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Wir waren nur Kinder
Wir waren nur Kinder
Völlig fassungslos standen wir da starrten auf den leblosen Körper. Einen Moment lang stand die Zeit still. Ich habe ihn getötet. Ich habe ihm das Leben genommen. Dabei waren wir nur Kinder. Wir wollten immer Männer sein, harte Männer. Uns gehörten die Strassen, ja, dieses ganze viertel.
Als ich zwölf Jahre alt war, starb mein Vater. Meine Mutter und ich waren gezwungen aus Curitiba Paran in eine echt miese Gegend in Rio zu ziehen. Überall heruntergekommene Häuser, und in den Zwischenräumen Wellblechhütten, die den Eindruck machten das es hier nie gute Zeiten gab. Außer ein wenig ausgedörrten Gras und vereinzelten Pflanzen in den Fenstern der privilegierteren Hausbewohner gab es kaum etwas grün, kaum etwas Hoffnung darauf einmal eine andere Welt zu sehen. Die Menschen hier hatten nichts, viele nicht einmal mehr als das was sie am Leib trugen. Irgendwie gelang es meiner Mutter einen Job als Putzhilfe bei einer Grossen Firma in Rio zu bekommen. Ich durfte nicht darüber sprechen, denn Geld zu haben stellte eine Gefahr fürs Leben dar. Wir nahmen uns eine kleine schäbig Wohnung in der Rua Pedro Gusso 1324, einem der Blickfänger des Viertels. Ein großes Backsteinhaus, mit schöner Fassade und intakten Fensterscheiben. Sehr schmutzig zwar, aber dennoch schön anzusehen. Das Treppenhaus brachten wir immer sehr schnell hinter uns. Es stank aus allen Ecken, nach kalter Asche, Urin und Kot. Es wimmelte nur so von Ratten. Man konnte am helllichten Tag ihr quieken hören. Wenn man durchs Treppenhaus lief. Furchtlos stellten sie sich jedem in den Weg der sich ihrem Nest allzu sehr näherte. Es lag wohl irgendwo im Keller. Niemand ging dorthin. Es gab keinen Grund. Hätte man dort irgendetwas von Wert gelagert, so wäre es innerhalb von Stunden gestohlen und zu Geld gemacht worden. Oder von den Ratten zerstört. Der Keller war aufgegebenes Terrain. Manchmal fragte ich mich ob die Ratten Miete zahlten. Eine Schule gab es zwar ein paar Blocks weiter, jedoch arbeiteten dort schon seit geraumer Zeit keine Lehrer mehr. Stattdessen wurden die Räumlichkeiten von diversen Gangs und Obdachlosen als Quartier genutzt. Ich blieb also den ganzen Tag zuhause in unserer kleinen heruntergekommenen Wohnung. Ich durfte nicht nach draußen. Mama sprach davon das es nur Irre da draußen gäbe. Ich hörte auf sie und blieb brav daheim. Manchmal stellte ich mich ans Fenster und schaute neugierig raus auf die Strasse. Da saßen Männer in schmutzigen Unterhemden am Straßerand auf Holzkisten und spielten Karten. In einem ausgeschlachteten alten Straßenkreuzer schlief ein Hund. Eine dicke alte Frau saß vor ihrer Wellblechhütte und nahm ein Huhn aus. Neben ihr auf einem kleinen Holzfass stand eine Flasche Schnaps. Die Sonne färbte die Strasse in ein leuchtendes Orange. Es sah harmlos aus da draußen. Ich wollte gerne hinausgehen, aber mein schlechte gewissen hinderte mich schon auf dem Weg zur Tür daran. Darum blieb ich drinnen und wartete bis meine Mutter spät nachts zurück war. An meinem dreizehnten Geburtstag musste sie auch arbeiten. Sie hatte am Abend noch einen Schokoladenkuchen gebacken. Seit wir in Rio wohnten gab es nicht mehr so etwas tolles. Ich nahm mir ein Stück und ging wie immer zum Fenster. Es war wie immer, wie jeden Tag. Doch an diesem Tag wollte ich rausgehen. Ich hatte sogar schon eine Idee wie ich später wieder in die Wohnung kommen wollte. Mit einem Stück Karton verklemmte ich das Schloss