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Die Ankunft des Kometen

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06.02.2002
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Die Ankunft des Kometen

Das artet in entsetzlich viel "Arbeit" aus. Jeder interessierte Leser sei gewarnt, dass dies eine Fortsetzungsgeschichte ist und ich immer noch versuche, sie vor dem Sankt Nimmerleinstag zu vollenden.

Die Fortschritte, einzelne kleine "Kapitelchen", findet ihr sowohl einzelen gepostet und lateinisch nummeriert auf den folgenden Seiten, als auch alle zusammen (besser lesbar) auf Seite drei.
Viele Grüße und danke für eure Aufmerksamkeit,
der Autor


I: Die Ankunft des Kometen


Die Nacht war so sternklar wie jene zuvor, der Himmel eine umspannende, bodenlose Dunkelheit über der Erde. Zahllose Sterne standen dort oben, wie Nadelstiche in einem tiefschwarzen Vorhang. Ihr Licht durchbrach die Unendlichkeit des Universums und erfreute den Betrachter mit einem grandiosen Anblick; hätte es nur jemanden gegeben, der sich an ihnen hätte erfreuen können.
Die Stadt schien sich seit langer Zeit kaum verändert zu haben. Dichter Staub lag wie ein Leichentuch über den Straßen und Plätzen, verbarg gnädig die bleichen Knochen, die überall herumlagen, vor dem Angesicht der hellen Sterne. Die meisten Bewohner lagen nun draußen, und an den Stellen, wo eine Laune des allgegenwärtigen, sanften Windes sie nicht unter der irdenen Schicht vergraben hatte, starrten die leeren Höhlen bleicher Schädel gleichgültig nach oben, ohne zu sehen. Sie hatten fast alle ihre Zuflucht verlassen, als es zuende ging, und der Wind und der Regen hatten ihre Knochen blank poliert, bevor sie der Staub zudeckte. Wer es dennoch bis zuletzt in den Häusern ausgehalten hatte, saß zumeist noch auf dem Sofa - noch Fleisch, und doch regungslos wie eine unvollkommende Gipsstatue. So war niemand da, um den Himmel zu beobachten, hatte die Stadt doch einfach zu weit südlich gelegen wie so viele andere. So lag sie in totaler Stille, nur der Wind, der immer mehr Staub herantrug, um letztendlich auch die matten Gebäude zuzudecken, spielte wie immer unbeachtet seine monotone Melodie.
Oben auf den Hügeln stand noch das Observatorium, genauso wie die Stadt, die vor ihm im Tal lag, tot und verlassen. Vielleicht war es eine grausame Laune des Schicksals, dass die stumpf gewordene Linse seines großen Teleskops genau auf jene Stelle gerichtet war, eine unscheinbare Fläche zwischen den beeindruckenden Sternzeichen. Sie hätte dem Auge eines Betrachters, wäre dort ja nur jemand gewesen, nach so langer, ungemessener Zeit endlich und in vielfacher Vergrößerung das Ereignis gezeigt. Nun aber, da die Stadt gestorben war, gab es keine Zeugen bis auf die Schädel, die, wie die Sterne den Nachthimmel, das barmherzige Tuch aus Staub und Asche durchbrachen.
Über ihnen, genau vor der vom Wind geschliffenen Linse des Teleskops, durchstieß plötzlich ein strahlender Komet die Finsternis und jagte weiter das Firmament entlang. Wie eine Klinge, die rasend schnell den schwarzen Vorhang zerschnitt, hinterließ er noch eine Weile das helle Licht seines Schweifs, bevor es hinter ihm erlosch und nichts mehr war als die anderen Sterne. Der Eindringling jedoch glühte immer mehr auf, denn die verschiedenen Schichten der Atmosphäre setzten sich mit feuriger Hitze zur Wehr. Als das blutrote Glühen schließlich erstarb, war der Fremdkörper bereits in den oberen Luftschichten und setzte seinen Weg unbeirrt fort, bis er weit im Norden hinter dem ewigen Horizont verschwand und in der Stadt nichts hinterließ als eine Erinnerung, der niemand gedenken konnte.
Es dauerte noch eine Weile, bis er seinen parallel zum Boden liegenden Kurs aufgab und wie ein Insekt, welches vor der weißen Scheibe des Mondes tanzt, spiralförmig, seine Schnauze sanft nach unten geneigt, die Landung einleitete.
Hier, Hunderte von Meilen weiter im Norden, hatten sich die Sterne seit langem hinter Wolken verborgen, die zwar für die Bewohner des Planeten und ihre Blicke eine undurchdringliche Barriere bildeten, vom Eindringling jedoch mit der selben Leichtigkeit passiert wurden wie zuvor die Atmosphäre. War er zuvor wie ein Komet erschienen, so wurde nun, da sich die rot fackelnden Flammen der Turbinen stetig vergrößerten, klar, dass es ein Schiff war, so schwarz wie die Nacht selbst.
Das Gebiet, über dem nun die vier umgedrehten, feurigen, ständig anwachsenden Dreiecke die Dunkelheit durchbrachen, beherrschte ein Sturm, dessen Tosen sogar das Geheule der Triebwerke überdeckte. Der Wind wirbelte von hier her Asche und Staub heran, die er über eine meilenweite Distanz nach Süden trug. Seine ohne Klagen seit Jahrzehnten verrichtete Arbeit verfinsterte das Firmament noch zusätzlich, machte es trübe und gewährte nur Zublick auf die Sterne, wenn der Zufall eine größere Zeitspanne zwischen den starken Böen ließ.
Aber auch hier richtete sich keine Auge gen Himmel, als das schwarze Schiff dem letzten, zornigen Widerstand der Lüfte trotzte; es schüttelte sich unwillig unter dem ungestümen, orkanähnlichen Windstößen, schien für einen Augenblick, das Gleichgewicht verlierend, noch ein paar Dutzend Meter über dem Boden schwebend, zur Seite zu fallen - dann jedoch ging es wieder in eine ausgeglichene Lage und sackte langsam, aber kontrolliert nach unten ab. Es erreichte einen der natürlichen, großen Krater, dann schob es sich, gegen den Wind ankämpfend, über ihn und verschwand würdevoll in dem tiefen, von nacktem Fels umringten Loch. Über ihm tobte weiterhin der Sturm, ohne es jetzt erreichen zu können. Hier, in der von einem gigantischen Vulkanausbruch geformten Arena, warfen die Wände das nachlassende Heulen seiner Turbinen zurück, und der Krater erzitterte erneut für ein paar Sekunden. Der Sand auf seinem Grund wurde herumgewirbelt, doch schließlich setzte das Schiff auf, seine vier Krallen waren kurz zuvor herausgefahren und dämpften seine Landung sanft ab.
Als sich die Turbinen beruhigten und ihre Flammen schließlich völlig starben, kehrte, bis auf das monotone, melodische Brüllen des über den Kraterrand hinwegtobenden Sandsturms, welcher die letzten Wolken aufgewirbelten Drecks aufsog und mit sich fortriss, wieder ausdruckslose Stille ein.
Doch hinter der rabenschwarzen Außenwand der „Darwin“, hinter dem Titanium, den Tanks und der Elektronik, jubelte man.

So, ist zwar immer noch der alte Ausschnitt, aber ich hab ihn gründlich überarbeitet, aufgrund der vielen Verbesserungsvorschläge. Fortsetzung folgt.

[ 02.05.2002, 13:25: Beitrag editiert von: Paranova ]

 
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Hallo treuer Hunter!
So, jetzt heißt du auch so, hab´s geändert. Da es kein GANZES Werk gibt, kann ich dir kaum helfen. Aber du hast großes bewirkt, ich hab ein weiteres Kapitelchen geschrieben, damit sind´s jetzt schon sechs.

Vielen Dank für deinen Hinweis. Ich hab das ganz elegant gelöst und das "VX" gestrichen, diesebezüglich fehlt mir auch das Fachwissen, ich mag viel lieber konventionelle Waffen.
Rückstände von Biowaffen, hm, sagen wir einfach, tote Bakterien, Virenhülsen...? Ach, das ist auch doof, durch Zeit und Staub kaum nachzuweisen, selbst mit modernster Technik... na gut, dann streich ich das, du hast recht.
Nur noch: Kampfstoffe, denn außer Nervengas sind da ja noch Psycho-, Lungen-, Haut- und Blutkampfstoffe. Bah, das fand ich schon immer pervers.
Vielen Dank für´s Lesen!

 

III: Die beiden Phasen
oder: Der Hilferuf


Die erste Phase der Rückkehr sei erfolgreich abgeschlossen worden, meldeten die Fremden.


Alles, was die Menschheit in den Tausenden Jahren ihrer kriegerischen, hektischen Existenz errichtet hatte, war schließlich von ihr vernichtet worden binnen Tagen.
Längst lagen die zerschlagenen Trümmer der Pyramiden, der Hochhäuser, der Kathedralen von Asche und Staub begraben unter dichtem, schweren Schichten, so, als habe es sie nie gegeben. Man konnte beinahe meinen, jemand Höheres habe sie nach Beendigung seines Schaffens gnädig zudecken wollen.
Genauso konnte man sogar behaupten, dass es keine Zeit mehr gab, denn der jüngste Tag war bereits mehrere Jahre alt.


Phase Zwei begann.


Das größte erhaltene Bauwerk der Welt beherbergte keine Menschen. Das größte erhaltene Bauwerk der Welt war ein Anachronismus.
Es schrie um Hilfe.
Der Grund seines Daseins war mit den nuklearen Explosionen gestorben. Seine Erbauer waren Staub. Diejenigen, die noch umherirrten in den fruchtbaren Regionen der zerstörten Erde, ständig auf der Suche nach schmutzigem, verseuchtem Wasser und saftigen Kakerlaken, wilden Tieren gleich, wussten nichts von seiner Existenz, denn die Tore zur Zivilisation hatten sich für immer geschlossen, ihre Erinnerungen an sie waren vage wie die an das Paradies.
Das größte erhaltene Bauwerk der Welt, sein Hilfeschrei, das war Phase Zwei.
Die „Darwin“ war erneut vom Himmel gestoßen. Dieses Mal Hunderte Meilen weiter im Norden, so dass die seltsamen Gestalten, als die Schleuse sich erneut öffnete, keinem Sandsturm trotzen mussten. Ihnen bot sich ein anderes Bild als im Krater.
Die Sonne verbrannte als roter Feuerball nahe des Horizonts, warf verheerende Strahlen gegen ihre goldenen Visiere. Sie beschien totes Land. Endlos öde Fläche lag vor ihnen, die Erde in einem blassen Grau, in trockene Schollen gesprengt. Einzelne rostige Teile nutzlosen Schrotts ragten weit versprengt wie die gigantischen Knochen urzeitlicher Tiere in den schmutziggrauen Himmel, warfen lange, bizarre Schatten.
Weit entfernt, verzehrt vom Hitzeflimmern, thronte das größte erhaltene Bauwerk wie eine düstere Vorahnung.

Es waren abermals vier Gestalten, die das schwarze, insektenartige Schiff verließen. Abermals trugen sie weiße, mächtige Schutzanzüge, Scheinwerfer und Messgeräte. Doch zusätzlich hielten alle vier Fremden futuristische Waffen in den Händen. Ein jeder von ihnen war gewissenhaft auf die Mission vorbereitet worden.

„Das ER- 1a stellt den Höhepunkt der Entwicklung von Infanteriewaffen dar. Es ist optimiert für den Einsatz unter extremen Bedingungen und äußerst zuverlässig gegen negative Umwelteinflüsse wie feinen Staub und Hitze, wie sie auf der Erde herrschen.
Zur Gefahrenabwehr verfügt es über einen starken Elektroschocker an seiner Mündung, der mehrmals verwendet werden kann und in der Lage ist, jeden möglichen organischen Angreifer auf nächste Distanz außer Gefecht zu setzen. Dabei richtet es, verantwortungsvoll angewandt, keine bleibenden Schäden an und eignet sich somit besonders zur Gefangennahme von eventuell angetroffenen humanoiden Lebewesen.
Sollte es zu unerwartet kritischen Bedrohungssituationen kommen, verfügt jedes ER- 1a trotz des niedrigen Gewichts, seiner kompakten Form und geringen Größe von nur etwa achtzig Zentimetern über eine beträchtliche Feuerkraft.
Das auf Gasdruck basierende Schnellfeuersystem besitzt eine Feuergeschwindigkeit von drei Schuss pro Sekunde. Das Kaliber beträgt 4,5 Millimeter. Es sollte jedoch beachtet werden, dass diese Waffe mit der vorhandenen Visierung nur unter in etwa erdähnlichen Bedingungen, z. B. in Bezug auf Schwerkraft und Luftwiderstand, effektiv verwendet werden kann. Außerdem besteht durch die Verwendung von Pfeilgeschossen nur eine geringe Chance auf Lebendbergung des Ziels.
In sogenannten Phase-Zwei- Situationen wird jedes Mitglied des Außenteams mit einem ER- 1a und zwei Magazinen á dreißig Schuss ausgerüstet sein.“

Die vier Fremden hatten nach mühsamen Marsch das Bauwerk erreicht. Unerklärlicherweise war die gigantische Sendeanlage intakt geblieben, wenn sie auch rostzerfressen und dem Zerfall nahe in den trostlosen Himmel ragte. Einst diente sie zur Kommunikation mit denjenigen, welche die Erde verließen.
Es war ein sehr beschwerliches Leben gewesen damals, als Kolonisator. Doch wer hätte ahnen können, dass gerade diese Pioniere von den wahnsinnigen Machtkämpfen verschont blieben, dass ihre Nachkommen nun auf der Suche nach überlebender Zivilisation die zerstörte Mutter Erde betraten?
Natürlich wusste man im Nachhinein, dass die einzige wirklich verbindende Konstante der Menschen ihr selbstzerstörerischer und skrupelloser Drang nach Macht ist. Doch nun war es zu spät.
Jahrzehnte lang schon hatte diese Sendeanlage schon ihre hilfesuchenden Signale ins All geschleudert. Aber die völlige Umstellung der Kolonialisten auf eine funktionierende, autarke Gesellschaft war ein steiniger Weg gewesen, hatte ihre Zeit gebraucht. Es musste ein Raumfahrtprogramm aus dem Boden gestampft werden, man musste sich dazu auf die vorhanden Ressourcen und Fachkräfte stützen.
Die „Darwin“ war die Krönung dieser unglaublichen Anstrengungen. Man setzte große Hoffnungen auf sie und ihre Besatzung. Intakte Satelliten hatten keine Anzeichen für Zivilisation mehr beobachten können, deshalb war die Mission in zwei Abschnitte eingeteilt worden:

- Phase Eins:
Erste Landung auf der Erde. Danach Analyse der Atmosphäre und der Umweltbedingungen. Einsatz des Außentrupps zur zusätzlichen Informationsgewinnung.
Status: Phase Eins erfolgreich abgeschlossen.

-Phase Zwei:
Anflug auf Sendestation. Die permanenten Signale lassen auf das Vorhandensein bzw. das Überleben einer Zivilisation in den zum Komplex gehörenden unterirdischen Anlagen schließen. Auftrag: Durch Einsatz des Außenteams feststellen, ob noch irgendeine Form menschlicher Zivilisation existiert. Falls ja, unter Vermeidung von Risiken für Schiff oder Besatzung Kontaktaufnahme.
Status: Phase Zwei läuft

 
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IV: Totenstadt


Inzwischen hatten die vier Fremden ihren Startpunkt erreicht: sie standen vor einem großen, massiven Stahltor etwa fünfzig Meter von der Sendeanlage entfernt.
„Zustand?“ kam es über Funk von der Einsatzleitung in der „Darwin“.
„Gut erhalten, wahrscheinlich noch dicht“, antwortete der Truppführer und gab einem Mann neben ihm ein Handzeichen. Dieser trug eine Art Koffer, den er nun ablegte und öffnete.
Er entnahm ihm einen Gegenstand, der entfernt einem Schweißgerät glich, machte einige Handgriffe und gab dem Truppführer an, dass er bereit sei.
„Wir werden jetzt das Tor mit dem Laserschneider öffnen“, gab dieser an die „Darwin“ durch, und schon leuchtete das pistolenartige Werkzeug auf. Der Mann kniete nieder und führte ihn mit ruhiger Hand über das Stahltor, schnitt ein etwa ein Mal ein Meter großes Quadrat hinein.
Dann gab er abermals ein Zeichen, legte den Laser zurück in den Koffer und stand auf. Seine drei Gefährten schienen nervöser zu werden, dann schließlich schlug der Mann gegen das Quadrat. Der massive Stahl, den er herausgeschnitten, fiel mit lautem Knall um und gab einen Durchgang in das dunkle Innere der Anlage frei.
„Tor geöffnet“, meldete der Truppführer, „betreten jetzt den Schleusenbereich. Übernehme jetzt das Kommando. Eins Ende.“
Als sie sich vorsichtig einzeln hintereinander durch die schmale Öffnung in das Innere des Bunkers zwängten, konnten sie keinen Funkkontakt mehr zum Schiff halten. Die meterdicken Mauern aus Stahlbeton ließen kein Funksignal nach draußen. Nun waren sie auf sich allein gestellt.
Durch die Öffnung drang zwar noch Sonnenlicht, doch trotzdem herrschte im Gebäude fast völlige Dunkelheit. Vier Scheinwerfer blitzten auf. Sie befanden sich nun in der Schleuse: ein etwa acht Meter breiter Raum. Rund sechs Meter hinter dem ersten Stahltor befand sich ein weiteres, welches tiefer in die Anlage hinein führte und über ein stählernes Handrad geöffnet werden konnte.
Der Mann mit dem Koffer versiegelte mit einer Art Plane die von ihm geschnittene Öffnung. So hoffte man, die Kontaminierung mögliches gering zu halten. Erst dann versuchten sie, das zweite Tor zu öffnen. Vergeblich. Es rührte sich nicht.
Erneut musste man das Werkzeug herausnehmen und ein quadratisches Loch in die Schleusentür schneiden. Nachdem man die Arbeit beendet hatte, stieß einer der Fremden abermals die ausgeschnittene Stahlplatte nach innen. Das laute Aufprallen echote dumpf vom Bunkerinneren her. Der Weg war frei.
„Vier, du gehst als erstes. Danach kommen Zwei und ich. Drei ,“ – damit meinte er den Mann, der den Laserschneider bedient hatte – „macht das Schlusslicht.“
Vier ging in die Knie, ließ den Lichtkegel der an seinem ER- 1a befestigten Halogenlampe in das schwarze Loch vor ihm tasten. Vorsichtig kroch er hindurch und verschwand in der Dunkelheit.

