich ging, schließlich waren sie, im Gegensatz zu ihm, Kinder und keine Geheimagenten.
Michael lief zur Tür. Ein Mädchen stellte sich ihm in den Weg. Auf ihrem geröteten Gesicht sah er Spuren von Tränen und in ihren Augen war Abscheu. So jung und schon so viel Hass, dachte Michael.
„Du hast sie umgebracht“, sagte die Kleine mit zitternden Lippen und bebender Stimme. Kurze Zeit erinnerte sie ihn an Jenny, das Mädchen, das in der Schule eine Reihe vor ihm gesessen war. Sie hatte auch rotes Haar und zwei Zöpfe gehabt. Sie war wunderschön und Michael furchtbar in sie verliebt gewesen, doch er hatte es ihr nie gesagt. Nicht ihr. Kurz sah er sie vor sich, dann verschwand sie wieder. Er hatte keine Zeit für Erinnerungen.
Er stieß das kleine Mädchen zur Seite, hoffte, sie wäre nicht zu sehr verletzt und stürmte aus dem Zimmer. Bei einem Einsatz eines Geheimagenten sollten keine Unschuldigen zu Schaden kommen.

Draußen befand sich ein Gang. Es war düster und Michael konnte Staub in den Sonnenstrahlen, die durch die wenigen Fenster hineinfielen, tanzen sehen. Es war still. Zu still und nicht stimmig mit der Situation, mit dem Krieg, der hier ablief.
Geduckt ging er den Flur entlang, robbte unter den Fenstern vorbei, damit er von draußen keinen feindlichen Schuss abbekam und machte an der Ecke Halt. Er atmete schwer vor Aufregung, versuchte aber seinen Atem wieder zu kontrollieren. Schweiß rann ihm die Stirn hinunter und sein Mund war trockener als die Wüste draußen. Er hasste Häuserkampf, fand sich aber mit der Situation ab. Schließlich war er im Krieg.
Vorsichtig lugte er um die Ecke. Und wenn sich ein Scharfschütze irgendwo dahinter versteckte und auf ihn wartete? Zentimeter für Zentimeter bewegte er seinen Kopf um die Kante der Mauer. Wenn er jetzt einen Schuss vernehmen würde, dann wäre es vorbei. Dann wäre er hinüber. Aber er wäre bei einem Einsatz gestorben. Als Mann, nicht wie ein Kind, ein kleiner, fetter Junge.
Sekunden verstrichen. Er bewegte sich ganz langsam und schließlich konnte er um die Ecke sehen. Es war niemand da. Erleichtert atmete er aus. Plötzlich öffnete sich hinter ihm eine Tür.
Ein Mann trat heraus und zuerst glaubte Michael, er habe ein Lineal in der Hand, eines, mit dem Lehrer Linien an die Tafel zeichneten. Er erinnerte sich an seinen Mathe-Lehrer und wie er von diesem als Schüler immer angeschrien worden war, weil er keine Hausübungen brachte oder wegen ähnlicher Kleinigkeiten. Michael hatte stets Angst vor dem großen kahlköpfigen Mann gehabt. Wenn er doch wüsste, welche Taten der Kleine von damals heute für die Welt vollbringt. Er würde staunen.
Michael schüttelte die Erinnerungen ab und konzentrierte sich wieder auf seinen Einsatz. Der Mann, der aus der Tür heraustrat, war mit einem Maschinengewehr bewaffnet und richtete es auf Michael. Er schoss.
Blut ergoss sich über den grauen Linoleum-Boden. Es war der Kontrast, der in Michael Schmerzen verursachte. Er hasste es, zu töten, auch wenn es nur um die Bewohner eines dieser Schurkenstaaten ging, aber diesmal war er froh, dass er den Mann gleich beim ersten Mal getroffen hatte. Noch zwei Kugeln. Er lief weiter.