so das der Riegel nicht schließen konnte und die Tür trotzdem zublieb. Vorsichtig schlich ich durchs Treppenhaus. Im Flur des Erdgeschosses waren Briefkästen an den Wänden angebracht. Ein alter betrunkener Mann stand davor und werkelte mit einem Schraubenzieher daran herum. Er schien mich nicht zu beachten. Das Herz schlug mir bis zum Hals als ich an ihm vorüberging. Die Sonne fiel mir warm und einladend ins Gesicht. Ich war nach draußen gegangen. In der Ferne glitzerten die Hochhäuser der Innenstadt. Unendlich weit weg. Noch nie war ich ohne meine Mutter draußen gewesen, daher wusste ich nicht wo ich hin sollte. Ich lief einfach los, die Strasse entlang. Vorbei an demolierten Hauseingängen, uralten unbrauchbaren Autos tropisch anmutendem Wildwuchs vor den Häusern und jeder Menge verwahrloster Menschen. Ein halbverrotteter Spielplatz gewann meine besondere Aufmerksamkeit. Es spielten andere Kinder dort. Langsam wagte ich mich näher heran. Eine Ewigkeit später bemerkten sie mich. Augenblicklich herrschte eisernes Schweigen und ich wurde von oben bis unten genau gemustert. Es waren drei Jungen, alle etwa in meinem Alter. Sie trugen kurze Hosen und ausgetretene Schuhe und schmutzige Hemden. "Wer bist du und was willst du in unserem Revier?" fragte der größte von ihnen. Die anderen schauten mich streng an. "i..ich möchte bei e..euch mitspielen..." sagte ich zögerlich. Der Grosse junge verzog den Mundwinkel zu einem verachtenden Grinsen. "Wir spielen nicht! Wir sind Muertos. Eine richtige Gang, schwere Jungs, kleiner. Aber du hast die Wahl, entweder du bestehst eine Mutprobe oder wir schlagen dich zusammen." Ich zitterte wie Espenlaub und die anderen Jungen sahen das. Es bereitete ihnen ein teuflisches Vergnügen mich zu quälen. Ich willigte in die Mutprobe ein. "Ausgezeichnet, dann komm mit, ich bin Angel, das sind Paolo und Juan. Wie heißt du, kleiner?" " Ich heiße Miguel..." stammelte ich schüchtern. Angel winkte Paolo zu ohne ihn anzusehen. Paolo sprang auf und rannte zu einem Gebüsch um Sekunden später mit einem Bleirohr wiederzukommen. Wir gingen gemeinsam ein paar Blocks weiter zu einem großen Wohnhaus. "Da drinnen, im dritten Stock wohnt ein alter Mann. Ihm gehört ein Laden am Rand des Viertels. Er schleppt dort jeden Abend Unmengen an Dollars raus, in einem Koffer. Alles was du tun musst ist ihm aufzulauern, ihn mit diesem Bleirohr niederzuschlagen und seinen Koffer zu klauen. Ich musste schlucken. So aufregend der Gedanke war in dieser Gang zu sein, so beunruhigend war es auch daran zu denken das ich diesen Mann verletzen, ja vielleicht sogar dafür töten müsste. Angel begleitete mich nach drinnen. "Hier kannst du dich verstecken bis er kommt. Trau dich bloß nicht ohne den Koffer wieder her, kleiner!" Angel rannte raus und warf im laufen die Lampe im dritten Stock mit einem Stein ein. Da stand ich nun in der dunklen Nische und traute mich kaum zu atmen. Ich dachte an den Mann, den ich nicht kannte und trotzdem niederschlagen musste. Ich wusste nicht wie er aussah und für einen kurzen Augenblick musste ich an meinen Vater denken. Ich verkniff mir eine Träne und legte alle Vorstellungen von etwas menschlichem ab. Ich stellte mir einen finsteren alten Greis vor, einen bösen alten Mann den man hassen kann. Ich steigerte mich in einen wahren Wutrausch und sehnte den Moment herbei das der alte endlich käme und ich ihm sein Geld abnehmen könnte. Nach einer Weile hörte ich das klacken des Türschlosses im Erdgeschoss. Es musste der alte sein. Ich brannte