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Das Zimmer

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09.06.2017
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Das Zimmer

Das Alien ist über Nacht gewachsen. Als Frank seine Morgenration Tabletten auf der Bettkante eingenommen hat, bugsiert er die Beine zurück auf die Matratze und zieht die Decke bis unters Kinn. Über dem Bett hängt eine Kalligrafie, in Holz gerahmt.

Freiheit ist der Zustand, unabhängig, nicht unterdrückt oder gefangen zu sein.​

Frank schließt die Augen.
Einatmen, ausatmen, existieren.

Ein Handtuch um die Hüften geschlungen schlendert Uwe nach dem Duschen aus dem Badezimmer. Wassertropfen bedecken seinen Körper wie Perlen. Frank dreht sich auf die Seite und rutscht hin und her, bis die Position erträglich wird. Er hat Uwe voll im Blick, als er wie in Zeitlupe das Handtuch fallen lässt, sein Geschlecht enthüllt, alles präsentiert. Wie er sich mit den Fingern durch glänzende Haarsträhnen fährt, das Kinn in die Höhe reckt. In katzenhaften Bewegungen Kleidung zusammensucht und überstreift: Das weiße T-Shirt, den Tanga, die Jeans.

Wieso muss Frank das mitansehen. Warum macht Uwe es nicht wie er und nimmt die Kleidung vorm Duschen mit ins Bad. Was verspricht Uwe sich davon oder ist das pure Einbildung. Läuft es heute so.
Seit vier Jahren sendet das Alien Störsignale - eine Empfindung, für die Frank keine Worte findet. Anfangs erstreckte sie sich nur vom linken Fuß bis rauf zum Knie, dann breitete sie sich aus. Ob sich das eisig anfühle, kribbele oder brenne, wollten sie wissen, legten ihn für Tests in eine weiße Sargröhre. Die Größe des Aliens variiert. An guten Tagen läuft Frank mit einem Stock.

Wie jeden Samstag notiert Uwe Franks Wünsche auf einem Zettel.
"Vollkornbrot, Bananen, Quark. Noch was?"
"Nüsse. Cashewnüsse, falls es die gibt."
"Okay. Alles?"
"Ja."
"Also, dann kann ich jetzt losfahren?"
Frank nickt. Schwungvoll nimmt Uwe die Schlüssel vom Tisch, zieht seinen Kapuzenpulli über und lässt die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Die lädierte Klinke hängt runter.

Frank holt tief Luft, bevor er sich zur Bettkante vorschiebt und auf den vergilbten Teppichvorleger sinken lässt. Auf allen Vieren durchquert er das Zimmer, zieht den Rollstuhl aus dem Spalt zwischen Kleiderschrank und Wand hervor. Die Reflektoren auf der Reisetasche starren ihn an. Nachdem er sich hochgezogen hat, schießt der Schmerz in die Waden und eine Welle der Übelkeit überrollt ihn - für einige Minuten schließt er die Augen.

Marie.
Ihr Teint war durchscheinend wie Porzellan, mit rosigen Sommersprossen drauf. Sie roch nach Sauerklee und Nelke, hatte ein helles Lachen.
Durch die Nase atmen.
Ein. Und wieder aus.

Das Handy klingelt, als er die Nummer sieht, klickt er den Anruf weg. Ob er am Sonntag zum Essen käme, würden sie fragen. Bei der Gelegenheit könne er den Rollator mitnehmen. Ob er die Krankengymnastik gewissenhaft verrichte.

Er manövriert sich ins Bad. Uwe muss etwas bemerkt haben - er hat die nassen Handtücher zum Trocknen aufgehängt und nicht wie sonst auf dem Boden liegen lassen. In tiefer Stille absolviert Frank seine Morgenroutine. Er nimmt die Briefe vom Schreibtisch und kehrt ins Bett zurück, um vor sich hin zu dösen. Ob er heute in der Lage sein wird, an der Masterarbeit zu schreiben, ist fraglich.

Um halb eins kommt Uwe zurück - seine Haare stehen streichholzkurz in die Höhe. Er wäscht Kirschen, stellt sie Frank auf den Nachttisch und setzt sich auf die Bettkante. Frank will sich zur Wand hin bewegen, Platz schaffen für Uwe. Doch der legt die Hand fest auf seine Schulter, bedeutet, das sei nicht erforderlich. Nein, das sei nicht schön. Warum denn nicht einmal dicht an dicht sein. Wann hat das angefangen, dass Frank diese Berührungen nicht mehr für Zufall hält.
"Komm schon, probier mal", sagt Uwe.
Frank schüttelt den Kopf.

Im April hat er das Angebot der Eltern abgelehnt, ist runter in dieses Zimmer gezogen. Die Leitung des Hauses hat schnell auf seine Bitte reagiert - Frank fällt das Gehen schwer. Einmal stürzt er oben im Flur. Zu mehreren stehen sie um ihn herum und sehen zu, wie es ihm nicht gelingt, wieder aufzustehen.

"Heute gibt es Omelette mit Steinpilzen", sagt Uwe.
Er füllt eine Schüssel mit heißem Wasser und öffnet die Packung mit den getrockneten Pilzen. Sie haben Routine darin, sich einfache Gerichte zuzubereiten. Frank verlässt das Bett und schlägt Eier auf.
Uwe verzieht den Mund. "Für mich bitte nicht knusprig heute."
"Weiß nicht, was du meinst. Nur Anfänger verwenden die Schale mit."
Uwe schnalzt mit der Zunge, nimmt Teller aus dem Hängeschrank und deckt den Tisch.
"Lass mich Pilze schneiden."
Uwe überlässt ihm das Messer und gibt den Omeletteteig in die Pfanne, während Frank sich den Pilzen zuwendet. Die sind glitschiger als gedacht und seine Linke verhält sich unkooperativ. Uwe ist mit der Sauce fertig und schaut betont aus dem Fenster.
"Falls du die kleiner willst, dann fürchte ich ..."
"Ach was, ich mag es stückig." Uwe nimmt das Brettchen und schiebt die Pilze in die Sauce.
Nachdem sie ihre Mahlzeit schweigend eingenommen haben, spülen sie Geschirr. Frank fühlt sich wie auf der Zielgeraden des Berlinmarathons und kriecht zurück ins Bett.

