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Wirklichkeit
Der Tag war warm. Oder kalt, je nachdem, wie man es sehen wollte.
Es spielte keine Rolle. In der Wirklichkeit verschwamm es so oder so wieder und er würde sich nicht mehr erinnern können, ob es nun warm oder kalt gewesen war, an diesem Tag.
An diesem Tag.
Er fröstelte. Es war schon komisch, wie so vieles auf einmal doch zusammen kommen konnte.
Noch nicht einmal zwei Stunden zuvor war er noch dort gestanden, laut schnaufend, auf dieses Häufchen Elend blickend. Mit diesen Händen, diesen schönen Händen, die aussahen wie manikürt, aber in Wirklichkeit ganz natürlich waren.
Ein Kopfschütteln.
Die Wirklichkeit.
Dieser überraschte Ausdruck auf ihrem Gesicht, diese ein zwei Momente, in denen man denkt, nun sterbe sie gleich und sie lebte doch weiter.
Dieses Keuchen, dieses langsame Ersticken, es war einfach grausam.
Und schön, wunderschön, rief da irgendwo eine Stimme. Irgendwo ganz weit weg, im Hinterkopf wahrscheinlich, dachte er.
Und seine Augen bewachten. Bewachten alles, was sie sahen.
Bewachten den Platz, die Schaukel, das Kind.
Ihm fiel das Haarband auf, das das schöne, blonde Haar zusammenhielt. Pink war das, pink wie ein Schweinchen. Ein kleines Schweinchen, ja, das war gut.
Er lächelte, grinste schon fast, wie er dort stand, zwischen den Büschen, den Spielplatz beobachtete und dabei sein Glied fest mit einer Hand umschlossen hielt.
Es kam nichts mehr. Das war eine Schande, bisher hatte er noch nie aufgegeben. Verzweifelt versuchte er es noch einmal.
Nichts.
Verdammt, er konnte doch nicht…
In seiner Hosentasche zuckte plötzlich etwas. Geistesgegenwärtig griff er hinein und zog den Finger, mit dem Ring daran heraus.
Ein schöner Finger war es. Ein wahrhaft schöner Ringfinger. Mit einem großen, langen Fingernagel an der Spitze und diesem wunderschön glänzenden Goldring am unteren Ende.
Er seufzte. Warum zuckte der denn immer noch?
Er verstand Menschen nicht. Immer noch nicht. Sie mussten immer kämpfen, immer noch weitermachen. Sie litten, kämpften immer, sie erhofften sich immer noch irgendwo her die große Rettung, die dann aber doch nie kam.
Warum sie das taten? Wusste der Himmel warum, er jedenfalls verstand es nicht.
Der Finger landete wieder in der Hosentasche, wo er ihn so weit in die Mitte schob, dass er sein Glied berührte und es bei jeder Zuckung leicht anstupste.
Er schloss die Augen. Das war gut, das war sehr gut. Genüsslich ging seine Zunge über die spröden Lippen.
Dann kam plötzlich etwas. Ganz unverhofft waren sie plötzlich da. Schon wieder. Das durfte doch nicht wahr sein.
Verärgert öffnete er seine Augen wieder. Konnten sie ihn nicht in Ruhe lassen? Mussten sie ihn immer quälen?
Er wollte doch nur einmal ein bisschen genießen. Verzweifelt blickte er sich um.
Genießen ist verboten, hatten sie ihm gesagt. Hör auf damit, dein eigener Körper ist nicht richtig. Es gibt wichtigeres zu tun, das hatten sie gesagt.
Und er hatte ihnen geglaubt.
Ja, immer schon, von Anfang an hatte er sich herumführen, sich schikanieren und demütigen lassen.
Immer schon waren sie da gewesen, diese Wellen.
Und sie kamen wieder. Ganz klar, ganz deutlich spürte er sie schon. Sie näherten sich, von allen Seiten. Grosse, rauschende Wellen, die ihn wieder einmal verschlingen wollten, ihn quälen wollten, ihn verführen wollten.
Seine Hand glitt aus seiner Hose und ging zu seinem Kopf.
Es tat weh. In seinem Kopf fing es an zu hämmern. Erst ziemlich leise, doch dann immer lauter und lauter.
Die Wellen rauschten.
Blitzschnell drehte er sich um.
Da waren sie, er hatte sie gesehen, auch wenn sie versuchten, sich hinter den Bäumen zu verstecken, er hatte sie gesehen.
Was jetzt? Sie waren schon da, sie waren schon bei ihm.
Er wollte nicht, er konnte nicht, nicht schon wieder, es war genug.
„Bitte!“, rief er. Aber keiner hörte es, die Wellen waren wieder lauter geworden. Jetzt schienen sie fast zu schreien.
