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Zusammen schweigen
Jördis hievt ihren Reiserucksack aus dem Taxi. Der Fahrer steht neben ihr, zündet sich eine Zigarette an und wartet auf sein Geld. Sie bezahlt und eilt zum Zug. Nur noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. An ihr rennt eine Frau auf Pumps vorbei zum Taxi. Der Fahrer wirft seine Zigarette auf den Boden und hebt ihren Rollkoffer in den Wagen.
„Fuck“, stöhnt Jördis, und müht sich mit ihrem Rucksack die Stufen hoch. Es sind immer spitze Absätze, die sich in ihren Magen bohren.
Die dreihundert Jahre alten Mauern der Kathedrale spiegeln sich in den Schaufenstern und auf glatt polierten Motorhauben.
Auf der anderen Straßenseite schiebt Rune seinem Bruder Martin den Zucker über den Tisch.
„Sieh dir die Menschen doch wenigstens mal an. Du bist wie ein verschrecktes Tier.“
Rune verschränkt die Arme vor der Brust und sinkt noch tiefer in den Stuhl, mit den Knien berührt er unterm Tisch die Platte. Seine Beine sind dünn wie Stöcke und schmerzten beim Wachsen. Martin fand eine Verwendung für diese enorme Körpergröße im Basketballsport, nicht aber Rune, der Probleme hatte, sowohl Gewicht, als auch Gleichgewicht zu halten.
„Ich kann nicht“, flüstert er, und greift umständlich mit den langen Fingern nach der Tasse schwarzen Kaffees.
Rune rutscht unruhig auf dem Stuhl. Schüttet sich von den eigenen Gedanken erschrocken Kaffee aufs weiße Hemd. Nervös blickt er auf den Hund am Nebentisch, der Rune nicht aus den Augen lässt und manchmal leise knurrt.
„Die Leute müssen doch echt denken, du bist nicht ganz richtig …“, sagt Martin und wirft ihm die Serviette auf die Brust.
„Na und? Wenn ich es nicht bin, ist das auch nicht schlimm …“, sagt er leise.
Sein Bruder verdreht die Augen und sieht sich im Café um. Kaum was los, an diesem Montagmorgen.
„Wie solls weitergehen? Ich meine, du machst seit eineinhalb Jahren einfach nix. Wie stellst du dir das vor? Du musst dich wenigstens mal an ner Uni einschreiben“, er fängt an zu grinsen, „Vielleicht nicht gerade Medizin, aber …“
Rune steht auf, schiebt mit zitternder Hand den Stuhl unter den Tisch und strebt das WC an, dreht sich jedoch an der Tür wieder um, kommt zum Tisch zurück und legt sich die kalte Hand auf die Stirn. Hinter ihm vibriert das Knurren des kleinen Hundes.
„Ich muss gehen …“
„Setz dich auf deinen mageren Arsch und trink das Kaffeegesöff.“
Er sieht aus dem Fenster, schaut zur Kathedrale und nimmt langsam Platz.
„Sie … sie ist zu. Das Mädchen, sie kann nicht rein.“
„Das Mädchen auf der Treppe? Schau mal, sie kommt her.“
„Kannst du ihr sagen, dass die Kathedrale morgen auch nicht offen ist? Wenn sie hin will ... und schon wieder …“ Rune holt tief Luft und schaut in das Schwarz der Tasse.
Rune überragte alle in der Schule um fast zwei Köpfe und wurde dennoch rumgeschubst. Wie ein Schiff im Schülermeer, und die Wellen schaukelten ihn bis zum Schiffsbruch.
Er flüchtete vom Pausenhof, sah sich mehrere Male um, bevor er den Friedhof betrat, der direkt gegenüber lag. Sie sollten keine Witze darüber machen, dass er, das Skelett, sich an den Ort der Toten rettete.
Vorsichtig öffnete er die Tür zur Kapelle, fand sie stets kühl und still. Er setzte sich in die hinterste Bank und schloss die Augen.
