Zeitreise mit der Bahn
„Meine Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Kassel-Wilhelmshöhe. Sie haben Anschlußmöglichkeiten nach ...“ , ertönt eine Stimme aus den Lautsprechern. Ich lege mein Buch zur Seite, weil ich mich nicht mehr auf die Zeilen konzentrieren kann. „Ab nach Kassel!“. Das war bei meinem damaligen Arbeitgeber der Spruch, wenn junge aufstrebende Mitarbeiter sich noch bewähren sollten, bevor sie zu einer höheren Aufgabe und in die attraktiveren Standorte berufen wurden. Vorher wurden sie erstmal nach Kassel geschickt. Ob das heute auch noch so ist?
Der ICE hält in Kassel-Wilhelmshöhe. Dieser Bahnhof war damals noch im Bau. Ich beobachte die Menschen auf dem Bahnsteig und ertappe mich dabei, nach einem bekannten Gesicht zu suchen. Ein paar meiner ehemaligen Kollegen, die in Kassel geblieben sind, würde ich sicherlich wiedererkennen. Doch das wäre wirklich ein großer Zufall, wenn in gerade dieser Minute einer von ihnen auf diesem Bahnsteig stehen würde.
Es ist schon lange her und die Zeiten haben sich geändert. Ich frage mich, ob wirklich ich hier in Kassel war oder nicht vielleicht ein anderer Mensch. So sehr ist diese Welt inzwischen von mir entfernt. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung. Erst ganz langsam, vorbei an Häusern und Straßen, an die ich mich schwach erinnere, und dann immer schneller entfernt er sich aus dieser Stadt. „Weg von Kassel“. Diese Station war nur ein Zwischenhalt. Für den ICE wie für mich.
Mit hoher Geschwindigkeit fährt der Zug vorbei an grünen Wiesen, sanften Hügeln und sich dahinschlängelnden Flüssen. Ich hatte viele Ausflüge in die Umgebung gemacht, bin gewandert, gerudert und mit dem Rad unterwegs gewesen. Bis ich zur nächsten Aufgabe gerufen wurde.
Der Zug fährt durch einen Tunnel. Es ist dunkel und wie eine Zeitreise. Nach dem Tunnel strahlt wieder die Sonne durch die Fenster. Ich befinde mich zurück in der Gegenwart. In der Reihe vor mir ist aus dem Walkman eines jungen Mannes schwach eine monotone Musik zu hören und auf der rechten Seite des Ganges hat sich eine alte Dame zu dem Mann mit dem südländischen Aussehen gesetzt. Ich überlege, ob ich in der Zeitung weiterlesen sollte, die ich mir am Frankfurter Bahnhof gekauft hatte. Aber ich bin nicht bereit für die vielen negativen Nachrichten aus unserem Land und der Welt. Jetzt ist Zeit für eigene Gedanken. Ich beobachte die Regentropfen, die am Fenster entlang laufen. Erstaunlich, wie schnell das Wetter von Sonnenschein in Regen wechselt. Ist das der Frühling, der gestern auf dem Kalender begonnen hat? Oder doch das typische abwechslungsreiche Wetter in Norddeutschland? Oder beides? „In wenigen Minuten erreichen wir Hannover Messe Laatzen. Besucher der CeBIT können über den Skywalk zum Eingang der Halle 13 gehen“, ist wieder die Stimme aus den Lautsprechern zu vernehmen. Sofort springen einige Fahrgäste auf, ziehen ihre Jacken oder Mäntel an, greifen ihre Koffer oder hängen ihre Taschen über die Schulter und bahnen sich den Weg zu den Ausgängen. Interessiert schaue ich aus dem Fenster auf den Bahnhof. Ich frage mich, ob es diesen Bahnhof früher schon gegeben hat, als die CeBIT noch zu meinem Arbeitsalltag gehörte. Ich weiß es nicht. Zur CeBIT bin ich immer nur mit dem Auto gefahren, habe mich eingereiht in die Blechlawine, die sich um das Messegelände schlängelte und habe mein Auto in irgendeine Reihe auf eine der Wiesen abgestellt, die zur Messezeit in Parkplätze umfunktioniert wurden. Einen Skywalk gab es damals ganz sicher noch nicht. Die CeBIT war für uns die fünfte Jahreszeit. Undenkbar für uns, dass es einmal eine Zeit ohne die CeBIT geben würde. Anscheinend ist jetzt gerade die fünfte Jahreszeit. Ich stelle fest, dass sie auch ohne mich stattfindet. Heute beneide ich die Menschen nicht, die jetzt in den Messehallen arbeiten müssen oder die, die sich an diesem Wochenende durch die Hallen drängen. „Seh- und Beuteltiere“ haben wir die Wochenendbesucher immer abfällig genannt. Eine geringe Wertschätzung derer, die keine Kaufentscheider waren, sondern interessierte Menschen, die sich über den Stand der Technik informieren wollten. Vielleicht sind sie die heutigen Kunden.