Uwe hat wieder diesen verwundeten Blick aufgesetzt, als er Frank eine Strähne aus der Stirn streicht.
"Darf ich mich zu dir legen?"
Der schließt die Augen und schweigt. Das Bett bewegt sich, dann schmiegt Uwe sich mit dem Rücken an ihn. After Shave weht rüber. Frank fühlt Uwes Körper wie durch mehrere Lagen Plastikplane.
"Warst du beim Friseur?"
"Gefällt es dir", flüstert Uwe.
"Siehst witzig aus. Wie Mecki."
Uwe lacht leise.
"Wann gehst du heute Abend in den Club?", sagt Frank.
"So gegen sieben. Kommst du mit?"
"Idiot!"

Das Handy klingelt.
"Warte", sagt Frank, gleichzeitig nimmt Uwe das Gespräch an und reicht ihm das Smartphone.
"Endlich erreiche ich dich! Wie geht es dir?", fragt Mutter.
"Großartig. Alles bestens. Wirklich."
"Wo bist du? Wir wollen dich ma-"
"Du, die Verbindung ist schlecht. Ich melde mich später." Frank legt auf. "Ich habe nur eine Bitte: Lass mich nächstes Mal zuerst aufs Display schauen!"
"Hm."

Franks Oberschenkel zuckt, bis er die Hand darauf presst.
"Kann ich was tun, dich massieren?" Auf Uwes Stirn bildet sich eine Falte.
Frank verneint.
Uwe kehrt zurück in die Löffelstellung. Er atmet schneller und Frank kann die rhythmischen Bewegungen mehr sehen als fühlen. Wie Uwes ganzer Körper sich anspannt und loslässt.
Nicht an Herde in Gehirn und Rückenmark denken. Nicht an Nähe und nicht an Ferne. Denk was Schönes. Den rechten Arm kann Frank gut bewegen, könnte Uwe damit über die Schulter streicheln, aber er dehnt es hinaus, immer weiter, wie einen Kaugummi.
Ein undefinierbares Geräusch schwillt an. Stöhnen oder Weinen? Frank lauscht halbherzig.

Uwe studiert Kunstgeschichte und erwähnt gerne, dass er im Club jobbt, worauf er eine Sprechpause einlegt und Frank in die Augen sieht. Warum sollte Frank ihm den Gefallen erweisen, nach Details zu fragen, wenn Club und Kunst ihm gleichermaßen einerlei sind? Seit wann Uwe hier lebt, Frank weiß es nicht. Im Erdgeschoss des Wohnheims befinden sich, abgesehen von diesem Zimmer, nur Wirtschaftsräume. Gesichert ist, dass sich das Studentenleben in den oberen Stockwerken abspielt.

Die vergessene Vorlage fällt ihm ein. Dicht an dicht mit Uwe braucht er kein Malheur.
"Du, ich muss ins Bad."
Uwe reagiert schnell - er erhebt sich vom Bett und stützt Frank beim Transfer in den Rollstuhl den Rücken. Dabei fährt er sich mit dem Ärmel übers Gesicht. Im Bad stellt Frank fest, dass seine Hose trockengeblieben ist. Er zuppelt eine Vorlage aus dem blickdichten Beutel im Schrank unter dem Waschbecken. Von Uwe liegt oben auf dem Spiegelschrank eine Plastiktüte, durch die es rosa schimmert, wenn die Lampe darauf scheint.

Als Frank die Hand auf die Türklinke legt, dringt aus dem Zimmer Schluchzen. Er setzt zurück, stützt den Kopf in die Hände - und wartet.
Zu Hause warten sie auch. Mutter - so heißt es - weine jeden Tag. Nachdem Frank innerlich bis zwanzig gezählt hat, rollt er wieder ins Zimmer. Uwe liegt wie ein Embryo auf dem Bett, das Gesicht zur Wand.
"Was ist", sagt Frank.
Es bleibt still.
Er fixiert die Bremsen und setzt über aufs Bett. Uwe rutscht ein Stück Richtung Wand. Wieder nehmen sie dieselbe Stellung ein - nur diesmal liegt Frank auf seiner rechten Seite - das ist die gute. Langsam streicht er Uwe über die Schulter, fährt den Arm entlang. Verweilt am Ellbogen, so gut es mit der zitternden Linken geht.
"Ich kann so nicht weitermachen", sagt Uwe.
"In deinem Club. Gibt es da niemanden, hm?"
Uwe zuckt die Schultern.
Nach einer Weile rutscht Frank Richtung Bettkante.
"Nicht!" Uwe dreht sich um und hält ihn am Ärmel fest. "Bitte!"
Seufzend rückt Frank wieder an ihn heran. "Erzähl."
"Nicht jetzt."
Sie liegen eine Weile schweigend da.
"Was machen wir", sagt Frank leise.
"Ekelt dich doch." Uwe zieht die Nase hoch.

Gerade als Frank am Einnicken ist, klopft es an die Tür und er hört Uwe leise reden. Er muss sich anstrengen, um alles mitzubekommen.
"Hallo. Ich suche Frank Schäfer", sagt eine Frauenstimme.
Er hebt den Kopf, aber Uwe steht im Blickfeld. Das macht der mit Absicht, Frank würde sie gerne sehen.
"Ah. Und worum geht es?", fragt Uwe.
"Jesus lebt und wir von der Auferstehungsgemein-"
"Ich werd's ausrichten."
"Aber ..."
"Hey!", ruft Uwe.
Die Matratze bewegt sich, ein Mädchen mit mächtigen Brüsten sitzt plötzlich neben Frank auf der Bettkante. "Ich bin Pia und Gott hat dich nicht vergess-"
"Ja doch", sagt Frank.
"Wir beten gemeinsam und später k-"
Das Bett wackelt, als Uwe sie am Arm packt und wegzerrt. Mit einem Knall rastet das Schloss ein, Schläge poltern gegen die Tür, durch die Ritze wird Papier geschoben. Frank fischt ein Feuerzeug aus der Nachttischschublade.
"Hinten im Geschirrschrank steht noch der angeschlagene Teller. Ich hol den mal", sagt Uwe. Er legt die gefalteten Blätter darauf, bringt sie ans Bett und Frank zündet sie an. Gemeinsam sehen sie zu, wie die Flammen hochschlagen, das Papier verkohlt, sich biegt und zu Asche zerfällt.