Jördis steht im Regen vor einer verschlossenen Kathedrale. Müde von der Reise schleppt sie sich ins Café gegenüber.
Es ist nicht viel los, an einem der Tische sitzen zwei junge Männer, an einem anderen ein alter Mann und sein Hund.
Jördis setzt sich in die Ecke und sucht in ihrer Tasche nach dem Stadtführer.
„Scheiße …“ Sie schließt die Augen und sieht ihn in der Wohnung auf der Kommode im Flur. Jördis reißt sich zusammen, steht auf und fragt die zwei Männer.
„Entschuldigung, ich bin heute in der Stadt angekommen, und suche jetzt ein Zimmer. Wisst ihr wo man hier günstig übernachten kann?“ Martin sieht das Mädchen an. Aus ihrem Haar tropft Regenwasser, ihre zitternden Finger verkrampfen sich zur Faust.
„Klar, schlaf bei Rune.“
Erschrocken sieht er Martin an und versucht unauffällig den Kopf zu schütteln.
„Nein, das kann ich nicht machen. Ich will keinem zur Last fallen“, sagt sie schnell.
„Du bist doch allein hier, oder? Und mein Bruder, der Rune, der spielt gerne Stadtführer.“
Locker wirft Martin Kleingeld auf den Tisch und steht auf. „Und wehe du lässt sie gehen! Hier, nimm meinen Platz. Und Rune! Schweig sie nicht zu Tode!“
„Jördis“, sagt sie lächelnd und streckt ihm ihre Hand entgegen, die er nicht nimmt.
Draußen klopft Martin noch mal an die Fensterscheibe und winkt, dann ist er weg.
„Du musst mich nicht bei dir aufnehmen“, sagt sie, „Ich nehm mir irgendwo ein Zimmer. Aber ein Stadtführer wäre schon nicht schlecht.“
„Ich glaube nicht, dass ich … Übrigens, die Kathedrale ist morgen auch geschlossen. Aber … es gibt noch mehr sakrale Architektur im Umkreis. Und im Museum haben sie eine sehr große Sammlung von Kunstwerken des Mittelalters. Sehr sehenswert.“
„Würdest du mir morgen etwas davon zeigen? Aber erst muss ich ein Zimmer finden …“
„Er wird mir die Schuld geben“, sagt Rune mit aufgerissenen Augen.
Jördis sieht ihn skeptisch an, „Wenn ich nicht zu dir gehe?“
„Rune ist ein schöner Name“, sagt sie. Ihre Stimme hallt im Treppenhaus wider. Sein Weberknechtkörper fliegt vor ihr die Stufen hoch. Das weiße Hemd bekommt Schweißflecken unter den Achseln, eine nasse Stelle breitet sich auch auf dem Rücken aus.
An einer Tür bleibt er plötzlich stehen, Jördis rennt weiter, fängt sich mit den Händen an ihm ab.
„Oh, Entschuldigung“, sagt sie, und löst sich von ihm. Das Gefühl seines knochigen Körpers bleibt wie eine Flüssigkeit an ihren Fingern kleben.
„Er ist kein Mörder, er ist kein Psycho, er ist kein Mörder, er ist kein Triebtäter, er ist kein Mörder, er ist keine Spinne, er ist kein Mörder, er ist kein Kannibale, er ist kein Mörder - und wenn schon. Dann lass ich mich töten, quälen, töten, vergewaltigen, töten, einwickeln, töten, aufessen, töten …“
Jördis fährt über die erstaunlich harten Bettlaken, weiß und frisch. Sie drückt ihre Nase ins Kissen, Waschmittel und der Geruch von Wolken, wie man ihn aus der Werbung kennt. Das kennt Jördis von zu Hause nicht, wo Bettwäsche schon im Schrank muffig wird.