heiß darauf meine Aufnahmeprüfung hinter mich zu bringen und einer von den harten Jungs zu werden für die ich Angel und seine Jungs hielt. Der alte schnaufte die Treppe nach oben, immer wieder eine Pause machend. Elektrisiert vor Erregung wagte ich einen vorsichtigen Blick aus der Nische heraus . Ich wollte nur noch den Koffer und dann raus hier. Mittlerweile sah ich den Alten. Er war kleine und fett. Durch die Dunkelheit auf dem Flur konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, aber ich war fest davon überzeugt das es sich nur um eine fiese Fratze handeln konnte. Meine Zeit war gekommen. Ich schlich aus der Nische heraus auf ihn zu. Das Bleirohr schien inzwischen mit meiner Hand verschmolzen zu sein. Langsam hob ich das Rohr um die Prüfung endlich zu beenden, als mich eine Hand am Arm packte und ich vor schmerz das Rohr fallen lies. Bevor ich begriff was passierte fiel das Rohr scheppernd auf den Boden. Der Alte drehte sich überrascht herum und blinzelte in die Finsternis. Zögernd wagte ich mich umzudrehen. " Der Junge klaut hier Bleirohr! Ich dachte ich hätte euch genügend verwarnt! Jetzt musst du eben büßen. Ich werde die Policia anrufen und... " der unbekannte konnte nicht fertig sprechen, denn der Alte fiel ihm ins Wort. "Jetzt regen sie sich doch nicht auf Senor Perez!" Er hatte inzwischen seine Wohnungstür geöffnet und schaltete das Licht im Flur ein. Er sah gar nicht böse aus, im Gegenteil, er hatte ein kugelrundes Gesicht und freundliche kleine Augen. "Diese Kinder von heute können immer Geld brauchen. Und diese Bleirohr steht ja sowieso nur hier herum. Oder haben sie einen Wasserschaden bemerkt?" Der Griff um meinen Arm ließ nach. Mein Hand war schon richtig taub. Ich starrte fassungslos auf diesen alten kugelrunden Mann mit seinem Koffer. " Ist ja gut, ich lasse ihn laufen, aber das Bleirohr bleibt hier!" fauchte Senor Perez. Er ließ meinen Arm los. Er begann sofort pochend zu schmerzen. Mit einem lächeln hielt mir der Alte einen 20 Dollarschein hin. "Nimm den hier, das bringt den Senor Perez gewiss nicht so auf die Palme. Und jetzt ab nach hause mit dir, da draußen ist es gefährlich wenn es dunkel wird. Ich zwang mich zum lächeln und rannte aus dem Haus. Angel und die anderen waren verschwunden. Ich lief nach Hause und fing noch auf dem Weg an zu weinen. Ich konnte nicht ertragen das ich fast diesen netten Mann umgebracht hätte. Daheim versteckte ich die 20 Dollar unter meiner Matratze und aß ein weiteres Stück von meinem Schokoladenkuchen. Es dauerte noch eine Weilchen bis meine Mutter nach hause kam. Ich stellte mich schlafend. Sie gab mir einen Kuss als sie kam und flüsterte " Ich hoffe du hattest einen schönen Geburtstag mein Engel!" Ich schlief die Nacht nicht besonders gut. Am nächsten Tag ging ich zum Spielplatz. Angel und seine Jungs waren dort und bemerkten mich schon aus einiger Ferne. Angel baute sich triumphierend vor mir auf. "Hast wohl gekniffen. Ich sehe den Koffer nicht, kleiner. Das war’s dann wohl. Die Gang kannst du vergessen..." Ich lachte nur und zog den 20 Dollarschein aus der Tasche. Mit einem Mal fiel allen das Grinsen gleichzeitig aus dem Gesicht. "Ich hätte nie gedacht das er das bringt, Angel!" staunte Paolo. "Klappe!" raunte Angel zurück " Okay, du bist ab heute Mitglied der Muertos." Nie war ich so Stolz wie in diesem Augenblick. Das Geld teilten wir unter einander auf. Angel schickte Paolo los um davon Messer für uns zu besorgen. Er brachte ein Steifelmesser mit feststehender Klinge, zwei