Zimmer mit Aussicht
Zimmer mit Aussicht
Der Schreibtisch nimmt genau den Platz unter der Fensterbank ein, viel länger hätte er nicht sein dürfen, denke ich mir. Das in diesem Haus alle Schreibtische so eben unter alle Fensterbänke passen, kommt mir nicht in den Sinn. Den Kopf schwer auf eine Hand gestützt schaue ich sinnend aus dem Fenster. Wenn man sitzen bleibt, ist es wirklich eine schöne Aussicht. Große, alte Bäume im sommerlichen Grün lullen den Betrachter mit erhabenem Schaukeln ein.
Der Wind zupft durch das Blätterkleid während weiche , warme Sonnenstrahlen die Augen blinzeln lassen. Steht man dann auf und läßt den Blick aus dem Fenster nach unten auf die Straße schweifen, zerreißt ein großer, kühler Autoparkplatz des ansässigen Gebrauchtwagencenters jede träumerische Illusion. Ausgebleichte Fahnen hängen Spalier und lassen bei jedem Windstoß etwas von Ihrer einstigen Pracht erahnen.
Es ist also in jedem Fall besser auf dem Stuhl sitzen zu bleiben. Und überhaupt, im Sitzen hat man mit einem Griff nach rechts bequem die mitgebrachte Stereo-Anlage in Reichweite, die richtige Musik ist ungemein hilfreich wenn man sich so in dem Anblick der alten Bäume verliert. Richtig perfekt wird es dann, wenn man durch eine kleine Gewichtsverlagerung nach links die Kaffeekanne vom dortigen Regal bugsiert und aus seinem Schreibtisch eine von diesen großen Tassen holt, die entweder durch ihre ungewöhnliche Form ( eine meiner Favoriten war immer ein silberner Darth Vader Kopf aus dem ansässigen Comic-Laden ) oder ihre ausgesprochen coolen Sprüche ( Ich bin auf der Arbeit und nicht auf der Flucht ) bestachen.
Zugegeben, dank des recht chlorhaltigen Wassers dieser Region hat dieser Aufguß mit wirklichem Kaffee nur die Farbe und Temperatur gemein, aber die warme Tasse in der Hand und der Geruch der einem in die Nase steigt während man die Tasse so hält wie es uns die Kaffeewerbung seit unserer Kindheit suggeriert, ist unverzichtbarer Bestandteil dieser träumerischen Sitzung.
Hat man dann mit einem genießerischem Seufzen die Tasse geleert, empfiehlt es sich unbedingt auf Kaffeereste unter dem Tassenboden zu achten bevor das Gefäß wieder in der Schublade verschwindet. Ein bedeutender Nachteil wenn man nur eine Ablagefläche sein eigen nennt sind eben diese wahlweise ganz runden ( viel Kaffee unter der Tasse ) oder die halbrunden ( wenig Kaffee unter der Tasse ) Flecke auf allen Papieren. Mich jedenfalls grinsen egal wo hin ich schaue überall diese Kaffee-Smileys an.
Ärgerlich ist es, wenn mitten in der schönsten Schwelgerei plötzlich ein Mitbewohner dieses Hauses den Drang verspürt einen heimzusuchen. Das eben noch praktizierte Wippen des Stuhles wird um ein nach hinten recken des Armes ergänzt und schon kann man den mitteilungsfreudigem Nachbarn in der Tür begrüßen .
Jetzt ist es an dem Gastgeber seinen Besucher kurz zu bitten einen Schritt nach hinten auf den Hausflur zu tun, wie soll man sonst den Stuhl vom Schreibtisch abrücken um aufzustehen ? Nachdem dann Bücher, Kleidung, Frühstücksreste sowie einige andere Dinge die man so rumliegen lassen kann vom Bett geräumt sind , steht dem Besuch nichts mehr im Wege. Einer, den es fast täglich in mein Penthouse zog, war mein Freund Jörg. Dieser hatte es in einem Anfall von architektonischer Größe fertigbebracht , ein Hochbett direkt über der Tür seiner Wohneinheit zu errichten. Eigentlich naheliegend, da unsere Räumlichkeiten fast ebenso hoch wie lang waren. Der dadurch auf dem Boden entstandene Wohnraum muss einfach als gigantisch bezeichnet werden.