Das Handy klingelt.
"Lass! Geh nicht ran", sagt Frank.
"Was soll das? Wie lang noch!" Uwe geht zum Tisch und nimmt es. "Glaubst du nicht, dass die sich Sorgen machen?"
"Halt dich da raus."
Das Klingeln verstummt.
Uwe hält ihm das Handy entgegen. "Ruf sie an. Komm!"
"Du kannst mich mal."
Uwe setzt sich in den Rollstuhl. Kippelt, fährt damit vor, zurück und im Kreis.
"Hey, lass das."
"Du rufst da an und danach gehen wir raus an die Luft."
"Vergiss es."
Uwe schiebt den leeren Rollstuhl zurück ans Bett. "Dann halt nicht. Aber jetzt runter von meiner Matratze." Er verschränkt die Arme und sieht aus dem Fenster.

Frank rollt ins Bad, schließt die Tür hinter sich und schaut hoch zu der Plastiktüte auf dem Spiegelschrank. Mit beiden Händen stützt er sich am Waschbecken ab und zieht sich hoch. Wackelig steht er für wenige Sekunden auf tauben Fußsohlen. Es fühlt sich gut an. Richtig. Morgen wird es wieder besser sein. Jeden Tag bis an die Grenzen gehen, das ist wichtig. Niemals den Glauben an sich selbst verlieren. Jetzt noch den Arm nach oben strecken. Komm. In seinen Ohren rauscht es, die Knie sacken weg und der Kachelboden rast auf ihn zu.

Kälte durchdringt sein Auge, über sich sieht er das vertraute Gesicht in Großaufnahme.
"Tut dir was weh?" Uwe legt die Kompresse zur Seite.
Alles ist weich, Frank liegt in seinem Bett und spürt nach, schüttelt den Kopf. Uwe schlägt die Bettdecke zurück und tastet ihn - an den Füßen beginnend - ab.
"Lass das!" Frank will Uwes Arm wegschieben, aber es geht nicht. "Hör auf, sag ich!"
"Wenn ich nicht nachsehen darf, ob was gebrochen ist, rufe ich den Arzt."
"Was ist in der Tüte auf dem Spiegelschrank?"
"Ich ruf den Arzt."
"Fass mich nicht an!"
"Bist du deshalb auf die Fresse gefallen, hm? Weil du an die Tüte wolltest?"
"Ja, verdammt!"
Das Bett bewegt sich, Uwe geht ins Bad und kehrt mit dem Beutel zurück, legt ihn Frank in die Hand. "Hier. Kannst reinschauen."
Frank schiebt die Tüte wortlos über die Bettkante, bis sie raschelnd zu Boden fällt.
Das Handy klingelt.
Uwe nimmt ab. "Kann gerade nicht. Soll ich was ausrichten? ... Werd ich machen. ... Ja."
Frank setzt sich auf. "Ich hab dir gesagt, du soll-"
"Dein Vater wartet vorne in der Eingangshalle. Ich bring dich."
"Nein."
"Jetzt beweg deinen Arsch, der wartet."
"Was ist mit deinen Eltern?", sagt Frank.
"Erzähl ich hinterher."

Schmerz bohrt im Ellenbogen und mit ihm die Scham, eine unsichtbare Grenze überschritten zu haben, als er in die geheimnisvolle Tüte spähen wollte. In Frank reift der Entschluss, sich dem Vater im Zustand körperlicher Schwäche zu präsentieren, sich von Uwe dorthin schieben zu lassen, so als wäre das nur gerecht.
Wenn Frank die Augen schließt, wird ihm schwindelig. Zum Glück begegnen sie niemandem auf dem Flur. Schon von weitem sieht er den Mann in der Halle, wie er vom Plastiksitz aufspringt und sich mit der Hand übers Gesicht fährt.
Frank hält ihm die Rechte entgegen. "Wie geht es Mutter?"
Vater ignoriert die Geste, wendet sich über seinen Kopf hinweg an Uwe. "Und Sie sind ...?"
Der beugt sich runter an Franks Ohr: "Soll ich gehen oder bleiben?"
"Bleib."
Der Vater sieht stirnrunzelnd zu Uwe, der die Hände auf Franks Schultern ablegt und nicht spricht.
"Mein Zimmernachbar", sagt Frank. "Warum bist du alleine gekommen?"
"Deine Mutter fährt morgen zur Kur. Es würde sie freuen, wenn ..."
"Sag ihr, dass es mir fantastisch geht. Gestern bin ich zur Vorlesung gelaufen. Morgen oder übermorgen", er klopft auf die Armlehne, "stell ich das Ding wieder in die Ecke."
Zu der Reisetasche mit den glotzenden Reflektoren.
Vater reibt sich das Kinn und wiegt den Kopf.
"Ist so", sagt Uwe. "Kann ich bezeugen. Gehen wir was trinken oder stehen wir hier nur so rum?"
"Wann kommst du heim?", sagt Vater zu Frank. "Deine Mutter vermisst dich. Jetzt, wo ..."
"Gar nicht. Ich bin erwachsen, gewöhnt euch dran."
Der Vater öffnet den Mund und schließt ihn wieder.
"Sag ihr, ich ruf sie die Tage an." Frank dreht sich um und rollt davon.
"Machen Sie sich keine Sorgen", murmelt Uwe. Mit schnellen Schritten überholt er Frank und hält ihm die Schwingtür auf.
"So. Schieß los", sagt Frank, als sie wieder im Zimmer sind.
Uwe geht zum Fenster und zuckt die Schultern. "Meine Eltern sind tot. Schon lange."
"Oh. Das ... tut mir leid."
"Schon gut. Kannst du ja nichts für."

