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Zusammen schweigen

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30.03.2010
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Zusammen schweigen

Jördis hievt ihren Reiserucksack aus dem Taxi. Der Fahrer steht neben ihr, zündet sich eine Zigarette an und wartet auf sein Geld. Sie bezahlt und eilt zum Zug. Nur noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. An ihr rennt eine Frau auf Pumps vorbei zum Taxi. Der Fahrer wirft seine Zigarette auf den Boden und hebt ihren Rollkoffer in den Wagen.
„Fuck“, stöhnt Jördis, und müht sich mit ihrem Rucksack die Stufen hoch. Es sind immer spitze Absätze, die sich in ihren Magen bohren.

Die dreihundert Jahre alten Mauern der Kathedrale spiegeln sich in den Schaufenstern und auf glatt polierten Motorhauben.
Auf der anderen Straßenseite schiebt Rune seinem Bruder Martin den Zucker über den Tisch.
„Sieh dir die Menschen doch wenigstens mal an. Du bist wie ein verschrecktes Tier.“
Rune verschränkt die Arme vor der Brust und sinkt noch tiefer in den Stuhl, mit den Knien berührt er unterm Tisch die Platte. Seine Beine sind dünn wie Stöcke und schmerzten beim Wachsen. Martin fand eine Verwendung für diese enorme Körpergröße im Basketballsport, nicht aber Rune, der Probleme hatte, sowohl Gewicht, als auch Gleichgewicht zu halten.
„Ich kann nicht“, flüstert er, und greift umständlich mit den langen Fingern nach der Tasse schwarzen Kaffees.
Rune rutscht unruhig auf dem Stuhl. Schüttet sich von den eigenen Gedanken erschrocken Kaffee aufs weiße Hemd. Nervös blickt er auf den Hund am Nebentisch, der Rune nicht aus den Augen lässt und manchmal leise knurrt.
„Die Leute müssen doch echt denken, du bist nicht ganz richtig …“, sagt Martin und wirft ihm die Serviette auf die Brust.
„Na und? Wenn ich es nicht bin, ist das auch nicht schlimm …“, sagt er leise.
Sein Bruder verdreht die Augen und sieht sich im Café um. Kaum was los, an diesem Montagmorgen.
„Wie solls weitergehen? Ich meine, du machst seit eineinhalb Jahren einfach nix. Wie stellst du dir das vor? Du musst dich wenigstens mal an ner Uni einschreiben“, er fängt an zu grinsen, „Vielleicht nicht gerade Medizin, aber …“
Rune steht auf, schiebt mit zitternder Hand den Stuhl unter den Tisch und strebt das WC an, dreht sich jedoch an der Tür wieder um, kommt zum Tisch zurück und legt sich die kalte Hand auf die Stirn. Hinter ihm vibriert das Knurren des kleinen Hundes.
„Ich muss gehen …“
„Setz dich auf deinen mageren Arsch und trink das Kaffeegesöff.“
Er sieht aus dem Fenster, schaut zur Kathedrale und nimmt langsam Platz.
„Sie … sie ist zu. Das Mädchen, sie kann nicht rein.“
„Das Mädchen auf der Treppe? Schau mal, sie kommt her.“
„Kannst du ihr sagen, dass die Kathedrale morgen auch nicht offen ist? Wenn sie hin will ... und schon wieder …“ Rune holt tief Luft und schaut in das Schwarz der Tasse.

Rune überragte alle in der Schule um fast zwei Köpfe und wurde dennoch rumgeschubst. Wie ein Schiff im Schülermeer, und die Wellen schaukelten ihn bis zum Schiffsbruch.
Er flüchtete vom Pausenhof, sah sich mehrere Male um, bevor er den Friedhof betrat, der direkt gegenüber lag. Sie sollten keine Witze darüber machen, dass er, das Skelett, sich an den Ort der Toten rettete.
Vorsichtig öffnete er die Tür zur Kapelle, fand sie stets kühl und still. Er setzte sich in die hinterste Bank und schloss die Augen.

Jördis steht im Regen vor einer verschlossenen Kathedrale. Müde von der Reise schleppt sie sich ins Café gegenüber.
Es ist nicht viel los, an einem der Tische sitzen zwei junge Männer, an einem anderen ein alter Mann und sein Hund.
Jördis setzt sich in die Ecke und sucht in ihrer Tasche nach dem Stadtführer.
„Scheiße …“ Sie schließt die Augen und sieht ihn in der Wohnung auf der Kommode im Flur. Jördis reißt sich zusammen, steht auf und fragt die zwei Männer.

„Entschuldigung, ich bin heute in der Stadt angekommen, und suche jetzt ein Zimmer. Wisst ihr wo man hier günstig übernachten kann?“ Martin sieht das Mädchen an. Aus ihrem Haar tropft Regenwasser, ihre zitternden Finger verkrampfen sich zur Faust.
„Klar, schlaf bei Rune.“
Erschrocken sieht er Martin an und versucht unauffällig den Kopf zu schütteln.
„Nein, das kann ich nicht machen. Ich will keinem zur Last fallen“, sagt sie schnell.
„Du bist doch allein hier, oder? Und mein Bruder, der Rune, der spielt gerne Stadtführer.“
Locker wirft Martin Kleingeld auf den Tisch und steht auf. „Und wehe du lässt sie gehen! Hier, nimm meinen Platz. Und Rune! Schweig sie nicht zu Tode!“
„Jördis“, sagt sie lächelnd und streckt ihm ihre Hand entgegen, die er nicht nimmt.
Draußen klopft Martin noch mal an die Fensterscheibe und winkt, dann ist er weg.
„Du musst mich nicht bei dir aufnehmen“, sagt sie, „Ich nehm mir irgendwo ein Zimmer. Aber ein Stadtführer wäre schon nicht schlecht.“
„Ich glaube nicht, dass ich … Übrigens, die Kathedrale ist morgen auch geschlossen. Aber … es gibt noch mehr sakrale Architektur im Umkreis. Und im Museum haben sie eine sehr große Sammlung von Kunstwerken des Mittelalters. Sehr sehenswert.“
„Würdest du mir morgen etwas davon zeigen? Aber erst muss ich ein Zimmer finden …“
„Er wird mir die Schuld geben“, sagt Rune mit aufgerissenen Augen.
Jördis sieht ihn skeptisch an, „Wenn ich nicht zu dir gehe?“

„Rune ist ein schöner Name“, sagt sie. Ihre Stimme hallt im Treppenhaus wider. Sein Weberknechtkörper fliegt vor ihr die Stufen hoch. Das weiße Hemd bekommt Schweißflecken unter den Achseln, eine nasse Stelle breitet sich auch auf dem Rücken aus.
An einer Tür bleibt er plötzlich stehen, Jördis rennt weiter, fängt sich mit den Händen an ihm ab.
„Oh, Entschuldigung“, sagt sie, und löst sich von ihm. Das Gefühl seines knochigen Körpers bleibt wie eine Flüssigkeit an ihren Fingern kleben.

„Er ist kein Mörder, er ist kein Psycho, er ist kein Mörder, er ist kein Triebtäter, er ist kein Mörder, er ist keine Spinne, er ist kein Mörder, er ist kein Kannibale, er ist kein Mörder - und wenn schon. Dann lass ich mich töten, quälen, töten, vergewaltigen, töten, einwickeln, töten, aufessen, töten …“
Jördis fährt über die erstaunlich harten Bettlaken, weiß und frisch. Sie drückt ihre Nase ins Kissen, Waschmittel und der Geruch von Wolken, wie man ihn aus der Werbung kennt. Das kennt Jördis von zu Hause nicht, wo Bettwäsche schon im Schrank muffig wird.
Sie legt ihr Heft mit dem Stift auf den Nachtschrank, öffnet die Schublade, lugt hinein und findet nichts. Es ist das einzige Schlafzimmer, und Rune hat sein Bettzeug ins Wohnzimmer auf das Sofa gelegt. Die Decke sorgfältig gefaltet und das Kissen aufgeschüttelt obendrauf.
Sie geht in die Küche und findet den Tisch gedeckt.
„Du musst müde sein“, sagt er, und trocknet sich die Hände am Küchenhandtuch. Jördis verschränkt die Arme und setzt sich.
„Dein Zimmer ist so leer“, sagt sie.
„Es fällt leichter den Staub zu wischen, wenn es übersichtlich ist. Staub, Hautschuppen in der Luft …“
Das Handtuch reibt er immer noch über seine Hände. Endlich legt er es hin, und schneidet dann mit roten Fingern das Brot.
„Leider habe ich nicht so viele Brotaufstriche zu bieten …“ Er geht zum Kühlschrank, der fast leer ist, und holt zwei Gläser heraus.
„Marmelade und ein Tomatenaufstrich“, er stellt sie vor Jördis ab, „Oh! Und noch was!“ Mit der Margarine dreht er sich um, als sei sie ein Kaninchen, das er aus dem Kühlschrank gezaubert hat.
„Ich … ich bin Veganer.“
„Du würdest keine Menschen essen?“ In ihrem Kopf streicht Jördis den Kannibalen durch.

Rune wälzt sich auf dem Sofa und zerknittert seine gebügelten Laken. Nach einer Weile schafft er es in den langen Flur. Wände mit vielen Türen zu beiden Seiten. Menschen in weißen Kitteln laufen hin und her. Von Raum zu Raum, von Seite zu Seite. Rune schreitet langsam voran. Setzt einen Fuß vor den anderen, bemerkt, dass er barfuß ist, und auf einen Blutfleck zusteuert. Aber die Wände engen ihn ein, und er kann dem roten Dreck nicht entgehen. Unter seinem großen Zeh breitet sich der Fleck aus, und quillt an den Seiten hervor.
An ihm schiebt ein Pfleger langsam ein Bett vorbei. Unter einem weißen Tuch die Umrisse eines Menschen, in der Körpermitte ein schwarzer Fleck. Erst als es zu spät ist, bemerkt Rune, wie eine kalte Hand seine streift.
Am Ende des Flures steht er vor drei Türen. Eine vor ihm, und zu beiden Seiten. Ein Gemisch aus Angst und Ekel brodeln in seinem Kopf. Zwei Flüssigkeiten, die von zwei Seiten kommen, und sich in der Mitte treffen.
Er öffnet die Tür vor sich. Eine schreiende Frau wirft sich ihm an die Brust, ihr Nachthemd nass vor Blut. Über ihre Schulter sieht er das Bett, in dem dicke, rotbraune Klumpen liegen.