Dann sah er die Tür. Er rannte nur noch den düsteren Flur entlang und achtete nicht mehr auf Fenster und Ecken. Er musste nur noch hinaus, draußen war er gerettet.
Als er die Tür aufstieß, fühlte er einen Stich in den Augen und schrie auf. Er hatte sich an die Dunkelheit des Flurs gewöhnt und durch die Anspannung hatten sich seine Pupillen noch weiter geöffnet. Nun verbrannte das Tageslicht seine Augen.
Michael hörte Stimmen. Er konnte nicht ganz verstehen, was sie sagten, aber er hörte am Tonfall, dass sie ihm gegenüber nicht freundlich gestimmt waren. Verdammt, jetzt hatten sie ihn!
Zaghaft blinzelte er und in der Welt aus Licht und Stimmen sah er eine Armee. War er etwa verraten worden?
„Noch ist es nicht zu spät, Michael!“, rief einer der Panzerfahrer, die nur Meter entfernt vor ihm standen und ihr Rohr auf ihn gerichtet hatten. Nun war es aus, oder?
Es konnte aber nicht aus sein. Nicht jetzt, wo er so weit gekommen war! Er hatte doch eine Aufgabe! Schließlich hatten sie ihn geschickt, um die Zukunft zu retten, um alles wieder ins Lot zu bringen, was die Menschheit damals falsch gemacht hat. Sie hatten ihn auserkoren, um die Last der Rettung auf den Schultern zu tragen. Und sie hatten ihn programmiert, um die Mission zu vollenden. Sie konnten doch keinen Fehler gemacht haben. Das glaubte er nicht. Panzerrohre konnten ihm nichts ausmachen, er war doch unzerstörbar, ein T 2000 mit Flüssigmetalllegierung. Er war ihnen bei weitem überlegen.
Schnell erfassten seine Laseraugen die Armee. Es waren ungefähr hunderttausend Mann anwesend. Alle sehr gut ausgerüstet. Einige hatten Handfeuerwaffen, einige waren mit Panzern gekommen, doch die meisten hatten audiovisuelle Geräte bei sich, mit denen sie jeden seiner Schritte aufzeichnen und wiedergeben konnten. Wieder und wieder. In der Mitte der Leute stand eine Frau, die Michael sehr gut kannte. In der Zukunft hatten sie ihm viele Fotos von ihr gezeigt. Sie hatte jenes Programm erfunden, das die Maschinen zum Überschnappen bringen würde, sie zu Weltmacht an sich reißenden Kreaturen machte. Menschengleich.
Noch zwei Schuss.
Michael ging weiter und erfasste den Panzerfahrer mit seinen Augen. Er tastete ihn ab. Mensch. 81 Kilogramm. 189 Zentimeter. Feind. Er schoss einmal, aber er hörte zwei Schüsse. Er war getroffen worden.

Und dieser Schuss musste etwas an seinen Schaltkreisen zerstört haben, denn für kurze Zeit setzte die Realität aus. Er fühlte sich plötzlich wie ein kleiner Junge und als er an sich herab sah, bemerkte er, dass er auch wie ein kleiner Junge aussah. Zwölf Jahre alt, Schüler des Bernstock Gymnasiums. Er sah auf und inmitten einer Menge aus Menschen sah er seine Mutter. Sie weinte fürchterlich und wollte zu ihm laufen, aber Polizisten hielten sie auf. Er winkte ihr zu, doch sie winkte nicht zurück. Vielleicht sah sie ihn nicht, durch ihre Tränen. Die Leute, die um sie herum standen, hatten alle sehr ernste, beinahe entsetzte Gesichter. Michael lächelte ihnen zu, doch niemand lächelte mit ihm. Wieso lächelt denn keiner, wie sonst auch? fragte sich Michael und griff sich an den Bauch. Er fühlte etwas Warmes und als er herab sah, bemerkte er, dass er blutete. Er fiel zu Boden.
Darum lächelt keiner mit mir ich bin verletzt etwas schlimmes ist passiert, denkt er in einem Schwall aus Gedanken. Erst jetzt bemerkte er, dass er sich vor seiner Schule befand, mitten beim Hauptausgang. Was war denn passiert? Warum hilft mir denn keiner? Helft mir doch, ihr Polizisten und hört endlich auf, Waffen auf mich zu richten! Ich bin verletzt seht ihr das nicht?
Dann sah er etwas Seltsames. Er sah sich selbst, wie er am Morgen mit zitternden Knien aufsteht und sich entsetzlich vor der Welt da draußen fürchtet. Er geht zu Vaters Schrank und sieht eine Pistole. Sie zieht die Angst magisch an und als er sie berührt, hat sie die gesamte Angst aufgenommen. Er geht zur Schule.
All das sah er ganz klar vor Augen.

Nur für kurze Zeit, dann kam er wieder in die Realität zurück.
„Liebe Damen und Herren, begrüßen Sie mit mir: MICHAEL!“ Der Tusch und das Applaudieren der Menge berauschte ihn. Er stand auf einer riesigen Bühne und vor ihm war die ganze Welt und sah ihn an. Ihn, Michael. Sie warteten auf ihn und auf das, was er ihnen bieten würde. Ein einmaliges Erlebnis und Michael war schon sehr aufgeregt.
„Sehen Sie Michael bei einer Weltpremiere! Glauben Sie mir, wir haben Ihnen nicht zu viel versprochen, der einzigartige Michael ist bei uns und wird Ihnen ein Spektakel der Extraklasse bieten!“
Alle waren gekommen. Er sah seinen Mathe-Lehrer, der ihm ganz aufgeregt signalisierte, dass er ihm die Daumen hielt. Er sah Jenny, seine Jenny mit rotem, zu zwei Zöpfen gebundenem Haar. Sie zwinkerte ihm zu. Die Menge tobte nun. Rufe wurden laut. Sie schrieen seinen Namen. Michael! Michael! Michael! Immer lauter und lauter. Berauscht taumelte er kurz. Ihm wurde schwindelig, aber er fing sich gleich wieder. Michael! Michael!
Er sah seinen Vater in der ersten Reihe. Er hatte sich extra von der Arbeit frei genommen, um ihn heute zu sehen. Und neben ihm saß seine Mutter, sie hatte Tränen der Freude in den Augen. Am liebsten wäre sie zu ihm auf die Bühne gelaufen. Michael! Michael!
Aber das konnte sie nicht, es war ganz allein sein Moment. Mit erhobenem Kopf sah er in die Menge. Immer mehr Leute gesellten sich hinzu und schrieen seinen Namen. Michael! Michael! Endlich hatte er die Aufmerksamkeit, die ihm gebührte.
„Liebe Damen und Herren, bitte beruhigen Sie sich. Unser Michael braucht jetzt absolute Konzentration, für diese Meisterleistung. Sonst vergisst er womöglich noch, was er machen wollte!“ Die Menge lachte und auch er grinste etwas benommen. Dann, ein kurzer Augenblick der Angst. Hatte er nun wirklich vergessen, was er zeigen wollte?
„Meine Herrschaften, ich bitte nun wirklich um Ruhe. Michael wird es nun tun. Verhalten Sie sich ruhig.“ Kurze Pause, die Menge schwieg. „Bitte Michael. Die Show beginnt.“
Was wollte er denn zeigen, verdammt! Er sah in die Menge und sie drehte sich vor seinen Augen. Mathe-Lehrer. Mutter. Jenny. Vater. Alle wirr durcheinander.
Er sah an sich herab und dann fiel es ihm wieder ein. Na klar!
Er erhob die Waffe und setzte sie an seine Schläfe. Die Menge sah ihn erwartungsvoll an. Er grinste gönnerhaft, die Aufmerksamkeit in sich aufsaugend. Nun war sein Moment gekommen, der Moment, indem nur er wichtig war. Noch ein Schuss, der letzte.