Schmetterlingsmesser und ein Springmesser mit. Angel nahm das Stiefelmesser, Paolo und Juan die Schmetterlingsmesser und ich das Springmesser. Wir verbrachten von jetzt an jeden Nachmittag miteinander. Meiner Mutter erzählte ich nichts davon. Einige Wochen später kam Juan ganz aufgeregt zu uns gerannt. "Leute, mein Cousin Arturo hat mir gerade etwas erzählt. Er arbeitet für diesen Lebensmittelhändler zwei Blocks weiter als Bote. Und jetzt ratet mal wen er beliefert! Kennt ihr das große silberne Gebäude am Rande der Innenstadt? Er sagt dort wohnt so ein Künstler, der die ganze Wohnung voll mit Bildern und so hat. Ortega Fernandez. Der ist schwerreich, sage ich euch. Und das Beste, er ist ein Krüppel! Er sitzt im Rollstuhl!" Angel sah ihn zweifelnd an. "Wie hast du dir bitte vorgestellt an ihn ranzukommen? Einfach hingehen, klingeln und sagen hey, der Typ der ihnen ihre Lebensmittel bringt hat sie empfohlen, darf ich sie ausrauben?" Juan zeigte kein Zeichn von Unsicherheit. "Arturo meinte für 5 Dollar und ein Päckchen Zigaretten würde er uns für einen Tag seine Botenuniform überlassen. Das ist ein Todsicherer Plan!" Angel nickte zustimmend. Wir alle warfen unser Geld zusammen und schickten einen Freund von Angel Zigaretten besorgen. Zwei Tage später hatten wir also Zigaretten und 5 Zusammengegaunerte Dollar. Juan nahm die Sachen mit und machte sich auf den Weg zu seinem Cousin, während wir anderen auf dem Spielplatz warteten. Angel kaute auf einem Grashalm herum und starrte nachdenklich auf den Boden. Er war schlank und stark. Seine Muskeln zeichneten sich deutlich unter seinem halb offenem Hemd ab. Paolo war ein dürrer eigenbrötlerischer Kerl, der häufig den Eindruck eines Psychopathen machte. Wenn er sich unbeobachtet fühlte umklammerte er manchmal sein Messer und führte damit Stichbewegungen in der Luft aus, ganz langsam, mit einem Grinsen von einem Ohr zum anderen. Vor Angel konnte man Respekt haben, aber vor Paolo hatte ich nur Angst. Juan war in Ordnung. Ein richtig lieber Kerl mit aufgewecktem Gesicht und hellwachen Augen. Wenn ihn irgendetwas begeisterte, dann strahlten seine Augen richtig. Mit ihm kam ich am besten aus. Es dauerte auch nicht lange, da kam er um die Ecke gerannt und hielt direkt auf den Spielplatz zu, ein großes Päckchen unter dem einen Arm und ein Stoffbündel unter dem anderen. "Ich hab alles! Lasst uns schauen wem die Uniform passt!" Wir alle probierten sie an und Angel kam zu den Schluss das sie mir nicht am besten passen würde. Also zog ich mir die Türkis und Rotfarbene Uniform über meine Sachen an und wir machten uns auf den langen Fußmarsch in Richtung Innenstadt. Vor dem Haus Wurde es plötzlich allen ein bisschen mulmig. Das Haus sah von nahem plötzlich gar nicht mehr so fein aus. Es hatte eine Grosse Doppeltür aus Metall in der eine Glasplatte eingelassen war. Man konnte ins innere sehen. Da war ein Gang der weit in der Ferne in ein Treppenhaus verschwamm. Neben der Tür war ein gewaltiges Klingelboard mit ungefähr 200 Klingeln angebracht. Die Fassade glänzte zwar in der Sonne, sie war jedoch dreckig und das Glas an manchen Stellen blind. Unrat lag vor dem Eingang herum und es roch nach Abfall. Dennoch war die Gegend Welten besser als unsere Juan meinte das wir auffallen würden mit unserer dreckiger Kleidung. Angel versuchte seine Nervosität doch es gelang ihm nicht sehr gut. Ich klingelte irgendwo und wartete auf Antwort. Aus dem Lautsprecher kam ein knacken und eine Frauenstimme meldete sich. Ich sagte ich sei von den Stadtwerken