Rune stößt die Tür auf, schlägt auf den Lichtschalter und zieht die Decke vom Bett.
Jördis schreit.
„Was tust du?“
Rune atmet tief ein, wirft die Decke zurück aufs Bett, hastet zur Tür zurück, schaltet das Licht aus und schmeißt sie hinter sich zu.

Nach dem Essen legt Jördis sich hungrig schlafen. Sie überlegt, noch etwas in ihr Heft zu schreiben, stellt aber fest, dass nichts passiert ist. Trotzdem trägt sie ein: „Schweigen ist eine Waffe – die, die sie benutzen sind groß, hager und blass. Anämie in Bestform“
Als sie im Dunkeln liegt, wird der Hunger zu einem Licht zwischen ihren Beinen. Seit Jahren empfand sie es schon nicht mehr als Frevel, aber hier, in Laken, die nach Wolken riechen, also dem Himmel sehr nah sind, baut sich ein Tabu in ihrem Kopf auf. Dankbar, wieder etwas brechen zu dürfen, tastet sie sich langsam voran.
Rune liegt im Nebenraum und weiß nichts davon. Sein schlafender und ahnungsloser Körper gibt Jördis ein seltsames Gefühl von Triumph. Zufrieden schläft sie, bis die Tür aufgerissen wird und Wolfram erglüht.
Knall, Licht, Kälte, Rune, Knall.
Es geht so schnell, dass Jördis sich fragt, ob sie nicht nur einen Alptraum hatte. Aber ihre Augen müssen sich erst wieder an die Dunkelheit gewöhnen, also war das Licht wirklich an. Jördis sucht nach dem Schalter der Nachttischlampe und nimmt sich dann ihr Heft vor.
Den Stift in der Hand überlegt sie, was Rune nun ist. Vielleicht ein Spanner? Er hat gesehen, wie sie die Grenze der Reinheit in seinen sauberen Laken überschritten hat, und einen Sündenpfuhl aus den Falten des Betttuchs gemacht hat.

Am Morgen steht Rune in der Küche. Jördis lehnt in der Tür und sieht ihn an.
„Es tut mir leid“, sagt er leise, und dreht ihr den Rücken zu.
„Du hast mich ziemlich erschreckt. Was war das?“
Jördis setzt sich auf einen Stuhl, Rune stellt ihr eine Tasse mit Kaffee hin.
„Milch?“, fragt sie. Er schüttelt den Kopf, „Veganer.“
„Scheiße“, sie trinkt den Kaffee, ohne ihn zu schmecken, „Bist du geschlafwandelt, und wolltest aus Gewohnheit in dein Bett?“
„Eigentlich möchte ich nicht drüber reden.“
Jördis kippt den Kaffee in die Spüle, Rune weicht vor ihr zurück.
„Was?“, fragt sie, und geht einen Schritt auf ihn zu, „Was ist denn mit dir los?“ Jeden Schritt nach vorn, geht Rune zurück. In der kleinen Küche steht er bald mit dem Rücken zur Wand. Die Spinne an der Mauer. Jördis muss nur ihre Hand austrecken und sie zerquetschen.
„Ich … ich musste schauen, ob du in mein Bett blutest.“
Jördis geht in ihrem Kopf alle Bezeichnungen durch. „Keine Ahnung“, sagt sie, und streckt die Hand aus, um sich an der Theke festzuhalten.
„Das Messer!“
Rune macht einen Schritt vor und packt ihr Handgelenk. Einen Moment sehen sie sich an, er spürt ihren Puls, dann lässt er sie los, nimmt das Messer von der Theke und schmeißt es ungewaschen in die Schublade.
„Okay …“, sagt Jördis, „Du hast Angst vor Blut?“

„Was ist mit ihm?“
Jördis bleibt vor einer Kreuzigungsszene stehen. Blut rinnt an Jesus Unterarmen herab.
„Ich fühle mich etwas schwach. Aber das ist etwas anderes. Was gefällt dir daran?“
„Ich weiß nicht … die Grausamkeit. Eine Ästhetik des Leidens. Das haben die Kirchenleute gut drauf. Ich aber auch“, sie grinst ihn an, „Zum Beispiel jetzt, ich weiß nicht. Du bist ein Fremder. Und nach letzter Nacht ein seltsamer Fremder. Aber ich haue nicht ab ... Vielleicht will ich sogar, dass mir was passiert.“
Sie verschränkt die Arme und sieht Rune an, der sich auf eine der Bänke setzt. Ein Weberknecht in den riesigen Hallen des Museums. Ein paar Leute wagen einen scheuen Blick auf ihn, als wäre er eines der Exponate.
Mit Abstand setzt sie sich neben ihn.
„Was macht dir noch Angst, Rune?“
Er schließt die Augen, seine Haut ist fieberschweißüberzogen.
„Nach der Schule musste ich meinen Zivildienst leisten. Im Krankenhaus. Und alles was ich dabei entwickelt hab, sind lächerliche Phobien.“
„Wie war das?“
„Es war … es lauerte hinter jeder Tür. So stell ich mir Krieg vor. Überall Versehrte, Tote … Wunden und Eiter. Sie sehen gesund aus, dann hebst du die Decke und siehst irgendwas Schreckliches. Ich weiß, dass ich mich anstelle, aber seitdem sehe ich hinter jeder Haustür vollgeblutete Sofas, ahne unter jeder Hose einen Katheterbeutel. Meine Gedanken spinnen das weiter. Erfindungen wie Adern auf Zähnen. Oberirdische Venensysteme. Stell – stell dir vor du erwachst. Und stellst fest, dass da Adern auf deinen Zähnen sind. Du kannst nicht mehr essen, weil deine Zähne die Adern beim Kauen aufschneiden würden. Du kannst die Adern nicht einfach runterreißen, und – oder sie mit der Zahnbürste zerfetzen …“
Sein Körper versteift sich, er schließt die Augen und rutscht unruhig hin und her, dann springt er auf.
„Oh Gott. Sie werden dauernd gequetscht, die Adern und die Organe …“
„Das ist lächerlich. Dafür ist ein Körper da …“

Der Bus ist fast leer, Jördis und Rune sind die einzigen, die in diesem grauen Ort aussteigen. Ohne auf sie zu warten schreitet er voran. Straßen voll mit Einfamilienhäusern in deren Fenstern sich der wolkenvergangene Himmel spiegelt und deren Fassaden vom Regen eine hässliche Farbe angenommen haben.
Am Rande des Ortes kommen sie an einem Friedhof an. Rune öffnet das Tor, das in seiner silbernen Modernität nicht zu den Mauern passt.
Vor der Kapelle bleibt er stehen.
„Hier, das ist Ruhe.“
Er zieht die schwere Holztür auf.
„Es braucht nur ein i, um mich zur Ruine zu machen.“ Er setzt sich in eine der Bänke und schließt die Augen, „Aber hier, da drang kein i an mich. Du hast die Schule gegenüber gesehen?“
Jördis setzt sich neben ihn. „Ich hab das nicht mit mir machen lassen.“
Rune legt seine Hände auf die Knie und schaut nach vorne zum Altar.

Jördis lachte immer einen Moment zu lange und das zu laut. Sie sagte offensichtlich die falschen Dinge zur falschen Zeit. Aber das waren nur ihre Vermutungen. Die Selbstanalyse wurde zu ihrem einzigen Freund, dem sie manchmal in die Fresse schlagen wollte. Die Frage nach dem Grund für die fehlenden Freunde und nach Sympathien, die man nicht wecken konnte, füllte sie schwer wie Beton. Am Ende kam das Mitleid. Blicke, die sie mieden, und doch suchten, wenn sie allein in der Pausenhalle an der Wand stand.
Aber es dauerte nicht lange, bis Jördis verstand, dass sie ihre Arme nicht verschränken, sondern ausbreiten musste. Nur so war Entfaltung möglich, und wenn sie sich dabei an Widerständen verletzte. Sie hob den Kopf, ging als lebendes Mahnmal der Ausgrenzung ihren Weg, von einer Blase der Isolation begleitet und die anderen mit ihrer stummen Aggression in Verunsicherung stürzend. So schaffte sie sich eine Pauseninsel, und niemand wagte sich in ihren Bereich. Nicht mal Blicke.