Leider ist eine solch luftige Schlafgelegenheit nichts für Leute mit , nun ja, sagen wir, schwerem Knochenbau. Dafür war ich Jörg in Fragen der Innendekoration um Längen voraus. Während er ein handtellergroßes Korkpinnwändchen gespickt mit einem Bild einer verflossenen Liebe und eines äußerst echt wirkenden Vorlesungsplanes für den Höhepunkt der Raumausstattung hielt, wurden meine Wände von wie zufällig platzierten Ansichts- Postkarten bedeckt. Die Ahnung der weiten Welt bildete einen guten Kontrast zur Enge des Raumes.
Überhaupt war die weite Welt sehr präsent in unserer kleinen Apartmentanlage. Anders ist es nicht zu beschreiben wenn ein anderer Nachbar seines Zeichens Tunesier und spätarbeitender Bäcker italienischer Pasta nachts um zwei seine Stereoanlage Mit deutschem Heavy – Metal füttert und erst mal duschen geht.
Zum großen Glück kontert der ortsansässige Karnevalsverein unmittelbar in einem großem Versammlungsraum direkt unter mir derartige Ruhestörung mit rheinischem Frohsinn. Nach ein paar Wochen wundert man sich nicht mehr , wenn einem dann im Hausflur Soldaten der französischen Revolution bis an die Zähne mit großkalibrigen Musikinstrumenten bewaffnet entgegen kommen.
Da fast ausnahmslos alle Menschen unter diesem Dach ihrer ursprünglichen Umgebung entrissen und fern ihrer Familien ihr Glück in der großen Stadt gesucht haben, liegt es nahe, so etwas wie eine neue große Sippe zu bilden die sich ganz furchtbar lieb hat.
So ist es das normalste der Welt seinem Flurnachbarn mal einen Salzstein ( alle Leute die mal versucht haben im Kölner Raum Geschmack an Ihre Nudeln oder den Reis zu bekommen wissen wovon ich rede ) zu leihen oder in einer großen Geste der Menschlichkeit mit ein paar Flaschen Bier auszuhelfen.
Nachdem sich allerdings zwei Autoradios und mindestens vier Antennen sowie mein mühsam erspartes Fahrrad ( nicht so ein Studenten Drahtesel der an jedem zweiten Laternenmast in der Innenstadt gelehnt auf Mitnahme hofft – nein , nein ... ich rede hier von einem sauteurem Trekking Bike mit einem superleichten Rahmen aus der Weltraumforschung ! ) „ ausgeliehen „ wurde kehrte sich meine Großzügigkeit in das Gegenteil um: Kurz, ich fing an unter Verfolgungswahn zu leiden oder um es mit einer in den Achtzigern bekannten österreichischen Spass-Combo zu sagen:
Das Böse ist immer und überall.
Ab diesem Zeitpunkt weckte mich nachts jedes noch so kleines Geräusch, dieses Privileg hatte bis dahin nur des Bäckers Steroanlage und mein notorisch vor sich hin brummender Kühlschrank für sich in Anspruch genommen.
Meine Gegenmaßnahmen waren ebenso kühn wie einfallreich...und eine Lektion der Sorte „ nicht alles was im Film klappt funktioniert auch in der Realität „ :
Ich fing unter anderem an, mir Haare vom Kopf zu zupfen ( ok, wenn das zu weh tat holte ich mir welche aus dem Waschbecken) und diese mittels eines Klebestreifens im Rahmen der Ausgangstür zu befestigen sobald ich das Haus verließ.