Als Frank seine Augen öffnet, werfen Straßenlaternen fahle Lichtstreifen auf den Holzboden. Es ist kurz vor zwei in der Nacht. Uwe schließt für gewöhnlich die Vorhänge, wenn er aus dem Club kommt. Nachdem Frank die Nachttischlampe angeknipst hat, rutscht er zur Bettkante, stellt seine Füße auf die Dielen, spürt Kontakt. Gerade als er den Rollstuhl heranzieht und sich zur Toilette aufmachen will, poltert und kratzt es am Schloss. Eine Gestalt taumelt ins Zimmer, fällt auf die Knie und beugt sich ächzend vornüber: Er ist zurück. Das automatische Licht im Gang erlischt. Frank gleitet zu Boden und lehnt sich vor, um der Tür einen Stoß zu versetzen, sodass sie ins Schloss fällt.
"Hey. Alles klar?"
Uwe schüttelt den Kopf, langt nach dem leeren Rollstuhl, wie um sich daran aufzurichten und beginnt zu würgen.
Frank rutscht näher und legt die Hand auf seinen Arm. "Kotz uns nicht die Bude voll. Geh ins Bad, hm?" Jetzt entdeckt er das verkrustete Blut über dem Auge.
"Dieser Scheißkerl", lallt Uwe. "Den werd ich ..."
Er versucht aufzustehen, stolpert und fällt Frank in den Schoß. Ein Schwall ergießt sich auf den Boden, gefolgt von einem zweiten. Frank versucht Uwes Hand loszulassen, will einen Lappen holen.
"Geh nicht weg", ächzt Uwe. "Bitte. Du und ich, wir zwei ..." Er vergräbt sein Gesicht in Franks Brust.
"Du, ich kann so nicht sitzen. Bitte, lass mal los."
Uwe gehorcht, rutscht zur Seite und stützt den Kopf in die Hände. Der säuerliche Geruch, der den Raum durchzieht, wird immer intensiver, jetzt holt Frank Eimer und Lappen aus dem Bad.

"Deine Eltern sind nicht wirklich tot, oder?"
Uwe zuckt die Schultern, während er zur Seite blickt. Er steigt schwankend auf Franks Bett und hängt den gerahmten Spruch ab. Nachdem er ihn auf den Fußboden gelegt hat, betrachtet er ihn eingehend.

Freiheit ist der Zustand, unabhängig, nicht unterdrückt oder gefangen zu sein.​

"Was ist damit?", sagt Frank.
Uwe räkelt die Arme über den Kopf, sein Mundwinkel zuckt, als er sich zu Frank beugt, bis sie einander beinahe an der Stirn berühren. "Weißt du, ich mag dich. Wirklich."
Frank nickt, dreht der glotzenden Reisetasche den Rücken zu. Über Marie zu sprechen, ist keine Option. Sein Atem geht ruhig und gleichmäßig, während er mit der Rechten Uwes Hand sucht und sie umfasst.

 

Hallo wegen,

ist immer schön, dass du nochmal nachlegst bei deinen Kommentaren. Also auf zur zweiten Runde!

Tatsächlich habe ich mich nach dem Kommentar-Posten gefragt, ob ich da nicht zu viel in die Zeilenzwischenräume interpretiere. Nee, das „Gott im Himmel“ wars nicht.
-> Opa Ernst sei heimgegangen; (das klare Rollenbild innerhalb der Familie); Pia sucht gezielt nach Frank: „Gott hat dich nicht vergessen“; Frank und Uwe wehren das recht routiniert ab, ohne jede Verwunderung über den Besuch.
Das reicht bei mir, um einem Film über Sektenaussteiger ablaufen zu lassen. Fand das eigentlich gar nicht schlecht, auch wenns anscheinend nur in meinem Kopf existierte.

Ich finds ja wunderhübsch, wenn du beim Lesen meines Textes so viel Phantasie entwickelst.
Opa Ernst ist jetzt übrigens komplett aus der Story verschwunden. Also noch toter als tot: Am totesten. :lol:
Ja, und Pias Auftritt ist echt krass, ich weiß, wurde inzwischen nochmal angemerkt. Aber es gibt ja nichts, was es nicht gibt, und ich gönne mir jetzt einfach mal eine Pia.

Schon klar, du willst seine Bestürzung über das eben Erfahrene zeigen. Aber dieses Gestotter passt für mich nicht so richtig zu dem sonst schön klaren Tonfall. Du könntest es auf z.B. „Das tut mir leid.“ kürzen

Hast ja Recht! Hab das Gestotter zusammengestrichen.

“Fragt Frank” - Ach was, aber hier geht es? [...]
Wenns dich stört, vllt. ein anderes Wort für fragen oder ein anderer Name?

Arrgh, erwischt. :D Tabula rasa: Hab jetzt alle “fragt Frank” zu “sagt Frank” gemacht.
Anderer Name ging nicht. Weil ... taa-daah! ... Frank “der Freie” bedeutet. Naa, is schon n bisschen fies, denn so richtig frei isser ja nicht, der Arme.

Fluse: "Gefällt es dir", flüstert Uwe. - Fehlendes, ganz leises Fragezeichen.

Ganz bewusst habe ich an vielen Stellen im Text die Fragezeichen weggelassen (sogar noch viel lautere als das hier) und Kanji gegenüber behauptet, dass das "Kunst" wäre ...