Auf dem Rückweg schweigen sie. Jördis betrachtet still Runes Profil und findet einen unermesslichen Komfort in der wortlosen Kommunikation.
Sie folgt ihm, als er aus dem Bus steigt, und läuft in den Straßen zu seiner Wohnung neben ihm. An der Tür wartet sie, bis er den Schlüssel aus der Tasche holt und die Wohnung aufmacht.
Wenige Minuten später trinkt sie seinen schwarzen Kaffee, und vermisst die Milch nur noch ein wenig.
Jördis beobachtet das erste Mal, wie sanft er sich bewegt, wie geschickt er seinen Körper durch den Raum manövriert, als trüge er fragiles Gut am Leib.
Ohne überflüssiges Anstoßen zieht er die Schublade auf, holt ein Messer heraus, legt es auf den Tisch. Während Rune Teller aus dem Schrank holt, beginnt Jördis das Brot zu schneiden.
„Leg es hin!“ Rune greift bestimmt nach dem Griff, streift ihre Hand dabei und nimmt das Messer an sich, „Wenn du schneidest, habe ich nicht die Kontrolle darüber. Ich hingegen weiß, dass ich mir Mühe gebe, mich nicht zu schneiden, aber du bist nachlässig.“
„Du spinnst doch“, lacht sie, und greift nach dem Messer. Er hält es hoch, sie springt vor ihm hoch.
„Du machst dich lächerlich“, sagt er trocken.
„Du dich auch.“ Sie verschränkt die Arme vor der Brust und sieht auf den Boden. Langsam nimmt er den Arm runter, behält Jördis im Blick.
„Wie wäre es, wenn wir Blutsbrüderschaft schließen“, flüstert sie, und fährt mit ihrer Hand fest über seinen Rücken. Sie spürt einen Schauder, ein Muskelzucken unter ihren Fingern.
Sie lacht, „Da wirst du hart, was?“
Einen Moment schweigt er.
„Glaubst du, ich kenne das nicht? Provoziert werden?“
Jördis nimmt die Hand von ihm, fällt auf den Stuhl und sieht auf seine zitternde Hand.
„Tut mir leid.“

Es passiert, als Rune im Badezimmer ist. Vor dem Schmerz sieht Jördis einen wachsenden Kreis auf dem Weiß des Küchenhandtuchs, dann kommt das Brennen in ihren Finger. Das Messer trocknet sie ab, legt es in die Schublade. Der Schnitt ist tief, sie drückt ein Taschentuch drauf, versucht mit der anderen Hand den Fleck unter kaltem Wasser aus dem Küchenhandtuch zu waschen.
Das erste, worauf Runes Blick fällt, ist das Taschentuch um ihren Finger. Seine Beine werden weich, er lehnt sich an den Türrahmen.
„Warum?“, fragt er, „Wieso ist das passiert?“ Er schließt die Augen, kann sie aber nicht lange geschlossen halten, er sondiert die Küche, den Boden, die Spüle.
„Woran?“, fragt er leise. Ihm steht Schweiß auf der Stirn. Jördis wringt das Handtuch aus, und zeigt auf die Schublade, „Beim Abtrocknen am Messer.“
Er reißt die Augen auf, „Und du hast es da rein getan?“ Er schließt die Augen, fasst sich und eilt zur Schublade. Hebt den Besteckkasten raus und kippt alles in die Spüle, reißt den Wasserhahn auf und schrubbt wahllos mit der Bürste über den Metallhaufen.
„Es tut mir leid …“, Jördis stehen Tränen in den Augen. Er sieht sie nicht an.
„Zellen … rote, weiße … jetzt sind sie auf dem Besteck ...“, flüstert er, und schraubt den Deckel vom Spülmittel, kippt den Inhalt über den Messern, Gabeln und Löffeln aus.
„Rune hör auf!“, sagt sie, legt ihre Hand auf seinen Arm. Es geht leichter als sie denkt, er ist mager und kraftlos, kippt gegen die Wand. Seine Beine knicken ein wie Stöcke. Jördis sitzt vor ihm, drückt seine Hände mit ihren. Er bewegt sich nicht, schaut nicht auf das Blut, dass sie auf seinem Handrücken hinterlässt.
Nach einer Weile steht Jördis auf, stellt den Wasserhahn ab. Beginnt das Besteck abzutrocknen und wieder einzuräumen.
Sie wirft das Handtuch in den Müll, wickelt sich ein frisches Taschentuch um den Finger und kniet sich vor Rune hin.
„Es passiert nichts“, sagt sie, „Und Morgen besuchen wir die Kathedrale. Für mich die Architektur und für dich die Ruhe, okay? Ich bin da und schweige mit dir.“

 

Hallo Timo,

die Geschichte hat mir mal wieder sehr gut gefallen. thematisch nimmst du dich ein weiteres Mal der Außenseiter an, wobei der eine mit dem Weberknechtkörper der krassere Fall der beiden zu sein scheint, aber auch Jördis weist ein paar recht spezielle Verhaltensweisen und Erinnerungen auf, die sie aus dem Licht der üblichen Normalität rückt.
zuerst verwirrte mich eine technische Einzelheit, die dir wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, Rune hat es bei mir klingeln lassen - den kennst du doch! - und so habe ich Bezüge zu anderen Geschichten von dir gesucht und erst mal nicht gefunden, bis mir einfiel, dass ich eine Figur dieses Namens von Flieges Geschichten kenne.
vom Aufbau her und von der Fehlerquote scheinst du einige Schritte getan zu haben, ich habe die Geschichte bisher nur einmal gelesen, aber vom Gefühl her war sie stimmig und rund erzählt, und es gab einige Gelegenheiten, wo ich ob der Poesie staunte. mir gefällt sowas sehr, nach meiner Meinung dürfte es ruhig mehr poetische Elemente in den Geschichten geben, wobei die natürlich auch einen gewissen Blick voraussetzen und gleichzeitig das Talent, die gewonnenen Beobachtungen entsprechend Wort werden zu lassen. mittlerweile habe ich das Gefühl, du hast das drauf und das in besonderem Maß. "zusammen schweigen" sprach mich besonders an, weil der Titel einen Kontrapunkt zu der ständigen Kommunikation unserer Zeit versprach, und ich finde, dass deine Geschichte einhalten konnte, was ich mir vom Titel versprochen habe.
Das nur mal so kurz an dieser Stelle, ich muss mal sehen, wer hier für Empfehlungen verantwortlich ist und noch einen Text dazu schreiben, dann schick ich "zusammen schweigen" in den Kasten! :-)

Viele Grüße
Kubus

 

Hallo Timo!

„Das Mädchen auf der Treppe? Hey, sie kommt aufs Café zu.“
Das klingt gestellt. Würde man nicht eher sagen:Sie kommt her. Ich gehe doch von mir aus, wenn ich spreche, nicht von dem Gebäude, in dem ich sitze.

„Er wird mir die Schuld geben“, sagt Rune mit aufgerissenen Augen.
Jördis sieht ihn skeptisch an, „Wenn ich nicht zu dir gehe?“
Hat er also mehr Angst davor, dass sein Bruder sauer ist, weil er die Frau nicht mit heimgenommen hat, als er Angst vor Nähe hat? Aber vorher gibt er doch seinem Bruder auch diese Antwort:
„Die Leute müssen doch echt denken, du bist nicht ganz richtig …“, sagt Martin und wirft ihm die Serviette auf die Brust.
„Na und? Wenn ich es nicht bin, ist das auch nicht schlimm …“, sagt Rune leise.
Deshalb wird er doch wohl jetzt nicht aus Angst vor seines Bruders Spott die Frau mitnehmen ... Ich will sagen, dafür dass Rune so ein Schisser ist, ist mir die Begründung für seine Zustimmung viel zu dünn. Vielleicht hab ich auch hier was nicht verstanden. Vielleicht will er es ja tatsächlich plötzlich, dass sie mitkommt. Aber dann fehlt mir trotzdem eine Beleuchtung dieses Sinneswandels.

Sie drückt ihre Nase ins Kissen, Waschmittel und der Geruch von Wolken, wie man ihn aus der Werbung kennt.
Du kennst also den Geruch von Wolken? Aus der Werbung? Ja Herrschaften, was habt ihr den für einen Fernseher?

Sein schlafender und ahnungsloser Körper geben Jördis ein seltsames Gefühl von Triumph.
wieso geben? Hier gehts doch um den Körper.

sie trinkt den Kaffee ohne ihn zu schmecken
KOMMA nach Kaffee
Straßen voll mit Einfamilienhäusern in deren Fenstern sich der wolkenvergangene Himmel spiegelt

Ich wünschte ich hätte so eine Kapelle gehabt
KOMMA nach wünschte.


Später mehr


Lollek

 
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Moi Timo,

schöne Sache, wie (fast) alle Deine neueren Texte. Ich freue mich wirklich, eine Geschichte zu lesen, die etwas Eigensinniges, Körperliches, Authentisches hat, und die keine Angst vor sich selbst hat. Das kann man gar nicht genug schätzen. Und ich lobe sie nicht nur, weil hier in letzter Zeit ziemlich viel Schrott landet, und sogar empfohlen wird.

Deine Erzählstimme sticht heraus, weil der Text nicht künstlich konstruiert oder auf irgendeinen persönlichen Stil getrimm klingtt. Erzählstimme, Prots, Thema und Handlung sind aus einem Guß; und ob man sie durchweg sympathisch findet oder nicht, ist dies immer eine extrem faszinierende Sache.

„Oh, Entschuldigung“, sagt sie, und löst sich von ihm. Das Gefühl seines knochigen Körpers bleibt wie eine Flüssigkeit an ihren Fingern kleben.
Du hast da eine unnachahmliche Art, solche scheinbaren Kleinigkeiten und Sinnlichkeiten ganz nebenbei zu verpacken. Wunderschön, gefällt mir.

Nur so nebenbei ein paar Vorschläge:

„Kannst du ihr sagen, dass die Kathedrale morgen auch nicht offen ist? Wenn sie hin will ... und schon wieder …“ Rune holt tief Luft und schaut in das Schwarz der Tasse, in dem sein hageres Gesicht sich spiegelt.
Hier - wie an wenigen anderen Stellen - willst Du zu viel, oder preßt dem Leser ein Bild zu sehr ins Gesicht. Ohne das Markierte wäre das Bild wie auch der Satz stärker.
Er öffnet die Tür vor sich. Eine schreiende Frau wirft sich ihm an die Brust, ihr Nachthemd nass vor Blut. Über ihre Schulter sieht er das Bett, in dem dicke, rotbraune Klumpen liegen.
"Klumpen" zerstört diese schräge Poesie. Dick, rotbraun ... hm. Der Anfang des Satzes ist so leicht und verstörend zugleich, das Ende macht das kaputt. Vllt fällt Dir was ein, das besser paßt und nicht so banal klingt? Denn das Bild an sich ist schön und fast körperlich nachvollziehbar, erfahrbar gemacht.