Sie wollten, dass er es tat. Aber er wollte nicht, die Wirklichkeit war anders, die Wirklichkeit war wirklich.
Er sah sie wieder. Dieses Keuchen, diese Hände an ihrem Hals. Tränen stiegen ihm in die Augen.
„Nein“, keuchte er, tränenerstickt. Sie hatten ihn getrieben, mal wieder.
Er wollte nicht mehr.
Doch dann war da sie. Gewesen war sie. Schön und reich, mit schönen Händen und langen Fingernägeln daran. Ein Ring war immer an einer Hand gewesen.
Er schüttelte den Kopf. Nein, nein.
Er hörte dieses Keuchen. Das Japsen, als das Messer in ihre Scham eingedrungen war.
Die Tränen liefen an seinen Wangen herunter.
Er hatte das nicht gewollt. Sie wussten, dass er das nicht gewollt hatte und trotzdem hatten sie ihn dazu gezwungen, diese Wellen.
Sie waren so laut. Er hörte nichts mehr, gar nichts mehr. Er wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen, nichts mehr spüren.
Der Finger in seiner Hose zuckte. Mit verkrampftem Gesicht sah er wieder das Haarband. Pink. Pink und so wunderschön. Die Tränen liefen weiter. Dieses Haar, so lang, so blond.
Sie war es, sie hatten sie wieder ausgewählt.
Er wollte nicht. Nein, nein, nein. Er nicht.
Aber er musste. Musste tun, was er tun musste.
Er war ein Sklave.
Die Wellen umspülten ihn. Nahmen ihn auf in sich, zogen ihn hinab in die Tiefe. Es wurde dunkler, immer dunkler.
Die Augen waren starr. Er wurde umhergewirbelt.
Plötzlich hatte er eine Pistole in der Hand. Verwundert blickte er darauf. Was war das?
Und das Messer in der anderen Hand, was war das?
Er schrie. Er schrie wie am Spies, aber er konnte sich nicht wehren. Er schlug um sich, versuchte, sich zu befreien. Wild schlugen seine Arme umher, durch die Wellen, sich die Freiheit suchend.
Er kam nicht frei.
Da war jemand am Boden, er hatte es nicht richtig gesehen. Das Wasser trübte seine Augen zu sehr.
Plötzlich Blut, überall.
Sein Blut?
Nein, dachte er. Aber die Wellen schrieen. Und tobten. Wirbelten ihn umher. Er wollte nicht, es sollte aufhören.
Doch dann war sie wieder da.
Und es, dieses pinke Haarband. Schön, so schön.
Das Mädchen schrie, als irgendwoher wieder das Messer kam.
Die Wellen schrieen auch. Immer noch lauter.
Er schrie, die Mutter schrie, verstummte dann aber urplötzlich auf einmal.
Er blickte einmal kurz hin, kümmerte sich aber nicht weiter darum.
Seine Augen gingen wieder zu ihr.
Jetzt war es soweit, sie hatten ihn wieder dahin gebracht. Er war wieder da. Und er wollte nicht.
Doch.
Wollte er?
Da war kein Schrei mehr. Nur noch Stille, nur noch Blut, und ein Haarband, dass nun lila war, oder fast rot.
Er hielt es in der Hand und blickte sich verwirrt um. Blickte auf seine Hände, die über und über mit Blut verschmiert waren. Blickte auf seine Brust. Dort war auch Blut. Das floss an ihm herunter, nicht sehr schnell, aber stetig. Er musste husten. Seine Augen flatterten ein wenig. Was war denn das nun?
Wo waren die Wellen? Weg, er hörte sie nicht mehr.
Aber sie konnten nicht weg sein, sie konnten nicht gehen. Sie waren immer da.
Wo waren sie.
Mit einem dumpfen Schlag fiel er auf den schmutzigen Spielplatzboden.
Was geschah.
Da kam etwas aus seinem Kopf, etwas Warmes.
Er wackelte mit dem Kopf, was war das? Das Warme kam immer weiter und weiter, bis er es sah.
Es war nichts. Alles war gut. Blut lief in seinen Mund.
Und als die Wellen sich verabschiedeten, sah er die grünen Männer und Pistolen und Lärm. Lärm, ganz viel Lärm.
Er legte sich zurück, alles drehte sich. Aber diesmal von alleine, nicht durch die Wellen, sondern von alleine. Ein Seufzer kam aus seiner Kehle.
Na also, da war er doch. Er hatte es geschafft, die Demütigung, das Sklaventum war vorbei. Er war frei, endlich frei.
Da kam das Leben an ihm vorbei und schaute auf ihn hinunter. Es schüttelte den Kopf und ging weg.
Dann kam der Tod, der schüttelte ebenfalls den Kopf und ging weg.
Er schloss seine Augen, ließ sich gehen.
Dann kam die Wirklichkeit.
Die nahm ihn mit.