Zwei ging vor der Öffnung in die Hocke und sicherte Vier ab.
Schließlich drehte sich Zwei zu den Wartenden um und gab ein Handzeichen. Der Weg in das Innere war sicher. Sie krochen einzeln durch den schmalen, quadratischen Schlund hinein.
Eine breite Treppe mit langgezogenen Stufen führte nach unten. Die vier Fremden hatten den geschweißten Schlund hinter sich; der dunkle, geräumige Weg nach unten schien wie ein riesiger, kahler Rachen aus nacktem Beton. Vier stand weiter unten und tastete mit seinen Lichtkegel weiter hinab.

Der Truppführer musterte die kahlen Wände. Sein goldenes Visier reflektierte dunkel den Widerschein der kalten umherschweifenden Halogenlichter. „Drei versiegelt den Zugang. Zwei, Luftanalyse, inklusive Biocheck.“
Während er die Treppen zu Vier hinabstieg und mit ihm sicherte, schloss Drei abermals den aufgeschweißten Zugang zur Schleuse mit einer Plastikfolie. Zwei trug einen unscheinbaren Gegenstand von der Größe einer Thermoskanne bei sich und machte sich daran, mit seiner Hilfe die Zusammensetzung der Luft zu analysieren.
Wie Fledermäuse huschten die Leuchtkegel der Sichernden weiter nach unten, durch die Finsternis. Die Beleuchtung war völlig ausgefallen, wie zu erwarten gewesen war. Und die Zeit schien auch die Notbeleuchtung zum Erlöschen gebracht zu haben. Das Gebäude erschien tot und verlassen. Man war auf die Situation intensiv vorbereitet worden, doch sowohl der Truppführer als auch Vier neben ihm spürten, wie ein unwillkürliches Gefühl der Isolation, der Beklemmung in ihnen aufstieg.
Die unterirdischen, dunklen Labyrinthe verströmten Gefahr. Sie starrten weiterhin ins Leere hinab nach unten. Im Schein ihrer Lampen erkannten sie, dass die Treppe weiter nach hinab führte. Dann spaltete sie sich vor einer massiven Wand auf: ein Weg nach links, einer nach rechts. Obwohl ebenerdig, wirkten sie wie dunkle Abgründe.
Das Warten fiel schwer, schon zehrte es an den Nerven. Wie eine Erlösung erschien Dreis Stimme: „Plane dicht. Öffnung versiegelt.“
„Dann komm runter zu uns“, sagte Eins. „Zwei, wie weit bist du?“
„Fast fertig. Die Luft enthält ausreichend Sauerstoff, allerdings auch überdurchschnittlich große Mengen CO-2. Hier scheint es also noch biologische Aktivität gegeben zu haben“, er machte eine kurze Pause, „Radioaktivität liegt im natürlichen Bereich. Schädliche chemische Verbindungen sind nur in Spuren vorhanden, wohl weil wir die Schleuse geöffnet haben. In ein paar Minuten dürften sie sich soweit verteilt haben, dass absolut keine Gefährdung besteht. Ich brauche noch ein wenig Zeit für die Überprüfung auf biologische Kampfmittel.“
Drei eilte die Treppenstufen hinunter zu den anderen beiden, während am Schleuseneingang Zwei sich weiterhin über sein Gerät beugte.
Zäh verflossen die Minuten, bis Zwei meldete: „Analyse abgeschlossen. Nichts, bis auf ein paar vereinzelte Milzbrandsporen. Das macht uns nichts. Die Luft ist rein.“
„Also ist es möglich, die Masken abzunehmen?“ fragte Eins.
„Ja. Die Luft wird wohl etwas muffig sein, und sie enthält etwas weniger Sauerstoff als gewohnt. Was kann heißen wird, dass wir bei starken Belastungen schneller außer Atem kommen. Ansonsten ist sie fast wie zu Hause, ungefährlich.“
„Zwei, Drei, ihr lasst die Helme trotzdem auf. Ich will kein Risiko eingehen. Vier, du und ich nehmen sie ab“, befahl der Anführer, legte seine Waffe neben sich und zog sich langsam, bedächtig den weißen Schutz vom Kopf. Das goldene Visier gab sein Gesicht frei, fein moduliert, perfekt.
Er überprüfte, ob seine Sprechanlage, der kleine schwarze Knopf im rechten Ohr und das winzige Mikro vor seinem Kinn verrutscht waren, tat vorsichtig den ersten Atemzug.
Erst dann steckte er seine Maske an den Gürtel und hob sein ER- 1a wieder auf. Neben ihm stehend tat Vier es ihm nach, verzog das Gesicht.
„Schlechte Luft hier drin“, bemerkte er schließlich, und nun, da nicht mehr durch den Helm zurückgehalten, brach sich seine Stimme an den Betonwänden und hallte weiter nach unten.
Eins harte Blicke trafen ihn, und er schwieg. Es war zu spät, wenn noch jemand dort unten hauste, würde er den Trupp eh über früh oder lang entdecken – wie beabsichtigt.

„In Ordnung, Leute“, sagte Eins in das stille Warten hinein leise ins Mikro, wir gehen jetzt rein. Gebt euch Deckung und haltet die Augen offen, aber lasst die Gewehre gesichert.“
Vier einsame Lichter, verloren wirkend in der bleiernen Schwärze tiefbegrabener Nacht. Vorsichtig, aufmerksam, professionell dringen sie in das Gebäude ein, lassen die breite Treppe hinter sich, beschließen, in den rechten Gang vorzustoßen, der sie wie ein schwarzes Maul aufnimmt. Danach verläuft sich der Klang ihrer Schritte, Stille kehrt wieder ein, und erneut liegt der verlassene Eingang in gnädiger Finsternis.
So breit dieser war, so schmal ist nun der Korridor geworden. Legendlich zwei Mann finden nebeneinander Platz. Tückisch, bedrohlich verliert sich der Gang in der düsteren Endlosigkeit.
Dann an einer Seite die erste Tür, Stahl, halb geöffnet. Im hellen Schein der Lampen wirkt es, als lauere sie darauf, dass jemand eintrete. Eins gibt den Befehl zu halten, bedeutet Drei, zu sichern.
Vorsichtig wagen sich die Anderen vor. Nackter Beton umgibt sie nach allen Seiten. Unwillkürliches Aufatmen. Leer. Das Gitter an der gegenüber der Tür liegenden Wand ist abgerissen worden, dahinter gähnen die engen, dreckigen Belüftungsschächte. Die an der Decke hängenden Lampen sind zerschlagen, eine hängt nur noch an einem dünnen Kabel wie an einem Strick.
Der Boden ist übersäht mit kaum erkennbaren Unrat. „Was ist das für ein Zeug?“, will der Truppführer wissen, und Zwei geht in die Hocke, hebt nacheinander einige kleinere Teile vom Boden auf und mustert sie. Manche sind bereits derartig verrottet, dass sie in seiner Hand zerfallen.
Schließlich wendet er Eins das goldene Visier zu und meint:
„Sieht ganz nach Lagerraum aus, aber hier ist irgendwas passiert. Muss schon lange hersein. Dort liegen alle möglichen Sachen rum, meiner Meinung nach Reste zerschlagender Kisten, Plastikmüll. Hier wurden anscheinend Vorräte gelagert. Und noch etwas“, er zögert, und Eins muss erst ungeduldig nachfragen, „Was denn?“, bevor er weiterspricht.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier größere Mengen zerfallener Textilien liegen“, meint er und deutet zu Boden, auf den aussage – und farblosen, dunklen modernen Müll.
„Seltsam“, antwortet Eins, zieht das Gesicht in nachdenkliche Falten. Sein Blick ruht einen Moment auf dem offenen, aber schmalen Zugang zum Lüftungssystem, auf dem verbogenen, herabhängenden Gitter davor.
„Wenn es eine Art Plünderung war“, - das war durchaus wahrscheinlich – „warum dann Kleidung?“
„Vielleicht enthielten die Kisten nur Textilien“, mutmaßt Vier, doch Zwei sagt:
„Nein, dass glaube ich nicht. Wer würde dieses Lager gewaltsam wegen Kleidungsstücken aufbrechen? Dieser Bunker wurde vom Militär angelegt und verwaltet, er beherbergte außerdem eine gewisse Anzahl von Wissenschaftlern. Hier ging es wohl diszipliniert zu...“
„Das ergibt keinen Sinn“, meldet sich Vier zu Wort. Sein Blick ist ein wenig fahrig, doch Zwei unterbricht ihn. „Am Besten gehen wir weiter. Auf dem Rückweg nehme ich ein paar Proben mit, spätestens in der ‚Darwin´ haben wir dann haben weitere Informationen.“
„Einverstanden. Na los Leute, weiter geht’s.“
Die anderen Beiden wandten sich zum Gehen. Vier schmeckte die ganze Sache nicht. Natürlich, er war lange auf diesen Einsatz vorbereitet worden, aber nun breitete sich eine beunruhigende Bedrückung in ihm aus. Katakomben, kam es ihm in den Sinn, diese ganze Anlage ist eine riesige Totenstadt, begraben unter der Erde. Die Unterwelt... und wir suchen ihre Einwohner.

 

V: Das Geräusch


Wie versteinert blieb er plötzlich stehen, jeder Muskel spannte sich. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter, er hielt den Atem an, hob sein Gewehr, beleuchtete den Lüftungsschacht. Starrte, wartete angespannt. Was war das gewesen?
„Was ist los?“, kam Zweis Stimme, doch Vier wandte sich ihm nicht zu, stand wie versteinert.
Er befeuchtete die Lippen, flüsterte kaum hörbar ins Kinnmikro: „Da war was im Lüftungsschacht. Hab ´s genau gehört.“
Die anderen Beiden erschienen zu seiner Seite. Eins, der wie er keine Maske mehr trug, besser hören konnte als Zwei, schob sich vorsichtig an die verdächtige Wand heran, um näher an den Schacht zu gelangen, doch er konnte nicht vermeiden, dass ein Stück morschen Holzes von einer der zerschlagenen Kisten unter seinen Füßen zerbrach, leise zwar, aber viel zu laut in der angespannten Stille.
Die Antwort kam sofort, und diesmal hörte auch er sie. Ein sanftes Kratzen drang für Sekunden aus dem Schacht zu ihnen, es musste direkt hinter dieser Mauer sein. Die paar Meter bis dorthin quälten und zogen sich hin, jede einzelne spannte seine Nerven gnadenlos weiter an. Endlich erreichte er den schmutzigen Beton, presste sich gegen ihn. Vier und Zwei standen immer noch regungslos, die Waffe in Anschlag. In diesem Moment fragte er sich, wie gefährlich diese Kontaktaufnahme wirklich sei.
Wieder dieses kratzende Geräusch, es ist genau hinter seinem Kopf, hinter der Mauer, die Öffnung ist keine Armlänge von ihm entfernt - cool bleiben jetzt! - denkt er, aktiviert den Elektroschocker. Mit unverwechselbarem Geräusch baut sich die Spannung auf. Jetzt!
Er springt hervor, zum Schacht, Vier eilt zu ihm, da er nun eh ihre Schusslinie versperrt. Das Loch ist groß genug, dass ein kleiner Mensch hindurch kriechen könnte. Nun hält er seine Waffe hinein, den Kopf hinterher, dazu muss er sich auf die Zehenspitzen stellen. Sein Oberkörper passt kaum ganz hinein. Für einen Moment setzt sein Herzschlag aus.

Stillstand, Stille.

Der Scheinwerfer tastet ins Nichts; der mit Blechen ausgekleidete Schacht ist eng, ausgebeult, schmutzig, aber leer. Nach ein paar Metern biegt er ab. Unmöglich, zu sagen, was sich hinter der Biegung verbirgt. Ob sich dort überhaupt etwas versteckt und warum. Das Kratzen ist verschwunden.
Eins atmet auf, schwenkt den Blick zur anderen Seite.

Gähnende Finsternis, verdammte Finsternis. Umständlich, laut zieht er das Gewehr zurück, leuchtet nun damit in die andere Richtung. Nichts. Mitgenommene Bleche, Schmutz, Leere. Schnell zieht er Kopf und Waffe aus dem unheimlichen Schacht zurück.
Etwas zerrt an seinem Schutzanzug, ein lautes Kratzen, metallisch, ein Scheppern vor seinen Füßen. Er erschrickt fürchterlich, weicht zurück vom Schacht, stolpert über irgendetwas, verliert das Gleichgewicht. Seine Arme rudern hilflos umher, aber er findet kein Gleichgewicht mehr. Aus Versehen löst er den Elektroschocker aus, dann fällt sein Gewehr zu Boden, er stürzt hinterher.

Schmerz.
„Was ist los bei euch?“ fragt Drei, immer noch den Gang sichernd, durch den Lärm aufgeschreckt.
„Bleib auf deinem Posten!“ Das ist Zwei, hastig sprechend. „Vier, gib Deckung.“
Schnell beugt er sich über den am Boden, legt sein Gewehr zur Seite. Schlägt ihm sanft mit der behandschuhten Rechten ins Gesicht. Eins schlägt die Augen auf, starrt in das goldene Visier über ihm.
„Was ist passiert, bist du verletzt?“
Sein Gesicht zieht sich kurz in Falten.
„Nein“, sagt er dann zögernd, „ich hab nichts... schon in Ordnung. Nicht passiert“, beeilt er sich zu versichern, „...nichts passiert. Ich muss am Gitter hängen geblieben sein.“
Aufatmen. Das goldene Visier bleibt über ihm, Zweis Hände mustern seinen Schutzanzug auf Beschädigung, seinen Kopf auf Verletzung. Dann erst darf Eins sich aufrappeln, greift nach seinem ER- 1a.
„Du musst auf den Auslöser gekommen sein“, meint Zwei noch, ebenfalls seine Waffe aufhebend, „du hast mich beinahe mit dem E-Schocker erwischt.“
„Lagebericht“, wirft Eins in das Schweigen.
„Nichts mehr, alles ruhig,“ meldet Vier schnell, und auch Drei gibt vom Flur her Entwarnung. Nichts passiert.
Eins schüttelt den nackten Kopf, stellt den Elektroschocker aus. „Okay Leute. Zwei, nimm eben ein paar Proben mit von dem Zeug am Boden. Wir gehen weiter rein. Muss ein... Tier gewesen sein oder so. Aber seid vorsichtig.“

 

VI: Leben


Hinaus aus dem seltsamen Lagerraum, den Lüftungsschacht bis zuletzt beobachtend.
„Zwei“, befielt Eins, als sie den Gang erreicht haben, „du sicherst von jetzt an ständig nach hinten. Wir gehen langsamer vor, um dir genügend Zeit zu lassen.“
„Verstanden.“
Drei: „Was ist passiert da drinnen?“
„Nichts. Kratzgeräusche im Lüftungsschacht, ein Tier oder so was, dann ist Eins gestolpert, nachdem er nachgesehen hatte und hätte mich beinahe gegrillt.“
„Ruhe jetzt, Männer! Dort, die nächste Tür. Sichern!“
Kalter Stahl verwehrt den Zutritt. Verschlossen.
„Was jetzt“, fragt Zwei.
Eins atmet tief ein. Die Luft wird muffiger, ekelhafter, je weiter sie den Gang verfolgen, aber das Geräusch zeigte, wie wichtig das Gehör in einer derartigen Situation ist, ein ungetrübter Blick ohne UV-Visier... vielleicht auch Geruch...
Er legt zögernd das Ohr an die Tür, sie ist kalt und still.
„Irgendetwas gefällt mir nicht daran. Längeres Überleben erfordert doch Erschließung aller Ressourcen. Raum eins war ein Lagerraum, warum nicht dieser auch? Zwei, Vier, sichern. Drei, öffne das verdammte Teil.“
Drei macht sich an die Arbeit, hockt sich ab, legt das Gewehr beiseite, öffnet den Koffer und beginnt, den rot aufglühenden Stahl um das rostige Schloss herum zu zerschneiden.
Dann hält er inne, tritt zurück. „Fertig, Eins, das müsste reichen.“
„In Ordnung, ich öffne die Tür, du sicherst. Aktiviere den E-Schocker. Ausführung.“
Er drückt, die Waffe in der anderen Hand. Die Tür gibt nicht nach.
Nerven bewahren. Beide Hände.
Fast möchte er schon aufgeben, als endlich mit einem schauderhaft hohem Quitschton, ganz langsam, die Stahltür nachgibt. Ein Knall ertönt, kaum ist sie einen Spalt breit geöffnet, er zuckt zusammen. Das Schloss, es ist zu Boden gefallen. Er sucht Dreis Gesicht, findet nur die ausdruckslose golden glitzernde Scheibe.
Dunkelheit schlägt ihnen entgegen, Dreis Lichtkegel treibt sie zurück, als dieser im Raum verschwindet. Schnell folgt Eins, ihn sichernd.
Dieser Raum ist anders. Voller.
Übersäht mit Gerümpel, dessen Zweck sich ihm nicht sofort erschließt, in einer Ecke stapelt sich moderiger Unrat fast bis zur Decke. Irgendetwas stimmt nicht, dass weiß er, schwenkt das Halogenlicht hastig durch den Raum.
Leer.
„Gesichert“, bestätigt Drei, das Summen seines Elektroschockers erstirbt.
Kisten, leere Kisten, zuhauf. Umgeworfene Kanister unter einem dünnen Schleier Staub. In einer Ecke dunkle Flecken auf dem Beton.
Der Lüftungsschacht...
„Hey, schau dir das an“, sagt Eins.
Morsche Bretter liegen auf dem Boden vor dem Schacht, einige sind aufwändig davor gezimmert und noch immer haltend.