„Ich … ich musste schauen, ob du in mein Bett blutest.“
Hrhr. Das ist wie in Deinen Birke-Texten etwas Ungewöhnliches - von mir aus Verstörendes - als Normalität. Fein hingeworfen wie ein fragile Skizze. Kenne grad niemand auf dieser site, der das so beherrscht. Und langsam mag ich auch nix anderes als diese Sicht lesen.
Und ganz ab von Textarbeit muss ich einfach sagen, dass ich mich immer wahnsinnig freue, wenn eine Geschichte einen Blick auf die Welt hat, in der ich mich wiederfinden kann. Die - auch wenn wir beide unterschiedlich schreiben - Beobachtungen, Gefuehle und Situationen behandeln, die mir vertraut sind (im positiven und negativen), ich nachvollziehen kann und die mich interessieren.

Du legst Deine Figuren so an, dass man den Eindruck bekommt, Du kennst sie in all ihrer Komplexität, Geschichte, Erlebnissen, und suchst dann einen kleinen Teil daraus aus, strukturiert, um davon zu berichten. Das ist grosses Können - denn oft werden Figuren auf eine vorher zurechtgelegte Handlung / Thema zurechtgeschnitten, und nach der sie dann bitte zu agieren haben. Ein guter Text ist ebenso sauber sturkturiert und geplant, vermittelt aber den Eindruck einer lebendigen Dynamik, in der sich plot und Figur gleichermassen entwickeln, als Einheit.

Erst als es zu spät ist, bemerkt Rune, wie eine kalte Hand seine streift.
In so einem Satz, Beobachtung, erzählt sich schon eine ganze Geschichte. Ganz unaufdringlich intensiv.

Ich lobe jetzt mal nicht extra, dass Rune endlich mal in korrektem Genus verwendet wird.
Allerdings: wenn Du ein paar der Namensnennungen streichst, ergibt sich ein natürlicherer Lesefluß. Denke nicht, daß mir das wegen besonders 'exotischer' Namen auffiel, aber x-mal "Tim" oder "Martin" in einem Absatz hätte vllt auch komisch ausgesehen - es überreizt ein bißchen hier. Guck doch mal, ob Du das ein Dutzend Mal kicken könntest.

Ich hoffe sehr daß Du Deine Texte irgendwo in einem Buch / Anthologie unterbringen kannst - oder zumindest einreichst. Deine Sicht ist extrem ungewöhnlich, ohne aufdringlich 'anders' zu sein. Und nochmal: auf dieser site bist Du damit nahezu allen - zumindest allen gerade aktiven Usern - voraus. Ich hoffe, Du machst was draus!

Liebe Grüße,
Katla

@Jan:
Was fuer ne Nachricht denn? Daran war nix als Nachricht gemeint.
Ja, ich finde die meisten Texte hier grad sauschlecht, oder sie mögen ok geschrieben sein, gefallen mir aber aus anderen Gruenden kein Stueck; und nein, ich denke nicht, dass andere User das stören darf. Ich rede fuer mich, nicht fuer KG.de. Wir haben alle verschiedene Sicht auf Texte und Inhalte. Muessen uns nicht einig sein und uns auch nicht an unseren Komms gegenseitig abarbeiten. :-)

Ob jemand jede Woche was fuer die site schreibt oder jedes Jahr oder gar nicht mehr, muss jeder selbst wissen. Wir lernen alle anders, und wollen jeweils anderes erreichen. Warum das alles ueber einen Kamm scheren wollen und User massregeln, wenn sie nicht das in Komms sagen, was man selbst gesagt hätte? Lebendigkeit und Individualität bringt mehr, in Texten wie in Komms.

 
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Hallo Timo!

Teil 2: Deine Sprache gefällt mir sehr gut. Du findest häufig tolle Formulierungen und Bilder:

Sie sollten keine Witze darüber machen, dass er, das Skelett, sich an den Ort der Toten rettete.

Das Gefühl seines knochigen Körpers bleibt wie eine Flüssigkeit an ihren Fingern kleben.

Erfindungen wie Adern auf Zähnen. Oberirdische Venensysteme. Stell – stell dir vor du erwachst. Und stellst fest, dass da Adern auf deinen Zähnen sind. Du kannst nicht mehr essen, weil deine Zähne die Adern beim Kauen aufschneiden würden. Du kannst die Adern nicht einfach runterreißen, und – oder sie mit der Zahnbürste zerfetzen …“
Das ist schon ziemlich eklig. Aber bei mir wirkt es. Volltreffer.

Jördis beobachtet das erste Mal, wie sanft er sich bewegt, wie geschickt er seinen Körper durch den Raum manövriert, als trüge er fragiles Gut am Leib.
Es gibt noch viel mehr Beispiele. Ja, also wie gesagt, die Sprache gefällt mir sehr gut.

So begeistert wie Katla und Kubus bin ich aber nicht. Ich kann das gar nicht so richtig nachfühlen. Es würde bei mir besser funtionieren, wenn ich dieses Außenseitergefühl aus dem Text heraus mehr nachvollziehen könnte. Da reicht es mir nicht, wenn ich höre, dass Rune früher immer in der Pause geflüchtet ist und Angst vor Blut hat. Da bräuchte ich irgendwie was zum anfassen, eine Szene, die dieses Gefühl transportiert. Weil, das erste, was mir eingefallen wäre, wenn ich über einen Außenseiter in der Schule hätte schreiben sollen, wäre gewesen, dass er sich in der Pause irgendwo versteckt. Das ist so oft gebraucht, dass es bei mir zumindest nicht mehr so zieht, wie ein völlig neues, krasses Beispiel. Das hätte ich mir von dir gewünscht.

Klar, es sind ganz spezielle Figuren, sie heißen auch nicht Martin und Tim, wie meine Figuren, und sie erleben natürlich keine typische Teenieromanze, wie meine Figuren es tun. Es sind ganz besondere Menschen immer bei dir und ich glaube, sie sind teilweise so besonders, dass ich damit nicht mehr richtig viel anfangen kann, weil ich es nicht wirklich nachvollziehen kann. Aber: Es ist absolut notwendig, dass es solche Geschichten gibt, die mal aus einer völlig ungewöhnlichen Perspektive heraus etwas erzählen und es ist auch immer spannend. Also: Du bist da wirklich auf dem richtigen Weg, glaube ich. Du hast deine Themen, die sonst keiner hier hat und du ziehst das durch und findest die richtigen Worte.

Gruß Lollek

@Katla:
Nachricht ist angekommen. Ich fühle mich angesprochen. Vorschlag: Selbst mal dafür sorgen, dass hier nicht nur Schrott landet. Du stellst selbst fast nie was ein, aber beschwerst dich dann in herablassender Weise über das Niveau der Texte. Klar, wenn man zwölf Monate an einem Text feilt, dann ist der am Ende vielleicht einzigartig, aber wenn man jeden Monat einen Text einstellt, dann belebt das die Seite und man lernt viel mehr daraus, finde ich. Aber trotzdem: Es ist natürlich dein gutes Recht, Scheiße zu finden, was du scheiße finden willst. Das ist mir schon klar. Ich fand es nur irgendwie link.

Lollek

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Timo,

ich finde Du hast einen ganz gewaltigen Sprung gemacht. Vielleicht war es auch kein so riesiger Sprung sondern eine kontinuierliche Entwicklung und es scheint nur mir so sprunghaft, weil ich viele Deiner juengeren Texte nicht gelesen habe. Aber seit "Maisonntag" oder gar dem "Phoenix" ist hier doch einiges geschehen. So viel, dass ich erstmal kurz nachgucken musste, ob ich Dich nicht grad mit einem anderen Schreiber verwechsle. Dein Stil ist jetzt viel sicherer, aufgeraeumter - wobei der Ansatz fuer sehr gute Beschreibungen schon immer sichtbar, nur manchmal etwas verschuettet war. Da stecken so viele schoene Details in den Saetzen. Hat mir wirklich gut gefallen. Vor allem natuerlich die Adern auf den Zaehnen - hervorragend fies.

Auch die Figurenzeichnung ist sehr gut gelungen. Der Kontrast zwischen Joerdis, die immer Grenzen uebertreten moechte und Rune, der sich komplett umzaeunt hat. Deshalb war ich auch sehr sehr enttaeuscht, dass Joerdis Jugend bloss ein schwacher Abklatsch von Runes Jugend war: auch Aussenseiter, nur im Klo statt in der Kapelle, so so. Dabei ist sie doch ganz anders! Schon klar, dass sie eben gemeinsam Aussenseiter sein sollen. Aber Aussenseiter kann man auf tausend verschiedene Arten sein. Und in diesem Text mit zwei Helden moechte ich da wenigstens 2 vorgestellt bekommen. Nicht 2x einsam in der Schulhofecke stehen. Lautes Lachen, uebertriebene Selbstanalyse passt alles - aber ich glaube nicht, dass das eine Joerdis in die Schulkloisolation treiben wuerde. Zur risikofreudigen und ziemlich unschuechternen Joerdis wuerde beispielsweise ein inneres Aussenseitertum in einer Gruppe passen. Da wird sie vielleicht sogar etwas bewundert, weil sie mutig und interessant ist, bleibt aber mit ihrer Seltsamkeit innerlich allein. Schlaeft bestimmt frueh mit irgendwelchen Doofjungen, weil sie keinen findet, der ihr wirklich gewachsen ist, und doch irgendwie auch wue die andern Maedchen sein moechte. Vielleicht hat sie auch immer neue beste Freundinnen, die sich ihr anhimmelnd an die Fersen heften und all ihren klugen Worten verzueckt lauschen, bis Joerdis ihre kuhaeugige Verehrung nicht mehr ertragen kann und sie vertreibt. Dann laestern diese verstossenen Ex-Freundinnen boese ueber Joerdis. Also bitte, in Joerdis Jugend gibt es noch einiges zu holen. Mach was draus und belass es nicht bei diesem lahmen Parallelismus mit Rune. Das wird viel spannender. Ich finde uebrigens nicht, dass man das unbedingt szenisch auserzaehlen muss, wie Lollek meint. Fuer viele Autoren waere das tatsaechlich der Koenigsweg, aber Du hast ne schoene Erzaehlstimme, die auch mit reinem "tell" Intensitaet hinkriegt, finde ich.
Joerdis koennte wohl auch etwas mehr Koerper vertragen (ich stell sie mir ja mit Dreadlocks vor - aber das ist natuerlich ein backpacker-Klischee, das ich mir gerne von einer subtileren Wahl werde austreiben lassen), damit das Verhaeltnis zu Rune auch da ausgewogener ist.

