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Die Endgültigkeit

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29.06.2009
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Die Endgültigkeit

Ich starre auf das Gesicht im Spiegel. Ein Gesicht, das ich so gut kenne, aber das sich in letzter Zeit sehr verändert hat. Jedoch nicht zum Guten.
Die Haut ist blasser geworden, ganz langsam nimmt sie die Farbe von Asche an. Auch sind die Konturen des Schädels nun viel sichtbarer als noch vor ein paar Wochen, doch das passierte nicht nur in meinem Gesicht, ich bin ein bisschen kleiner geworden und habe kein Gramm Fett mehr an meinem Körper.
Was auch dazu führt, dass meine Augen nun größer erscheinen. Die Lider sind erschlafft und ein grauer Schatten liegt über den Pupillen, die beinahe schon ihre braune Farbe verloren haben.
Mein Blick wandert weiter nach oben und ich betrachte meine Glatze, die an einem 20-Jährigen Jungen wie mir etwas abstrakt aussieht und mir ungewollt ein etwas aggressiveres Aussehen verleiht.
Als mein Blick sich wieder meinen Augen zuwendet, bemerke ich, wie blutunterlaufen sie sind.
Das kommt daher, dass ich nicht mehr Schlafe. Nicht weil ich es nicht könnte, nein, wenn ich wollte könnte ich vom späten Nachmittag bis zum Mittag des nächsten Tages schlafen. Ich schlafe nicht mehr, weil ich keine Zeit mehr habe.
Mein Seufzer lässt die Katze aufblicken, die es sich hinter mir in einem kleinen Korb am Boden gemütlich gemacht hat.
Ich bedecke meinen haarlosen Schädel mit einer Mütze und laufe aus dem Zimmer.
Ich laufe. Weil ich keine Zeit mehr habe.
Zwei Monate zuvor war ich aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ich war ruhig gewesen, als ich im Büro des Arztes gebeten wurde. Und ich war auch ruhig gewesen, als er mir sagte, dass meine Kopfschmerzen keine gewöhnlichen Kopfschmerzen waren.
Ich weiß bis heute nicht, warum mich das so wenig überraschte, warum nicht einmal meine Finger zitterten als ich den Zettel mit der Diagnose und das Rezept für die acht verschiedenen Medikamente, die ich täglich einnehmen muss, entgegennahm.
Ein Tumor. Ungefähr so groß wie eine Walnuss, direkt in meinem Gehirn.
Ob ich manchmal Ohnmachtsanfälle hätte, fragte er mich.
Manchmal.
Und ob ich manchmal das Gefühl hätte, meine Motorik würde nicht so funktionieren, wie ich das wollte?
Manchmal, sage ich wieder.
Habe ich zu diesem Zeitpunkt wirklich verstanden, was der Arzt mir da gesagt hat? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich habe ich es erst verstanden, als ich die Tür öffnen wollte und mich noch einmal umdrehte, dem Arzt in das Gesicht blickte und ihn Fragte: Wie viel Zeit bleibt mir noch?
Nun laufe ich.
Jede Sekunde will ich noch auskosten, jeden Augenblick mit den Menschen verbringen, die mir wichtig sind.
Den wenigsten habe ich erzählt, was los ist.

Die Sonne ist gerade untergegangen und der letzte rote Schimmer am Himmel verursacht dieses wundervolle Dämmerlicht, diesen Moment, wenn der Tag vorüber ist, aber die Nacht noch nicht begonnen hat.
Und ich laufe den Orten hinterher, die ich noch besuchen will, den Menschen, die ich noch treffen wollte und den Liedern, die ich noch hören will.
Als ich am Ende der Straße ankomme, merke ich, wie mir die Tränen über das Gesicht laufen.
Ich hatte nicht geweint, als ich es erfahren hatte, ich war stark geblieben. Umso mehr überrascht es mich, dass es hier und jetzt passiert.
Und ich lasse die Tränen laufen, vielleicht habe ich sie schon zu lange zurückgehalten.
Plötzlich muss ich lächeln, wenn ich an das Bild denke, das ich gerade abgebe: Ein sterbender weinender Junge läuft im schwachen Dämmerlicht des sterbenden Tages durch die Straße, während über ihm die Vögel noch singen.
Ich laufe weiter, mir unbekannte Straßen und Wege entlang, achte nicht darauf, wohin mich meine Füße tragen. Auch denke ich nicht daran, wohin ich laufe. Ich laufe dahin, wo es mir gefällt. Um den Weg zurück kümmere ich mich nicht. Denn ich muss nicht zurückkehren.
Ich bleibe stehen. Irgendetwas ist anders. Aber was?
Hoch oben über der Stadt auf einem Hügel stehe ich, ein paar Bäume säumen den schmalen Weg, der mich noch zu so vielen unbekannten Orten, Menschen und Liedern hätte führen sollen.
Der Mond erscheint riesig und mit einer gewaltigen Leuchtkraft, wie ich es noch nicht gesehen habe.
Ich hätte nicht stehenbleiben sollen. Ich habe das Gefühl, durch das Laufen habe ich mein Herz am Leben erhalten, durch das Laufen habe ich es bis jetzt daran gehindert, immer weiter zu arbeiten und das Blut durch meine Venen zu pumpen.
Jetzt stehe ich hier, betrachte den Mond. Und komischerweise weiß ich, das jetzt das Ende gekommen ist.
Es ist, als wäre ich seit meiner Diagnose auf diesen Punkt hingerannt um hier und jetzt den Tod zu empfangen.
Seltsamerweise ist die Angst davor verschwunden.
Ich setze mich an den Rand des Weges in das Gras und betrachte weiter den Mond. Mittlerweile hat der Himmel seine Farbe zu einem sehr dunklen Blau geändert und wo man vor ein paar Minuten noch helle Schlieren erkennen konnte, herrscht jetzt vollkommene Finsternis.
Wie lange ich wohl warten muss, bis es geschieht?
Wohl nicht mehr allzu lange, dessen bin ich mir sicher. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln.
Plötzlich spüre ich, wie mein Puls langsamer wird.
Es hat begonnen.
Endgültig.

