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Das Testament meines Bruders

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24.01.2015
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Das Testament meines Bruders

Das Leben war schwierig geworden, seit die Terrorgruppe in der Stadt aufgetaucht war. Hanna getraute sich kaum mehr aus dem Haus. Einige ihrer Bekannten und Freunde waren geflohen und Emmely, ihre beste Freundin, spurlos verschwunden.
Hanna hatte man mit dem Tod gedroht, sollte sie nicht zum Islam konvertieren oder Schutzgeld bezahlen.
Wie hatte es nur so weit kommen können? Seit Generationen lebten Moslem und Christen in ihrem Viertel friedlich zusammen. Man hatte sich respektiert und nun das! Gegenseitiges Misstrauen war gewachsen. Jeder hatte Angst um sein Leben.
Hanna schaute sich in ihrer Wohnung um. Manche Gegenstände und Fotos erinnerten an glücklichere Tage. Sollte sie das alles aufgeben und auch weggehen? Ein Feigling war sie noch nie gewesen; aber jetzt hatte sie Angst.
In einer Stunde fand wieder das Treffen mit den wenigen Christen statt, die es im Ort noch gab. Das Risiko hinzugehen, wurde von Mal zu Mal grösser.
Hanna öffnete den Kleiderschrank und nahm den langen Rock und das Kopftuch heraus. So kleideten sich die Moslem-Frauen. Ob sie damit ihren Glauben verleugnete? Aber hatte nicht Jesus einmal gesagt, man solle klug sein wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben?

Bevor sie die Kellertreppe hinab stieg, warf sie nochmals einen Blick zurück. Vielleicht war es das letzte Mal.
Vom muffigen Geruch im Keller wurde ihr übel. Seit Tagen hatte hier niemand mehr gelüftet. Sie zwängte sich durch das schmale Fenster, das in den Hinterhof hinaus ging. Kein Mensch war zu sehen. Hanna atmete tief durch und ging mit gesenktem Kopf und raschen Schritten zur Strasse.
Der Weg zum Treffpunkt hatte sie schon tausendmal zurückgelegt; aber heute erschien er endlos. Die Strasse war Menschen leer. Nur eine Katze lief an ihr vorbei und verschwand hinter der nächsten Häuserecke.
Bei der Brücke stellten sich ihr plötzlich zwei bewaffnete Männer in den Weg. "Wohin gehst Du? Was hast Du vor?" Misstrauische Blicke massen sie von oben bis unten. Hanna durchfuhr es heiss. Sie schaute kurz nach rechts und nach links. Es war niemand da, der ihr helfen konnte. Und sie wusste, sie sass in der Falle. Was sollte sie antworten? Ihr Kopf war leer. "Jesus, hilf mir", seufzte sie im Stillen. Und plötzlich hörte sie sich sagen: "Mein Bruder ist gestorben und heute wird sein Testament verlesen. Ich gehe hin, um zu erfahren, ob er mir etwas hinterlassen hat."
Einen Augenblick lang sagte keiner ein Wort. Hanna kam es vor wie eine Ewigkeit. Sie fühlte, wie ihre Beine zitterten. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen.
Endlich sagte eine raue Stimme: "Geh!"
Hanna war zu überrascht, um sofort reagieren zu können. Alles kam ihr vor wie ein Traum.
"So geh endlich", rief der Mann nochmals.
Hanna schaffte es bis zu einer Bank, die ausser Sichtweite der Männer war. Ihre Beine gaben nach und sie musste sich setzen. Und dann sass sie einfach nur da und staunte vor sich hin. Langsam hörte das Zittern auf.

Als sie später beim Versammlungsort ankam und ihren Freunden erzählte, was sie erlebt hatte, war die Freude gross. Sie hatten bereits mit dem Schlimmsten gerechnet, als Hanna nicht zur festgesetzten Zeit da war. Plötzlich stimmte einer das alte Lutherlied an:

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.

Sie fassten sich bei den Händen und bildeten einen Kreis. Hanna schaute sich um. Ihr Blick wanderte von einem zum andern und blieb an Jakob und Klara hängen. Die Terroristen hatten vor kurzem ihr Haus angezündet. Zum Glück fanden sie bei Freunden Unterschlupf. Und dann war dort Paul, der Gemischtwarenhändler. Sein Sohn wurde vor seinen Augen erschossen, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte. Seiner Frau Rosa, die neben ihm stand, liefen die Tränen über die Wangen und doch versuchte sie mitzusingen:

Mit unserer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren.
Es streit' für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heisst Jesus Christ, der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott; das Feld muss er behalten.

Auch Hanna stiegen die Tränen in die Augen. Ein warmes Gefühl der Zusammengehörigkeit erfasste sie und die Angst fiel von ihr ab.