Und dann noch zum Schluss: Hat sie sich nun extra geschnitten, um ihn aus der Reserve zu locken? Das faend ich ja soooo viel besser als einen literarisch passenden "Zufall". Aber wenn das so ist, sollte es meiner Meinung nach auch gerne ganz deutlich so sein.
Ihren Schlussatz moechte ich auch gerne noch mal zur Debatte stellen. Zu 98 Prozent gelingt es Dir in diesem auf schoene Weise sentimentalen Text, ueberhaupt nicht kitschig zu werden. Der letzte Satz und mehr noch der Titel verderben Dir deine Quote etwas.

Ansonsten noch:

Auf dem Rückweg schweigen sie. Jördis betrachtet still Runes Profil und findet einen unermesslichen Komfort in der wortlosen Kommunikation.
ts ts

Die dreihundert Jahre alten Mauern der Kathedrale spiegeln sich in den Schaufenstern und auf glatt polierten Motorhauben.
In Kathedralenjahren sind das jugendliche 15 Jahre und gar nicht bewunderns- oder besuchenswert. Da muss was anstaendiges gotisches, gar romanisches her!

Das war jetzt recht ausfuehrliche Kritik. Das soll aber keineswegs darueber hinweg taeuschen, dass ich diese GEschichte richtig gut finde und vor allem von der Sprache sehr beeindruckt bin.

lg,
fiz

 

Hallo Timo

Ich musste lachen, als ich deinen Namen neben diesem vorbelasteten Titel las. Zusammen schweigen, dahinter würde ich zumeist einen religiösen oder esoterischen Text vermuten. Na ja, etwas Kultisches ist ja auch stets mit deinen Figuren verbunden. Ich sehe aber durchaus Differenzen zu deinen andern Geschichten, das Selbstverletzende ist weitgehend gewichen oder doch gewandelt. Rune projiziert es natürlich mit seiner Angst. Bei Jördis vielleicht indirekt vage vorhanden, da sie sich bewusst ist, dass das Mitgehen mit einem Fremden nicht ohne Gefahr ist. Aber es ist eher eine erhöhte Risikobereitschaft, ihre diesbezüglichen Gedanken reine Abwehr, möglicherweise jugendliche Naivität.

Die Geschichte fand ich nicht leid, aber vom Inhalt her eher ereignislos. Was sich hervorhebt, sind aber zweifellos die Darstellungen der Figuren. Rune, ein Phobiker par exellence, den du durch seinen Habitus sinnlicherweise mit einem Weberknecht vergleichst. Auch Jördis, obwohl ihr Äusseres ohne Details bleibt, wurde mir durch ihre Reaktionen und ihr Verhalten schnell vertraut. Dies ist wohl das Starke daran, dass es hervorhebt, nebst poetisch anklingenden Satzfäden.

Für deine Sprache hast du zu recht Lorbeeren erhalten, doch fand ich die abgehackten Sätze im Einstieg irritierend. Erst dachte ich, es sei durch die Zeitform bedingt. Aber nein, es ist die stakkatoartige Ankunft von Jördis. Später legt sich dies oder wirkt nicht mehr so losgelöst, wenn ich es rückblickend überdenke.

Ich glaube nicht, dass ich … übrigens, die Kathedrale ist morgen auch geschlossen. Aber … es gibt noch mehr sakrale Architektur im Umkreis.

Übrigens, hätte ich hier gross geschrieben, da es mir als eigenständiger Satz wirkt.

Im Bezugsrahmen von Alltag habe ich es gern gelesen. Soweit meine Perspektive.

Schöne Grüsse

Anakreon

 

Hey Timo,

außergewöhnlich kommt deine Geschichte daher, aber nicht unsympathisch. Rune ist tatsächlich kein Kumpeltyp und wäre ich eine Frau, würde ich wahrscheinlich nicht wie Jördis reagieren. Aber der Zufall und des Bruders guter Wille scheint hier zwei Außenseiter zueinander zu führen, in eine Abhängigkeit, die weder Liebe noch Gefahr bedeutet. Das verrückte an Außenseitern ist ja, dass man sie nicht wahrnimmt, nicht auf den ersten, nicht auf den zweiten Blick. In deiner Erzählung hängst du beiden Charakteren eine Kamera um, so dass man als Leser gut folgen kann und sich überhaupt ein schönes Panorama ergibt. An dieser Stelle sei auch deine Szenenwechselkunst erwähnt. Da ist kein Schnitt, keine Blende. Ein Absatz endet an einer Zweigung und man könnte beschreiben, wie sie darauf zugehen, den Entscheidungsprozess könnte man verbalisieren. Du schreibst im nächsten Absatz einfach, auf welchen Weg sie sich nun befinden. Um nicht unnötig zu verwirren, ein Zitat:

Jördis sieht ihn skeptisch an, „Wenn ich nicht zu dir gehe?“*

„Rune ist ein schöner Name“, sagt sie. Ihre Stimme hallt im Treppenhaus wider.

Die Geschichte hat mir gefallen, in ihrer schlichten Ausgefallenheit, ihrer selbstverständlichen Verrücktheit. Vor allem Rune ist dir sehr gut gelungen, bei Jördis habe ich auch das Problem mit ihrer Reaktion:

„Zum Beispiel jetzt, ich weiß nicht. Du bist ein Fremder. Und nach letzter Nacht ein seltsamer Fremder. Aber ich haue nicht ab ... Vielleicht will ich sogar, dass mir was passiert.“*
Ich glaube nicht, dass sie das so sagen würde. Vielleicht denken, aber ihm doch nicht ins Gesicht sagen, oder?

Ein paar Anmerkungen:

Es ist nicht viel los, an einem der Tische sitzen zwei junge Männer, an einem anderen ein alter Mann und sein Hund.*
Hier wiederholst du dich, aber im Geflecht deines Perspektivwechsels klingt das sogar schön und funktioniert. Der Erzähler wird unnötig glaubwürdig. Das macht die folgenden Ausführungen auf eine seltsame Art und Weise unheimlich.

Aus ihrem Haar tropft Regenwasser, ihre zitternden Finger verkrampfen sich zur Faust.*
Reicht hier nicht: Ihr Haar tropft, ihre zitternden …

„Klar, schlaf bei Rune.“
=) Unerwartet, lustig, gelungen!

Sein Weberknechtkörper fliegt vor ihr die Stufen hoch.*
Ausgesprochen genialer Vergleich. Überhaupt hast du sehr viele schöne, aber auch gute Vergleiche, bei denen ich als Leser etwas verweile, genieße, um dann weiter fortzufahren. (z.B. Absätze in den Magen, oder:

Das Gefühl seines knochigen Körpers bleibt wie eine Flüssigkeit an ihren Fingern kleben.*
Bester Satz!

Er geht zum Kühlschrank, der fast leer ist, und holt zwei Gläser raus.*
Das „raus“ klingt mir hier etwas zu umgangsprachlich.

*In ihrem Kopf streicht Jördis den Kannibalen durch.*
Einfach nur gut! Das macht Geschichten stimmig.

Erfindungen wie Adern auf Zähnen. Oberirdische Venensysteme. Stell – stell dir vor du erwachst. Und stellst fest, dass da Adern auf deinen Zähnen sind. Du kannst nicht mehr essen, weil deine Zähne die Adern beim Kauen aufschneiden würden. Du kannst die Adern nicht einfach runterreißen, und – oder sie mit der Zahnbürste zerfetzen …
Absolut geil! Diesen Abschnitt haben ja schon einige vor mir gelobt, aber der hat es echt in sich. Eine sehr ausgefallene Wahnvorstellung, eine unheimliche Metapher und irgendwie kann man den armen Rune dann auch verstehen. Ein bisschen Horror ist deine Erzählung schon. =)

„Es braucht nur ein i, um mich zur Ruine zu machen.“
Du spielst mit Wörtern, so unbeschwert, da macht das Lesen richtig Spaß!

An der Tür wartet sie, bis er den Schlüssel aus der Tasche holt und die Wohnung aufmacht.*
Hier zeigt mir mein Hirn die typische Szene, es wird mit dem Schlüssel gespielt und man weiß nicht, ob sie mit in die Wohnung kommt oder doch weggeht. Hier ist es klar, aber irgendwie willst du meinem Unterbewusstsein erzählen, dass das nicht so selbstverständlich ist.

„Wie wäre es, wenn wir Blutbrüderschaft schließen“
Sehr schwarzer Humor, irgendwie.

*Blicke die sie mieden, und doch suchten
Blicke KOMMA die ...

Mir hat deine Geschichte gut gefallen, sie ist durchgehend stark, nur das Ende kam so ganz anders, so ganz anders als erwartet, ein trockenes Happy End sozusagen:

„Es passiert nichts“

Beste Grüße
Markus Glass

 

Hallo Kubus!

Dein Kommentar ließ mich erst mal aufatmen. Dankeschön! Man wartet ja immer gespannt auf Feedback, aber bei der Geschichte war ich mir schon unsicher. Eben weil sie auf die Charaktere statt auf Handlung aufbaut, war ich mir nicht sicher, ob das gut ankommt.