Sie legt ihr Heft mit dem Stift auf den Nachtschrank, öffnet die Schublade, lugt hinein und findet nichts. Es ist das einzige Schlafzimmer, und Rune hat sein Bettzeug ins Wohnzimmer auf das Sofa gelegt. Die Decke sorgfältig gefaltet und das Kissen aufgeschüttelt obendrauf.
Sie geht in die Küche und findet den Tisch gedeckt.
„Du musst müde sein“, sagt er, und trocknet sich die Hände am Küchenhandtuch. Jördis verschränkt die Arme und setzt sich.
„Dein Zimmer ist so leer“, sagt sie.
„Es fällt leichter den Staub zu wischen, wenn es übersichtlich ist. Staub, Hautschuppen in der Luft …“
Das Handtuch reibt er immer noch über seine Hände. Endlich legt er es hin, und schneidet dann mit roten Fingern das Brot.
„Leider habe ich nicht so viele Brotaufstriche zu bieten …“ Er geht zum Kühlschrank, der fast leer ist, und holt zwei Gläser heraus.
„Marmelade und ein Tomatenaufstrich“, er stellt sie vor Jördis ab, „Oh! Und noch was!“ Mit der Margarine dreht er sich um, als sei sie ein Kaninchen, das er aus dem Kühlschrank gezaubert hat.
„Ich … ich bin Veganer.“
„Du würdest keine Menschen essen?“ In ihrem Kopf streicht Jördis den Kannibalen durch.
Rune wälzt sich auf dem Sofa und zerknittert seine gebügelten Laken. Nach einer Weile schafft er es in den langen Flur. Wände mit vielen Türen zu beiden Seiten. Menschen in weißen Kitteln laufen hin und her. Von Raum zu Raum, von Seite zu Seite. Rune schreitet langsam voran. Setzt einen Fuß vor den anderen, bemerkt, dass er barfuß ist, und auf einen Blutfleck zusteuert. Aber die Wände engen ihn ein, und er kann dem roten Dreck nicht entgehen. Unter seinem großen Zeh breitet sich der Fleck aus, und quillt an den Seiten hervor.
An ihm schiebt ein Pfleger langsam ein Bett vorbei. Unter einem weißen Tuch die Umrisse eines Menschen, in der Körpermitte ein schwarzer Fleck. Erst als es zu spät ist, bemerkt Rune, wie eine kalte Hand seine streift.
Am Ende des Flures steht er vor drei Türen. Eine vor ihm, und zu beiden Seiten. Ein Gemisch aus Angst und Ekel brodeln in seinem Kopf. Zwei Flüssigkeiten, die von zwei Seiten kommen, und sich in der Mitte treffen.
Er öffnet die Tür vor sich. Eine schreiende Frau wirft sich ihm an die Brust, ihr Nachthemd nass vor Blut. Über ihre Schulter sieht er das Bett, in dem dicke, rotbraune Klumpen liegen.
Rune stößt die Tür auf, schlägt auf den Lichtschalter und zieht die Decke vom Bett.
Jördis schreit.
„Was tust du?“
Rune atmet tief ein, wirft die Decke zurück aufs Bett, hastet zur Tür zurück, schaltet das Licht aus und schmeißt sie hinter sich zu.
Nach dem Essen legt Jördis sich hungrig schlafen. Sie überlegt, noch etwas in ihr Heft zu schreiben, stellt aber fest, dass nichts passiert ist. Trotzdem trägt sie ein: „Schweigen ist eine Waffe – die, die sie benutzen sind groß, hager und blass. Anämie in Bestform“
Als sie im Dunkeln liegt, wird der Hunger zu einem Licht zwischen ihren Beinen. Seit Jahren empfand sie es schon nicht mehr als Frevel, aber hier, in Laken, die nach Wolken riechen, also dem Himmel sehr nah sind, baut sich ein Tabu in ihrem Kopf auf. Dankbar, wieder etwas brechen zu dürfen, tastet sie sich langsam voran.