 
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Was ist ein Missbrauch der Literatur für politische Zwecke? Doch nur, wenn oben gesagtes zutrifft, wenn die eigene Meinung des Autors sich ins Bewusstsein des Lesers zwängen kann. Wenn sich aber Literatur nicht mit politischen Themen befassen darf, dann müsste als Schlussfolgerung eine Bücherverbrennung stattfinden. Jede Form der zwischenmenschlichen Kommunikation ist Politik. Sogar das zarte Geflüster im Liebesnest. Es bestimmt nämlich die Beziehung, in der die Liebenden zusammenleben möchten.
Nein, khnebel, "P.S ich liebe dich" ist nicht politisch, und wenn wir anfangen jede Art der Kommunikation als politisch zu bezeichnen, verwässern wir nur den Begriff, bleiben wir doch bitte bei dieser Geschichte und ihrer ganz klaren undifferenzierten Ideologie. Diese hat mMn in Geschichten nichts zu tun. Du verdrehst mir auch die Worte im Mund, wenn du schreibst, Literatur dürfe sich sehr wohl mit Politik auseinandersetzen, ja, Literatur darf Politik als Gegenstand haben, sie selbst sollte aber politisch nicht gefärbt sein, weil wir uns sonst in einem gefährlichen Terrain bewegen und muss ich jetzt ernsthaft erklären, warum das gefährlich ist?
Ich denke, ich habe meinen Standpunkt klar gemacht und verziehe mich aus der Diskussion, dafür ist mir die Geschichte und die schriftstellerische Laufbahn der Autorin zu unwichtig.

Die Muslime, mit denen die Christen zusammengelebt haben, sind doch nicht plötzlich alle Terroristen geworden. Zeige doch die Angst oder auch den Hass auf beiden Seiten.
Vielleicht doch noch etwas, bevor man hier was falsch darstellt, die Muslime und Christen leben in diesen Ländern friedlich zusammen, ich weiß, das passt nicht so gut in unser Bild von diesen Barbaren dort, aber irgendwie schaffen sie es in friedlicher Nachbarschaft zu leben ohne sich abzuschlachten. Und nicht die Muslime sind urplötzlich zu Terroristen geworden, sondern irgendwelche Terroristen haben diese Städte annektiert. Und man könnte sich fragen, woher jetzt diese Terroristen kommen und das würde uns echt zu weit führen, zwar nicht zum Pharao, aber schon 100 Jahre zurück. Also bevor man jedem applaudiert , sich für so ein wichtiges Thema entschieden zu haben, wäre es eigentlich besser demjenigen zu empfehlen, in ein paar Geschichtsbücher zu schauen und bitte bitte nicht den Koran lesen, was für eine furchtbare Idee, als ob der Koran tatsächlich irgendwelche Erkenntnisse zur heutigen Politik liefern könnte.

Und mal ernsthaft jetzt: Friedel LOL

 
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Hallo BRM, Jo Black, ernst offshore, Herr Lollek, heiterbiswolkig, Gretha, Quinn und Khnebel.

Danke für Eure Kommentare. Es ist für mich interessant zu erfahren, was jeder von Euch über diese Geschichte und diese Thematik denkt.
Eines möchte ich klar stellen:

1. Ich kämpfe nicht für meine Religion; denn ich habe keine. Ich glaube an Gott und seinen Sohn Jesus Christus, das ist keine Religion, sondern eine persönliche Beziehung.

2. Diese Geschichte habe ich aus Betroffenheit darüber geschrieben, was in verschiedenen Ländern Christen angetan wird.
Ich weiss, dass es andere Minderheiten gibt, die ebenfalls diskriminiert und verfolgt werden. Davon hat Friedel in seinem Beitrag geschrieben. Und das ist genau so schlimm. Das war in der Vergangenheit so. Das ist in der Gegenwart so und wird auch in Zukunft so sein. Das Rad dreht sich weiter.

In meiner Geschichte geht es jedoch um Christen, die heute ihres Glaubens wegen diskriminiert, vertrieben, gefoltert und getötet werden.

Die Diskussion hat mich nachdenklich gemacht.

Ich wünsche Euch alles Gute
Marai

 

Und mal ernsthaft jetzt: @Friedel LOL

Die sieben Säulen der Weisheit sind das nicht,

hey Jo(e),

aber Aküspra, so was wie lall(en)?

Wie unernst kling ich eigentlich?

Gruß

Friedel

 

Lieber Friedel,

Danke für Deine Worte. Mit Deinen Hintergrundinformationen stellst Du den Zusammenhang her und es erscheint alles im richtigen Licht.

Gefreut hat mich auch, dass Du das alte Lutherlied weitergesungen hast. Es ist ein starkes Lied, das schon vielen Menschen Trost und Zuversicht gegeben hat.

Ein gutes Wochenende wünscht Dir
Marai

 
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Hallo Maria.meerhaba,

Es freut mich, dass Du meinen Beitrag "das Testament meines Bruders" gelesen hast. Die Begegnung mit den beiden Soldaten ist nicht erfunden, sondern hat sich tatsächlich in etwa so ereignet.

Deine Beurteilung meiner Geschichte lässt selbstverständlich unterschiedliche Sichtweisen zu. Deshalb respektiere ich auch Deine Meinung.

Ich finde es schwierig Gefühle solcher Ängste zu beschreiben, wenn man noch nie so eine bedrohliche Situation erlebt hat. Sogar Betroffene sind oft nicht in der Lage solche Gefühle zu beschreiben.

Alles Gute wünscht Dir
Marai

 

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