Liebe Grüße
Anne

---

Hallo Meuvind,

vielen Dank für deinen freundlichen Kommentar! Das mit dem “sonderbaren Nachgeschmack” kann ich übrigens gut nachvollziehen (nicht alle meine Geschichten sind so schräg) ... :Pfeif:

Dir noch viel Erfolg beim Abi und bin gespannt auf weitere Texte von dir!
LG, Anne

 

Hallo Anne49,

gar nicht so einfach etwas über einen Text zu sagen, der auf eine verwirrende Art und Weise mit meinen Deutungsstrukturen spielt, mir Rätsel aufgibt, ohne zu wissen, welche. Beckett-mäßige Anordnung, Verschiebung der Realität, aber wozu? Drogenrauschliteratur, die mir dennoch künstlerisch angerichtet vorkommt, wenig Leichtigkeit enthält. Obwohl ich rührende Szenen lese, diese implizite Zärtlichkeit zwischen den beiden Männern. Ich kann nicht mal sagen, ob mir der Text gefällt, oder nicht. Eher, dass er mich staunen lässt und ich ihn mutig finde, besonders im zweiten Teil, als habest du dich da freigeschrieben, dich von der Blumigkeit deiner sonstigen Texte verabschiedet, zum kargeren, zwischen den Zeilen wirkmächtigen Stil gefunden.
Eine bemerkenswerte Geschichte!

Textstellen:

Marie.
Ihr Teint war durchscheinend wie Porzellan, mit rosigen Sommersprossen drauf. Sie roch nach Sauerklee und Nelke, hatte ein helles Lachen.
durchscheinend wie Porzellan, ziemlich abgelutschter Vergleich und die Mischung aus Sauerklee und Nelke, na ja, schwer vorstellbar.

Zu mehreren stehen sie um ihn herum und sehen zu, wie es ihm nicht gelingt, wieder aufzustehen.
böses Bild, wenngleich auch anders lesbar.

Uwe kehrt zurück in die Löffelstellung. Er atmet schneller und Frank kann die rhythmischen Bewegungen mehr sehen als fühlen. Wie Uwes ganzer Körper sich anspannt und loslässt.
Nicht an Herde in Gehirn und Rückenmark denken. Nicht an Nähe und nicht an Ferne. Denk was Schönes. Den rechten Arm kann Frank gut bewegen, könnte Uwe damit über die Schulter streicheln, aber er dehnt es hinaus, immer weiter, wie einen Kaugummi.
Ein undefinierbares Geräusch schwillt an. Stöhnen oder Weinen? Frank lauscht halbherzig.
starke Stelle, auch wenn ich die Art der Nähe der beiden nicht recht verstehe.

"Ah. Und worum geht es?", fragt Uwe.
"Jesus lebt und wir von der Auferstehungsgemein-"
"Ich werd's ausrichten."
"Aber ..."
hier habe ich dieses Beckettonfallgefühl

Mit beiden Händen stützt er sich am Waschbecken ab und zieht sich hoch. Wackelig steht er für wenige Sekunden auf tauben Fußsohlen. Es fühlt sich gut an. Richtig. Morgen wird es wieder besser sein. Jeden Tag bis an die Grenzen gehen, das ist wichtig. Niemals den Glauben an sich selbst verlieren.
auch die Stelle finde ich gelungen.

"Wann kommst du heim?", sagt Vater zu Frank. "Deine Mutter vermisst dich. Jetzt, wo Opa ..."
"Gar nicht. Ich bin erwachsen, gewöhnt euch dran."
Der Vater öffnet den Mund und schließt ihn wieder.
"Sag ihr, ich ruf sie die Tage an." Frank dreht sich um und rollt davon.
mm, keine Ahnung, warum er so reagiert.

Liebe Grüße
Isegrims

 

Hej Anne49

Ganz bewusst habe ich an vielen Stellen im Text die Fragezeichen weggelassen (sogar noch viel lautere als das hier) und @Kanji gegenüber behauptet, dass das "Kunst" wäre ...

und ich glaubt dir das auch (noch). ;)

 

Hallo felixreiner,

vielen Dank fürs Vorbeischauen! :)

Auch wenn, was Du erzählst, nicht schön ist, ist es - ästhetisch gesehen - schön erzählt! Adorno meinte, das Schöne sei nur dann schön, wenn es wahr sei.

Das les ich gerne ...

dass Du es gut verstehst, "Suspense" zu erzeugen. Im Angloamerikanischen bedeutet das nicht nur Spannung, sondern auch Vorhalt, wie übrigens auch in der Harmonielehre. Es gibt Akkorde, also Mehrklänge, die keiner Tonart zuzuordnen sind, sogenannte "suspended chords", wie sie vor allem im Jazz Anwendung finden. Die Spannung besteht darin, dass man nicht hört, wohin sie sich auflösen werden. An dieses Phänomen fühlte ich mich beim Lesen Deines Textes erinnert

Na, das ist ja charmant von dir, meinen Text mit Jazzharmonik in Verbindung zu bringen. Freut mich, dass du die Tensions gespürt hast! In der Alten Musik (Fan!) und in der Neuen Musik gibt es die ja auch und manchen Hörern wird das zu viel, die gehen dann in der Pause, und so könnte ich auch Leser verstehen, denen es in meinem Text zu viel nicht aufgelöste Spannung gibt.

Das heißt nicht, dass mir die Konflikte darin entgangen wären.

Hehe, an Konflikten ist ja auch kein Mangel in meiner Geschichte.

Habe mich sehr über deine Rückmeldung gefreut, denn ich war mir durchaus unsicher, ob ich diesen Text überhaupt posten soll. Er erschien mir ein bisschen wie eine Provokation.

Meine ersten Texte hierorts waren viel braver. (Manche sagen “blumig”. Ich überlege gerade noch, wie sehr indigniert ich darob sein soll. Eigentlich weiß ich ja gar nicht, was das sein soll. Klingt wie Oma-Parfum, an dem ich ersticken könnte. Na sorry, ist jetzt ein bisschen off-topic ...)

Liebe Grüße
Anne

 

Hallo Isegrims,

ich freu mich, dass du vorbeigeschaut hast und versuche nun doch noch zu antworten, bevor das Wochenende wieder vorbei ist und ich den Faden wieder verliere.

gar nicht so einfach etwas über einen Text zu sagen, der auf eine verwirrende Art und Weise mit meinen Deutungsstrukturen spielt, mir Rätsel aufgibt, ohne zu wissen, welche. Beckett-mäßige Anordnung, Verschiebung der Realität, aber wozu?