Rune liegt im Nebenraum und weiß nichts davon. Sein schlafender und ahnungsloser Körper gibt Jördis ein seltsames Gefühl von Triumph. Zufrieden schläft sie, bis die Tür aufgerissen wird und Wolfram erglüht.
Knall, Licht, Kälte, Rune, Knall.
Es geht so schnell, dass Jördis sich fragt, ob sie nicht nur einen Alptraum hatte. Aber ihre Augen müssen sich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen, also war das Licht wirklich an. Jördis sucht nach dem Schalter der Nachttischlampe und nimmt sich dann ihr Heft vor.
Den Stift in der Hand überlegt sie, was Rune nun ist. Vielleicht ein Spanner? Er hat gesehen, wie sie die Grenze der Reinheit in seinen sauberen Laken überschritten hat, und einen Sündenpfuhl aus den Falten des Betttuchs gemacht hat.
Am Morgen steht Rune in der Küche. Jördis lehnt in der Tür und sieht ihn an.
„Es tut mir leid“, sagt er leise, und dreht ihr den Rücken zu.
„Du hast mich ziemlich erschreckt. Was war das?“
Jördis setzt sich auf einen Stuhl, Rune stellt ihr eine Tasse mit Kaffee hin.
„Milch?“, fragt sie. Er schüttelt den Kopf, „Veganer.“
„Scheiße“, sie trinkt den Kaffee, ohne ihn zu schmecken, „Bist du geschlafwandelt, und wolltest aus Gewohnheit in dein Bett?“
„Eigentlich möchte ich nicht drüber reden.“
Jördis kippt den Kaffee in die Spüle, Rune weicht vor ihr zurück.
„Was?“, fragt sie, und geht einen Schritt auf ihn zu, „Was ist denn mit dir los?“ Jeden Schritt nach vorn, geht Rune zurück. In der kleinen Küche steht er bald mit dem Rücken zur Wand. Die Spinne an der Mauer. Jördis muss nur ihre Hand austrecken und sie zerquetschen.
„Ich … ich musste schauen, ob du in mein Bett blutest.“
Jördis geht in ihrem Kopf alle Bezeichnungen durch. „Keine Ahnung“, sagt sie, und streckt die Hand aus, um sich an der Theke festzuhalten.
„Das Messer!“
Rune macht einen Schritt vor und packt ihr Handgelenk. Einen Moment sehen sie sich an, er spürt ihren Puls, dann lässt er sie los, nimmt das Messer von der Theke und schmeißt es ungewaschen in die Schublade.
„Okay …“, sagt Jördis, „Du hast Angst vor Blut?“
„Was ist mit ihm?“
Jördis bleibt vor einer Kreuzigungsszene stehen. Blut rinnt an Jesus Unterarmen herab.
„Ich fühle mich etwas schwach. Aber das ist etwas anderes. Was gefällt dir daran?“
„Ich weiß nicht … die Grausamkeit. Eine Ästhetik des Leidens. Das haben die Kirchenleute gut drauf. Ich aber auch“, sie grinst ihn an, „Zum Beispiel jetzt, ich weiß nicht. Du bist ein Fremder. Und nach letzter Nacht ein seltsamer Fremder. Aber ich haue nicht ab ... Vielleicht will ich sogar, dass mir was passiert.“
Sie verschränkt die Arme und sieht Rune an, der sich auf eine der Bänke setzt. Ein Weberknecht in den riesigen Hallen des Museums. Ein paar Leute wagen einen scheuen Blick auf ihn, als wäre er eines der Exponate.
Mit Abstand setzt sie sich neben ihn.
„Was macht dir noch Angst, Rune?“
Er schließt die Augen, seine Haut ist fieberschweißüberzogen.
