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Zeichen des Regens

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03.04.2003
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Zeichen des Regens

Tränen des Regens

Allmählig fielen die ersten Tropfen. Wie lange hatte Marie sich nach diesen kleinen Spuren des Lebens gesehnt.
Sie saß beim Bäcker, eine große Tasse mit Milchkaffee und einen alten Aschenbecher vor sich.
Sie war eigentlich kein Raucher. Marie war ein Mensch der Raucher verabscheute. Der Qualm war schon immer schrecklich, fand sie.
Doch heute war alles anders. Heute durfte sie, es war ein ganz besonderer Tag. Ein trauriger Tag. Heute vor vier Jahren war ihre Mutter gestorben. Einfach eingeschlafen. Einfach so. Es war schon so lange her.

Marie schloss die Augen. Wenn sie sich Mühe gab, konnte sie noch immer die Hand ihrer Mutter auf ihrem Arm spüren. Ihre dünnen, knochigen Finger fassten sanft, aber bestimmt zu, als hätte die Mutter Angst gehabt, ihre eigenen Hände könnten bei einer Berührung zerbrechen.

Die Mutter hatte sie selten angefasst.
Aber gerade das war es, wofür Marie ihr heute dankbar war. Hätte die Mutter es oft getan, wäre es nichts besonderes mehr gewesen. Dann könnte Marie sich wahrscheinlich auch nicht mehr so genau an diese Momente erinnern.

Die Tropfen bedeckten langsam die gesamte Fensterscheibe. Die Hauptstraße war kaum noch zu erkennen. Auch die Umrisse der vorbeieilenden Leute sah sie kaum. Im Spiegelbild der Scheibe erkannte sie ihre Mutter, die sie anstarrte. Der strenge Blick sagte so viel über ihr Wesen aus.
Unnahbar, eher ein Einzelgänger, der Probleme hatte, andere an seinem Leben teilhaben zu lassen. Ihre Haare waren streng nach hinten gekämmt, oben zusammengeflochten.
Diese kalten Augen, sie starrten Marie an. Sie wandte den Blick ab. Nie hatte sie geschafft, dem Blick ihrer Mutter stand zu halten.

Marie zündete sich die dritte Zigarette in Folge an.
Sie hatte keine Lust, aufzuhören. Warum auch.
Der Regen lief in langen Striemen an der Glasscheibe herunter.
Der Rauch vernebelte Maries Blick.
Heute war sie auf dem Friedhof gewesen. Am Grabe ihrer Mutter war sie stehen geblieben. Nichts hatte sie angerührt. Zwar liebte die Mutter ihre Ordnung, doch das Grab sollte so wachsen, wie Mutter nie war.
Wild, unbefangen und frei. Die Zwänge des Alltags drückten sie in die strenge, ernste Schiene. Dort blieb die Mutter dann stecken.
Marie hatte nichts gesagt, nichts getan. Sie hatte einfach nur da gestanden. Kein Wort gedacht, kein Gebet gesprochen. Einfach die Schönheit und Ruhe dieses Ortes genossen.

Die Regentropfen liefen die Scheiben herunter, wie die Tränen über Maries Gesicht. Da guckte sie wieder in die Scheibe. Marie wollte es ihrer Mutter zeigen. Wollte all ihre Gefühle in diesen Tränen des Regens ausdrücken.
Sie schaute ganz genau hin. Auch ihre Mutter weinte, immer wieder durchschnitten von herübereilenden Passanten.
Als Marie ihre Mutter weinen sah, verstand sie.

Der Regen rann das Fenster herunter. Die Passanten sprangen über meterlange Pfützen.
Dann kam die Sonne. Marie stand auf, schmiss etwas Kleingeld auf den Tisch und verließ den Bäcker.

Wie ein sanfter Schleier strich der Regen über ihre Haut, als wenn er eine Last abwusch.
Sie ging. Einfach quer die Straße auf und ab. Egal, was andere dachten.

Wer brauchte schon Ordnung, wenn es das Leben gab?

 

Hallo Horni,danke für deine Kritik. Ich hatte beabsichtigt, einfach eine ruhige Person in Ruhe zurückdenken, nachdenken zu lassen. Hätte ich zu viele Emtionen hereingebracht, wäre die Ruhe gestört worden, denke ich. Außerdem sollen die Norddeutschen ja sowieso eher trockene Menschen sein - liegt also an meinen Genen ;) .
Auch denke ich das "Geld auf den Tisch schmeißen" umgangssprache ist.
Schönen Gruß
WibiB

 

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