Sicher gibt es in meinem Text vieles, was nur angedeutet wird. Aber aus deinem Kommentar höre ich sooo viel Rätselraten heraus, wie ich es mit diesem Text - glaube ich - doch nicht beabsichtigt hatte. Irgendwie bin ich jetzt ein klitzekleines bisschen verunsichert, ob er doch zu kryptisch ist. Na ja, ich warte mal ab, ob das von alleine wieder weggeht ... :Pfeif:

Ich bin überrascht, wenn du von Beckett schreibst, den ich vor allem mit absurdem Theater assoziiere. Verschiebung der Realität - auch hier weiß ich nicht, was du damit meinst. Ich habe versucht, konsequent aus Franks Perspektive zu schreiben, und setze alles voraus, was er weiß. Jaa, du merkst schon, hier antwortet eine, die von Literaturtheorie keine Ahnung hat.

Drogenrauschliteratur, die mir dennoch künstlerisch angerichtet vorkommt, wenig Leichtigkeit enthält.

Meine einzigen Drogen beim Schreiben waren Kaffee und Schokolade. :) Wenig Leichtigkeit - stimmt, dafür gibt es sicher zu viel Reibung, zu viele unterschwellige Konflikte, zu viel Leid. Also, ja, ich empfinde den Text selbst auch als sehr bedrückend.

Obwohl ich rührende Szenen lese, diese implizite Zärtlichkeit zwischen den beiden Männern.

Freut mich, dass du die gespürt hast.

Ich kann nicht mal sagen, ob mir der Text gefällt, oder nicht.

Das hast du schön gesagt und das ist völlig in Ordnung. Geht mir auch manchmal so bei Texten hier. Immer noch besser als ein Totalverriss ...

Eher, dass er mich staunen lässt und ich ihn mutig finde, besonders im zweiten Teil, als habest du dich da freigeschrieben, dich von der Blumigkeit deiner sonstigen Texte verabschiedet, zum kargeren, zwischen den Zeilen wirkmächtigen Stil gefunden.
Eine bemerkenswerte Geschichte!

Ja, die “Blumigkeit”, die wird mir hier wohl noch lange anhaften. Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen.

durchscheinend wie Porzellan, ziemlich abgelutschter Vergleich und die Mischung aus Sauerklee und Nelke, na ja, schwer vorstellbar.

In meiner Vorstellung hab ich so ein engelhaft-ätherisches Weihrauchbild von Marie, aber eben nur äußerlich. Ihr Verhalten Frank gegenüber war vielleicht weniger engelhaft.

Ach, diese sinnlichen Vergleiche, wie jemand aussieht und wie er duftet, das ist immer schwierig, oder? Entweder bediene ich ein Klischee (Rosenduft), weil viele denselben Vergleich ziehen, oder es ist so ungewöhnlich, dass es gerade deswegen bemängelt wird.

Zu mehreren stehen sie um ihn herum und sehen zu, wie es ihm nicht gelingt, wieder aufzustehen.
böses Bild, wenngleich auch anders lesbar.

Es hat mich übrigens gewundert, dass bei dieser Rückblende niemand das Plusquamperfekt eingefordert hat. Entweder hat das keiner als Rückblende identifiziert, weil der Text insgesamt zu verknappt und konfus ist, oder ... keine Ahnung, hat es niemanden gestört.

Oh,wenn du noch zwei Minuten für mich übrig hast, bitte verrate mir nur schnell, was du mit “wenngleich auch anders lesbar” meinst.
Hier hatte ich keinen Hintergedanken, die Szene steht für das, was sie ist: eine Form der unterlassenen/verspäteten Hilfeleistung.

Uwe kehrt zurück in die Löffelstellung. Er atmet schneller und Frank kann die rhythmischen Bewegungen mehr sehen als fühlen. Wie Uwes ganzer Körper sich anspannt und loslässt.
Nicht an Herde in Gehirn und Rückenmark denken. Nicht an Nähe und nicht an Ferne. Denk was Schönes. Den rechten Arm kann Frank gut bewegen, könnte Uwe damit über die Schulter streicheln, aber er dehnt es hinaus, immer weiter, wie einen Kaugummi.
Ein undefinierbares Geräusch schwillt an. Stöhnen oder Weinen? Frank lauscht halbherzig.
starke Stelle, auch wenn ich die Art der Nähe der beiden nicht recht verstehe.

In meiner Vorstellung hadert Uwe mit seiner sexuellen Orientierung und fühlt sich zu Frank hingezogen. Der wiederum ist mehr so mit seiner MS und der erdrückenden Liebe seiner Eltern beschäftigt. It’s complicated.

"Wann kommst du heim?", sagt Vater zu Frank. "Deine Mutter vermisst dich. Jetzt, wo Opa ..."
"Gar nicht. Ich bin erwachsen, gewöhnt euch dran."
Der Vater öffnet den Mund und schließt ihn wieder.
"Sag ihr, ich ruf sie die Tage an." Frank dreht sich um und rollt davon.
mm, keine Ahnung, warum er so reagiert.

Na ja, die Idee war, dass Franks Eltern möchten, dass er wieder zu Hause wohnt, und er will nicht.

Vielen Dank für deine Impressionen, hat mich sehr gefreut!
Liebe Grüße und, um es mit deinen Worten zu sagen, ... einen wonnigen Frühlingswunderlichterraktensonnenabend :D
Anne

 

Liebe Anne49,

nun komme ich endlich mal ins "Zimmer". Beim ersten Lesedurchgang konnte ich mit der Geschichte nicht so viel anfangen, beim zweiten hat sie mir sehr gut gefallen. Da sieht man mal, wie tagesformabhängig das manchmal ist. Habe jetzt nicht alle Kommentare gelesen, also falls sich was wiederholt ... Du weißt schon ...