 

Ich laufe. Weil ich keine Zeit mehr habe.

lieber JBlack –
und damit erst einmal herzlich willkommen hierorts!

Der zitierte Satz erscheint mir – wenn auch schon zu Anfang der Geschichte formuliert – der entscheidende Satz im langsamen Sterben an „schwerer Krankheit“ – wie man geradezu beschönigend und eher verhei,lichend sagt, denn es könnte ja auch TB oder die schwarze Pest sein. Denn: Wer keine Zeit hat, ist tot, was zugleich ein Standardsatz im hektischen Weltgetriebe und Zeitmanagement sein sollte. Darum bräuchte es auch keiner Diagnose auf halber Strecke,

Ein Tumor,
da kommt der Leser von allein drauf. Vielleicht wäre es besser, die Geschichte bis zum Ende offen zu halten und erst ganz zum Schluss auf die Jumgemhaftigkeit des Kranken hinzuweisen.

Gelungen find ich die eher natürlichen Spiegelungen in Deiner Erzählung:
Der Morgenröte entspricht spiegelbildlich das Abendrot (man könnte da noch das Rufen und Singen der Vogelwelt einbeziehen, die – wenn man’s weiß – für jede Art einen besonderen Zeitpunkt hat, in das Konzert ein- und abends wieder auszustimmen. Morgen z. B. beginnen die ersten Stimmen gegen fünf Uhr MESZ – wo sich auch Sonne und Mond noch grüßen können, geht jene auf, geht jener unter - und die letzten werden nach 22 Uhr verstummen - da begegnen sich Sonne und Mond mal nicht. Und diese Begegnung gibt mir Anlass zu einer nächsten Bemerkung. wenn es bei Dir heißt

Der Mond erscheint riesig und mit einer gewaltigen Leuchtkraft, wie ich es noch nicht gesehen habe.
Wie Du den Satz schreibst, bezieht sich der Nebensatz durchaus korrekt aufs Licht. Tatsächlich aber reflektiert der Mond nur das Licht der Sonne, hat also gar keine eigene Leuchtkraft, ist ein kalter, blinder Trabant, und spendet sozusagen auf Sparflamme der Erde eine Reflexion über die Sonne.

Soweit die Vorschläge, über die man m. E. nachdenken kann (aber nicht muss).

Bissken wäre in jedem Fall noch ambulant zu behandeln:

…, als ich im Büro des Arztes gebeten wurde.
Da ist der Dativ aber mehr als des Genitivs Tod.

Zeichensetzung

…, warum nicht einmal meine Finger zitterten[,] als ich den Zettel mit der Diagnose und das Rezept …

Es ist, als wäre ich seit meiner Diagnose auf diesen Punkt hingerannt[,] um hier und jetzt den Tod zu empfangen.

Und abschließend
Und ich laufe den Orten hinterher, die ich noch besuchen will, den Menschen, die ich noch treffen wollte[,] und den Liedern, die ich noch hören will.
Warum der Gezeitenwechsel im zwoten Relativsatz? Du willst es doch noch immer, oder?

Trivialer dagegen, aber ebenso wichtig, vor allem, weil’s im Relativsatz zuvor doch ging und wie im richtigen Leben mit Anfang und Ende ist: Jeder Satz hat einmal ein Ende. Ist er in einem übergeordneten Satz eingebettet, ist das ein Komma.

Gern gelesen vom Blindfisch

Friedel,

der Dich beinah mit JoBlack verwechselt hätte …

 

Hallo JBlack,

das Gute vorneweg: Man kommt gut durch die Geschichte, bleibt nicht hängen. Die Sprache ist soweit sauber.
Auch der Anfang funktioniert. Da wird die Krankheit gezeigt, statt erzählt. Zwar nicht übermäßig innovativ, aber fürs erste passt das.

Für weniger gut:
Zum Ende hin verliert die Geschichte. Ich denke, dass tatsächliche Sterben (oder dass er denkt, jetzt ist es soweit) sollte raus. Das ist so kitschig. Er rennt raus und sieht den Mond und dann merkt er, wie er stirbt und sagt dazu eigentlich ja und amen. Das ist mir zu glatt. Und ich glaube, da liegt auch das Problem deiner Geschichte. Sie ist so glatt, weil sie zu kurz ist. Ich habe das Gefühl, du hast da drei interessanten Gedanken bei so einer Krankheit:
Die Krankheit verändert mich.
Werteverschwiebung weil keine Zeit mehr.
Annahme des Todes.

Aber das sind heikle Dinge, die sind hochgradig komplex. Für mich bräuchte es da mehr Raum. So ist das für mich mehr einen Skizze als eine richtige Geschichte.

Ich starre auf das Gesicht im Spiegel. Ein Gesicht, das ich so gut kenne, aber das sich in letzter Zeit sehr verändert hat. Jedoch nicht zum Guten.
Letzter Satz kann raus, wird durchs Folgende miterzählt.

Muss leider los, deswegen kommt nicht mehr. Falls du willst, werd ich nochmal ausführlicher.

Also bleib dran.


Gruß,
Kew

 

Hallo :)

Danke erstmal, dass ihr euch die Mühe gemacht habt, meine Geschichte zu lesen und mir Tipps zu geben!

Leider habe ich zurzeit sehr viel Stress im Job, deswegen werd ich wohl in nächster Zeit nicht dazukommen, die Geschichte zu überarbeiten.

Ciao

 

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