Rune hat es bei mir klingeln lassen - den kennst du doch! - und so habe ich Bezüge zu anderen Geschichten von dir gesucht und erst mal nicht gefunden, bis mir einfiel, dass ich eine Figur dieses Namens von Flieges Geschichten kenne.
Flieges Geschichte mit Rune kannte ich wirklich nicht. Ich hab jetzt mal nachgesehen, und sie gefunden. Zum Glück unterscheiden sich die Runes aus meiner und ihrer Geschichte aber gewaltig.

nach meiner Meinung dürfte es ruhig mehr poetische Elemente in den Geschichten geben
Finde ich auch. Aber es gibt Geschichten, bei denen ergibt sich das, und in andere passte es überhaupt nicht.

"zusammen schweigen" sprach mich besonders an, weil der Titel einen Kontrapunkt zu der ständigen Kommunikation unserer Zeit versprach, und ich finde, dass deine Geschichte einhalten konnte, was ich mir vom Titel versprochen habe.
Auch beim Titel hatte ich Bedenken. Ich dachte, dass er vielleicht angesichts der Dialoge die beide doch recht zahlreich führen fast lächerlich wirken könnte, aber es herrscht doch immer wieder ein Stiller Moment zwischen beiden. Schön, wenn das bei dir ankam!

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Hallo Maria!

Auch wenn er gut gezeichnet ist, ich kann mich einfach nicht mit ihm anfreunden. Vor allem stört es mich, dass der Typ keinem Klischee entspricht. Du weißt schon: Mann = starkes Matschoarschloch.
Ich finde es eigentlich immer gut, wenn Prots keinem Klischee entsprechen, wobei man das auch wie ein Stilmittel einsetzen kann, also das Spiel mit Klischees. Ja, Rune ist kein Typ der sich Frauen (oder irgendwem) aktiv annähert, wie man es vom typischen Mann erwartet.
Ich finde es schön, wenn bei den Kommentatoren verschiedene Reaktionen auf Rune geweckt werden. Du findest ihn unsympathisch, und das ist gut.

Die Szene, in der er in das Zimmer stürmt und Jördis (was für ein komischer weibsname!) die Decke aufschlägt, ist mir immer noch nicht ganz geheuer. Ihre Reaktion darauf ist ziemlich mangelhaft
Ich seh schon: Jördis hab ich eindeutig zugunsten von Rune vernachlässigt. Inhaltlich werde ich an ihr noch feilen. Auch an dieser Stelle.

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Hallo Herrlollek!

Ich finde es schade, dass unter meiner Geschichte dieses Missverständnis zwischen dir und Katla entstanden ist. Ich denke, du musst dich in Bezug auf das von ihr Gesagte wirklich nicht angesprochen fühlen. Wie du selbst sagst:

Klar, es sind ganz spezielle Figuren, sie heißen auch nicht Martin und Tim, wie meine Figuren, und sie erleben natürlich keine typische Teenieromanze, wie meine Figuren es tun. Es sind ganz besondere Menschen immer bei dir und ich glaube, sie sind teilweise so besonders, dass ich damit nicht mehr richtig viel anfangen kann, weil ich es nicht wirklich nachvollziehen kann.
Es ist wichtig, beide Welten in Geschichten aufzuzeigen und festzuhalten. Man erhält über Literatur Einblicke in Welten, die einem normalerweise fremd oder entfernt wären. Ob es nun eine Welt der Außenseiter oder einer Gruppe ist.

Du kennst also den Geruch von Wolken? Aus der Werbung? Ja Herrschaften, was habt ihr den für einen Fernseher?
Ich wusste, dass mir das um die Ohren gehauen wird … Ist wohl leider ins unfreiwillig Komische gerückt. Aber schau doch mal ins Weichspülerregal im Supermarkt, und schnüffel an den hellblauen Flaschen. Ich wette, da ist irgendwo Wolkenduft dabei ;)

Deshalb wird er doch wohl jetzt nicht aus Angst vor seines Bruders Spott die Frau mitnehmen ... Ich will sagen, dafür dass Rune so ein Schisser ist, ist mir die Begründung für seine Zustimmung viel zu dünn.
Mist, stimmt. Da schwanke ich ehrlich gesagt selbst, in welche Richtung ich das ausbaue. Klarheit muss da auf jeden Fall her … mal sehen, ob ich die Figur Martins nicht noch durch ein Paar Sätze ausbaue, und den Druck, den er auf Rune ausübt dabei verstärke.

Die fehlenden Kommata sind auf jeden Fall schon mal eingebaut.

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Hallo Katla

Erzählstimme, Prots, Thema und Handlung sind aus einem Guß; und ob man sie durchweg sympathisch findet oder nicht, ist dies immer eine extrem faszinierende Sache.
Gut, wenn es wie aus einem Guß wirkt, beim Schreiben hat man doch manchmal das Gefühl, durch die Unterbrechungen, eher eine Collage zu machen.

Den Vorschlag habe ich angenommen und die Stelle mit der Tasse gekürzt. Zum „Klumpen“ will mir nicht wirkliche eine bessere Entsprechung einfallen. Ich dachte an „Stück“ oder „Brocken“ habe aber das Gefühl, dass es dadurch nicht wirklich besser wird. Vielleicht findet sich noch was …

Und ganz ab von Textarbeit muss ich einfach sagen, dass ich mich immer wahnsinnig freue, wenn eine Geschichte einen Blick auf die Welt hat, in der ich mich wiederfinden kann. Die - auch wenn wir beide unterschiedlich schreiben - Beobachtungen, Gefuehle und Situationen behandeln, die mir vertraut sind (im positiven und negativen), ich nachvollziehen kann und die mich interessieren.
Es freut mich, wenn sich auch einer darin wiederfindet. Es ist gut, von beiden Seiten Kommenatre zu bekommen. Von denen, denen es eher fremd ist, und denen, die darin etwas erkennen, das ihnen selbst entspricht und zusagt.

Du legst Deine Figuren so an, dass man den Eindruck bekommt, Du kennst sie in all ihrer Komplexität, Geschichte, Erlebnissen, und suchst dann einen kleinen Teil daraus aus, strukturiert, um davon zu berichten.
Das mag jetzt abgedroschen klingen, aber ich glaube, Figuren finden zu einem. Sie setzen sich langsam zusammen über Erlebnisse, Aossiziiertes, Begegnungen usw., und irgendwann sind sie da und wollen niedergeschrieben werden. Wenn man versucht, nach Baukastenprinzip eine Figur bewusst zusammenzusetzen, wird das unnatürlich.
wenn Du ein paar der Namensnennungen streichst, ergibt sich ein natürlicherer Lesefluß
Ich habe über die Suche im Dokument zählen lassen: Es gab 47 mal „Rune“ das habe ich auf vierzig reduziert. Ich glaube, das macht schon was aus …

Ich denke schon, dass wir hier auf der Seite (auch momentan) sehr viel qualitativ Hochwertiges haben, nur durch die vielen Anfänger und die Menge der Texte, die diese einstellen, geht das Gute oftmals fast unter.

Vielen Dank für deinen Kommentar!


Hallo Feirefiz!

ich finde Du hast einen ganz gewaltigen Sprung gemacht. Vielleicht war es auch kein so riesiger Sprung sondern eine kontinuierliche Entwicklung und es scheint nur mir so sprunghaft, weil ich viele Deiner juengeren Texte nicht gelesen habe.
Einen Sprung hab ich erstmals gemacht, als ich hier auf der Seite angefangen habe, meine Geschichten einzustellen, und erstmals Feedack bekommen habe. Was ich hier dann nach und nach gelernt habe, war, vor allem auf Kleinigkeiten zu achten, und Sprache präziser anzuwenden.
Schön, wenn es die Entwicklung für andere bemerkbar ist. Man fühlt sich bei den Kommentaren und Anregungen in gewisser Weise auch verpflichtet, sie umzusetzen.

Deshalb war ich auch sehr sehr enttaeuscht, dass Joerdis Jugend bloss ein schwacher Abklatsch von Runes Jugend war: auch Aussenseiter, nur im Klo statt in der Kapelle, so so. Dabei ist sie doch ganz anders!
Okay, an Jördis werde ich wirklich noch mal arbeiten. Ich werde auch ihre Erinnerung verändern, aber so wie du sie siehst, sehe ich sie immer noch nicht. Sie kriegt was eignes, aber einsam, auch äußerlich bleibt sie. Nur die Art, wie sie damit umgeht, wird anders sein, als die von Rune.
Ich denke nämlich nicht, dass Jördis mit ihrer Art unbedingt Bewunderer hat. Ihr Aussehen stell ich mir übrigens eher „grau“ vor. Sie ist für mich eine, die nicht mal die „Doofjungs“ haben wollen. Ich bin fies, oder?

Das mit Zufall oder Absicht des Schneidens … danke, dass du mich da drauf gebracht hast. Für mich wars schon ein Zufall, aber ein aktives Beteiligen am Zufall käme auch nicht schlecht …

Der letzte Satz und mehr noch der Titel verderben Dir deine Quote etwas.
Echt? Kubus zum Beispiel fand den Titel gut. Ich habe lange über ihn nachgedacht. Anfänglich wollte ich die Geschichte erst schlicht „Rune und Jördis“ nennen. Dann fand ich „Zusammen schweigen“ besser.
Mit dem Ende hab ich bei meinen Storys immer Probleme. Das liegt auch daran, dass ich eben kaum Handlung und mehr Konzentration auf die Personen lege, und die … kommen eben zu keinem Ende.

Vielen Dank für die Anregungen!

Hallo Anakreon!

Ich musste lachen, als ich deinen Namen neben diesem vorbelasteten Titel las. Zusammen schweigen, dahinter würde ich zumeist einen religiösen oder esoterischen Text vermuten
Schön, dass ich dich zum Lachen bringen konnte. Was ist denn daran „esoterisch“? Weckt es Assoziationen zu Telepathie oder ähnlichem? Ich weiß ja nicht, ob ein andrer Titel nicht doch besser wäre …

Ansonsten habe ich natürlich versucht, mich bezüglich Birke nicht zu wiederholen, und neue eigenständige Personen zu kreieren.