„Nach der Schule musste ich meinen Zivildienst leisten. Im Krankenhaus. Und alles was ich dabei entwickelt hab, sind lächerliche Phobien.“
„Wie war das?“
„Es war … es lauerte hinter jeder Tür. So stell ich mir Krieg vor. Überall Versehrte, Tote … Wunden und Eiter. Sie sehen gesund aus, dann hebst du die Decke und siehst irgendwas Schreckliches. Ich weiß, dass ich mich anstelle, aber seitdem sehe ich hinter jeder Haustür vollgeblutete Sofas, ahne unter jeder Hose einen Katheterbeutel. Meine Gedanken spinnen das weiter. Erfindungen wie Adern auf Zähnen. Oberirdische Venensysteme. Stell – stell dir vor du erwachst. Und stellst fest, dass da Adern auf deinen Zähnen sind. Du kannst nicht mehr essen, weil deine Zähne die Adern beim Kauen aufschneiden würden. Du kannst die Adern nicht einfach runterreißen, und – oder sie mit der Zahnbürste zerfetzen …“
Sein Körper versteift sich, er schließt die Augen und rutscht unruhig hin und her, dann springt er auf.
„Oh Gott. Sie werden dauernd gequetscht, die Adern und die Organe …“
„Das ist lächerlich. Dafür ist ein Körper da …“
Der Bus ist fast leer, Jördis und Rune sind die einzigen, die in diesem grauen Ort aussteigen. Ohne auf sie zu warten schreitet er voran. Straßen voll mit Einfamilienhäusern in deren Fenstern sich der wolkenvergangene Himmel spiegelt und deren Fassaden vom Regen eine hässliche Farbe angenommen haben.
Am Rande des Ortes kommen sie an einem Friedhof an. Rune öffnet das Tor, das in seiner silbernen Modernität nicht zu den Mauern passt.
Vor der Kapelle bleibt er stehen.
„Hier, das ist Ruhe.“
Er zieht die schwere Holztür auf.
„Es braucht nur ein i, um mich zur Ruine zu machen.“ Er setzt sich in eine der Bänke und schließt die Augen, „Aber hier, da drang kein i an mich. Du hast die Schule gegenüber gesehen?“
Jördis setzt sich neben ihn. „Ich hab das nicht mit mir machen lassen.“
Rune legt seine Hände auf die Knie und schaut nach vorne zum Altar.
Jördis lachte immer einen Moment zu lange und das zu laut. Sie sagte offensichtlich die falschen Dinge zur falschen Zeit. Aber das waren nur ihre Vermutungen. Die Selbstanalyse wurde zu ihrem einzigen Freund, dem sie manchmal in die Fresse schlagen wollte. Die Frage nach dem Grund für die fehlenden Freunde und nach Sympathien, die man nicht wecken konnte, füllte sie schwer wie Beton. Am Ende kam das Mitleid. Blicke, die sie mieden, und doch suchten, wenn sie allein in der Pausenhalle an der Wand stand.
Aber es dauerte nicht lange, bis Jördis verstand, dass sie ihre Arme nicht verschränken, sondern ausbreiten musste. Nur so war Entfaltung möglich, und wenn sie sich dabei an Widerständen verletzte. Sie hob den Kopf, ging als lebendes Mahnmal der Ausgrenzung ihren Weg, von einer Blase der Isolation begleitet und die anderen mit ihrer stummen Aggression in Verunsicherung stürzend. So schaffte sie sich eine Pauseninsel, und niemand wagte sich in ihren Bereich. Nicht mal Blicke.
Auf dem Rückweg schweigen sie. Jördis betrachtet still Runes Profil und findet einen unermesslichen Komfort in der wortlosen Kommunikation.
Sie folgt ihm, als er aus dem Bus steigt, und läuft in den Straßen zu seiner Wohnung neben ihm. An der Tür wartet sie, bis er den Schlüssel aus der Tasche holt und die Wohnung aufmacht.
Wenige Minuten später trinkt sie seinen schwarzen Kaffee, und vermisst die Milch nur noch ein wenig.
Jördis beobachtet das erste Mal, wie sanft er sich bewegt, wie geschickt er seinen Körper durch den Raum manövriert, als trüge er fragiles Gut am Leib.