„Irgendwo herausgerissen“, meint Drei.
„Sieht so aus, als habe hier jemand das Gitter verstärken wollen. Aber warum?“
„Plünderer? Oder drang jemand in den Lagerraum ein und verschanzte sich, um die Nahrungsmittel vor den anderen Bewohnern zu verteidigen?“
„Schon möglich, Drei. Geh raus und schick mir Zwei rein.“
„Verstanden.“
Angestrengt betrachtet Eins die Konstruktion aus vergammeltem Holz. Jemand musste viel Wert drauf gelegt haben, diese möglichst stabil zu halten, obwohl die Betonwände ihn naturgemäß dabei einschränkten. Dieser Raum birgt ein Geheimnis... aufmerksam lauscht er in Richtung Schacht. Stille...

„Was gibt es?“
Er erschrickt unmerklich. Zwei steht neben ihm.
Eins deutet mit einer weitläufigen Handbewegung in den Raum hinein. „Sieh dich mal hier um. Vielleicht kannst du was herausfinden.“
„Ist das eine Art Barrikade?“, fragt Zwei, das Visier gen Lüftungsschacht gerichtet.
„Wir vermuten es.“
„Interessant...“
Für einen kurzen Moment - ist es real oder Einbildung, die Nerven? – wird Eins schwarz vor Augen.
Die Luft hier. Widerlich... hastig greift er zu der Maske, setzt sie auf, atmet durch. Sauberer, wundervoller Sauerstoff! Wie belebend er seinen Körper durchströmt!
„Gute Idee“, kommt Zweis Stimme über Sprechfunk, „der CO2-Gehalt ist in diesem Raum, obwohl wir die Tür geöffnet haben, noch merklich höher.“
Dann bemerkt Eins, dass Zwei sich über die dunklen Flecken in der einen Ecke des Raumes beugt.
„Sehr interessant... eine Art Schimmelpilz...“
„Was heißt das?“
„Ich bin mir noch nicht sicher... wahrscheinlich, in Verbindung mit den höheren CO2-Werten... Leben!“
Schweigen.

„Drei, Vier, was gibt ´s bei euch?“, fragt Eins nach.
„Nichts, gar nichts. Alles ruhig.“
Endlos dehnt sich die Zeit, als wolle sie die Eindringlinge verspotten, die sie wieder mit auf diesen verdammten Planeten brachten, den sie überwunden glaubte.
„Jipp. Leben. Eindeutig.“
„Schieß los, mach schon!“
„Da der Raum verbarrikadiert war, nehme ich an, dass es sich entweder um sehr kleine Lebewesen handelt, welche die Gitter oder ähnliches durchqueren konnten, oder, das ist ebenso wahrscheinlich, hier einmal irgendetwas gelebt hat.“
Unwillkürlich entweicht Eins ein kurzes Lachen. „Und wo soll es hin sein?“
Zwei schaut an ihm vorbei.

Eins dreht sich herum, und auch er nimmt den Berg aufgestapelten Unrat in der anderen Ecke erst jetzt richtig wahr.
„Du meinst...?“
„Entweder das, oder der oder die Kadaver sind bereits von verwertet worden. Die Pilzkolonien lassen aber auf das frühere Vorhandensein einer gewissen Menge Kot schließen.“
Langsam, bedächtig schreiten die beiden Männer an die modernen Kisten, verbeulten Kanister, leeren Konserven, Plastikplanen heran.
Zuerst vorsichtig mit der Mündung seines ER-1a, dann mit beiden Händen räumt Eins ein paar Gegenstände weg, die teilweise unter seinem Griff auseinanderfallen. Noch eine Kiste, die Plane weg...
„Grundgütiger!“, entfährt es ihm.
„Was ist los?“
Eins kann den Blick nicht davon wenden, irgendetwas hält ihn fest... er hatte Recht.
„Was ist ein ´Grundgütiger´, Eins?“
„Schau dir das mal an“, antwortet dieser nur und tritt zur Seite.
Unter der Plane, zwischen den teils vor Alter zusammengebrochenen Kisten, ragen zwei ausgebeulte Stücke verfallenen Stoffes heraus, enden in schimmelbefleckten schwarzen Stiefeln.
Zwei gibt einen überraschten Pfeifton von sich, während sich des Fundes annimmt, ihn von den über ihn gefallenen Kisten, dem Müll befreit.
„Schlafstelle, wahrscheinlich. Geschlecht wahrscheinlich männlich...Erwachsener... Überreste einer Art Uniform... oh – fantastisch – ein Selbstmörder!“
„Was?“
„Schusswaffe in der rechten Hand verkrampft, eine Armeepistole, glaube ich. Größere Teile des Schädels fehlen in Höhe des Kleinhirns, wohl Schusswirkung, nächste Nähe – durch den geöffneten Mund wahrscheinlich, wenn das da Schmach sein sollte.“
Eins hat sich umgedreht, starrt auf den verstärkten Lüftungsschacht.
„Noch was?“
„Sehr abgemagert.“
„Drei, Vier, habt ihr das mitgekriegt?“
„Jawohl. Schlussfolgerungen?“
Zwei antwortet. „Noch nicht möglich, wenn wir nicht wild spekulieren wollen. Etwas scheint ihn hier drin gehalten zu haben, bis zum letzten.“
Stille.
„Kann ich mir nachher ein Stück von ihm mitnehmen, zur Analyse?“, fragt Zwei schließlich.
Eins schluckt.
Doch Viers „Alarm!“ lässt ihn herumfahren.

 

Hi Para,
ja, du machst mir immer mehr Guster... entwickelt sich gut deine Story.

Aber natürlich muss ich auch wieder meckern ;) :
1.)

Es waren abermals vier Gestalten, die das schwarze, insektenartige Schiff verließen
waren das bei der ersten Landung nicht 2 Leute, die ausgestiegen sind?

2.) du wechselst irgednwie etwas oft zwischen Präsens und Vergangenheit. Es ist zwar dem Spannungsmoment zuträglich mal in der Gegenwart zu schreiben, aber es irritiert wenn du ohen Grund wechselst (teilweise im Satz)

Die Lösung mit den Biowaffen ist gut.

freu mich schon auf die Vortsetzung!

lg Hunter

 

Gibt drei Zeitenwechsel:

Warum gerade dieser abgelegene Vulkankrater gewählt worden war, ist wohl nur der Besatzung im Innern des schwarzen Schiffsrumpfes bekannt, der nun langsam eine beige, schmutzige Farbe annimmt. Denn unzählige der vorbeirauschenden Staubkörner, die der tobende Wind über ihnen mit sich reißt, verfangen sich an den Kraterwänden und wirbeln tanzend umher, vom ewigen Windstrom wieder angezogen, bis sich einige von ihnen am fremden Körper der `Darwin` festsetzen.
Nach der Landung rührte sich einige Zeit lang nichts... Es war das erste Mal seit Jahren oder gar Jahrzehnten, dass der Begriff „Zeit“ wieder in diesem gottverlassenen Teil des verwüsteten Planeten eine Bedeutung besaß.

Kleine Spielerei anläßlich der Herumphilosophiererei über "Zeit". Mal abwarten, wenn´s noch mal jemandem negativ auffällt, ist es raus.


„Das ER- 1a stellt den Höhepunkt der Entwicklung von Infanteriewaffen dar. Es ist optimiert für den Einsatz unter extremen Bedingungen und äußerst zuverlässig gegen negative Umwelteinflüsse wie feinen Staub und Hitze, wie sie auf der Erde herrschen.
Der Einschub über die Waffen ist in Anführungszeichen gesetzt. Ursprünglich hieß es auch:
"war gewissenhaft vorbereitet worden, wusste:"
Aber die Kursivschrift schien mir den Einschub genug kenntlich zu machen. Diesen finde ich recht informativ, verwirrt er?

Vier und Zwei standen immer noch regungslos, die Waffe in Anschlag. In diesem Moment fragte er sich, wie gefährlich diese Kontaktaufnahme wirklich sei.
Wieder dieses kratzende Geräusch, es ist genau hinter seinem Kopf, hinter der Mauer, die Öffnung ist keine Armlänge von ihm entfernt - cool bleiben jetzt! - denkt er, aktiviert den Elektroschocker. Mit unverwechselbarem Geräusch baut sich die Spannung auf. Jetzt!

Der Wechsel in die Gegenwart passierte an dieser Stelle beinahe unwillkürlich und ist recht wichtig für die Spannung.

Was ist ein "Guster"?
Wie gefiel dir "was ist ein ´Grundgütiger´?"
Konnte man als Leser verstehen, dass dieses altmodische Wort kaum bekannt ist, Zweis leichte Ironie raushören?

...para

 

hi para,
hm guster, wusste gar nicht, dass das so ein österreichischer ausdruck ist.
guster: geschmack :cool:
werd in nächster Zeit bei deutsch bleiben

Hunter

 
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VII: Am Abgrund


„Vier, was ist los?“ Eins stürmt aus dem Lagerraum, rennt neben sie und leuchtet zusammen mit ihr in den Gang hinein, ohne etwas entdecken zu können: kahl, finster und verlassen wie zuvor.
„Ein Geräusch! Scheiße, da war was!“ antwortet Vier. Eins kann hören, dass ihr Atem schneller geht. Besorgt lugt er auf die Sicherung ihres ER-1a, dann auf die seine. Unauffällig, den Blick nicht mehr vom Gang lösend, stellt er sie wieder von E auf S.
„Leute, der Befehl lautet: ´Die Waffen sind gesichert´!“, sagt er dann laut, „Vier, auch für dich. Was hast du gehört?“
Drei antwortet.
„Ich hab es zuerst gehört“, meint er hastig. „Ein Kratzen, ähnlich dem im Lüftungsschacht. Dann ein komischer hoher Ton. Dann hörte es auch Vier, es kam ja aus ihrer Richtung, und alarmierte euch.“
„Wie weit entfernt?“
Ihre Lichtkegel reflektieren ungefähr hundert Meter weiter an einer Wand: der Gang zweigt ab.
„Ziemlich weit. War recht leise, aber bei dieser Totenstille...“
Inzwischen ist Zwei kaum merklich zu ihnen getreten, seine Waffe baumelt lässig herab. Eins starrt für einen Augenblick auf das goldene Visier und erwartet ein „Interessant“, „faszinierend“ oder etwas ähnliches. Verdammt, musste ihn dieser Typ immer irgendwie erschrecken?
Er atmete tief durch. „Zwei, halt mal“, drückt ihm sein ER-1a in die freie Hand, dann nimmt er die Maske wieder ab. Diese Luft stinkt. Sitzt das Mikro? Ja. Gut. Ruhig bleiben.
„Okay Leute. Wir haben da drin immerhin eine Leiche gefunden. Es muss noch mehr Menschen hier gegeben haben. Also los, aber mit äußerster Vorsicht. Die Waffen bleiben gesichert. Auf mein Befehl werden die Elektroschocker aktiviert. Haltet euch zurück, wenn wir jemandem begegnen! Habt ihr das alle verstanden?“
Sie bestätigen. „Marsch. Drei, du bleibst hinten und sicherst. Vier, du gehst zwischen uns. Zwei, du und ich übernehmen die Führung.“
Der verriegelte Lüftungsschacht kommt ihm in den Sinn. „Cool bleiben, Leute! Darauf wurden wir drei Jahre ausgebildet, also: Los geht ´s!“
An Türen vorbei, die alle verschlossen zu sein scheinen. Eins hat keine Lust mehr, ihre eventuellen Geheimnisse zu lüften.
Das Geräusch! Leben! Kontakt... die Totenstadt. Weiter, weiter! Vierzig, dreißig, zwanzig, zehn Meter.
Eins lässt halten. Tatsächlich, er hat sich getäuscht. Der Gang biegt in beide Richtungen ab, nicht nur in eine. Er nickt Zwei zu, und jeder seine Seite im Auge behaltend, nähern sie sich langsam der Abzweigung.
Der Boden tut sich auf. Metallgittertreppen führen hinab: ein Treppenhaus. Auch das noch.
„Links oder rechts?“, hört er Zwei fragen.
Diese Gitter sehen rostig aus... das Licht dringt nicht bis unten... da oben! Ein Gitter, ein Zugang zum Lüftungsschacht...

„Scheiße, ich weiß nicht ob diese alten Treppen halten“, meint Eins, die Entscheidung aufschiebend.
„Auf meiner Seite wurden mehrere der Metallgitter herausgerissen und wahrscheinlich in den Abgrund geschleudert. Ich halte nichts davon, links zu gehen. Wie sieht ´s bei dir aus?
Zwei schweigt eine Weile, bevor er antwortet: „Eigentlich ganz gut. Hier scheint noch alles intakt zu sein. Um kein Risiko einzugehen, sollten wir jedoch einzeln hinabsteigen.“
Eins unterdrückt ein hysterisches Lachen. ´Um kein Risiko einzugehen, sollten wir jedoch einzeln hinabsteigen!´, reflektiert er Zweis Aussage, und sie erscheint ihm absurd. Ruhe bewahren.
Es geht keine erwiesene Gefahr von dem Geräusch aus. Vielleicht nur ein Tier. Vielleicht will man sie nur verscheuchen. Weitaus manifester ist das Risiko, dass der Trupp in die Tiefe stürzt. Nein, Zwei hat Recht.
„Alles klar. Ich gehe voran. Zwei, leuchte du zusätzlich nach unten. Drei und Vier sichern währenddessen, auch in das andere Treppenhaus hinab. Drei, du lässt dein Schneidgerät hier oben liegen. Ausführung.“
Ein tiefer Atemzug dieser abgestandenen, miefigen Luft verlassener Gebäude und alter modriger Keller. Einen Fuß auf das Gitter. Das leise Geräusch seines Trittes überträgt sich kaum hörbar, aber immerhin noch wahrnehmbar, nach unten.
Scheint zu halten. Flugrost oder so. Falscher Alarm, sonst nichts. Der andere Fuß... vorsichtig... es wackelt!
Scheiße, ruhig bleiben, nur ein wenig, ganz wenig schwankt es. Ruhig, bedächtige Bewegungen. Wird schon schief gehen. Entdecker von Überlebenden... in die Geschichte eingehen... ein Fuß vor den anderen, die erste Stufe... hält... schwankt... Totenstadt... tot wie der Krater... Mausfalle... Falle... fallen... das Geräusch, der Lüftungsschacht... ruhig, ruhig.
Kann mehr ab, als du denkst. Muss ich etwa pissen? Unmöglich. Die erste Biegung, weiter, weiter, schon in Zweis Lichtkegel, der über mir lehnt und leuchtet durch die Gitter... du Idiot, das blendet... weiter, was ist da unten? Vorsichtig, pass auf, das Geländer, ja, da geht es weiter, eine Tür, offen, nur zwei Biegungen weiter nach unten, die Treppe führt zwar weiter, aber... pah! Zuviel Risiko, muss an den Trupp denken.
Erste Biegung, was ist das da an der Wand? Oh, nur ein alter Feuerlöscher. Weiter, weiter, vorsichtig... das bisschen Schwanken...