Die Geschichte fand ich nicht leid, aber vom Inhalt her eher ereignislos. Was sich hervorhebt, sind aber zweifellos die Darstellungen der Figuren.
Wie schon gesagt: Darum ging es mir dieses Mal auch vorrangig. Diese zwei Leute zusammenbringen, und schaun, wie sie miteinander reagieren.

Im Bezugsrahmen von Alltag habe ich es gern gelesen. Soweit meine Perspektive.
Vielen Dank für deine Meinung!

Hallo M.Glass!

Das verrückte an Außenseitern ist ja, dass man sie nicht wahrnimmt, nicht auf den ersten, nicht auf den zweiten Blick.
Na ja, ich glaube, da gibt es unterschiedliche Typen von Außenseitern. Es gibt sicher auch welche, die gerade durch ihr Auffallen eine Ausgrenzung erfahren. Wie sie sich dann damit arrangieren … ich glaube, da streben manche schon die Unsichtbarkeit an, so wie Rune, der flüchtet, sich versteckt.

Wie auch schon die Vorkommentatoren siehst du einen Mangel an der Ausarbeitung von Jördis. An ihr werde ich nun ganz bestimmt noch feilen.

Der Erzähler wird unnötig glaubwürdig. Das macht die folgenden Ausführungen auf eine seltsame Art und Weise unheimlich.
Aha, unheimlich also, das ist interessant.

Erfindungen wie Adern auf Zähnen. Oberirdische Venensysteme. Stell – stell dir vor du erwachst. Und stellst fest, dass da Adern auf deinen Zähnen sind. Du kannst nicht mehr essen, weil deine Zähne die Adern beim Kauen aufschneiden würden. Du kannst die Adern nicht einfach runterreißen, und – oder sie mit der Zahnbürste zerfetzen …
Absolut geil! Diesen Abschnitt haben ja schon einige vor mir gelobt, aber der hat es echt in sich. Eine sehr ausgefallene Wahnvorstellung, eine unheimliche Metapher und irgendwie kann man den armen Rune dann auch verstehen. Ein bisschen Horror ist deine Erzählung schon. =)
Ja, durch Rune kommt da wirklich ein wenig Horror rein. Er hat diesen Horror in seinem täglichen Leben, die ganz Zeit im Kopf. Wenn das auf den Leser übergeht freut mich das.

Vielen Dank für deinen Kommentar!

Gruß an alle: Timo

 
Zuletzt bearbeitet:

Moin Timo,
jetzt habe ich die Geschichte mit Abstand zum zweiten Mal gelesen, aber immer noch keinen Bezug zu den beiden Protagonisten bekommen.
Vorweg: Deine Schreibe gefällt mir sehr, aber das macht die ganze Sache nur komplizierter.

Ich glaube es fing an, als der Bruder diesen Satz sagte:

„Klar, schlaf bei Rune.“
und Jördis plötzlich bei einem wildfremden Mann übernachtete, weil Rune sagte:
„Er wird mir die Schuld geben“, sagt Rune mit aufgerissenen Augen.

Na gut, ich gebe zu, ich liebe nachvollziehbare Situationen und nicht ganz so durchgeknallte Typen. Also rief ich mich zur Räson und las weiter.
Das kennt Jördis von zu Hause nicht, wo Bettwäsche schon im Schrank muffig wird.
… und stieß auf die nächste Ungereimtheit. Warum bitte schön wird die Bettwäsche bei Jördis im Schrank muffig? Sicher gibt es eine Erklärung, aber sie erschloss sich mir nicht.

Du würdest keine Menschen essen?“ In ihrem Kopf streicht Jördis den Kannibalen durch.
Erst die Angst und Zweifel von Jördis (die du später mit einem kurzen Satz zu erklären und gleichzeitig wegzuwischen versuchst,
Vielleicht will ich sogar, dass mir was passiert.
… und dann dieser Kannibalenklamauk.
Das war mir alles zu undurchsichtig und zu wenig nachvollziehbar.

„Schweigen ist eine Waffe – die, die sie benutzen sind groß, hager und blass. Anämie in Bestform“
Hier war ich unwillkürlich an die Erkenntnisse von Hector (aus den Büchern von Francois Lelord) erinnert.
Das mit der Anämie in Bestform erstaunte mich dann noch mehr. Eine ernsthafte Krankheit in diesem Zusammenhang?

Als sie im Dunkeln liegt, wird der Hunger zu einem Licht zwischen ihren Beinen. Seit Jahren empfand sie es schon nicht mehr als Frevel, aber hier, in Laken, die nach Wolken riechen, also dem Himmel sehr nah sind, baut sich ein Tabu in ihrem Kopf auf. Dankbar, wieder etwas brechen zu dürfen, tastet sie sich langsam voran.
Schon wieder stolpere ich, konnte mir nicht erklären, wie die Zusammenhänge sind. Vielleicht bin ich einfach nicht kreativ genug oder gar zu alt für deinen Text, keine Ahnung.
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich lächerlich mache, stelle ich mal diese Frage: Warum wird ihr Tun zwischen sauberen Laken plötzlich zum Frevel.

Sein schlafender und ahnungsloser Körper geben Jördis ein seltsames Gefühl von Triumph.
Woher weiß sie, das Rune schläft und warum Triumpf? Klingt alles ganz schick, aber mir erschließt sich der Sinn nicht.

Okay, ich habe wohl genug herumgeätzt. Ich mache deshalb am Schluss etwas schneller. Die Sache mit dem Blut und die Erklärung mit dem Zivildienst kamen mir so herbeigedacht und aufgesetzt daher. Als müsse seine Außenseiterrolle irgendwie in Szene gesetzt werden. Ein Zivi mit solchen Macken wäre schnell beim Kistenpacken in der Krankenhausapotheke oder beim Bettenreinigen im Keller gelandet.

Ein Zitat sei mir noch verziehen:

„Warum sind wir Außenseiter?“
Er zuckt die Schultern, „Wolltest du die andren denn? Mir bereiten sie Unbehagen.
So einfach ist das? Glaub ich nicht.

Am Ende deiner Geschichte fragte ich mich nochmal: Liegt es an mir als Leser, dass ich keinen Zugang fand oder an dir als Autor? Wenn ich etwas schreibe, frage ich mich häufig, können andere das nachvollziehen (das ich es selbst kann, brauche ich hier nicht zu erwähnen).
Zumindest bei mir hat deine Geschichte nicht gefruchtet, mir sind die Personen nicht nahe gekommen. Immer wieder stolperte ich. Es kam mir vor, als fehlten zwischendurch Passagen …
Schade, wie gesagt, dein Schreibstil gefällt mir sehr. Und deshalb werde ich auch deine nächste Geschichte sicher lesen.

Herzlichst Heiner

Ein kleiner Zusatz: Da ich per PM einer Kritikerin auf meine Fragen im Kommentar angesprochen wurde: sie sind nicht als eigentliche Fragen an den Autor zu sehen, sondern ich wollte damit meinen Eindruck als Leser wiedergeben, sprich: ich erwarte selbstverständlich nicht, dass sie beantwortet werden.
Ebenso wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich die Logik der Protagonistenhandlungen nur in ihrer „Innenlogik“ beurteilen dürfe oder könne. Dem ist selbstverständlich so, aber auch unter diesem Aspekt sehe ich (als Leser) große Lücken in der Konstruktion der Geschichte und konnte sie nur schwer nachvollziehen bzw. schwer "in die Welt eintauchen".

 

Wie auch schon die Vorkommentatoren siehst du einen Mangel an der Ausarbeitung von Jördis. An ihr werde ich nun ganz bestimmt noch feilen.
Die Person an für sich ist nicht das Problem. Vielmehr geht es darum, ihre Reaktion in irgendeiner Weise nachvollziehbar zu machen.

 

Hallo Timo

Was ist denn daran „esoterisch“? Weckt es Assoziationen zu Telepathie oder ähnlichem? Ich weiß ja nicht, ob ein andrer Titel nicht doch besser wäre

Dein Titel hat schon seine Richtigkeit, es ist ja auch ein Schlüsselsatz, der im Text sinngemäss dreimal auftritt. Erst erwähnt Martin, er soll sie nicht zu Tode Schweigen, dann denkt Jördis, dass Schweigen auch eine Waffe ist, und zu guter Letzt sagt sie es wörtlich zu Rune.

Also lass dich von meinen Lachen nicht irritieren, dies bezog sich mir nur auf die Vorstellung von zusammen schweigen. In manchen Kreisen hat dies eine spirituelle Bedeutung, wie sie es nennen. Der Text selbst, wollte man dies so deuten, käme da assoziativ nur im Schlusssatz in diese Nähe.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo TimoKatze,

ich fand deine Geschichte über die beiden Außenseiter spannend zu lesen. An Jördis Stelle hätte ich gezögert, bei Rune einzuziehen ;).
Die Geschichte hat mich neugierig auf "Treffen mit Birke" gemacht. Die werde ich demnächst mal lesen.

Gruß
Leia4e

 

Hier kann man schlecht „alles schon gesagt“ behaupten, was ich des Öfteren ganz gern tu,

lieber Timo,

aber es ist nach Birke die zwote Geschichte, die mir gefällt, was schon bei den Namen beginnt: dort der Name des zähesten Baumes bis in arktische Breiten hinein (blüht als erster und welkt als letzter), hier in der Geschichte eines verhinderten „Dörk“ Nowitzki das ursprünglich in Holz geritzte Schriftzeichen (da es nun nicht Birke, sondern idR Buche war, wurden’s dann Buchstaben), dem auch kultische und magische Kräfte zugesprochen wurden. Nunja, das Rune wird nun weniger Kult als "Dörk", aber auch weder Chirurg, Zahnarzt oder Schlachter werden …, aber magisch wirkt er in allem, was an Ausschnitt seines beschädigten Lebens vorgetragen wird.

