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Zur falschen Zeit am falschen Ort
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Der Landstreicher Darius saß unter einem Baum und beobachtete den vorbeiziehenden Tross aus Frauen, Kindern und alten Männern. Die Meisten gingen zu Fuß während einige Wenige es sich bei ihrem Hab und Gut auf den klapprigen Wagen bequem gemacht hatten.
Das Vieh, das die schweren Wagen zog, gab immer wieder gequälte Laute von sich, aber die Leute trieben die Tiere daraufhin nur mit Peitschhieben zu weiterer Eile an.
Was soll´s, dachte Darius bei sich und schob den Grashalm in den anderen Mundwinkel, wenn sie es so eilig haben.
Der alte dreckige Hut war ihm ins Gesicht gerutscht, aber das störte ihn nicht, schließlich stach die Sonne auf ihn herab. Er rutschte noch ein wenig tiefer und schob die Decke in seinem Nacken zurecht und schon nach wenigen Augenblicken hörten die Vorbeiziehenden nur noch ein Schnarchen von dem Baum her.
Nach einiger Zeit dann wurde es Darius unwohl, er hatte dieses merkwürdige Gefühl in der Bauchgegend und schob den Hut mit dem Zeigefinger nach oben, er erblickte einen kleinen Jungen der nur wenige Schritte von seinen Füssen entfernt stand und ihn interessiert beobachtete.
„Es ist nicht sehr freundlich, Fremde beim Schlafen anzustarren!“, stellte Darius mit kehliger Stimme fest, aber der Junge reagierte nicht.
Darius schüttelte nur den Kopf und ließ den Hut zurück ins Gesicht rutschen. Soll er doch schauen, dachte er. Aber bereits nach wenigen Augenblicken vernahm er die Stimme einer aufgeregten Frau und als er dann unter seinem Hut hervor schaute, sah er gerade noch wie eine Frau, wahrscheinlich die Mutter des Jungen, jenen am Arm fortzog.
„Du sollst bei mir bleiben!“, schimpfte sie und der Junge duckte sich unter der einbrechenden Ohrfeige weg. „Hier gibt’s viele gefährliche Leute, wie der da!“
Darius rümpfte die Nase. Ich gefährlich, dachte er und schaute an sich herab, vielleicht hat sie ja recht. Unbeeindruckt von seiner eigenen Erkenntnis zuckte er mit den Schultern und erhob sich. Die Augen der Vorbeiziehenden richteten sich allesamt auf ihn und einige beschleunigten sogar ihren Schritt, aber Darius interessierte das nicht, er hob dass kleine Bündel das zu seinen Füssen lag auf, verstaute darin seine Decke, warf es sich auf den Rücken, klopfte noch den Staub aus seinen Kleidern und machte sich dann auf den Weg, der ihn in die Richtung führte wo alle anderen her kamen.
Einigen schienen ihn auslachen zu wollen, andere schauten ihm entsetzt hinter her, aber das machte ihm sowieso nichts aus. Er ging einfach weiter seines Weges.
Die Sonne neigte sich schon langsam dem Horizont zu, als er das Ende der Karawane erreicht hatte und ein breitschultriger Mann ihm den Weg versperrte.
„Wo willst du hin?“, tönte der Mann und schaute von oben auf den Landstreicher herab. „Dort wo wir herkommen gibt es nichts mehr für dich zu holen!“
„So?“, antwortete Darius nur recht uninteressiert und kratzte sein unrasiertes Gesicht.
Er tat einen Schritt zur Seite und wollte um den Mann herum gehen, aber jener stellt sich ihm wieder direkt in den Weg.
„Wo willst du hin?“, verlangte der Mann nun mit mehr Nachdruck zu wissen.
„Ich gehe nur meines Weges.“, stellte Darius fest und stemmte die Arme in die Hüfte. „Aber was interessiert es euch? Noch vor wenigen Tagen, nein, vor wenigen Augenblicken war es euch egal wo ich hingehe. Wichtig ist doch nur, das ich nicht mit euch gehe!“
Der Mann war ein wenig verwirrt von der Aussage und Darius nutzte die Gelegenheit, um sich an ihm vorbei zu bewegen. Der Mann jedoch schnellte herum und fasste ihn bei der Schulter.
„Ich rate dir, Landstreicher, geh nicht in unser Dorf, es sind immer noch genug von uns da, die dir das Leben schwer machen würden!“
Darius lächelte nur verkniffen und befreite sich aus dem Griff, dann drehte er sich ab und ging weiter seines Weges.
Nach einiger Zeit gelangte er dann schließlich zu dem Dorf und hielt vor dem Ortseingang inne. Er schaute in die Strassen die er einblicken konnte und in die Häuser, suchte nach Menschen, aber alles was er sah war eine streunende Katze, die ihn kurz anschaute und missmutig fauchte bevor sie weiter schlich.
Darius hatte erwartet eine zerstörte Stadt vor zu finden, was bewegte sonst Leute dazu ihr Heim zu verlassen, aber allem Anschein nach war dieses Dorf noch im besten Zustand. Darius entschloss sich der Sache auf den Grund zu gehen und sich das Dorf mal näher anzuschauen. Er schritt vorsichtig von Westen in das Dorf hinein. Die Strassen waren wie leer gefegt, nicht mal der Wind schien sich hier her zu trauen. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken und er ging vorsichtig weiter.
Der Mann hatte doch gesagt, das hier noch genügend von ihnen wären, dachte der Landstreicher als er um eine weitere Ecke bog und schrak zurück.
