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Die Farbe Orange
Lena schlendert durch den fast menschenleeren Raum des Museums. Es ist früher Nachmittag und sie genießt die Stille, die angenehme Atmosphäre des Alleinseins.
An einem der großen Fenster lehnt sie sich gegen den weiß lackierten Holzrahmen und blickt hinunter zu den alten Hofstallungen. Zu Kaisers Zeiten waren hier die Kutschen und Pferde untergebracht, ehe zwei Weltkriege die umliegenden Grundstücke, Häuser und vor allem auch die Seelen der Menschen auf Jahre hinaus zerstörten.
Wo einst die österreichisch-ungarische Monarchie das Land in den Zuckerguß der kaiserlich-königlichen Hof-Bäckereien eingetaucht hatte, ließen in den Dreißigerjahren die Nationalsozialisten das Sonnenrad rückwärts laufen und gleichsam verbrannte Erde zurück.
Wie eine, an diese Zeiten gemahnende, dunkelgraue Wand, wächst der moderne Teil des Wiener Museumsquartiers glatt und ohne Fenster, unberührbar in seinem Ausdruck, aus der Tiefe des Innenhofs empor. Er verbannt unbarmherzig das Außen. Gleichzeitig scheint er die Kunst im Inneren schützen zu wollen.
Bäume, mit im Wind raschelndem Laub, verbinden den alten und den neuen Teil zu einem harmonischen Zeitenspiel. Auf den Terrassen der Cafes treffen sich Menschen aller Altersgruppen um sich über Malerei, Architektur und den vorherrschenden Zeitgeist ebenso zu unterhalten, wie über die unsensibel putzende Hausmeisterin vom Nachbarhaus, die nicht beherrschbaren Kinder und die Sorge um unzureichende Ausbildungs- und Altersheimplätze.
Die über den Hof spazierenden Gäste aus aller Herren Länder vermischen sich mit flanierenden einheimischen Großstadtmenschen. Ein sich sehr leidenschaftlich küssendes Liebespärchen führt dazu, dass zwei alte Damen sich entrüstet abwenden und den Kopf über so viel Unmoral endlos zu schütteln bereit sind. Ein kleiner Junge fährt mit seinem Trittroller Slalom durch die Menschenmenge. Lenas Blick verweilt auf dem unter ihr ausgebreiteten Gesellschaftsmosaik.
Dann wendet sie sich vom Draußen ab und ihre Aufmerksamkeit dem Inneren des Raumes zu. Ölig glänzende, in dicken Pinselstrichen aufgetragene Farben, welche die Kraft und die Seelentiefe des Malers erkennen lassen, schimmeren ihr ebenso entgegen, wie die mit mattem Kohlestaub festgehaltenen Konturen, fein gezeichneter Körper, auf gelbstichigem Papier.
Langsam durchschreitet sie den Raum. Der Holzboden unter ihren Füßen knarrt und ächzt. Dieses Geräusch vermittelt ihr vertraute Behaglichkeit. Aus dem angrenzenden Raum dringt Stimmengewirr herüber. Lena blickt durch die offene Flügeltür. Eine Reisegruppe schart sich um einen jungen Mann. Mit leiser Stimme versucht er die Aufmerksamkeit auf ein Bild zu lenken, ohne die anderen Museumsgäste zu stören. Er ist in dezentes Schwarz gekleidet und in seinem braunen Haar verirren sich, durch einfallende Sonnenstrahlen, rote Irrlichter.
Lena entfernt sich von der offenstehenden Tür und den ineinanderfließenden Stimmen. Ihr genau gegenüber, macht sich an der Stirnseite des Raumes, ungefähr eine Fläche von drei mal drei Metern einnehmend, ein orangefarbenes Bild breit. Es hat keinen Rahmen, keine Schattierungen, kein Muster, keine erkennbare Struktur. Es ist orange, nichts sonst.
Zwei Frauen um die dreißig, gestylt als wären sie eben der Vogue entsprungen, halten ihre Köpfe schief, die Finger gespreizt an Kinn und Wange und unterhalten sich, vor dem Bild stehend, über das formlose Gemälde. Sie sind sichtlich gebannt von dem Grauen, die Unnahbarkeit und die Feindseligkeit die dieses Bild auf sie ausstrahlt.
Lena beobachtet die Szene aus einer angemessenen Entfernung. Unbeweglich wie die beiden Frauen in ihren bunten Gewändern vor dem Bild verharren nehmen sie aus Lenas Perspektive gleichsam Raum auf der Leinwand ein. Ein völlig neues Gemälde, getragen von der starren orangefarbenen Fläche und zwei, fast ängstlich vor der Farbintensität zurückweichenden Menschen, entsteht.
"Zwei Papageien auf orangem Hintergrund", flüstert eine angenehme Stimme in Lenas Ohr. Verwundert dreht sie sich um und blickt in ein spitzbübisch lächelndes Männergesicht. Ein verwegener Schnurrbart und dichte Augenbrauen geben dem Antlitz etwas Komisches, Sympathisches. Lena lächelt zurück und geht dann, etwas verlegen geworden, weiter durch den Saal. Als sie sich umwendet, hat der Mann einen Arm um einen der Papageien gelegt und das Bild um eine Person erweitert.
Lena unterdrückt ein Lachen und fragt sich gleichzeitig welche Rolle Achtung in dieser Beziehung wohl spielen mag. Eine kurze Diskussion darüber, was Kunst denn überhaupt sei und ob eine Farbfläche ohne Inhalt irgendeine Aussagekraft hätte, entsteht zwischen den drei Menschen im Bild. Dann verlässt die kleine Gruppe, weiter die Kunstfrage leise erörternd den Saal, wobei der Mann Lena nochmals zulächelt. Sie kann es sich nicht verkneifen, ihm verschwörerisch zuzuzwinkern.
Dann ist sie mit dem orangefarbenen Bild allein. Sie empfindet es als angenehm, in die warme Farbe einzutauchen, begreift nicht, was daran erschreckend oder gar Grauen verströmend sein soll. Sie geht durch den Saal auf das Bild zu, bis sie fast mit der Nase daran anstößt. Nun ist das Raster des gespannten Leinenstoffes zu erkennen und ganz feine Bruchlinien durchziehen die Farbe.
Sie denkt an die vielen Linien ihrer Handinnenseiten. Das Stoffgewebe erscheint ihr wie unzählige, kleine Bausteine des Lebens. Und da wünscht sie sich eine reichhaltige Farbpalette um die Regelmäßigkeit und die genaue Linienführung zu durchbrechen. Die Eintönigkeit durch intensive und gefühlsmäßig gesetzte Pinselstriche zu verändern, neue Akzente einzubringen und Einfluss zu nehmen.