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Wozu Dämme bauen?
Dichtes Moos bedeckte den Boden. Als hätten Waldgeister einen kostbaren, grünen Teppich gewoben. Marlene spielte selbstvergessen mit einem kleinen abgebrochenen Zweig den sie unterwegs von einem Strauch gebrochen hatte. Sie genoss den Spaziergang. Es roch nach feuchtem Holz, nach vergessenen Tagen der Kindheit. Zartrosa Blüten suchten den Weg ans Licht durch das niedere Gewächs. Vor ihr lief ihr Sohn, Patrick, kaum fünf Jahre alt. Seine dunklen Haare kringelten sich um sein erhitztes Gesicht. Die großen braunen Augen des Kindes waren ihr eine ständige Erinnerung an eine Liebe, die nicht für die Ewigkeit gedacht war.
„Hast du was Mami?“ Patrick war stehen geblieben und sah Marlene mit einer Miene an, die mehr versteckten Zorn, denn Besorgnis verriet. Er hatte seine kleinen Hände in die Hüfte gestemmt. Die ständige Traurigkeit seiner Mutter nervte ihn. „Nein, nein mein Herz, es geht mir gut, wirklich“. Marlene strich ihm mit der Hand sanft eine dunkle Locke aus dem gebräunten Gesicht. Sie musste unwillkürlich lächeln.
Die Sonne schien warm und lud zum Verweilen ein. Marlene legte sich behaglich ins Moos. „Komm, leg dich neben mich und breite deine Arme ganz weit aus. So, siehst du?“ Der Bub tat es seiner Mutter gleich, legte sich auf den weichen Boden. „Wow, das ist aber toll“ sagte Patrick als er nach oben in die Baumkronen sah. Die Stämme der Bäume schienen ins Unendliche hineinzuwachsen. Der Bub blinzelte in die Sonnenstrahlen, welche sich einen Weg durch die Blätter brachen. Ihre zarte orange Färbung wies auf den nahenden Abend hin. Ein Vogel sang sein Lied, unerkannt, verborgen in den vielen Verzweigungen der Äste.
Wie angenehm war es, die Wärme aufzunehmen, durch die Poren einfließen zu lassen in die, vom Winter noch etwas klamme Seele. Marlene genoss die leicht dampfende, weiche Unterlage. Sie schloss behaglich die Augen.
Fast augenblicklich war seine Nähe spürbar. Seine zärtliche Hand strich über ihr Haar, streichelte sanft über ihren Hals. Suchte den Weg über ihre Brust, legte sich behutsam, wie schützend, auf ihren Bauch. Ihre Sinne waren wach, ihr Körper voll Sehnsucht. Sein Mund war ganz nah, sie spürte seinen Atem auf der Haut - da zerriss ihr Sohn den Tagtraum, indem er wie ein kleines Schweinchen grunzend, auf die Mutter zu krabbelte.
„Ich hab dich, jetzt wirst du gefressen, ich bin der Wolf“ und schon warf er sich mit seinem weichen Körper auf die junge Frau und begann ungestüm, mit lauten Schmatzgeräuschen die Arme seiner Mutter anzuknabbern. „Hör auf, du kleines Monster“ lachte Marlene und schüttelte gleichzeitig den Jungen und ihre verwirrenden Phantasien ab.
„Schau ein Marienkäfer“ jauchzte Patrick und ließ ihn vom Blatt auf seinem Arm krabbeln. „Kann ich ihn mitnehmen?“ Marlene schüttelte den Kopf: „Ich denke, er ist lieber hier im Wald, bei seiner Familie“ meinte sie und ließ sich bequem zurück ins Moos fallen, stützte den Kopf in ihre Hand. „Darf er seinen Papa auch nur alle zwei Wochen sehen?“ fragte das Kind harmlos. Marlene verkrampfte sich, empfand sofort die noch frische Wunde wieder, die sie so gerne ignorieren wollte.
Patrick ersparte ihr eine Antwort: „Pst, hörst du, da rauscht irgendwo Wasser?“ Er hob die kleinen Schultern hoch und legte den Finger auf die Lippen als wäre es allein dadurch möglich, die Welt verstummen zu lassen. Sie richtete sich auf und nahm ihren Sohn auf den Arm. Sie trug ihn ein Stück durch den Wald, streichelte mit der freien Hand liebevoll über seinen Rücken. Sie verbarg ihr Gesicht in seinem Haar und atmete tief ein. „Wie gut das riecht“ dachte sie bei sich. Diese warme, erhitzte Kinderhaut, welch ein Duft. Wie konnte er nur darauf verzichten?
„Lass mich runter, da vorne ist ein Bach“. Marlene stellte den Kleinen auf den Boden und sah zu wie er zum Wasser lief. Sie setzte sich auf einen Baumstumpf und beobachtete die vergeblichen Versuche ihres Kindes, das Wasser mit einem Holzstück am Weiterfließen zu hindern. Es funktionierte nicht. Sie dachte an ihre eigenen vergeblichen Bemühungen, in Fluss gekommenes, aufzuhalten. Das schon verloren Scheinende noch schnell festzumachen, irgendwo an einem Haken der Zeit.
Im Grunde wusste sie es schon damals, als er ihr sagte, er fühle sich einfach zu jung, zu dynamisch für ein Kind. Das sei einfach nicht sein Ding, es gäbe noch so vieles zu sehen, zu erleben, ob sie es denn nicht einfach wegmachen könne? Sie konnte nicht, verdrängte jahrelang, dass er ihr gemeinsames Kind nicht leben sehen wollte. Irgendwann am Beginn des Frühlings, stürzte er sich in die ausgebreiteten Arme eines hübschen Mädchens, die ihm das Gefühl gab, ihr Held zu sein. Nun brauchte er nicht erwachsen zu werden, keine Verantwortung mehr tragen.
Marlenes Augen füllten sich mit Tränen. Sie blinzelte sie weg. Gekonnt nach monatelangem Training, gelang es ihr fast auf Anhieb, den Schmerz in die kleine schwarze Ecke ihrer Seele hinunterzuschlucken. Sie hockte sich neben Patrick ins Gras. Gerne wollte sie das Kind umarmen. Es war so verlockend, dem Jungen all die Liebe aufzudrängen welche in ihr schlummerte. Sie widerstand dem Impuls, ballte die Hände kurz zu Fäusten, grub die Nägel in ihr Fleisch. Fast augenblicklich entspannte sie sich wieder.
Patrick warf das Holzstück ins Wasser und ließ es davon treiben. „Möchtest du ein größeres Stück Holz oder Steine, um einen Damm zu bauen?“ fragte sie Patrick und setzte sich ins Gras. Der Junge kuschelte sich an seine Mutter und schaute gelöst ins Wasser. „Nein Mami,lassen wir es einfach fließen.“