„Chrrr!“

Eins Herz bleibt für einen Augenblick stehen, er selber erstarrt mitten in der Bewegung.
„Was war das? Habt ihr das gehört?“, ruft er nach oben.
„Positiv“, kommt Zwei über den Knopf im Ohr. „Soll ich eines der Gitter entfernen und mich zu dir abseilen?“
„Nein... schon in Ordnung.“ Eins glaubt selber nicht an seine Worte. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Oh Scheiße. Na los, weiter. Hier an die Wand zu kauern bringt nichts.
Immer wieder geistern in der Ausbildung gelernte Sätze durch seinen Kopf: ´Sollte es zu unerwartet kritischen Bedrohungssituationen kommen, verfügt jedes ER- 1a trotz des niedrigen Gewichts, seiner kompakten Form und geringen Größe von nur etwa achtzig Zentimetern über eine beträchtliche Feuerkraft

´Kritische Bedrohungssituation´... sie hatten mal geübt wie sie auf Diebe reagieren sollten, auf allzu stürmische Begrüßung und auf unvorhersehbar Reagierende. Verdammt, diese Knarren wurden kein einziges Mal unter Erdbedingungen getestet. Einen Schritt vor den Anderen, die Nackenhaare gesträubt, schwitzend unter dem Schutzanzug. Jetzt kann er schon von oben ein Stück in die Tür hineinleuchten... nichts...
Weiter, weiter!
Drauf geschissen, denkt er, als er bereits fast auf gleicher Höhe mit dem Eingang ist. Mit einem elektrischen Summen springt der „Griller“ an seinem Gewehr an, wie sie ihn scherzhaft tauften.
Noch drei Schritte... da ist nichts... verdammt, der Gang geht in beide Richtungen... zwei Schritte...
„Buuuhaaa!“, schreit Eins und wirft sich nach vorne, die letzten Vibrationen des Treppenhauses noch in den sich zuletzt vom Boden lösenden Fußspitzen spürend.
Ein Zwischenschritt, jetzt nicht hinfallen, er wirft sich gegen die Wand, nach links, nach rechts, seine Lampe schneidet in die Finsternis, sein E-Schocker zieht durch die schnellen Bewegungen ganz schwache bläuliche Streifen...
Nichts. Leer. Puh.
Das Surren des Schockers. Zweis Stimme im Ohr. Sonst was? Nein.
Mit seinem angestauten Atem weicht die Anspannung. Er deaktiviert die Elektrowaffe.
„Was ist los da unten“, brüllt Zwei, „Eins, melden!“
„Schon gut, mir geht’s blendend. Kannst nachkommen, niemand da. Aber beeil dich trotzdem, muss in zwei Richtungen sichern.“
„Alles klar, verstanden.“

 
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Puh, jetzt erstmal Schluss für heute. Meine Augen brennen, und die ganze laute Psychomucke von Darkane hat meinen Tinitus daran erinnert, dass es ihn gibt.
Nein, gaaanz so schlimm ist es nicht.
Aber mir war beim Schreiben echt ziemlich gruselig, ich bin relativ abgegangen und überlegte glatt, eine zu rauchen (was ich seit Silvester nimmer tue!).
Fazit: "Am Abgrund" sucks. Gegenstimmen?

 

Nur ganz kurz, Para. Warum veröffentlichst du das nicht in einem einzigen Post? :confused: Das ist ja furchtbar. "Geschichte" "Kritik" "Geschichte" "Kritik" "Anmerkung" "Geschichte" "Geschichte" "Kritik"... :silly:

 

Hm, hast Recht. Aber da ich immer weiterschreibe...
wollte eh nen neuen Post drausmachen, wenn´s fertig ist.
Oder fällt dir was ein? Soll ich alles bisher geschriebene in ein Posting packen?
...para

 

Fortsetzungsgeschichten sind hier eigentlich nicht erwünscht. Oder um es wie Jake Blues zu sagen: "Ich will vollständige Tiere!" ;)

Frag mal Rainer und/oder Mondkind Zaza. :bib:

 

Sache ist: Wurde damals nicht gelöscht, obwohl Fragment. Hab aber diversen Leuten versprochen, sie fertigzustellen, und Hunters Kommentare helfen/motivieren mir dabei.
Da der Thread eh noch besteht...? Soll ich noch ausdrücklich davor warnen, dass bisher kein Ende steht?
...para

 

Achtung! Unten folgende Story ist (leider) noch immer nicht vollständig, deshalb sei Leuten, die ein "klares" Ende wollen, davon abgeraten!
Dickes Danke an alle, die mir bisher mit ihren Kommentaren hilfreich zur Seite standen.
...para

 
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Enthält bisher folgende (auch einzeln gepostete) "Kapitelchen":

I: Die Ankunft des Kometen
II: Der Krater
III: Anachronismen
IV: Totenstadt
V: Das Geräusch
VI: Leben!
VII: Am Abgrund
VIII: Entscheidungen

Die Nacht war so sternklar wie jene zuvor, der Himmel eine umspannende, bodenlose Dunkelheit über der Erde. Zahllose Sterne standen dort oben, wie Nadelstiche in einem tiefschwarzen Vorhang. Ihr Licht durchbrach die Unendlichkeit des Universums und erfreute den Betrachter mit einem grandiosen Anblick; hätte es nur jemanden gegeben, der sich an ihnen hätte erfreuen können.
Die Stadt schien sich seit langer Zeit kaum verändert zu haben. Dichter Staub lag wie ein Leichentuch über den Straßen und Plätzen, verbarg gnädig die bleichen Knochen, die überall herumlagen, vor dem Angesicht der hellen Sterne. Die meisten Bewohner lagen nun draußen, und an den Stellen, wo eine Laune des allgegenwärtigen, sanften Windes sie nicht unter der irdenen Schicht vergraben hatte, starrten die leeren Höhlen bleicher Schädel gleichgültig nach oben, ohne zu sehen. Sie hatten fast alle ihre Zuflucht verlassen, als es zuende ging, und der Wind und der Regen hatten ihre Knochen blank poliert, bevor sie der Staub zudeckte. Wer es dennoch bis zuletzt in den Häusern ausgehalten hatte, saß zumeist noch auf dem Sofa - noch Fleisch, und doch regungslos wie eine unvollkommende Gipsstatue. So war niemand da, um den Himmel zu beobachten, hatte die Stadt doch einfach zu weit südlich gelegen wie so viele andere. So lag sie in totaler Stille, nur der Wind, der immer mehr Staub herantrug, um letztendlich auch die matten Gebäude zuzudecken, spielte wie immer unbeachtet seine monotone Melodie.
Oben auf den Hügeln stand noch das Observatorium, genauso wie die Stadt, die vor ihm im Tal lag, tot und verlassen. Vielleicht war es eine grausame Laune des Schicksals, dass die stumpf gewordene Linse seines großen Teleskops genau auf jene Stelle gerichtet war, eine unscheinbare Fläche zwischen den beeindruckenden Sternzeichen. Sie hätte dem Auge eines Betrachters, wäre dort ja nur jemand gewesen, nach so langer, ungemessener Zeit endlich und in vielfacher Vergrößerung das Ereignis gezeigt. Nun aber, da die Stadt gestorben war, gab es keine Zeugen bis auf die Schädel, die, wie die Sterne den Nachthimmel, das barmherzige Tuch aus Staub und Asche durchbrachen.
Über ihnen, genau vor der vom Wind geschliffenen Linse des Teleskops, durchstieß plötzlich ein strahlender Komet die Finsternis und jagte weiter das Firmament entlang. Wie eine Klinge, die rasend schnell den schwarzen Vorhang zerschnitt, hinterließ er noch eine Weile das helle Licht seines Schweifs, bevor es hinter ihm erlosch und nichts mehr war als die anderen Sterne. Der Eindringling jedoch glühte immer mehr auf, denn die verschiedenen Schichten der Atmosphäre setzten sich mit feuriger Hitze zur Wehr. Als das blutrote Glühen schließlich erstarb, war der Fremdkörper bereits in den oberen Luftschichten und setzte seinen Weg unbeirrt fort, bis er weit im Norden hinter dem ewigen Horizont verschwand und in der Stadt nichts hinterließ als eine Erinnerung, der niemand gedenken konnte.
Es dauerte noch eine Weile, bis er seinen parallel zum Boden liegenden Kurs aufgab und wie ein Insekt, welches vor der weißen Scheibe des Mondes tanzt, spiralförmig, seine Schnauze sanft nach unten geneigt, die Landung einleitete.
Hier, Hunderte von Meilen weiter im Norden, hatten sich die Sterne seit langem hinter Wolken verborgen, die zwar für die Bewohner des Planeten und ihre Blicke eine undurchdringliche Barriere bildeten, vom Eindringling jedoch mit der selben Leichtigkeit passiert wurden wie zuvor die Atmosphäre. War er zuvor wie ein Komet erschienen, so wurde nun, da sich die rot fackelnden Flammen der Turbinen stetig vergrößerten, klar, dass es ein Schiff war, so schwarz wie die Nacht selbst.
Das Gebiet, über dem nun die vier umgedrehten, feurigen, ständig anwachsenden Dreiecke die Dunkelheit durchbrachen, beherrschte ein Sturm, dessen Tosen sogar das Geheule der Triebwerke überdeckte. Der Wind wirbelte von hier her Asche und Staub heran, die er über eine meilenweite Distanz nach Süden trug. Seine ohne Klagen seit Jahrzehnten verrichtete Arbeit verfinsterte das Firmament noch zusätzlich, machte es trübe und gewährte nur Zublick auf die Sterne, wenn der Zufall eine größere Zeitspanne zwischen den starken Böen ließ.
Aber auch hier richtete sich keine Auge gen Himmel, als das schwarze Schiff dem letzten, zornigen Widerstand der Lüfte trotzte; es schüttelte sich unwillig unter dem ungestümen, orkanähnlichen Windstößen, schien für einen Augenblick, das Gleichgewicht verlierend, noch ein paar Dutzend Meter über dem Boden schwebend, zur Seite zu fallen - dann jedoch ging es wieder in eine ausgeglichene Lage und sackte langsam, aber kontrolliert nach unten ab. Es erreichte einen der natürlichen, großen Krater, dann schob es sich, gegen den Wind ankämpfend, über ihn und verschwand würdevoll in dem tiefen, von nacktem Fels umringten Loch. Über ihm tobte weiterhin der Sturm, ohne es jetzt erreichen zu können. Hier, in der von einem gigantischen Vulkanausbruch geformten Arena, warfen die Wände das nachlassende Heulen seiner Turbinen zurück, und der Krater erzitterte erneut für ein paar Sekunden. Der Sand auf seinem Grund wurde herumgewirbelt, doch schließlich setzte das Schiff auf, seine vier Krallen waren kurz zuvor herausgefahren und dämpften seine Landung sanft ab.
Als sich die Turbinen beruhigten und ihre Flammen schließlich völlig starben, kehrte, bis auf das monotone, melodische Brüllen des über den Kraterrand hinwegtobenden Sandsturms, welcher die letzten Wolken aufgewirbelten Drecks aufsog und mit sich fortriss, wieder ausdruckslose Stille ein.
Doch hinter der rabenschwarzen Außenwand der „Darwin“, hinter dem Titanium, den Tanks und der Elektronik, jubelte man.

Warum gerade dieser abgelegene Vulkankrater gewählt worden war, ist wohl nur der Besatzung im Innern des schwarzen Schiffsrumpfes bekannt, der nun langsam eine beige, schmutzige Farbe annimmt. Denn unzählige der vorbeirauschenden Staubkörner, die der tobende Wind über ihnen mit sich reißt, verfangen sich an den Kraterwänden und wirbeln tanzend umher, vom ewigen Windstrom wieder angezogen, bis sich einige von ihnen am fremden Körper der `Darwin` festsetzen.
Nach der Landung rührte sich einige Zeit lang nichts... Es war das erste Mal seit Jahren oder gar Jahrzehnten, dass der Begriff „Zeit“ wieder in diesem gottverlassenen Teil des verwüsteten Planeten eine Bedeutung besaß. Denn der ewige Sturm hatte auch die Zeit mit sich getragen, an andere Orte, wo es noch Leben gab, wo es noch Zeit gab, da sie dort gekannt wurde. Nachdem eben jene Zeitspanne vorüber gegangen war, es fast so schien, als wolle das Schiff nun ebenfalls Teil dieser konservierten Ewigkeit werden, über die der Sandsturm wachte, begann es sich zu öffnen.

Mit einem völlig vom Heulen über ihm verschluckten, hydraulischem Zischen trennten sich zwei Schleusentüren, etwa mannshoch, und gaben den Blick auf zwei seltsame Gestalten frei.
Kein einziger Bewohner des sterbenden Planeten sah so aus wie sie. Kein einziger der degenerierten, strahlengeschädigten Überlebenden, nicht einmal der am bizarrsten Mutierte unter ihnen, ähnelte ihnen. Niemand hätte zu sagen vermocht, wer oder was sie waren, bis auf sie selbst: eine neue Spezies Mensch. Hochgewachsen, wenn auch leicht gekrümmt, so standen sie da. Ihre Gestalt massiv wirkend unter den weißen Schutzanzügen, die sie vor ihrer zur Hölle gewordenen Heimat schützen sollten. Doch am seltsamsten ihre Gesichter, denn da waren keine Gesichter an diesen Fremdligen, stattdessen eine golden glänzende Scheibe.
Nun war es finster in jenem Krater, denn die Unmassen von aufgewirbeltem Dreck, die über ihn herrasten, fingen das Meiste des unbarmherzigen Sonnenlichtes ab. Und der sich hier verfangende Staub wirbelte überall umher und erschwerte das Sehen zusätzlich. Die Fremden aber schienen die Sonne eingefangen zu haben, ein jeder von ihnen einen kleinen Teil davon; zumindest schien es so, als die ersten beiden von ihnen aus der Schleuse traten und ihre am Helm montierten Scheinwerfer anschalteten. So etwas hatte es seit langer, langer Zeit nicht mehr ereignet, schon lange, lange Zeit war die Zauberkraft der Elektrizität in Vergessenheit geraten, denn sie war mit der Zivilisation gestorben.
Die zwei Fremden jedoch schlürften von Schiff weg, wandten ihre goldenen Visiere hierhin und dorthin, als sie sich umblickten. Vielleicht war es die Zähigkeit, mit der die Zeit hier wirkte, vielleicht auch die Schwerkraft, die ihre Bewegungen zu lähmen schien und ihnen etwas ungemein bedächtiges, schwerfälliges gab. Da schloss sich die Schleuse des schwarzen Schiffes wieder wie von Geisterhand, nur um sich nach einer Weile erneut zu öffnen und, ganz langsam, ein weiteres Paar dieser ungewöhnlichen Besucher auszuspucken.

Auch jene, bis auf geringfügige Unterschiede in ihrer Körpergröße, exakte Abbildungen der beiden Gestalten, die ein paar Schritte weiter auf sie warteten. Auch sie ein surrealer Anblick auf diesem sterbenden Planeten.
Sich von der „Darwin“ fortbewegend, in den dichten Staub hinein stampfend, setzten die Fremden ihren Weg fort, der sie von so weit her geführt hatte. Bis sie schließlich, an einer Stelle, die aussah wie jede andere – staubig, tot -, innehielten, mit seltsamen Gerätschaften zu hantieren zu begannen. Ein oder zwei Probengläschen mit dem staubigen Boden füllten, um dann wieder umzukehren zum Schiff, das sie wiederum, jeweils zwei, hinter der Schleuse verschluckte.

Wiederum einige Zeit später ergaben die komplizierten Gerätschaften im Bauch des schwarzen Schiffes, dass die Luft, die der Sturm in den Krater peitschte, zum größtenteils aus Stickstoff, CO2, Sauerstoff, Methan, Ozon, diversen Edelgasen, ferner Spuren von Nervengas, Dioxin, anderen chemischen Verbindungen und Kampfstoffen bestand. Dass die relativ geringe Strahlung von 45 rem die Vermutung bestätigte, einen natürlich entstandenen Krater aufgesucht zu haben. Der Staub sich aus Asche, erodierter Erde und diversen Umweltgiften zusammensetzte. Und dass, es überraschte niemanden, dieser Krater biologisch völlig steril, absolut tot war.
Daraufhin schienen die Fremden zufrieden zu sein, auf jeden Fall zündeten bald die Turbinen, brüllten auf, ließen das Schiff erzittern und erhoben es schließlich gen Himmel. Mit der Nase voraus durchbrach es abermals den Sandsturm, und mit einem letzten, infernalischen Geräusch, für Momente unerhört wie Donnerhall in den Schluchten des Kraters wiederhallend, verschwand es auf alle Zeiten im Sturm.
Nichts war mehr dort seit Jahrzehnten, und nichts ließ es zurück. Bereits kurze Zeit später hatten die zwischen den Schluchten gefangenen Staubkörner die Abdrücke des Schiffes zugeschüttet, ebenso die kleinen Trichter, welche die brutale Kraft der Turbinen hinterlassen hatte. Die vier Fußspuren, die bis zur Mitte des Kraters und zurück führten, waren schon eher verschwunden. Unermüdlich bemühten sich Sand und Wind, dieses Loch in einer geschundenen Erde zu tilgen, einzuebnen.

Die erste Phase der Rückkehr sei erfolgreich abgeschlossen worden, meldeten die Fremden.