Während meiner Überlegungen hat der Zug in Hannover gehalten. Die alte Dame rechts vom Gang ist inzwischen in ein Kreuzworträtsel vertieft und der junge Mann mit dem Walkman ist nicht mehr zu hören. Wahrscheinlich ist er in Hannover ausgestiegen. Die Sonne scheint wieder und trotz der noch fehlenden Blätter an den Bäumen sieht die Welt schon etwas freundlicher aus. Der Winter war lang genug. Ich freue mich immer auf diese Zeit, in der die Sinne aus dem Winterschlaf erwachen und sich der Frühling überall in der Natur bemerkbar macht. Aber jetzt macht sich bei mir nur der Kaffee bemerkbar, den ich vor der Abfahrt in Frankfurt noch schnell mit meiner Freundin getrunken habe. Wohl oder übel zwinge ich mich, die Toilette aufzusuchen, bevor wir den nächsten Bahnhof erreichen würden. Ich gehe vorbei an schlafenden, lesenden oder rauchenden Menschen. Wieder zurück auf meinem Platz klingelt irgendwo ein Handy mit einer nervigen Melodie und einige Fahrgäste schauen kurz von ihren Büchern hoch. „Hallo“, posaunt die junge Frau unüberhörbar für alle in unserem Abteil in ihr Handy. Obwohl ich mich noch so sehr auf die vorbeifliegende Landschaft konzentriere, ist es dennoch unmöglich, dem Telefonat nicht zu folgen. Die junge Frau scheint zu den Menschen zu gehören, die nicht leise sprechen können. Oder ihr Anrufer ist wirklich schwerhörig. Diese geringe Wahrscheinlichkeit will ich natürlich nicht ausschließen. Nachdem wir alle wissen, dass sie mit ihrem „Schatzi“ telefoniert hat und in Hamburg aussteigen wird, kann ich wieder meinen Gedanken nachgehen. Ich erinnere mich nicht, jemals einen meiner Freunde „Schatzi“ genannt zu haben. Ich glaube auch nicht, dass ich das in Zukunft noch tun werde. Noch bevor ich weiter darüber nachdenken kann, ertönt die Stimme aus dem Lautsprecher: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, in wenigen Minuten erreichen wir Hamburg-Hauptbahnhof“. Ich muss aussteigen. Durch die Fenster kann ich schon die Großmarkt- und Deichtorhallen sehen. Ich verstaue meine Zeitung in meiner Tasche, ziehe meine Regenjacke an und gehe zum Ausgang. Der Zug hält und nacheinander steigen wir aus. Als ich meinen Fuß auf den Bahnsteig setze, sehe ich die junge Frau mit dem Handy eng umschlungen mit ihrem „Schatzi“. Ich schaue auf meine Uhr. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. Die letzten Stunden und die letzten fünfzehn Jahre.