Die Überschrift finde ich nicht ganz passend. Klar, alles spielt sich in diesem Zimmer ab, aber mit dem Zimmer an sich ist ja nichts. Nur, dass da zwei etwas undurchsichtige Kerle drin wohnen.
Was ich sehr an der Geschichte mag, ist, dass sie mir so viel Gelegenheit zum Interpretieren gibt. Das liebe ich ja. Auch hast du durch diese ganze Situation, die du da beschreibst, an den richtigen Stellen mit Informationen gespart, so dass mein Kopfkino eine Menge zu tun hatte. Schräg ist das Ganze auf jeden Fall, fast surreal. Das einzige, was für mich offen bleibt, ist die Story mit Marie und dann mit dieser Pia. Ok, Marie ist Franks Ex, aber ich verstehe ihre Rolle nicht so ganz. Vielleicht habe ich nicht genau genug gelesen, aber für mich schlägt die Trauer um sie keinen Bogen zum Zustand Franks oder zu seinem Verhältnis zu Uwe. ( Das ich übrigens seeehr erotisch beschrieben finde.) Und dann der Geruch nach Sauerklee und Nelke. Igitt. Ist sie tot? Oder eine sehr alte Frau? Irgendwas wirst du dir bei der Geruchswahl sicher gedacht haben.
Auch Pias Funktion ist mir unklar, obwohl sie einer der Höhepunkte in der Story ist. Aber diesen religiösen Einschub hab ich nicht verstanden.
Ansonsten finde ich die Geschichte sehr dicht Ich habe Frank und Uwe genau vor Augen, und Franks Emotionen hast du für mich sehr lebensnah geschildert, ich kann mit ihm mitfühlen, und es gefällt mir, dass man nicht erfährt, was er nun eigentlich hat. Ich denke, der Begriff "Alien" ist nicht zufällig gewählt, hat doch der ganze Text etwas Unwirkliches. Ich vermute ja, dass Uwe Frank gefangen hält, um ihn für seine sexuellen Phantasien zu missbrauchen. Deshalb die rosa Pillen. Dadurch kann sich Franks Zustand nicht bessern, und er ist Uwe völlig ausgeliefert. Wie hilflos er ist und von was für merkwürdigen Menschen er umgeben ist, zeigt sich für mich vor allem in der Szene, in der sie alle um ihn herumstehen und zusehen, wie es ihm nicht gelingt, wieder aufzustehen. Gruselig. Warum hilft ihm keiner? Sind das alles Sadisten? Mir scheint, die Aliens sind sowohl in als auch um Frank herum.

Schön auch der Spruch über die Freiheit. Sollte Uwe tatsächlich der Perversling sein, den ich in ihm sehe, ist er genauso, wenn nicht sogar unfreier als Frank.

Das einzige Bild, das ich nicht so ganz hinkriege, ist, dass Frank Uwes Körper wie durch mehrere Lagen Plastikplane fühlt. Um mir das vorstellen zu können, müsste ich etwas genauer wissen, wo in seinem Körper Frank nichts spürt. Ich bin von den Beinen ausgegangen, die Arme funktionieren ja noch wunderbar, aber in der Szene entsteht für mich das Bild, dass Franks ganzer Körper fast taub ist. Das hat mich irritiert. Aber das war auch schon alles. Ansonsten: Schöne Geschichte. Sehr dicht, sehr rund, sehr erotisch und das richtige Maß für Informationen haltend, die ich als Leser einerseits brauche und mir andererseits ausmalen möchte. Hat mir gefallen.

Viele Grüße von Chai

 

Hi Chai [sub](reimt sich so fein ...)[/sub]

nun komme ich endlich mal ins "Zimmer".

Wie schön! Gerade die Tage habe ich nochmal deine „Erwartungen“ gelesen. Bin schon gespannt auf deine nächste (Indien-)Geschichte.

Die Überschrift finde ich nicht ganz passend. Klar, alles spielt sich in diesem Zimmer ab, aber mit dem Zimmer an sich ist ja nichts. Nur, dass da zwei etwas undurchsichtige Kerle drin wohnen.

Hm, versteh ich. Mein Arbeitstitel war über Monate hinweg „Zimmer 6“. Am Ende fand ich es dann doch zu anzüglich :shy: und da hab ich auch in der Geschichte selbst überall die Zimmernummer getilgt. Der jetzige Titel war also ein bisschen ein Schnellschuss kurz vorm Hochladen. Andererseits ist einfach ja oft gut und das Klaustrophobische und gleichzeitig Neutrale dieses Titels, der wenig preisgibt, haben mich wohl dazu bewogen.

Was ich sehr an der Geschichte mag, ist, dass sie mir so viel Gelegenheit zum Interpretieren gibt. Das liebe ich ja. Auch hast du durch diese ganze Situation, die du da beschreibst, an den richtigen Stellen mit Informationen gespart, so dass mein Kopfkino eine Menge zu tun hatte. Schräg ist das Ganze auf jeden Fall, fast surreal.

Das freut mich.

Das einzige, was für mich offen bleibt, ist die Story mit Marie und dann mit dieser Pia. Ok, Marie ist Franks Ex, aber ich verstehe ihre Rolle nicht so ganz. Vielleicht habe ich nicht genau genug gelesen, aber für mich schlägt die Trauer um sie keinen Bogen zum Zustand Franks oder zu seinem Verhältnis zu Uwe. ( Das ich übrigens seeehr erotisch beschrieben finde.)

Die Marie wird sehr kurz abgehandelt, das stimmt. Sie verdeutlicht das Heterosexuelle in Frank. Ich könnte Frank weiter über Marie rumphantasieren lassen, keine Ahnung, das würde halt die Gewichtung verschieben. Wahrscheinlich würde es dem Text auch viel von dem Mysteriösen wegnehmen. Und was ich hier eben noch über Marie fabuliert habe, hab ich aus diesem Grund wieder gelöscht.