Alles, was die Menschheit in den Tausenden Jahren ihrer kriegerischen, hektischen Existenz errichtet hatte, war schließlich von ihr vernichtet worden binnen Tagen.
Längst lagen die zerschlagenen Trümmer der Pyramiden, der Hochhäuser, der Kathedralen von Asche und Staub begraben unter dichtem, schweren Schichten, so, als habe es sie nie gegeben. Man konnte beinahe meinen, jemand Höheres habe sie nach Beendigung seines Schaffens gnädig zudecken wollen.
Genauso konnte man sogar behaupten, dass es keine Zeit mehr gab, denn der jüngste Tag war bereits mehrere Jahre alt.


Phase Zwei begann.


Das größte erhaltene Bauwerk der Welt beherbergte keine Menschen. Das größte erhaltene Bauwerk der Welt war ein Anachronismus.
Es schrie um Hilfe.
Der Grund seines Daseins war mit den nuklearen Explosionen gestorben. Seine Erbauer waren Staub. Diejenigen, die noch umherirrten in den fruchtbaren Regionen der zerstörten Erde, ständig auf der Suche nach schmutzigem, verseuchtem Wasser und saftigen Kakerlaken, wilden Tieren gleich, wussten nichts von seiner Existenz, denn die Tore zur Zivilisation hatten sich für immer geschlossen, ihre Erinnerungen an sie waren vage wie die an das Paradies.
Das größte erhaltene Bauwerk der Welt, sein Hilfeschrei, das war Phase Zwei.
Die „Darwin“ war erneut vom Himmel gestoßen. Dieses Mal Hunderte Meilen weiter im Norden, so dass die seltsamen Gestalten, als die Schleuse sich erneut öffnete, keinem Sandsturm trotzen mussten. Ihnen bot sich ein anderes Bild als im Krater.
Die Sonne verbrannte als roter Feuerball nahe des Horizonts, warf verheerende Strahlen gegen ihre goldenen Visiere. Sie beschien totes Land. Endlos öde Fläche lag vor ihnen, die Erde in einem blassen Grau, in trockene Schollen gesprengt. Einzelne rostige Teile nutzlosen Schrotts ragten weit versprengt wie die gigantischen Knochen urzeitlicher Tiere in den schmutziggrauen Himmel, warfen lange, bizarre Schatten.
Weit entfernt, verzehrt vom Hitzeflimmern, thronte das größte erhaltene Bauwerk wie eine düstere Vorahnung.

Es waren abermals vier Gestalten, die das schwarze, insektenartige Schiff verließen. Abermals trugen sie weiße, mächtige Schutzanzüge, Scheinwerfer und Messgeräte. Doch zusätzlich hielten alle vier Fremden futuristische Waffen in den Händen. Ein jeder von ihnen war gewissenhaft auf die Mission vorbereitet worden.

„Das ER- 1a stellt den Höhepunkt der Entwicklung von Infanteriewaffen dar. Es ist optimiert für den Einsatz unter extremen Bedingungen und äußerst zuverlässig gegen negative Umwelteinflüsse wie feinen Staub und Hitze, wie sie auf der Erde herrschen.
Zur Gefahrenabwehr verfügt es über einen starken Elektroschocker an seiner Mündung, der mehrmals verwendet werden kann und in der Lage ist, jeden möglichen organischen Angreifer auf nächste Distanz außer Gefecht zu setzen. Dabei richtet es, verantwortungsvoll angewandt, keine bleibenden Schäden an und eignet sich somit besonders zur Gefangennahme von eventuell angetroffenen humanoiden Lebewesen.
Sollte es zu unerwartet kritischen Bedrohungssituationen kommen, verfügt jedes ER- 1a trotz des niedrigen Gewichts, seiner kompakten Form und geringen Größe von nur etwa achtzig Zentimetern über eine beträchtliche Feuerkraft.
Das auf Gasdruck basierende Schnellfeuersystem besitzt eine Feuergeschwindigkeit von drei Schuss pro Sekunde. Das Kaliber beträgt 4,5 Millimeter. Es sollte jedoch beachtet werden, dass diese Waffe mit der vorhandenen Visierung nur unter in etwa erdähnlichen Bedingungen, z. B. in Bezug auf Schwerkraft und Luftwiderstand, effektiv verwendet werden kann. Außerdem besteht durch die Verwendung von Pfeilgeschossen nur eine geringe Chance auf Lebendbergung des Ziels.
In sogenannten Phase-Zwei- Situationen wird jedes Mitglied des Außenteams mit einem ER- 1a und zwei Magazinen á dreißig Schuss ausgerüstet sein.“

Die vier Fremden hatten nach mühsamen Marsch das Bauwerk erreicht. Unerklärlicherweise war die gigantische Sendeanlage intakt geblieben, wenn sie auch rostzerfressen und dem Zerfall nahe in den trostlosen Himmel ragte. Einst diente sie zur Kommunikation mit denjenigen, welche die Erde verließen.
Es war ein sehr beschwerliches Leben gewesen damals, als Kolonisator. Doch wer hätte ahnen können, dass gerade diese Pioniere von den wahnsinnigen Machtkämpfen verschont blieben, dass ihre Nachkommen nun auf der Suche nach überlebender Zivilisation die zerstörte Mutter Erde betraten?
Natürlich wusste man im Nachhinein, dass die einzige wirklich verbindende Konstante der Menschen ihr selbstzerstörerischer und skrupelloser Drang nach Macht ist. Doch nun war es zu spät.
Jahrzehnte lang schon hatte diese Sendeanlage schon ihre hilfesuchenden Signale ins All geschleudert. Aber die völlige Umstellung der Kolonialisten auf eine funktionierende, autarke Gesellschaft war ein steiniger Weg gewesen, hatte ihre Zeit gebraucht. Es musste ein Raumfahrtprogramm aus dem Boden gestampft werden, man musste sich dazu auf die vorhanden Ressourcen und Fachkräfte stützen.
Die „Darwin“ war die Krönung dieser unglaublichen Anstrengungen. Man setzte große Hoffnungen auf sie und ihre Besatzung. Intakte Satelliten hatten keine Anzeichen für Zivilisation mehr beobachten können, deshalb war die Mission in zwei Abschnitte eingeteilt worden:

- Phase Eins:
Erste Landung auf der Erde. Danach Analyse der Atmosphäre und der Umweltbedingungen. Einsatz des Außentrupps zur zusätzlichen Informationsgewinnung.
Status: Phase Eins erfolgreich abgeschlossen.

-Phase Zwei:
Anflug auf Sendestation. Die permanenten Signale lassen auf das Vorhandensein bzw. das Überleben einer Zivilisation in den zum Komplex gehörenden unterirdischen Anlagen schließen. Auftrag: Durch Einsatz des Außenteams feststellen, ob noch irgendeine Form menschlicher Zivilisation existiert. Falls ja, unter Vermeidung von Risiken für Schiff oder Besatzung Kontaktaufnahme.
Status: Phase Zwei läuft

Inzwischen hatten die vier Fremden ihren Startpunkt erreicht: sie standen vor einem großen, massiven Stahltor etwa fünfzig Meter von der Sendeanlage entfernt.
„Zustand?“ kam es über Funk von der Einsatzleitung in der „Darwin“.
„Gut erhalten, wahrscheinlich noch dicht“, antwortete der Truppführer und gab einem Mann neben ihm ein Handzeichen. Dieser trug eine Art Koffer, den er nun ablegte und öffnete.
Er entnahm ihm einen Gegenstand, der entfernt einem Schweißgerät glich, machte einige Handgriffe und gab dem Truppführer an, dass er bereit sei.
„Wir werden jetzt das Tor mit dem Laserschneider öffnen“, gab dieser an die „Darwin“ durch, und schon leuchtete das pistolenartige Werkzeug auf. Der Mann kniete nieder und führte ihn mit ruhiger Hand über das Stahltor, schnitt ein etwa ein Mal ein Meter großes Quadrat hinein.
Dann gab er abermals ein Zeichen, legte den Laser zurück in den Koffer und stand auf. Seine drei Gefährten schienen nervöser zu werden, dann schließlich schlug der Mann gegen das Quadrat. Der massive Stahl, den er herausgeschnitten, fiel mit lautem Knall um und gab einen Durchgang in das dunkle Innere der Anlage frei.
„Tor geöffnet“, meldete der Truppführer, „betreten jetzt den Schleusenbereich. Übernehme jetzt das Kommando. Eins Ende.“
Als sie sich vorsichtig einzeln hintereinander durch die schmale Öffnung in das Innere des Bunkers zwängten, konnten sie keinen Funkkontakt mehr zum Schiff halten. Die meterdicken Mauern aus Stahlbeton ließen kein Funksignal nach draußen. Nun waren sie auf sich allein gestellt.
Durch die Öffnung drang zwar noch Sonnenlicht, doch trotzdem herrschte im Gebäude fast völlige Dunkelheit. Vier Scheinwerfer blitzten auf. Sie befanden sich nun in der Schleuse: ein etwa acht Meter breiter Raum. Rund sechs Meter hinter dem ersten Stahltor befand sich ein weiteres, welches tiefer in die Anlage hinein führte und über ein stählernes Handrad geöffnet werden konnte.
Der Mann mit dem Koffer versiegelte mit einer Art Plane die von ihm geschnittene Öffnung. So hoffte man, die Kontaminierung mögliches gering zu halten. Erst dann versuchten sie, das zweite Tor zu öffnen. Vergeblich. Es rührte sich nicht.
Erneut musste man das Werkzeug herausnehmen und ein quadratisches Loch in die Schleusentür schneiden. Nachdem man die Arbeit beendet hatte, stieß einer der Fremden abermals die ausgeschnittene Stahlplatte nach innen. Das laute Aufprallen echote dumpf vom Bunkerinneren her. Der Weg war frei.
„Vier, du gehst als erstes. Danach kommen Zwei und ich. Drei ,“ – damit meinte er den Mann, der den Laserschneider bedient hatte – „macht das Schlusslicht.“
Vier ging in die Knie, ließ den Lichtkegel der an seinem ER- 1a befestigten Halogenlampe in das schwarze Loch vor ihm tasten. Vorsichtig kroch er hindurch und verschwand in der Dunkelheit.

Zwei ging vor der Öffnung in die Hocke und sicherte Vier ab.
Schließlich drehte sich Zwei zu den Wartenden um und gab ein Handzeichen. Der Weg in das Innere war sicher. Sie krochen einzeln durch den schmalen, quadratischen Schlund hinein.
Eine breite Treppe mit langgezogenen Stufen führte nach unten. Die vier Fremden hatten den geschweißten Schlund hinter sich; der dunkle, geräumige Weg nach unten schien wie ein riesiger, kahler Rachen aus nacktem Beton. Vier stand weiter unten und tastete mit seinen Lichtkegel weiter hinab.

Der Truppführer musterte die kahlen Wände. Sein goldenes Visier reflektierte dunkel den Widerschein der kalten umherschweifenden Halogenlichter. „Drei versiegelt den Zugang. Zwei, Luftanalyse, inklusive Biocheck.“
Während er die Treppen zu Vier hinabstieg und mit ihm sicherte, schloss Drei abermals den aufgeschweißten Zugang zur Schleuse mit einer Plastikfolie. Zwei trug einen unscheinbaren Gegenstand von der Größe einer Thermoskanne bei sich und machte sich daran, mit seiner Hilfe die Zusammensetzung der Luft zu analysieren.
Wie Fledermäuse huschten die Leuchtkegel der Sichernden weiter nach unten, durch die Finsternis. Die Beleuchtung war völlig ausgefallen, wie zu erwarten gewesen war. Und die Zeit schien auch die Notbeleuchtung zum Erlöschen gebracht zu haben. Das Gebäude erschien tot und verlassen. Man war auf die Situation intensiv vorbereitet worden, doch sowohl der Truppführer als auch Vier neben ihm spürten, wie ein unwillkürliches Gefühl der Isolation, der Beklemmung in ihnen aufstieg.
Die unterirdischen, dunklen Labyrinthe verströmten Gefahr. Sie starrten weiterhin ins Leere hinab nach unten. Im Schein ihrer Lampen erkannten sie, dass die Treppe weiter nach hinab führte. Dann spaltete sie sich vor einer massiven Wand auf: ein Weg nach links, einer nach rechts. Obwohl ebenerdig, wirkten sie wie dunkle Abgründe.
Das Warten fiel schwer, schon zehrte es an den Nerven. Wie eine Erlösung erschien Dreis Stimme: „Plane dicht. Öffnung versiegelt.“
„Dann komm runter zu uns“, sagte Eins. „Zwei, wie weit bist du?“
„Fast fertig. Die Luft enthält ausreichend Sauerstoff, allerdings auch überdurchschnittlich große Mengen CO-2. Hier scheint es also noch biologische Aktivität gegeben zu haben“, er machte eine kurze Pause, „Radioaktivität liegt im natürlichen Bereich. Schädliche chemische Verbindungen sind nur in Spuren vorhanden, wohl weil wir die Schleuse geöffnet haben. In ein paar Minuten dürften sie sich soweit verteilt haben, dass absolut keine Gefährdung besteht. Ich brauche noch ein wenig Zeit für die Überprüfung auf biologische Kampfmittel.“
Drei eilte die Treppenstufen hinunter zu den anderen beiden, während am Schleuseneingang Zwei sich weiterhin über sein Gerät beugte.
Zäh verflossen die Minuten, bis Zwei meldete: „Analyse abgeschlossen. Nichts, bis auf ein paar vereinzelte Milzbrandsporen. Das macht uns nichts. Die Luft ist rein.“
„Also ist es möglich, die Masken abzunehmen?“ fragte Eins.
„Ja. Die Luft wird wohl etwas muffig sein, und sie enthält etwas weniger Sauerstoff als gewohnt. Was kann heißen wird, dass wir bei starken Belastungen schneller außer Atem kommen. Ansonsten ist sie fast wie zu Hause, ungefährlich.“
„Zwei, Drei, ihr lasst die Helme trotzdem auf. Ich will kein Risiko eingehen. Vier, du und ich nehmen sie ab“, befahl der Anführer, legte seine Waffe neben sich und zog sich langsam, bedächtig den weißen Schutz vom Kopf. Das goldene Visier gab sein Gesicht frei, fein moduliert, perfekt.
Er überprüfte, ob seine Sprechanlage, der kleine schwarze Knopf im rechten Ohr und das winzige Mikro vor seinem Kinn verrutscht waren, tat vorsichtig den ersten Atemzug.
Erst dann steckte er seine Maske an den Gürtel und hob sein ER- 1a wieder auf. Neben ihm stehend tat Vier es ihm nach, verzog das Gesicht.
„Schlechte Luft hier drin“, bemerkte er schließlich, und nun, da nicht mehr durch den Helm zurückgehalten, brach sich seine Stimme an den Betonwänden und hallte weiter nach unten.
Eins harte Blicke trafen ihn, und er schwieg. Es war zu spät, wenn noch jemand dort unten hauste, würde er den Trupp eh über früh oder lang entdecken – wie beabsichtigt.

„In Ordnung, Leute“, sagte Eins in das stille Warten hinein leise ins Mikro, wir gehen jetzt rein. Gebt euch Deckung und haltet die Augen offen, aber lasst die Gewehre gesichert.“
Vier einsame Lichter, verloren wirkend in der bleiernen Schwärze tiefbegrabener Nacht. Vorsichtig, aufmerksam, professionell dringen sie in das Gebäude ein, lassen die breite Treppe hinter sich, beschließen, in den rechten Gang vorzustoßen, der sie wie ein schwarzes Maul aufnimmt. Danach verläuft sich der Klang ihrer Schritte, Stille kehrt wieder ein, und erneut liegt der verlassene Eingang in gnädiger Finsternis.
So breit dieser war, so schmal ist nun der Korridor geworden. Legendlich zwei Mann finden nebeneinander Platz. Tückisch, bedrohlich verliert sich der Gang in der düsteren Endlosigkeit.
Dann an einer Seite die erste Tür, Stahl, halb geöffnet. Im hellen Schein der Lampen wirkt es, als lauere sie darauf, dass jemand eintrete. Eins gibt den Befehl zu halten, bedeutet Drei, zu sichern.
Vorsichtig wagen sich die Anderen vor. Nackter Beton umgibt sie nach allen Seiten. Unwillkürliches Aufatmen. Leer. Das Gitter an der gegenüber der Tür liegenden Wand ist abgerissen worden, dahinter gähnen die engen, dreckigen Belüftungsschächte. Die an der Decke hängenden Lampen sind zerschlagen, eine hängt nur noch an einem dünnen Kabel wie an einem Strick.
Der Boden ist übersäht mit kaum erkennbaren Unrat. „Was ist das für ein Zeug?“, will der Truppführer wissen, und Zwei geht in die Hocke, hebt nacheinander einige kleinere Teile vom Boden auf und mustert sie. Manche sind bereits derartig verrottet, dass sie in seiner Hand zerfallen.
Schließlich wendet er Eins das goldene Visier zu und meint:
„Sieht ganz nach Lagerraum aus, aber hier ist irgendwas passiert. Muss schon lange hersein. Dort liegen alle möglichen Sachen rum, meiner Meinung nach Reste zerschlagender Kisten, Plastikmüll. Hier wurden anscheinend Vorräte gelagert. Und noch etwas“, er zögert, und Eins muss erst ungeduldig nachfragen, „Was denn?“, bevor er weiterspricht.
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass hier größere Mengen zerfallener Textilien liegen“, meint er und deutet zu Boden, auf den aussage – und farblosen, dunklen modernen Müll.
„Seltsam“, antwortet Eins, zieht das Gesicht in nachdenkliche Falten. Sein Blick ruht einen Moment auf dem offenen, aber schmalen Zugang zum Lüftungssystem, auf dem verbogenen, herabhängenden Gitter davor.
„Wenn es eine Art Plünderung war“, - das war durchaus wahrscheinlich – „warum dann Kleidung?“
„Vielleicht enthielten die Kisten nur Textilien“, mutmaßt Vier, doch Zwei sagt:
„Nein, dass glaube ich nicht. Wer würde dieses Lager gewaltsam wegen Kleidungsstücken aufbrechen? Dieser Bunker wurde vom Militär angelegt und verwaltet, er beherbergte außerdem eine gewisse Anzahl von Wissenschaftlern. Hier ging es wohl diszipliniert zu...“
„Das ergibt keinen Sinn“, meldet sich Vier zu Wort. Sein Blick ist ein wenig fahrig, doch Zwei unterbricht ihn. „Am Besten gehen wir weiter. Auf dem Rückweg nehme ich ein paar Proben mit, spätestens in der ‚Darwin´ haben wir dann haben weitere Informationen.“
„Einverstanden. Na los Leute, weiter geht’s.“
Die anderen Beiden wandten sich zum Gehen. Vier schmeckte die ganze Sache nicht. Natürlich, er war lange auf diesen Einsatz vorbereitet worden, aber nun breitete sich eine beunruhigende Bedrückung in ihm aus. Katakomben, kam es ihm in den Sinn, diese ganze Anlage ist eine riesige Totenstadt, begraben unter der Erde. Die Unterwelt... und wir suchen ihre Einwohner.