 

hallo

Die neue Variante gefällt mir ausgezeichnet, irgendwie wurde ich dadurch mehr berührt als durch die trockene Realität.
Besonders die Szene mit Mutter und Vater, der sich freigenommen hat, finde ich gelungen. Psychologisch ist es sicher nachvollziehbar, dass er Publicity-süchtig ist.

Paar Vorschläge.

Ein einmaliges Erlebnis und Michael war schon sehr aufgeregt.

Dass er aufgeregt ist, sollte klar sein...

Immer mehr Leute gesellten sich hinzu und schrieen seinen Namen. Michael! Michael!

hm, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendwelche Passanten/ Eltern angerannt kommen und seinen Namen brüllen. Sollten sich die nicht eher um ihre eigenen Kinder sorgen machen?

Was wollte er denn zeigen, verdammt! Er sah in die Menge und sie drehte sich vor seinen Augen. Mathe Lehrer. Mutter. Jenny. Vater. Alle wirr durcheinander

Hier erst die detaillierte Aufzählung und dann plötzlich wirr durcheinander. Dass sich alles zu drehen beginnt finde ich gut, aber kann man vielleicht erzählerisch noch rausarbeiten. Pack den Leser an der Waffel :)

gönnerhaft --> sagt ihr hinter den Bergen dazu nicht jovial ? ;)

Liebe Grüße
wolkenkind

 

Gut, dass es dir gefällt Wolkenkind. Mir gefällt dieses Ende auch besser.
Kleinigkeite werde ich morgen noch überarbeiten. Die letzte Geschichte die ich "verbessern" wollte, habe ich an einem Tag überarbeitet und dann war sie grauenhaft. Nun warte ich lieber.

Danke für deine Kritik!!!
LG PH

 

Hallo Peter Hrubi,

die zweite Version ist in meinen Augen die bessere (ohne die Qualität der ersten schmälern zu wollen). Als Geschichte irgendwie runder.
Allerdings hat die erste einen Hauch mehr *räusper* ´Mystik´ soll bedeuten mehr Anreiz zu sinnieren, Interpretation zu finden, etc. Was auch nicht schlecht ist und mich auf ganz andere Art anspricht. Da ich stets die eierlegende Wollmilchsau fordere: Bau das ´offene´ Ende der ersten in die zweite ein, ohne die zweite zu verändern :D

Hätte dir gern eine Note in der querkoppskala vergeben, die ist aber leider zum eichen. Hat mit auf jeden Fall sehr gut gefallen.

gruß vom querkopp

 

Hey Querkopp!

Freut mich, dass dir diese Version besser gefällt. Auch ich finde sie kompletter.
Dass die andere mehr Interpretationsmöglichkeiten hat, ist mir bewusst, aber leider kann ich das einfach nicht hier wieder einbauen. Geschichten zu verbessern ist für mich der Horror und ich bin froh, dass ich es bei der "Mission" geschafft habe.
Die letzte Geschichte die ich verbessert habe ("Der Herr der Nacht" unter Horror) hätte so eine eierlegende Wollmilchsau werden sollen. Ich habe mir alle Kritikpunkte aufgeschrieben und sie nach der Reihe in die Geschichte übertragen.
Am Schluss kam anstatt der eierlegenden Wollmilchsau ein blökender Wiederkaueber mich Hühneraugen heraus. Seitdem bin ich da etwas vorsichtig.

Jedenfalls danke für die Antwort. Auf die neue Version brauch ich eh soviel Kritik wie möglich, da die meisten nicht mitbekommen werden, dass es eine neue Version gibt.

Jedenfalls hab vielen Dank. Liebe Grüße, Peter

 

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