Dummerweise habe ich diese Haar Alarmanlage bei meiner Rückkehr meist selbst nicht mehr gefunden, was entweder bedeutete das ständig Fremde in meinem Zimmer ein und aus gingen oder das Licht auf den Fluren einfach zu schummrig war um das verdammte Haar zu finden. Um meine Nerven zu schonen habe ich mich für letzeres entschieden.
Eine andere Gelegenheit das Eis zu brechen und seine Mitbewohner näher kennenzulernen waren die wöchentlichen hausinternen Veranstaltungen. Anfangs gemieden, ging ich später mit dem Gedanken hin das meine Mitbewohner vielleicht aufhören mich zu beklauen wenn sie mich erst mal kennengelernt hätten. Ein Irrtum, genauso wie das mit dem Haar im Türrahmen.
Dort lernte ich nicht nur ausgezeichnet Pizza backen ( eine Kunstfertigkeit die ich leider viel zu wenig anwandte da ich einen Sandwichtoaster der Extraklasse mein Eigen nannte! ) und Tischtennis spielen sondern auch ein hübsches Mädchen kennen die sich bisher in der Anonymität unserer Etagen verborgen gehalten hatte.
Ich und meine Phantasie waren uns schnell einig das dies wohl das wunderbarste Geschöpf diesseits des Rheins sein mußte. Das entschuldigt vielleicht auch, das ich Sie anfangs ob ihrer äußeren Erscheinung für eine Austauschstudentin aus Schweden gehalten habe die durch Flure und Treppenhäuser wandelt statt zu gehen. Hmm, nein , eigentlich entschuldigt es das nicht.
Selbstverständlich habe ich für Chris , das war Ihr Name, wohl eine crazy Abkürzung für Christine oder Christiane , all das getan was ein Mann tun muss um die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen.
Am Anfang steht natürlich das Aufräumen der eigenen vier Wände. Wie mann sich denken kann, brauchte ich für einmal gründlich reinemachen ungefähr viereinhalb Minuten.
Chris bewohnte schließlich auch nur ein ebensolches Wohnklo wie ich, daher war die Sache nach Staubsaugen und abkratzen der Käsereste von oben erwähnten Toaster für mich erledigt.
An dieser Stelle sehe ich vor meinem geistigen Auge eine lange Reihe von Irrtümern in einer Schlange stehen...und soeben kommt ein weiterer fröhlich pfeifend um die Ecke und stellt sich hinten an.
Es war Chris anzusehen das Sie am liebsten in einem Ganzkörper Lackiereranzug gestiegen wäre , die Dinger die sich sich Karneval und bei Junggesellenabschieden großer Beliebtheit erfreuen. Immerhin war Sie höflich genug nicht sofort hinaus zu stürmen ( vermutlich unter höhnischem Gelächter der Kaffee Smiley´s ) aber ab diesem ersten Besuch haben wir uns dann immer bei Ihr getroffen.
Überflüssig zu erwähnen das es ihre Bude ohne weiteres auf das Titelbild von „ Schöner Wohnen „ geschafft hätte. Um bei mir zu retten was zu retten ist, hat sie mir einen Besuch bei IKEA verordnet und mir einen Benjamin Baum geschenkt.
Von ersterem ist mir nur ein Mini Läufer geblieben, Marke Toiletten-Poncho. Letzterer habe ich Chris wieder vor die Tür gestellt, kurz bevor ich ausgezogen bin. Er hat mir die Aussicht auf die großen alten Bäume verbaut und ohne gegossen zu werden überlebt nicht mal ein Benjamin.
Das mit dem Studieren hat nicht geklappt, das mit Chris auch nicht. Aber immer wenn ich mir einen Kaffee in meine Darth Vader Tasse giese ( ja , die habe ich noch ) denke ich gern an mein Zimmer mit Aussicht zurück.
ENDE