Wie versteinert blieb er plötzlich stehen, jeder Muskel spannte sich. Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken herunter, er hielt den Atem an, hob sein Gewehr, beleuchtete den Lüftungsschacht. Starrte, wartete angespannt. Was war das gewesen?
„Was ist los?“, kam Zweis Stimme, doch Vier wandte sich ihm nicht zu, stand wie versteinert.
Er befeuchtete die Lippen, flüsterte kaum hörbar ins Kinnmikro: „Da war was im Lüftungsschacht. Hab ´s genau gehört.“
Die anderen Beiden erschienen zu seiner Seite. Eins, der wie er keine Maske mehr trug, besser hören konnte als Zwei, schob sich vorsichtig an die verdächtige Wand heran, um näher an den Schacht zu gelangen, doch er konnte nicht vermeiden, dass ein Stück morschen Holzes von einer der zerschlagenen Kisten unter seinen Füßen zerbrach, leise zwar, aber viel zu laut in der angespannten Stille.
Die Antwort kam sofort, und diesmal hörte auch er sie. Ein sanftes Kratzen drang für Sekunden aus dem Schacht zu ihnen, es musste direkt hinter dieser Mauer sein. Die paar Meter bis dorthin quälten und zogen sich hin, jede einzelne spannte seine Nerven gnadenlos weiter an. Endlich erreichte er den schmutzigen Beton, presste sich gegen ihn. Vier und Zwei standen immer noch regungslos, die Waffe in Anschlag. In diesem Moment fragte er sich, wie gefährlich diese Kontaktaufnahme wirklich sei.
Wieder dieses kratzende Geräusch, es ist genau hinter seinem Kopf, hinter der Mauer, die Öffnung ist keine Armlänge von ihm entfernt - cool bleiben jetzt! - denkt er, aktiviert den Elektroschocker. Mit unverwechselbarem Geräusch baut sich die Spannung auf. Jetzt!
Er springt hervor, zum Schacht, Vier eilt zu ihm, da er nun eh ihre Schusslinie versperrt. Das Loch ist groß genug, dass ein kleiner Mensch hindurch kriechen könnte. Nun hält er seine Waffe hinein, den Kopf hinterher, dazu muss er sich auf die Zehenspitzen stellen. Sein Oberkörper passt kaum ganz hinein. Für einen Moment setzt sein Herzschlag aus.

Stillstand, Stille.

Der Scheinwerfer tastet ins Nichts; der mit Blechen ausgekleidete Schacht ist eng, ausgebeult, schmutzig, aber leer. Nach ein paar Metern biegt er ab. Unmöglich, zu sagen, was sich hinter der Biegung verbirgt. Ob sich dort überhaupt etwas versteckt und warum. Das Kratzen ist verschwunden.
Eins atmet auf, schwenkt den Blick zur anderen Seite.

Gähnende Finsternis, verdammte Finsternis. Umständlich, laut zieht er das Gewehr zurück, leuchtet nun damit in die andere Richtung. Nichts. Mitgenommene Bleche, Schmutz, Leere. Schnell zieht er Kopf und Waffe aus dem unheimlichen Schacht zurück.
Etwas zerrt an seinem Schutzanzug, ein lautes Kratzen, metallisch, ein Scheppern vor seinen Füßen. Er erschrickt fürchterlich, weicht zurück vom Schacht, stolpert über irgendetwas, verliert das Gleichgewicht. Seine Arme rudern hilflos umher, aber er findet kein Gleichgewicht mehr. Aus Versehen löst er den Elektroschocker aus, dann fällt sein Gewehr zu Boden, er stürzt hinterher.

Schmerz.
„Was ist los bei euch?“ fragt Drei, immer noch den Gang sichernd, durch den Lärm aufgeschreckt.
„Bleib auf deinem Posten!“ Das ist Zwei, hastig sprechend. „Vier, gib Deckung.“
Schnell beugt er sich über den am Boden, legt sein Gewehr zur Seite. Schlägt ihm sanft mit der behandschuhten Rechten ins Gesicht. Eins schlägt die Augen auf, starrt in das goldene Visier über ihm.
„Was ist passiert, bist du verletzt?“
Sein Gesicht zieht sich kurz in Falten.
„Nein“, sagt er dann zögernd, „ich hab nichts... schon in Ordnung. Nicht passiert“, beeilt er sich zu versichern, „...nichts passiert. Ich muss am Gitter hängen geblieben sein.“
Aufatmen. Das goldene Visier bleibt über ihm, Zweis Hände mustern seinen Schutzanzug auf Beschädigung, seinen Kopf auf Verletzung. Dann erst darf Eins sich aufrappeln, greift nach seinem ER- 1a.
„Du musst auf den Auslöser gekommen sein“, meint Zwei noch, ebenfalls seine Waffe aufhebend, „du hast mich beinahe mit dem E-Schocker erwischt.“
„Lagebericht“, wirft Eins in das Schweigen.
„Nichts mehr, alles ruhig,“ meldet Vier schnell, und auch Drei gibt vom Flur her Entwarnung. Nichts passiert.
Eins schüttelt den nackten Kopf, stellt den Elektroschocker aus. „Okay Leute. Zwei, nimm eben ein paar Proben mit von dem Zeug am Boden. Wir gehen weiter rein. Muss ein... Tier gewesen sein oder so. Aber seid vorsichtig.“

Hinaus aus dem seltsamen Lagerraum, den Lüftungsschacht bis zuletzt beobachtend.
„Zwei“, befielt Eins, als sie den Gang erreicht haben, „du sicherst von jetzt an ständig nach hinten. Wir gehen langsamer vor, um dir genügend Zeit zu lassen.“
„Verstanden.“
Drei: „Was ist passiert da drinnen?“
„Nichts. Kratzgeräusche im Lüftungsschacht, ein Tier oder so was, dann ist Eins gestolpert, nachdem er nachgesehen hatte und hätte mich beinahe gegrillt.“
„Ruhe jetzt, Männer! Dort, die nächste Tür. Sichern!“
Kalter Stahl verwehrt den Zutritt. Verschlossen.
„Was jetzt“, fragt Zwei.
Eins atmet tief ein. Die Luft wird muffiger, ekelhafter, je weiter sie den Gang verfolgen, aber das Geräusch zeigte, wie wichtig das Gehör in einer derartigen Situation ist, ein ungetrübter Blick ohne UV-Visier... vielleicht auch Geruch...
Er legt zögernd das Ohr an die Tür, sie ist kalt und still.
„Irgendetwas gefällt mir nicht daran. Längeres Überleben erfordert doch Erschließung aller Ressourcen. Raum eins war ein Lagerraum, warum nicht dieser auch? Zwei, Vier, sichern. Drei, öffne das verdammte Teil.“
Drei macht sich an die Arbeit, hockt sich ab, legt das Gewehr beiseite, öffnet den Koffer und beginnt, den rot aufglühenden Stahl um das rostige Schloss herum zu zerschneiden.
Dann hält er inne, tritt zurück. „Fertig, Eins, das müsste reichen.“
„In Ordnung, ich öffne die Tür, du sicherst. Aktiviere den E-Schocker. Ausführung.“
Er drückt, die Waffe in der anderen Hand. Die Tür gibt nicht nach.
Nerven bewahren. Beide Hände.
Fast möchte er schon aufgeben, als endlich mit einem schauderhaft hohem Quitschton, ganz langsam, die Stahltür nachgibt. Ein Knall ertönt, kaum ist sie einen Spalt breit geöffnet, er zuckt zusammen. Das Schloss, es ist zu Boden gefallen. Er sucht Dreis Gesicht, findet nur die ausdruckslose golden glitzernde Scheibe.
Dunkelheit schlägt ihnen entgegen, Dreis Lichtkegel treibt sie zurück, als dieser im Raum verschwindet. Schnell folgt Eins, ihn sichernd.
Dieser Raum ist anders. Voller.
Übersäht mit Gerümpel, dessen Zweck sich ihm nicht sofort erschließt, in einer Ecke stapelt sich moderiger Unrat fast bis zur Decke. Irgendetwas stimmt nicht, dass weiß er, schwenkt das Halogenlicht hastig durch den Raum.
Leer.
„Gesichert“, bestätigt Drei, das Summen seines Elektroschockers erstirbt.
Kisten, leere Kisten, zuhauf. Umgeworfene Kanister unter einem dünnen Schleier Staub. In einer Ecke dunkle Flecken auf dem Beton.
Der Lüftungsschacht...
„Hey, schau dir das an“, sagt Eins.
Morsche Bretter liegen auf dem Boden vor dem Schacht, einige sind aufwändig davor gezimmert und noch immer haltend.

„Irgendwo herausgerissen“, meint Drei.
„Sieht so aus, als habe hier jemand das Gitter verstärken wollen. Aber warum?“
„Plünderer? Oder drang jemand in den Lagerraum ein und verschanzte sich, um die Nahrungsmittel vor den anderen Bewohnern zu verteidigen?“
„Schon möglich, Drei. Geh raus und schick mir Zwei rein.“
„Verstanden.“
Angestrengt betrachtet Eins die Konstruktion aus vergammeltem Holz. Jemand musste viel Wert drauf gelegt haben, diese möglichst stabil zu halten, obwohl die Betonwände ihn naturgemäß dabei einschränkten. Dieser Raum birgt ein Geheimnis... aufmerksam lauscht er in Richtung Schacht. Stille...

„Was gibt es?“
Er erschrickt unmerklich. Zwei steht neben ihm.
Eins deutet mit einer weitläufigen Handbewegung in den Raum hinein. „Sieh dich mal hier um. Vielleicht kannst du was herausfinden.“
„Ist das eine Art Barrikade?“, fragt Zwei, das Visier gen Lüftungsschacht gerichtet.
„Wir vermuten es.“
„Interessant...“
Für einen kurzen Moment - ist es real oder Einbildung, die Nerven? – wird Eins schwarz vor Augen.
Die Luft hier. Widerlich... hastig greift er zu der Maske, setzt sie auf, atmet durch. Sauberer, wundervoller Sauerstoff! Wie belebend er seinen Körper durchströmt!
„Gute Idee“, kommt Zweis Stimme über Sprechfunk, „der CO2-Gehalt ist in diesem Raum, obwohl wir die Tür geöffnet haben, noch merklich höher.“
Dann bemerkt Eins, dass Zwei sich über die dunklen Flecken in der einen Ecke des Raumes beugt.
„Sehr interessant... eine Art Schimmelpilz...“
„Was heißt das?“
„Ich bin mir noch nicht sicher... wahrscheinlich, in Verbindung mit den höheren CO2-Werten... Leben!“
Schweigen.

„Drei, Vier, was gibt ´s bei euch?“, fragt Eins nach.
„Nichts, gar nichts. Alles ruhig.“
Endlos dehnt sich die Zeit, als wolle sie die Eindringlinge verspotten, die sie wieder mit auf diesen verdammten Planeten brachten, den sie überwunden glaubte.
„Jipp. Leben. Eindeutig.“
„Schieß los, mach schon!“
„Da der Raum verbarrikadiert war, nehme ich an, dass es sich entweder um sehr kleine Lebewesen handelt, welche die Gitter oder ähnliches durchqueren konnten, oder, das ist ebenso wahrscheinlich, hier einmal irgendetwas gelebt hat.“
Unwillkürlich entweicht Eins ein kurzes Lachen. „Und wo soll es hin sein?“
Zwei schaut an ihm vorbei.

Eins dreht sich herum, und auch er nimmt den Berg aufgestapelten Unrat in der anderen Ecke erst jetzt richtig wahr.
„Du meinst...?“
„Entweder das, oder der oder die Kadaver sind bereits von verwertet worden. Die Pilzkolonien lassen aber auf das frühere Vorhandensein einer gewissen Menge Kot schließen.“
Langsam, bedächtig schreiten die beiden Männer an die modernen Kisten, verbeulten Kanister, leeren Konserven, Plastikplanen heran.
Zuerst vorsichtig mit der Mündung seines ER-1a, dann mit beiden Händen räumt Eins ein paar Gegenstände weg, die teilweise unter seinem Griff auseinanderfallen. Noch eine Kiste, die Plane weg...
„Grundgütiger!“, entfährt es ihm.
„Was ist los?“
Eins kann den Blick nicht davon wenden, irgendetwas hält ihn fest... er hatte Recht.
„Was ist ein ´Grundgütiger´, Eins?“
„Schau dir das mal an“, antwortet dieser nur und tritt zur Seite.
Unter der Plane, zwischen den teils vor Alter zusammengebrochenen Kisten, ragen zwei ausgebeulte Stücke verfallenen Stoffes heraus, enden in schimmelbefleckten schwarzen Stiefeln.
Zwei gibt einen überraschten Pfeifton von sich, während sich des Fundes annimmt, ihn von den über ihn gefallenen Kisten, dem Müll befreit.
„Schlafstelle, wahrscheinlich. Geschlecht wahrscheinlich männlich...Erwachsener... Überreste einer Art Uniform... oh – fantastisch – ein Selbstmörder!“
„Was?“
„Schusswaffe in der rechten Hand verkrampft, eine Armeepistole, glaube ich. Größere Teile des Schädels fehlen in Höhe des Kleinhirns, wohl Schusswirkung, nächste Nähe – durch den geöffneten Mund wahrscheinlich, wenn das da Schmach sein sollte.“
Eins hat sich umgedreht, starrt auf den verstärkten Lüftungsschacht.
„Noch was?“
„Sehr abgemagert.“
„Drei, Vier, habt ihr das mitgekriegt?“
„Jawohl. Schlussfolgerungen?“
Zwei antwortet. „Noch nicht möglich, wenn wir nicht wild spekulieren wollen. Etwas scheint ihn hier drin gehalten zu haben, bis zum letzten.“
Stille.
„Kann ich mir nachher ein Stück von ihm mitnehmen, zur Analyse?“, fragt Zwei schließlich.
Eins schluckt.
Doch Viers „Alarm!“ lässt ihn herumfahren.