Zwo kleinere, unbedeutende Anmerkungen, die bestenfalls als Anregungen verstanden werden sollen (Deine spröde Sprache - ich stabreime passend zu Rune - braucht keine Änderung) -

aber gibt es nicht unendlich viel Synonyme zur Eile / zum Eilen?

Sie bezahlt und eilt zum Zug. Nur noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. An ihr eilt eine Frau auf Pumps vorbei zum Taxi.

Dann wird auffällig häufig das Verb „machen“ gebraucht. Hier ließe sich nun „öffnet“ statt „aufmacht“ verwenden:
…, bis er den Schlüssel aus der Tasche holt und die Wohnung aufmacht

Glückwunsch vom

Friedel!

 

Hallo TimoKatze,

ein gut komponierter Text, wie du erst zwei Handlungsstränge verbindest, dann einen weiterentwickelst, bis hin zu dem Unfall. Für die Frau etwas Alltägliches, für den Mann eine Tragödie. Wie die Phobie Macht über Rune hat, sein Leben kompliziert macht und zerfrisst ist eindringlich dargestellt (vor allem wenn man bedenkt, dass eine Phobie diesen irrationalen Anteil hat, die Angst vor etwas, was nicht beängstigend sein muss).

In Texten ist mir Originalität wichtig, diese erreichst du zweifach: Einmal durch die Themenwahl zum anderen durch die vielen kleinen treffenden Szenen, z.B.:

„Er wird mir die Schuld geben“, sagt Rune mit aufgerissenen Augen.
Jördis sieht ihn skeptisch an, „Wenn ich nicht zu dir gehe?“

Ich … ich bin Veganer.“
„Du würdest keine Menschen essen?“ In ihrem Kopf streicht Jördis den Kannibalen durch.

(Ist die Erwähnung "Kopf" nötig?)


Dieses Bild finde ich nicht so gelungen:

„Oh, Entschuldigung“, sagt sie, und löst sich von ihm. Das Gefühl seines knochigen Körpers bleibt wie eine Flüssigkeit an ihren Fingern kleben.

‚Knochig‘ und ‚Flüssigkeit‘ ist ein Gegensatz, weiß nicht, wie es da zu einer ‚Klebrigkeit‘ kommen soll.


„Rune atmet tief ein, wirft die Decke zurück aufs Bett, hastet zur Tür zurück, schaltet das Licht aus und schmeißt hinter sich zu.“

‚schmeißt sie hinter sich zu‘ (besser finde ich ‚wirft‘).


Gern gelesen,

Woltochinon

 

Mist, warum läuft einem die Zeit denn immer so schnell weg?!
Ich bitte alle, die hier geantwortet haben um Entschuldigung für die lange Zeit des Schweigens meinerseits!

Und jetzt im Einzelnen, was ich schon viel früher hätte tun müssen:

Hallo Heiner!
Inhaltlich konnte der Text bei dir ja nicht punkten. Ich weiß ehrlich gesagt nicht wirklich, ob man daran was ändern kann. Die laufen halt mit andren Betriebssystemen, irgendwie, die Zwei.

Liegt es an mir als Leser, dass ich keinen Zugang fand oder an dir als Autor? Wenn ich etwas schreibe, frage ich mich häufig, können andere das nachvollziehen (das ich es selbst kann, brauche ich hier nicht zu erwähnen).
Ich vermute, es liegt an der Kombination Leser/Autor. Es gab ja nun schon welche, die damit was anfangen konnten. Und ich fände auch Begründungen für das Verhalten meiner Figuren. Ich merk mir das für die nächste Story, dass ich die Gedankengänge meiner Figuren mehr offen lege.
Danke für deinen Kommentar. Es ist wichtig zu sehen, was bei einigen funktioniert und bei andren nicht!
Hallo Leia4!

Freut mich, dass meine Geschichte „spannend zu lesen war“! Viel Spaß mit dem Birke, falls du ihn noch nicht gelesen hast und das immer noch vorhast.
Dankeschön!

Hallo Friedel!

Schön dass dir mal wieder eine meiner Geschichten gefallen hat!

Nunja, das Rune wird nun weniger Kult als "Dörk", aber auch weder Chirurg, Zahnarzt oder Schlachter werden …, aber magisch wirkt er in allem, was an Ausschnitt seines beschädigten Lebens vorgetragen wird.
Das trifft es gut! :D

Danke fürs Lesen!

Hallo Woltochinon!

In Texten ist mir Originalität wichtig, diese erreichst du zweifach: Einmal durch die Themenwahl zum anderen durch die vielen kleinen treffenden Szenen
Manchem war es etwas zu abgedreht, schön zu sehen, wie es bei anderen als originell bezeichnet wird ;)

Danke fürs Lesen!

Hey Asphaerisch!

In meiner Welt gehen Frauen in einer fremden Stadt nicht bei fremden Männern schlafen.
Nicht? Das ist aber schade für dich :D Nein, im Ernst. Klar, dass meine Figuren für manche nicht nachvollziehbar handeln, das musste ich jetzt schon öfter lesen. Ich bin, nebenbei, noch versucht, an Jördis zu feilen. Keine Ahnung aber, wie lange das jetzt noch dauern kann. Ich hab fast ein schlechtes Gewissen, die Bearbeitung und sogar die Antworten auf die Komms auf die lange Bank geschoben zu haben …
Also, wie gesagt. Vor allem Jördis könnte wirklich mehr Hintergrund gebrauchen. Es gibt für mich schon Gründe, die sie dazu veranlassen, mit ihm mitzugehen. Ihre Einsamkeit, und der Wunsch aus der Langeweile herauszukommen, weshalb sie auch verreist ist.
Vielen Dank fürs Lesen!

Grüße: Timo

 

Hey TimoKatze,

jetzt komme ich mit meinem Kommentar eine Ewigkeit, nachdem ich die Geschichte gelesen habe. Aber ich wollt Dir doch nicht vorenthalten, dass sie mir gut gefallen hat.

Ist komisch, ich fühle mich meinem Rune irgendwie sehr verbunden, der ist mir damals sehr ans Herz gewachsen und ich hatte echt Probleme, von meinem auf deinem zu schalten. Eher ich da so das Bild zugelassen habe, dass er nun jung und ein so schräger Typ ist :).

Rune überragte alle in der Schule um fast zwei Köpfe und wurde dennoch rumgeschubst. Wie ein Schiff im Schülermeer, und die Wellen schaukelten ihn bis zum Schiffsbruch.
Er flüchtete vom Pausenhof, sah sich mehrere Male um, bevor er den Friedhof betrat, der direkt gegenüber lag. Sie sollten keine Witze darüber machen, dass er, das Skelett, sich an den Ort der Toten rettete.

Die Beschreibung mag ich gern. Die zeichnet mit zwei Bildern eine ziemlich beschissene Kindheit. Das Friedhofsbild - das tut schon weh, irgendwie.

„Er ist kein Mörder, er ist kein Psycho, er ist kein Mörder, er ist kein Triebtäter, er ist kein Mörder, er ist keine Spinne, er ist kein Mörder, er ist kein Kannibale, er ist kein Mörder - und wenn schon. Dann lass ich mich töten, quälen, töten, vergewaltigen, töten, einwickeln, töten, aufessen, töten …“

Das mochte ich auch gern. Dieser Widerspruch der da drin steckt in ihren Gedanken, der macht sie spannend als Figur.

„Ich … ich bin Veganer.“
„Du würdest keine Menschen essen?“ In ihrem Kopf streicht Jördis den Kannibalen durch.

:)

Dieser Krankenhaustraum, den mochte ich auch. Eigentlich ist das ja ein Ort, an dem er sich wohl fühlen müsste. Er ist sauber und steril und weiß, eigentlich. Aber all die Flüssigkeiten da, die erschrecken ihn doch sehr. Schöner Gegensatz auch hier.

„Ich wünschte, ich hätte so eine Kapelle gehabt …. Ich hab mich in den Pausen auf dem Klo versteckt. Das klingt im Nachhinein nicht so schlimm, aber es war erniedrigend. Und jetzt weiß ich auch nicht, wo ich hin soll.“
Rune legt seine Hände auf die Knie und schaut nach vorne zum Altar.

Ja, dass ist ein bisschen schade, dass sie hier so gleich werden. Das hat so was von - ab jetzt sind wir Verbündete, weil sie gejagte waren, die sich einen Asyl gesucht haben. Vielleicht könnte sie in diesem Moment ja eine Episode erzählen, wie man sie gedemütigt hat, damals. Was konkretes. Das wäre auch ne gute Möglichkeit, ihr Außenseitertum gegen seines abzugrenzen.

Das ist aber auch schon alles, was ich an Kritischem anbringen kann.

Ich mag noch die Stelle, wo sie sich absichtlich schneidet, ihn konfrontiert und seine Angst durch in konkretes Handeln gezeichnet wird.

Ich finde auch schön, dass Du beide zu Wort kommen lässt, durch den Wechsel der Erzählperspektiven. Gerade diese Nachtszene da, wie beide die erleben/empfinden.

Gern gelesen! Schönes Ding.

Beste Grüße Fliege

 

Hallo Fliege!

jetzt komme ich mit meinem Kommentar eine Ewigkeit, nachdem ich die Geschichte gelesen habe
Jetzt komme ich mit meiner Antwort, eine Ewigkeit nachdem ich deinen Komm gelesen habe!

Ich wollte aber auch nicht mit leeren Händen kommen, hab die Nachbearbeitung dann aber verdrängt, bis ich jetzt mal dazu gekommen bin.
Ich hab, was ja hier einige bemängelten und langweilig fanden, die Passage über Jördis Schulzeit verändert. Sie versteckt sich jetzt also nicht mehr so wie Rune es tat.

Vielen Dank für deinen Kommentar, Fliege!

Grüße: Timo

 

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