Am Ende des Textes habe ich kurz vorm Hochladen noch eingegriffen. Der zweitletzte Satz („Über Marie zu sprechen, ist keine Option“) war ganz ganz lange der allerletzte Satz. Als solcher hatte er natürlich auch ein größeres Gewicht. Für mich ist Frank tatsächlich mental noch viel bei Marie, aber er behält das Uwe gegenüber für sich und das war für mich so eine Art Bogen, keine Ahnung, kommt anscheinend nicht so rüber.

Und dann der Geruch nach Sauerklee und Nelke. Igitt. Ist sie tot? Oder eine sehr alte Frau? Irgendwas wirst du dir bei der Geruchswahl sicher gedacht haben.

Ja, was hab ich mir eigentlich dabei gedacht?? :D Na ja, an dem Punkt bin ich jetzt langsam verunsichert und mürbe, weil das von so vielen angesprochen wird. Ich stelle mir Marie als so eine Rothaarige, Blass-Sommersprossige vor, sehr schön, sehr dünn, fast ätherisch wie ein Engel, und dass sie so einen natürlichen, würzigen, aromatischen Duft an sich hat. Aber viele stolpern darüber, empfinden diese Charakterisierung als sehr negativ oder unklar. Und jetzt bin drauf und dran, da eine klassische brave Blume hinzuschreiben, nämlich die Rose. :herz: Muss nochmal drüber schlafen.

Auch Pias Funktion ist mir unklar, obwohl sie einer der Höhepunkte in der Story ist. Aber diesen religiösen Einschub hab ich nicht verstanden.

Ja, die Szene mit Pia ist kurz und schräg und du bist nicht die Erste, die das bemängelt. Zwei Dinge, die mich zu dieser kleinen Szene treiben: Zum einen sind Behinderte eine beliebte Zielscheibe religiöser Fanatiker. Das ist so ein Thema von mir und das wollte ich aufspießen. Zum anderen dient mir die Szene dazu, ein paar Sachen im Verhältnis zwischen Frank und Uwe aufzuzeigen: Erst versperrt Uwe Frank ja die Sicht auf Pia und Frank denkt, dass macht Uwe mit Absicht. Also, Frank interessiert sich für Frauen und Uwe will das anscheinend unterbinden. Am Ende hilft Uwe Frank aber, die Pia loszuwerden, wirft sie aus dem Zimmer, und dieses rituelle Verbrennen des religiösen Flugblattes, das Pia unter der Tür durchgeschoben hat, das tuen Frank und Uwe in friedlicher Eintracht.

Ansonsten finde ich die Geschichte sehr dicht Ich habe Frank und Uwe genau vor Augen, und Franks Emotionen hast du für mich sehr lebensnah geschildert, ich kann mit ihm mitfühlen, und es gefällt mir, dass man nicht erfährt, was er nun eigentlich hat.

Ich selbst hab für mich eine klare medizinsche Vorstellung. Je nach Vorkenntnissen, sag ich mal, kann man die Diagnose stellen (siehe bspw. #13 im Thread). Ich wollte es nur nicht in die Geschichte reinschreiben und Die Geheimnisvolle Krankheit ist auch eine Lesart.

Ich denke, der Begriff "Alien" ist nicht zufällig gewählt, hat doch der ganze Text etwas Unwirkliches.

Freut mich. Bin drauf und dran, den Text bei einem SF-Magazin einzureichen (das ist nur teilweise gelogen).

Ich vermute ja, dass Uwe Frank gefangen hält, um ihn für seine sexuellen Phantasien zu missbrauchen. Deshalb die rosa Pillen. Dadurch kann sich Franks Zustand nicht bessern, und er ist Uwe völlig ausgeliefert.

Danke! Ich als Leserin hätte bei dem Inhalt der Tüte eher an rosa Textilien gedacht und die Steinpilze als Ursache für Franks Zustand im Verdacht gehabt, aber why not?

Wie hilflos er ist und von was für merkwürdigen Menschen er umgeben ist, zeigt sich für mich vor allem in der Szene, in der sie alle um ihn herumstehen und zusehen, wie es ihm nicht gelingt, wieder aufzustehen. Gruselig. Warum hilft ihm keiner? Sind das alles Sadisten? Mir scheint, die Aliens sind sowohl in als auch um Frank herum.

Die längste Zeit (also noch vorm Posten) stand da noch ein Satz, dass sich ein Erstsemester seiner erbarmte. Aber da ich immer zu viel Personal in meinen KG habe, Personal für einen halben Roman, hab ich das Studentlein gekillt. Dadurch ist die Szene natürlich erst so richtig unschön geworden.

Schön auch der Spruch über die Freiheit. Sollte Uwe tatsächlich der Perversling sein, den ich in ihm sehe, ist er genauso, wenn nicht sogar unfreier als Frank.

Also Chai, du bist hier wirklich die Interpretationskönigin! Ja, ich denke auch, frei sind sie beide nicht. Egal, ob Uwe nun der Perversling ist oder nicht. Er sehnt sich nach Liebe, hat auch jemand geschrieben und das hat mir auch gefallen.

Das einzige Bild, das ich nicht so ganz hinkriege, ist, dass Frank Uwes Körper wie durch mehrere Lagen Plastikplane fühlt. Um mir das vorstellen zu können, müsste ich etwas genauer wissen, wo in seinem Körper Frank nichts spürt. Ich bin von den Beinen ausgegangen, die Arme funktionieren ja noch wunderbar, aber in der Szene entsteht für mich das Bild, dass Franks ganzer Körper fast taub ist. Das hat mich irritiert.

Na ja, ist was Neurologisches und beim Pilzeschneiden will die Hand auch nicht so recht. Hm ja, die Übertreibung, die von dem Bild der Plastikplanen ausgeht, wurde schon kritisiert. Ist wieder so ein Darling, der schwer zu killen ist ...

Schöne Geschichte. Sehr dicht, sehr rund, sehr erotisch und das richtige Maß für Informationen haltend, die ich als Leser einerseits brauche und mir andererseits ausmalen möchte. Hat mir gefallen.

:kuss: Freut mich sehr!

Ganz lieben Dank für deinen Kommentar und viele Grüße
Anne

 

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