Ohne überflüssiges Anstoßen zieht er die Schublade auf, holt ein Messer heraus, legt es auf den Tisch. Während Rune Teller aus dem Schrank holt, beginnt Jördis das Brot zu schneiden.
„Leg es hin!“ Rune greift bestimmt nach dem Griff, streift ihre Hand dabei und nimmt das Messer an sich, „Wenn du schneidest, habe ich nicht die Kontrolle darüber. Ich hingegen weiß, dass ich mir Mühe gebe, mich nicht zu schneiden, aber du bist nachlässig.“
„Du spinnst doch“, lacht sie, und greift nach dem Messer. Er hält es hoch, sie springt vor ihm hoch.
„Du machst dich lächerlich“, sagt er trocken.
„Du dich auch.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht auf den Boden. Langsam nimmt er den Arm runter, behält Jördis im Blick.
„Wie wäre es, wenn wir Blutsbrüderschaft schließen“, flüstert sie, und fährt mit ihrer Hand fest über seinen Rücken. Sie spürt einen Schauder, ein Muskelzucken unter ihren Fingern.
Sie lacht, „Da wirst du hart, was?“
Einen Moment schweigt er.
„Glaubst du, ich kenne das nicht? Provoziert werden?“
Jördis nimmt die Hand von ihm, fällt auf den Stuhl und sieht auf seine zitternde Hand.
„Tut mir leid.“
Es passiert, als Rune im Badezimmer ist. Vor dem Schmerz sieht Jördis einen wachsenden Kreis auf dem Weiß des Küchenhandtuchs, dann kommt das Brennen in ihren Finger. Das Messer trocknet sie ab, legt es in die Schublade. Der Schnitt ist tief, sie drückt ein Taschentuch drauf, versucht mit der anderen Hand den Fleck unter kaltem Wasser aus dem Küchenhandtuch zu waschen.
Das erste, worauf Runes Blick fällt, ist das Taschentuch um ihren Finger. Seine Beine werden weich, er lehnt sich an den Türrahmen.
„Warum?“, fragt er, „Wieso ist das passiert?“ Er schließt die Augen, kann sie aber nicht lange geschlossen halten, er sondiert die Küche, den Boden, die Spüle.
„Woran?“, fragt er leise. Ihm steht Schweiß auf der Stirn. Jördis wringt das Handtuch aus, und zeigt auf die Schublade, „Beim Abtrocknen am Messer.“
Er reißt die Augen auf, „Und du hast es da rein getan?“ Er schließt die Augen, fasst sich und eilt zur Schublade. Hebt den Besteckkasten raus und kippt alles in die Spüle, reißt den Wasserhahn auf und schrubbt wahllos mit der Bürste über den Metallhaufen.
„Es tut mir leid …“, Jördis stehen Tränen in den Augen. Er sieht sie nicht an.
„Zellen … rote, weiße … jetzt sind sie auf dem Besteck ...“, flüstert er, und schraubt den Deckel vom Spülmittel, kippt den Inhalt über den Messern, Gabeln und Löffeln aus.
„Rune hör auf!“, sagt sie, legt ihre Hand auf seinen Arm. Es geht leichter als sie denkt, er ist mager und kraftlos, kippt gegen die Wand. Seine Beine knicken ein wie Stöcke. Jördis sitzt vor ihm, drückt seine Hände mit ihren. Er bewegt sich nicht, schaut nicht auf das Blut, dass sie auf seinem Handrücken hinterlässt.
Nach einer Weile steht Jördis auf, stellt den Wasserhahn ab. Beginnt das Besteck abzutrocknen und wieder einzuräumen.
Sie wirft das Handtuch in den Müll, wickelt sich ein frisches Taschentuch um den Finger und kniet sich vor Rune hin.
„Es passiert nichts“, sagt sie, „Und Morgen besuchen wir die Kathedrale. Für mich die Architektur und für dich die Ruhe, okay? Ich bin da und schweige mit dir.“