„Vier, was ist los?“ Eins stürmt aus dem Lagerraum, rennt neben sie und leuchtet zusammen mit ihr in den Gang hinein, ohne etwas entdecken zu können: kahl, finster und verlassen wie zuvor.
„Ein Geräusch! Scheiße, da war was!“ antwortet Vier. Eins kann hören, dass ihr Atem schneller geht. Besorgt lugt er auf die Sicherung ihres ER-1a, dann auf die seine. Unauffällig, den Blick nicht mehr vom Gang lösend, stellt er sie wieder von E auf S.
„Leute, der Befehl lautet: ´Die Waffen sind gesichert´!“, sagt er dann laut, „Vier, auch für dich. Was hast du gehört?“
Drei antwortet.
„Ich hab es zuerst gehört“, meint er hastig. „Ein Kratzen, ähnlich dem im Lüftungsschacht. Dann ein komischer hoher Ton. Dann hörte es auch Vier, es kam ja aus ihrer Richtung, und alarmierte euch.“
„Wie weit entfernt?“
Ihre Lichtkegel reflektieren ungefähr hundert Meter weiter an einer Wand: der Gang zweigt ab.
„Ziemlich weit. War recht leise, aber bei dieser Totenstille...“
Inzwischen ist Zwei kaum merklich zu ihnen getreten, seine Waffe baumelt lässig herab. Eins starrt für einen Augenblick auf das goldene Visier und erwartet ein „Interessant“, „faszinierend“ oder etwas ähnliches. Verdammt, musste ihn dieser Typ immer irgendwie erschrecken?
Er atmete tief durch. „Zwei, halt mal“, drückt ihm sein ER-1a in die freie Hand, dann nimmt er die Maske wieder ab. Diese Luft stinkt. Sitzt das Mikro? Ja. Gut. Ruhig bleiben.
„Okay Leute. Wir haben da drin immerhin eine Leiche gefunden. Es muss noch mehr Menschen hier gegeben haben. Also los, aber mit äußerster Vorsicht. Die Waffen bleiben gesichert. Auf mein Befehl werden die Elektroschocker aktiviert. Haltet euch zurück, wenn wir jemandem begegnen! Habt ihr das alle verstanden?“
Sie bestätigen. „Marsch. Drei, du bleibst hinten und sicherst. Vier, du gehst zwischen uns. Zwei, du und ich übernehmen die Führung.“
Der verriegelte Lüftungsschacht kommt ihm in den Sinn. „Cool bleiben, Leute! Darauf wurden wir drei Jahre ausgebildet, also: Los geht ´s!“
An Türen vorbei, die alle verschlossen zu sein scheinen. Eins hat keine Lust mehr, ihre eventuellen Geheimnisse zu lüften.
Das Geräusch! Leben! Kontakt... die Totenstadt. Weiter, weiter! Vierzig, dreißig, zwanzig, zehn Meter.
Eins lässt halten. Tatsächlich, er hat sich getäuscht. Der Gang biegt in beide Richtungen ab, nicht nur in eine. Er nickt Zwei zu, und jeder seine Seite im Auge behaltend, nähern sie sich langsam der Abzweigung.
Der Boden tut sich auf. Metallgittertreppen führen hinab: ein Treppenhaus. Auch das noch.
„Links oder rechts?“, hört er Zwei fragen.
Diese Gitter sehen rostig aus... das Licht dringt nicht bis unten... da oben! Ein Gitter, ein Zugang zum Lüftungsschacht...

„Scheiße, ich weiß nicht ob diese alten Treppen halten“, meint Eins, die Entscheidung aufschiebend.
„Auf meiner Seite wurden mehrere der Metallgitter herausgerissen und wahrscheinlich in den Abgrund geschleudert. Ich halte nichts davon, links zu gehen. Wie sieht ´s bei dir aus?
Zwei schweigt eine Weile, bevor er antwortet: „Eigentlich ganz gut. Hier scheint noch alles intakt zu sein. Um kein Risiko einzugehen, sollten wir jedoch einzeln hinabsteigen.“
Eins unterdrückt ein hysterisches Lachen. ´Um kein Risiko einzugehen, sollten wir jedoch einzeln hinabsteigen!´, reflektiert er Zweis Aussage, und sie erscheint ihm absurd. Ruhe bewahren.
Es geht keine erwiesene Gefahr von dem Geräusch aus. Vielleicht nur ein Tier. Vielleicht will man sie nur verscheuchen. Weitaus manifester ist das Risiko, dass der Trupp in die Tiefe stürzt. Nein, Zwei hat Recht.
„Alles klar. Ich gehe voran. Zwei, leuchte du zusätzlich nach unten. Drei und Vier sichern währenddessen, auch in das andere Treppenhaus hinab. Drei, du lässt dein Schneidgerät hier oben liegen. Ausführung.“
Ein tiefer Atemzug dieser abgestandenen, miefigen Luft verlassener Gebäude und alter modriger Keller. Einen Fuß auf das Gitter. Das leise Geräusch seines Trittes überträgt sich kaum hörbar, aber immerhin noch wahrnehmbar, nach unten.
Scheint zu halten. Flugrost oder so. Falscher Alarm, sonst nichts. Der andere Fuß... vorsichtig... es wackelt!
Scheiße, ruhig bleiben, nur ein wenig, ganz wenig schwankt es. Ruhig, bedächtige Bewegungen. Wird schon schief gehen. Entdecker von Überlebenden... in die Geschichte eingehen... ein Fuß vor den anderen, die erste Stufe... hält... schwankt... Totenstadt... tot wie der Krater... Mausfalle... Falle... fallen... das Geräusch, der Lüftungsschacht... ruhig, ruhig.
Kann mehr ab, als du denkst. Muss ich etwa pissen? Unmöglich. Die erste Biegung, weiter, weiter, schon in Zweis Lichtkegel, der über mir lehnt und leuchtet durch die Gitter... du Idiot, das blendet... weiter, was ist da unten? Vorsichtig, pass auf, das Geländer, ja, da geht es weiter, eine Tür, offen, nur zwei Biegungen weiter nach unten, die Treppe führt zwar weiter, aber... pah! Zuviel Risiko, muss an den Trupp denken.
Erste Biegung, was ist das da an der Wand? Oh, nur ein alter Feuerlöscher. Weiter, weiter, vorsichtig... das bisschen Schwanken...

„Chrrr!“

Eins Herz bleibt für einen Augenblick stehen, er selber erstarrt mitten in der Bewegung.
„Was war das? Habt ihr das gehört?“, ruft er nach oben.
„Positiv“, kommt Zwei über den Knopf im Ohr. „Soll ich eines der Gitter entfernen und mich zu dir abseilen?“
„Nein... schon in Ordnung.“ Eins glaubt selber nicht an seine Worte. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Oh Scheiße. Na los, weiter. Hier an die Wand zu kauern bringt nichts.
Immer wieder geistern in der Ausbildung gelernte Sätze durch seinen Kopf: ´Sollte es zu unerwartet kritischen Bedrohungssituationen kommen, verfügt jedes ER- 1a trotz des niedrigen Gewichts, seiner kompakten Form und geringen Größe von nur etwa achtzig Zentimetern über eine beträchtliche Feuerkraft

´Kritische Bedrohungssituation´... sie hatten mal geübt wie sie auf Diebe reagieren sollten, auf allzu stürmische Begrüßung und auf unvorhersehbar Reagierende. Verdammt, diese Knarren wurden kein einziges Mal unter Erdbedingungen getestet. Einen Schritt vor den Anderen, die Nackenhaare gesträubt, schwitzend unter dem Schutzanzug. Jetzt kann er schon von oben ein Stück in die Tür hineinleuchten... nichts...
Weiter, weiter!
Drauf geschissen, denkt er, als er bereits fast auf gleicher Höhe mit dem Eingang ist. Mit einem elektrischen Summen springt der „Griller“ an seinem Gewehr an, wie sie ihn scherzhaft tauften.
Noch drei Schritte... da ist nichts... verdammt, der Gang geht in beide Richtungen... zwei Schritte...
„Buuuhaaa!“, schreit Eins und wirft sich nach vorne, die letzten Vibrationen des Treppenhauses noch in den sich zuletzt vom Boden lösenden Fußspitzen spürend.
Ein Zwischenschritt, jetzt nicht hinfallen, er wirft sich gegen die Wand, nach links, nach rechts, seine Lampe schneidet in die Finsternis, sein E-Schocker zieht durch die schnellen Bewegungen ganz schwache bläuliche Streifen...
Nichts. Leer. Puh.
Das Surren des Schockers. Zweis Stimme im Ohr. Sonst was? Nein.
Mit seinem angestauten Atem weicht die Anspannung. Er deaktiviert die Elektrowaffe.
„Was ist los da unten“, brüllt Zwei, „Eins, melden!“
„Schon gut, mir geht’s blendend. Kannst nachkommen, niemand da. Aber beeil dich trotzdem, muss in zwei Richtungen sichern.“
„Alles klar, verstanden.“

Eins starrt und lauscht in die Gänge hinein. Es kommt ihm vor, als habe er seit Ewigkeiten nichts anderes gemacht.
Dieses Gebäude ist ein Anachronismus, kommt es ihm in den Sinn. Der größte auf diesem verdammten, toten Planeten.
Noch ein Gedanke keimt in ihm auf, skurril und befremdlich.
Oder sind etwa wir das?

Plötzlich hält er inne. War da etwas? Ein Geräusch? Das Geräusch? Ganz leise zwar, aber dennoch...? Angespannt starrt er seinem Lichtkegel hinterher. Nichts.
„Wie weit bist du, Zwei?“, flüstert er.
„Nur die Ruhe, ich komme. Ist ein bisschen wacklig, wie du weißt.“
Oder nur die Nerven? Verflucht, er wurde intensiv vorbereitet, sogar seine DNS auf ruhiges und überlegtes, trotzdem entschlossenes Handeln optimiert, auf die Eigenschaften eines Truppführers eben...

„Uharrrrch!“

Eins entweicht ein unwillkürlicher Schrei, als ihn dieses schreckliche, scharrende, aber dennoch irgendwie kehlige Geräusch hinter ihm herumfahren lässt.
Noch in der Drehung aktiviert er den Elektroschocker, dieses Summen ist beruhigend, aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein angesichts seines Adrenalinschubes, er entsichert die Waffe und...

Leere. Der Gang verläuft geradeaus, soweit der Lichtschein reicht, allerdings scheint ein weiterer keine zwanzig Meter entfernt zu kreuzen.
Das Geräusch von hastigen, sich entfernenden Schritten, oder war es bloß Einbildung?
Er lauscht in die Finsternis hinein, jede Faser seines Körpers bis zum Zerreißen gespannt.
Doch abermals vernimmt er nichts außer dem elektrischem Summen und seinen stoßweise entweichenden, flachen Atemzügen, als wolle ihn die Stille verhöhnen.
„Eins, was ist los bei dir?“, kommt Zweis Stimme über Funk.
„Scheiße“, entweicht es ihm. Er presst sich mit dem Rücken gegen die Wand, neben den Eingang zum Treppenhaus, und leuchtet abwechselnd in beide Richtungen.
„Geräusche. Unsere Geräusche. Von beiden Seiten. Beeil dich, verdammt noch mal!“, flüstert er ins Kinnmikro.
Verflucht, warum flüstert er eigentlich?
„Hallo?“, ruft er hinein in die Dunkelheit. Sein Ruf wird vom Beton zurückgeworfen und von den endlosen Gängen verschluckt. „Ist da wer? Wir sind Freunde!“
Keine Antwort.
Dieses... kehlige Geräusch... der Gedanke daran richtet Eins Nackenhaare auf. Es war anders. Eben kehlig, menschlicher als die zuvor, welche er eher einem recht kleinem Tier...
Es kostet ihn einige Überwindung, seine Waffe wieder zu sichern.
„So, keine Panik!“, als er sich umdreht, steht jemand neben ihm.

Ein erschrockener Laut, Eins reißt das ER-1a hoch, die Gestalt springt schnell einen Schritt zurück. Eins starrt in ein goldenes Visier. Es ist Zwei.
Für einen kurzen Moment Schweigen.
Sekundenbruchteile dehnen sich, als wollten sie zerreißen. Schließlich dreht Zwei ihm den Rücken zu, sichert nach Rechts ab, Eins tut es ihm nach, in die andere Richtung.
„Bist du dir sicher, dass die Geräusche von beiden Seiten kamen, Eins?“, fragt Zwei.
„Ja, ziemlich. Das erste von links, sehr leise, wie das aus dem Lüftungsschacht. Danach eines von Rechts, definitiv, ein... anderes...“, menschliches, hämmert ein Gedanke. Menschliches! Menschliches! Un-Menschliches! Ein Fauchen... sollte es etwa eine Warnung...?
„...ein was?“
Hat Zwei eigentlich irgendetwas unheimliches an sich, oder warum erschreckt er ihn so oft? - Er deaktiviert den Elektroschocker. Schließlich geht´s auf die Batterie. Hätte ihm beinahe einen verpasst, hier unten sieht man Gespenster, die Nerven spielen Streiche - Mist, schließlich kennt er ihn seit Jahren, sie sind wie Brüder, gewissermaßen...
„Eine Art... na ja, so ein kehliges Geräusch, wie von einem größeren Tier. Kann mich irren, aber danach Trittgeräusche.“
Er glaubt, ein leises gemurmeltes „Interessant!“ über den Äther zu vernehmen. „Wie groß ungefähr, wie weit entfernt?“
„Scheiße, ich weiß nicht. Vielleicht beim Quergang. Vier, komm jetzt runter zu uns.“ Abermals ruft er in die dichte Düsternis hinein, hofft, sie zu durchdringen.
„Hallo? Ist da jemand? Wir sind Freunde! Wir kommen in friedlicher Absicht.“
„Eins, lass bitte das Brüllen sein, überlass die Kontaktaufnahme mir, außerdem dröhnt das ganz schön über Funk“, beschwert sich Vier, ausgebildete Linguistin und Expertin für den Erstkontakt. „Ich komme jetzt zu euch. Habt ihr schon irgendetwas erkennen können?“
„Negativ, ich habe nur gehört“, antwortet Eins. „sei vorsichtig, besonders mit dem Geländer.“
„Keine Sorge.“
Aus irgendeinem Grund beunruhigt es ihn, dass Zwei in die Richtung dieses so angsteinflößenden Geräusches sichert.
Er wirft einen Blick über die Schulter. Alles ist so, wie es sein sollte. Zwei wirkt, als wäre er voll konzentriert darauf, zu sichern. Keine Panik. Wie Recht er hat. Das ist Feind Nummer eins: die Panik, Quell irrationaler Entscheidungen, von Fehl-Entscheidungen, die ihm bei der Brisanz dieser Mission nicht unterlaufen dürfen.
Zwei wirkt so gefasst, so seltsam ruhig und erwartungsfroh. Der weiß, wie man Geschichte macht. Nein, wenn er sich jetzt schon den Kopf über seine Kameraden zerbrechen müsste... ruhig bleiben.
Es war der erste Fehler: er hätte Vier das Rufen überlassen sollen. Ein kleiner Fehler, aber immerhin. Jetzt cool bleiben, um jeden Preis. Sachlich und analytisch denken. Wie lange sind sie schon unten? Oh, diese Luft. Knapp sechzig Minuten. Noch etwa zwei weitere Stunden, dann sollten sie wieder zurück aus dem Bunker sein, so ist es abgemacht. Also nur noch gut eine halbe Stunde tiefer in diesen Bunker hinein. Nur noch dreißig Minuten. Dann zurück.
Alles klar so weit.

„Bin da“, meint Vier und erscheint aus dem Eingang zum Treppenhaus.
„Halt dich in der Mitte von uns beiden, aber an der Wand – leuchte gleich vor allem hoch zu Drei und versuch seinen Rücken zu sichern, aber pass auf, dass du ihn nicht blendest“, befielt Eins lehrbuchmäßig.
„Drei, sieh zu, dass du hier runter kommst, aber pass auf, was hinter dir läuft.“
„Verstanden, ich komme.“

Diese schäbige Luft. Die Luft der Toten. Abgestanden, irgendwie faulig und verbraucht.

Egal was da ist, es scheint Angst vor ihnen zu haben. Das Geräusch kommt nicht wieder, und das beruhigt ihn.
„Ich glaub, da war was!“, ertönt Dreis Stimme.
„Was ist los bei dir? Vier, halt ihm bloß den Arsch frei!“
„Da oben ist nichts“, entgegnet Vier.
„Es war auch unten. Ziemlich weit. Ich leuchtete kurz hinab, und ich bin mir ziemlich sicher, was gesehen zu haben“, sagt Drei.
Was genau hast du gesehen?“, mischt sich Zwei ein.
„Ich... ich bin mir nicht sicher. Irgendeine Bewegung oder so. Kann sein dass ich mich irre!“
Vier fängt an, ihr Schlaflied abzuspielen.
Dafür trägt sie eigens ein miniaturisiertes Audiogerät. Das Schlaflied, so die These, würde die eventuell vorhandenen, verunsicherten Bewohner beruhigen und ihre Angst oder sogar aus dieser Angst entspringende Aggressionen abbauen.
„Drei, sieh zu, dass du runterkommst“, befielt Eins.
„Du meinst, ganz runter?“, Eins glaubt, Fluktuationen in der Stimme des Technikers zu vernehmen, und es beruhigt ihn, nicht alleine zu sein mit dieser nervenfressenden, unterschwelligen Angst.
„Nein, natürlich nur runter zu uns, Mann.“
Inzwischen ist Viers Kinderlied verstummt. Nichts ist passiert. Doch umso aufmerksamer bohren sich seine Blicke in den dunklen Gang hinein. Nur keine Überraschungen!
„War wohl doch nichts“, meint Drei. „So, bin bei euch.“
„Übernimm du Viers Position und sicher das Treppenhaus, nach oben und unten“, befielt Eins, „Lagebesprechung.“
„Wir sollten nach Rechts gehen“, bemerkt Zwei. „Das Geräusch könnte auf das Vorhandensein von Überlebenden hindeuten.“
„Das gefällt mir nicht“, antwortet Drei, „sollen wir denen wirklich nachlaufen?“
Vier schaltet sich ein. „Davon würde auch ich abraten“, meint sie. „Das könnte wohlmöglich den Eindruck erwecken, wir würden sie oder ihn verfolgen. So etwas können wir uns nicht leisten. Ich würde gerne noch weitere Melodien abspielen, je weiter wir vorstoßen, um eventuellen Überlebenden zu zeigen, dass wir ihnen nichts Böses wollen.“
„In Ordnung, aber nicht zuviel, und nur auf meine Erlaubnis hin - wir sind auf unser Gehör angewiesen. Weiter nach unten zu gehen, scheidet aus, da wir ebenso jemanden bedrängen könnten und ich kein weiteres Risiko mit den Treppen eingehen will. Also nach Rechts.“
„Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass eine Kontaktaufnahme wahrscheinlicher ist, wenn wir uns den Geräuschen und Bewegungen nähern und nicht vor ihnen weglaufen“, sagt Zwei, seine Stimme noch eine Spur bestimmter, fordernder.
„Nein, keine Chance. Zu unvernünftig. Wir müssen zu aller erst auf Sicherheit achten, und darauf, nicht als Bedrohung zu erscheinen. Wir folgen dem Weg nach rechts. Keine weiteren Diskussionen. Marschordnung wie gerade, dass heißt wir beide machen die Spitze.“

Und so setzen sich die vier Gestalten, zwei Meter große, in Weiß gehüllte Fremdkörper von einem anderen Stern, sich mit Lichtern, Waffen und Musik, dafür zwei von ihnen ohne Gesicht, in Bewegung. Tiefer hinein in die geschundene Erde, tiefer hinein in die geheimnisschwangere Finsternis.