„Gott im Himmel!“, stieß er hervor und wich mit geweiteten Augen einige Schritte zurück.
Er hatte den Marktplatz des Dorfes erreicht. Hier musste es gebrannt haben, stellte er bei sich fest und schaute angewidert auf den am Boden liegenden geschwärzten Körper. Es war die Leiche eines Mannes, der ungefähr in seinem Alter gewesen sein dürfte, aber mit Sicherheit konnte er das nicht mehr sagen, weil der Körper bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war. Jetzt fiel ihm erst das Knistern auf. Die Gebäude, die den Marktplatz begrenzten, waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt und Schutt und Spliter säumten die Gegend. Langsam spürte er auch durch seine Schuhe, dass die Pflastersteine des Platzes noch warm waren.
Was war hier passiert?
Er entschied sich, nicht weiter hier verweilen zu wollen und bewegte sich vorsichtig über den Marktplatz zum anderen Ende des Dorfes. Diese Seite des Dorfes schien weniger verschont geblieben zu sein. Kaum ein Haus hatte noch alle Mauern und in einigen glimmten noch kleine Feuer, die unheimlich knisterten. Darius hatte eigentlich gehofft, das Dorf bis zur Dämmerung verlassen zu haben, aber nun verschwand die Sonne und taucht die Gegend in eine Rauch verhangene Finsternis, die ab und zu durch gespenstische, kleine tanzende Schatten unterbrochen wurde.
Er mochte es sich kaum eingestehen, aber er fürchtete sich. In der Schwärze konnte er kaum sehen was nur eine Handbreit vor seinem Gesicht war und entschied sich deshalb die Nacht in einen noch halbwegs intakten Haus zu verbringen, wenn er eins fand. Aber er konnte sich nicht orientieren und schlüpfte deshalb in das erst Beste hinein, dass gerade noch aus drei Wänden und einem halben Dach bestand. Er kauerte sich in eine Ecke und zog seine löchrige Decke aus dem Bündel, unter der er sich versteckte.
Die Stille die ihn umgab schrie in seinem Geist und es erschien ihm langsam als würde das Knistern des Feuers geflüsterte Worte bilden.
Mit weit aufgerissenen Augen suchte er die Finsternis ab, aber er konnte nichts sehen, was ihn jedoch keineswegs beruhigte, eher noch beängstigte. Er konnte einfach die Augen nicht schließen, weil er fürchtete, dass die Finsternis und Stille dann nach ihm greifen würde.
Hatte er etwas gehört? Da! Ein Schatten. Nein, dass war bestimmt nur die Katze.
Plötzlich schwang ein Lichtkegel vor dem Haus herum und ein merkwürdiges Brummen wurde laut. Darius Augen weiteten sich noch mehr und er versuchte verzweifelt sich unter der Decke zu verstecken und schob sie sich über das Gesicht. Jetzt konnte er zwar nichts mehr sehen, aber wenn er sie nicht sah würden Sie, wer immer Sie auch waren, ihn bestimmt auch nicht sehen.
Das Brummen wurde immer lauter und näherte sich, bis es dann nach einem lauten Quietschen stotternd erstarb. Ihm folgte ein Knirschen, dass klang als würde jemand mit Metall auf Metall reiben, dann noch ein Knall und es war erstmal wieder still.
Nur wenige Augenblicke später hörte Darius Schritte die sich näherten und er zog die Decke noch dichter an sich.
„Wir haben niemanden gefunden!“, durchschnitt eine Stimme die plötzlich wieder eingetretene Stille und Darius erschrak.
„Niemanden?“, bohrte eine zweite Stimme nach und sprach dann nach einer Weile weiter. „Gut, dann brennt jedes einzelne Haus hier nieder! Ich will nicht, dass uns jemand in den Rücken fällt wenn wir weiterziehen.“
„Jawohl, Herr Oberst!“
Wieder hörte Darius Schritte, diesmal entfernten sie sich, das konnte ihn aber auch nicht von der aufsteigenden Panik abringen. Immer wieder taucht vor seinem inneren Auge das Bild des verbrannten Mannes auf, den er auf dem Marktplatz gefunden hatte und er wusste dass er nicht so enden wollte.
Wäre er bloß nicht hierher gekommen, aber er musste ja unbedingt neugierig sein. Für Selbstvorwürfe war es so oder so zu spät, aber was sollte er nun tun?
Er hörte gerade noch das schnalzende Geräusch eines Feuerzeugs, da übermannte ihn die Panik. Er sprang auf, warf die Decke beiseite und stürzte aus seinem Versteck. Sofort wurden Schreie laut und er sah aus den Augenwinkeln wie ein Mann sein Feuerzeug von der gerade entzündeten Zigarette entfernte und erstaunt hinter Darius herblickte. Der Landstreicher rannte so schnell ihn seine Beine trugen, sah schon das rettende Ende des Dorfes in Sicht kommen, da hörte er einen Knall und etwas zischte unweit seinem Ohr vorbei, immer wieder knallte es und das Zischen kam immer näher. Dann brach auf einmal ein schepperndes Stakkato aus und etwas traf Darius in den Rücken, hob ihn in die Luft und ließ ihn gegen die letzte Mauer schlagen, die ihn noch von seiner Freiheit getrennt hatte. Abrupt brach der Lärm um ihn ab und ein warmes Gefühl begann seinen Geist zu streicheln. Seine Augen blickten in ein verschwommenes Licht und er wurde immer schläfriger.
Dann schlossen sich die Augen des Landstreichers.