 

Hi Para,
so bin jetzt endlich mal dazu gekommen das letzte Kapitel deiner, äh "Kurzgeschichte" zu lesen... ;)
Bist echt gemein, so mitten in der Spannung wiede aufzuhören.
Außerdem wäre es recht hilfreich gewesen, wenn du bei dem Posting der "ganzen" Geschichte die Kapitelüberschriften gelassen hättest, da kann man sich dann besser orientieren...
Und es war für mich jetzt gegen Schluß etwas verwirrend, dass deine vier Protagonisten nur Zahlen statt Namen haben. Muss das sein? Man tut sich sicherlich leichter, wenn man den Charakteren Namen und keine Zahlen zuordnen kann. Oder sind die irgendwann nochmal von Bedeutung?
Durch die Zahlen bin ich nämlich auch erst im letzten Kapitel darauf gestoen, dass Vier eine Frau ist...
Übrigens: Sollte deine Geschichte hier mal verschwinden müssen, aufgrund einer gewissen Überlänge, hat Aragorn (oder jemand mit ähnlichem Namen) eine Roman-Plattform eröffnet: http://26019.rapidforum.com

freue mich schon auf die Fortsetzung

lg Hunter

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo!

Eine schöne, düsterspannende Geschichte ist Dir da gelungen!
Natürlich bleiben eine Menge Fragen offen, aber am Erzählstil gibt es soweit nichts auszusetzen; die stilistischen Fehler haben Dir ja nun schon andere unter die Augen gerieben <gg>.
Nur zur "Darwin"- Ein Weitentwickeltes Schiff mit einem Menschlichen Namen, der zudem noch ein Naurphilosoph war-hmmm-
Ist die Moral Deiner Geschichte, das der Stärkere überlebt?
Bin gespannt auf eine weitere Fortsetzung, sofern es eine geben sollte;

Greetz Alexander

 

Bist echt gemein, so mitten in der Spannung wiede aufzuhören.
Ich muss! Die Geschichte geht mir ziemlich an die Nieren. Wahrscheinlich bin ich selber beim schreiben phantasiemäßig tiefer drin oder so. Auf jeden Fall hab ich, seit ich weitergeschrieben habe, jede Nacht mein Zimmer abgeschlossen.
Hört sich dumm an, ist aber so.

Außerdem wäre es recht hilfreich gewesen, wenn du bei dem Posting der "ganzen" Geschichte die Kapitelüberschriften gelassen hättest, da kann man sich dann besser orientieren...
Eine Hilfe gibt es: Ich habe immer zwei oder drei Leerzeilen zwischen den Kapitelchen gelassen, hunter.

Man tut sich sicherlich leichter, wenn man den Charakteren Namen und keine Zahlen zuordnen kann.
Meinst du wirklich?

Eins ist logischerweise der Truppfüher,
Zwei, da er ein Analysegerät besitzt usw. nicht nur Stellvertreter, sondern auch Medizinisch - Wissenschaftlicher Offizier,
Drei aufgrund des Laserkoffers Techniker und
Vier Linguistin und Verhaltensforscherin ( kommt noch )

Übrigens: Sollte deine Geschichte hier mal verschwinden müssen, aufgrund einer gewissen Überlänge, hat Aragorn (oder jemand mit ähnlichem Namen) eine Roman-Plattform eröffnet:
Vielen Dank für den Tipp, bin vor ein paar Tagen drauf gestoßen und werde sie wohl auch dort posten. Mit meinen drei Beiträgen habe ich sogar mehr als Bibleothekar gehabt, hehe.

freue mich schon auf die Fortsetzung
Schon passiert, ist jetzt gut zur Hälfte fertig, parallel dazu nimmt auch das Ende immer mehr Gestalt an. Licht am Ende des Tunnels!

Eine schöne, düsterspannende Geschichte ist Dir da gelungen!
Vielen Dank, nicht nur fürs Lesen dieses Mammuts, sondern auch für dein Lob, xxlestardxx. Das motiviert!

Natürlich bleiben eine Menge Fragen offen, aber am Erzählstil gibt es soweit nichts auszusetzen; die stilistischen Fehler haben Dir ja nun schon andere unter die Augen gerieben
Das war letztes Jahr, aber danke, dass du noch mal den Finger auf die Wunde legst. ;) :D


Nur zur "Darwin"- Ein Weitentwickeltes Schiff mit einem Menschlichen Namen, der zudem noch ein Naurphilosoph war-hmmm-
An einem menschlichen Namen ist doch nichts auszusetzten, oder?
Darwin deshalb, weil sich ja in den Weltallkolonien und auch auf der Erde (kommt noch) eine gewisse Evolution abgespielt hat.
Ich find das passend, du nicht? Andere Vorschläge?


So ihr beiden, finale Frage:
Ich sehe die Story als SciFi mit ein wenig Horror und einer Prise Philosophie, meint ihr das stimmt?

Auf jeden Fall vielen, vielen Dank!
...para

 
Zuletzt bearbeitet:

Der Einfachheit halber einzeln gepostet, aber auch an die Gesamtstory angehängt.


VIII: Entscheidungen

Eins starrt und lauscht in die Gänge hinein. Es kommt ihm vor, als habe er seit Ewigkeiten nichts anderes gemacht.
Dieses Gebäude ist ein Anachronismus, kommt es ihm in den Sinn. Der größte auf diesem verdammten, toten Planeten.
Noch ein Gedanke keimt in ihm auf, skurril und befremdlich.
Oder sind etwa wir das?

Plötzlich hält er inne. War da etwas? Ein Geräusch? Das Geräusch? Ganz leise zwar, aber dennoch...? Angespannt starrt er seinem Lichtkegel hinterher. Nichts.
„Wie weit bist du, Zwei?“, flüstert er.
„Nur die Ruhe, ich komme. Ist ein bisschen wacklig, wie du weißt.“
Oder nur die Nerven? Verflucht, er wurde intensiv vorbereitet, sogar seine DNS auf ruhiges und überlegtes, trotzdem entschlossenes Handeln optimiert, auf die Eigenschaften eines Truppführers eben...

„Uharrrrch!“

Eins entweicht ein unwillkürlicher Schrei, als ihn dieses schreckliche, scharrende, aber dennoch irgendwie kehlige Geräusch hinter ihm herumfahren lässt.
Noch in der Drehung aktiviert er den Elektroschocker, dieses Summen ist beruhigend, aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein angesichts seines Adrenalinschubes, er entsichert die Waffe und...

Leere. Der Gang verläuft geradeaus, soweit der Lichtschein reicht, allerdings scheint ein weiterer keine zwanzig Meter entfernt zu kreuzen.
Das Geräusch von hastigen, sich entfernenden Schritten, oder war es bloß Einbildung?
Er lauscht in die Finsternis hinein, jede Faser seines Körpers bis zum Zerreißen gespannt.
Doch abermals vernimmt er nichts außer dem elektrischem Summen und seinen stoßweise entweichenden, flachen Atemzügen, als wolle ihn die Stille verhöhnen.
„Eins, was ist los bei dir?“, kommt Zweis Stimme über Funk.
„Scheiße“, entweicht es ihm. Er presst sich mit dem Rücken gegen die Wand, neben den Eingang zum Treppenhaus, und leuchtet abwechselnd in beide Richtungen.
„Geräusche. Unsere Geräusche. Von zwei Seiten! Beeil dich, verdammt noch mal!“, flüstert er ins Kinnmikro.
Verflucht, warum flüstert er eigentlich?
„Hallo?“, ruft er hinein in die Dunkelheit. Sein Ruf wird vom Beton zurückgeworfen und von den endlosen Gängen verschluckt. „Ist da wer? Wir sind Freunde!“
Keine Antwort.
Dieses... kehlige Geräusch... der Gedanke daran richtet Eins Nackenhaare auf. Es war anders. Eben kehlig, menschlicher als die zuvor, welche er eher einem recht kleinem Tier...
Es kostet ihn einige Überwindung, seine Waffe wieder zu sichern.
„So, keine Panik!“, als er sich umdreht, steht jemand neben ihm.

Ein erschrockener Laut, Eins reißt das ER-1a hoch, die Gestalt springt schnell einen Schritt zurück. Eins starrt in ein goldenes Visier. Es ist Zwei.
Für einen kurzen Moment Schweigen.
Sekundenbruchteile dehnen sich, als wollten sie zerreißen. Schließlich dreht Zwei ihm den Rücken zu, sichert nach Rechts ab, Eins tut es ihm nach, in die andere Richtung.
„Bist du dir sicher, dass die Geräusche von beiden Seiten kamen, Eins?“, fragt Zwei.
„Ja, ziemlich. Das erste von links, sehr leise, wie das aus dem Lüftungsschacht. Danach eines von Rechts, definitiv, ein... anderes...“, menschliches, hämmert ein Gedanke. Menschliches! Menschliches! Un-Menschliches! Ein Fauchen... sollte es etwa eine Warnung...?
„...ein was?“
Hat Zwei eigentlich irgendetwas unheimliches an sich, oder warum erschreckt er ihn so oft? - Er deaktiviert den Elektroschocker. Schließlich geht´s auf die Batterie. Hätte ihm beinahe einen verpasst, hier unten sieht man Gespenster, die Nerven spielen Streiche - Mist, schließlich kennt er ihn seit Jahren, sie sind wie Brüder, gewissermaßen...
„Eine Art... na ja, so ein kehliges Geräusch, wie von einem größeren Tier. Kann mich irren, aber danach Trittgeräusche.“
Er glaubt, ein leises gemurmeltes „Interessant!“ über den Äther zu vernehmen. „Wie groß ungefähr, wie weit entfernt?“
„Scheiße, ich weiß nicht. Vielleicht beim Quergang. Vier, komm jetzt runter zu uns.“ Abermals ruft er in die dichte Düsternis hinein, hofft, sie zu durchdringen.
„Hallo? Ist da jemand? Wir sind Freunde! Wir kommen in friedlicher Absicht.“
„Eins, lass bitte das Brüllen sein, überlass die Kontaktaufnahme mir, außerdem dröhnt das ganz schön über Funk“, beschwert sich Vier, ausgebildete Linguistin und Expertin für den Erstkontakt. „Ich komme jetzt zu euch. Habt ihr schon irgendetwas erkennen können?“
„Negativ, ich habe nur gehört“, antwortet Eins. „sei vorsichtig, besonders mit dem Geländer.“
„Keine Sorge.“
Aus irgendeinem Grund beunruhigt es ihn, dass Zwei in die Richtung dieses so angsteinflößenden Geräusches sichert.
Er wirft einen Blick über die Schulter. Alles ist so, wie es sein sollte. Zwei wirkt, als wäre er voll konzentriert darauf, zu sichern. Keine Panik. Wie Recht er hat. Das ist Feind Nummer eins: die Panik, Quell irrationaler Entscheidungen, von Fehl-Entscheidungen, die ihm bei der Brisanz dieser Mission nicht unterlaufen dürfen.
Zwei wirkt so gefasst, so seltsam ruhig und erwartungsfroh. Der weiß, wie man Geschichte macht. Nein, wenn er sich jetzt schon den Kopf über seine Kameraden zerbrechen müsste... ruhig bleiben.
Es war der erste Fehler: er hätte Vier das Rufen überlassen sollen. Ein kleiner Fehler, aber immerhin. Jetzt cool bleiben, um jeden Preis. Sachlich und analytisch denken. Wie lange sind sie schon unten? Oh, diese Luft. Knapp sechzig Minuten. Noch etwa zwei weitere Stunden, dann sollten sie wieder zurück aus dem Bunker sein, so ist es abgemacht. Also nur noch gut eine halbe Stunde tiefer in diesen Bunker hinein. Nur noch dreißig Minuten. Dann zurück.
Alles klar so weit.

„Bin da“, meint Vier und erscheint aus dem Eingang zum Treppenhaus.
„Halt dich in der Mitte von uns beiden, aber an der Wand – leuchte gleich vor allem hoch zu Drei und versuch seinen Rücken zu sichern, aber pass auf, dass du ihn nicht blendest“, befielt Eins lehrbuchmäßig.
„Drei, sieh zu, dass du hier runter kommst, aber pass auf, was hinter dir läuft.“
„Verstanden, ich komme.“

Diese schäbige Luft. Die Luft der Toten. Abgestanden, irgendwie faulig und verbraucht.

Egal was da ist, es scheint Angst vor ihnen zu haben. Das Geräusch kommt nicht wieder, und das beruhigt ihn.
„Ich glaub, da war was!“, ertönt Dreis Stimme.
„Was ist los bei dir? Vier, halt ihm bloß den Arsch frei!“
„Da oben ist nichts“, entgegnet Vier.
„Es war auch unten. Ziemlich weit. Ich leuchtete kurz hinab, und ich bin mir ziemlich sicher, was gesehen zu haben“, sagt Drei.
Was genau hast du gesehen?“, mischt sich Zwei ein.
„Ich... ich bin mir nicht sicher. Irgendeine Bewegung oder so. Kann sein dass ich mich irre!“
Vier fängt an, ihr Schlaflied abzuspielen.
Dafür trägt sie eigens ein miniaturisiertes Audiogerät. Das Schlaflied, so die These, würde die eventuell vorhandenen, verunsicherten Bewohner beruhigen und ihre Angst oder sogar aus dieser Angst entspringende Aggressionen abbauen.
„Drei, sieh zu, dass du runterkommst“, befielt Eins.
„Du meinst, ganz runter?“, Eins glaubt, Fluktuationen in der Stimme des Technikers zu vernehmen, und es beruhigt ihn, nicht alleine zu sein mit dieser nervenfressenden, unterschwelligen Angst.
„Nein, natürlich nur runter zu uns, Mann.“
Inzwischen ist Viers Kinderlied verstummt. Nichts ist passiert. Doch umso aufmerksamer bohren sich seine Blicke in den dunklen Gang hinein. Nur keine Überraschungen!
„War wohl doch nichts“, meint Drei. „So, bin bei euch.“
„Übernimm du Viers Position und sicher das Treppenhaus, nach oben und unten“, befielt Eins, „Lagebesprechung.“
„Wir sollten nach Rechts gehen“, bemerkt Zwei. „Das Geräusch könnte auf das Vorhandensein von Überlebenden hindeuten.“
„Das gefällt mir nicht“, antwortet Drei, „sollen wir denen wirklich nachlaufen?“
Vier schaltet sich ein. „Davon würde auch ich abraten“, meint sie. „Das könnte wohlmöglich den Eindruck erwecken, wir würden sie oder ihn verfolgen. So etwas können wir uns nicht leisten. Ich würde gerne noch weitere Melodien abspielen, je weiter wir vorstoßen, um eventuellen Überlebenden zu zeigen, dass wir ihnen nichts Böses wollen.“
„In Ordnung, aber nicht zuviel, und nur auf meine Erlaubnis hin - wir sind auf unser Gehör angewiesen. Weiter nach unten zu gehen, scheidet aus, da wir ebenso jemanden bedrängen könnten und ich kein weiteres Risiko mit den Treppen eingehen will. Also nach Rechts.“
„Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass eine Kontaktaufnahme wahrscheinlicher ist, wenn wir uns den Geräuschen und Bewegungen nähern und nicht vor ihnen weglaufen“, sagt Zwei, seine Stimme noch eine Spur bestimmter, fordernder.
„Nein, keine Chance. Zu unvernünftig. Wir müssen zu aller erst auf Sicherheit achten, und darauf, nicht als Bedrohung zu erscheinen. Wir folgen dem Weg nach rechts. Keine weiteren Diskussionen. Marschordnung wie gerade, dass heißt wir beide machen die Spitze.“

Und so setzen sich die vier Gestalten, zwei Meter große, in Weiß gehüllte Fremdkörper von einem anderen Stern, sich mit Lichtern, Waffen und Musik, dafür zwei von ihnen ohne Gesicht, in Bewegung. Tiefer hinein in die geschundene Erde, tiefer hinein in die geheimnisschwangere Finsternis.

 
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