und müsste einen Anschluss kontrollieren. Sie glaubte mir nicht und legte auf. Wir schauten uns ratlos an. Ich versuchte es woanders und auch hier wurde ich nicht rein gelassen. Irgendwann kam dann eine Frau mit drei Kindern aus dem Treppenhaus und lief in Richtung Tür. Ich winkte die anderen hastig beiseite, doch sie schafften es nicht sich zu verstecken. Die Frau kam heraus und starrte sie uns an. "Ihr elendes Pack, seht zu das ihr hier verschwindet, lungert gefälligst woanders herum!" brüllte sie, ihre Kinder schützend hinter sie gebracht. Juan, der in die andere Richtung gerannt war, warf ein Stück Holz in die Tür. Es funktionierte. Sie blieb einen winzigen Spalt offen stehen. Ich bekam es mit der Angst zu tun, doch als sie Weg war redete mir Paolo ins Gewissen, das wir so eine Gelegenheit nicht wieder bekommen würden. Ich machte mich also auf den Weg ins innere, während die anderen draußen warteten. Ich lief den langen Gang entlang und sah hinter dem Durchgang zum Treppenhaus, den Aufzug. An der Wand hing ein Wohnungsbelegungsplan mit kleinen Schildchen auf denen die Namen der Bewohner standen. Viele Schilder fehlten. Im vorletzten Stockwerk hing das Schildchen mit der Aufschrift "Fernandez". Das sollte mein Ziel sein. Ich stieg in den beklemmenden Aufzug und drückte auf den Knopf. Ratternd und rumpelnd fuhr der Aufzug nach oben. Mit einem klingelndem Geräusch öffneten sich die Türen. Der Flur vor dem Lift sah nicht besonders einladend aus. Der Boden war schmutzig, stellenweise mit einer öligen Flüssigkeit bedeckt. Von den Wänden blätterte die Olivgrüne Farbe. Ich lief den Flur hinunter und suchte die Wohnung. Es war sehr ruhig. Nur das brummen der Neonröhren war zu hören. Ich sah die Tür zu Ortegas Wohnung. Einen tiefen Atemzug später läutete ich. "Moment!" Rief jemand von innen. Es dauerte zwei Minuten bis er endlich an der Tür war. Er öffnete sie mit verschlossener Sicherheitskette und schaute misstrauisch von unten herauf. "Wer bist du; Junge? Ich kenne dich nicht!" fragte er. "Ich bin Miguel, die Vertretung für Arturo. Ich bringe ihnen ihre Lebensmittel." sagte ich mit ruhiger Stimme. "Ich habe ausdrücklich verlangt das mir niemand anders meine Sachen bringen soll. Wer sagt mir das du kein Halunke bist?" gab er zurück. Ich wusste nicht genau warum ich es tat, aber ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. "Sehen sie, ich trage die Uniform des Lebensmittelladens, ich habe hier ihr Essen, ich bin nur eine Vertretung, das heißt ich verliere keinen Job wenn ich mich mit dem Kram aus dem Staub mache. Meine Familie wird sich freuen. Wenn sie es also nicht wollen..." Das schien ihn irgendwie zu beeindrucken, denn er schob die Kette zurück und ließ mich herein. "Du musst endschuldigen, Junge, aber es gibt zu viele Menschen auf der Welt die einem nicht wohl gesonnen sind. Was schulde ich dir?" sprach er während er sich mühsam im Rollstuhl in die Richtung des Wohnzimmers schob. "Zwölf Dollar und 25 Pesos." Seine Wohnung war viel größer als unsere. Die Wände waren mit weißer Tapete beklebt, überall hingen farbenfrohe Bilder und Statuen standen auf Sockeln. Der Boden war mit Parkett ausgelegt und vor der großen weißen Couch stand ein Glastisch auf einem wunderschönen blauen Perserteppich. Die Vorhänge waren halboffen und man hatte einen fantastischen Ausblick auf die Stadt. Ich fand das alles sehr unfair. Er lebte hier in einer wunderbaren Welt weit weg von der Armut und ich hauste mit meiner schwer arbeitenden Mutter in einer Bruchbude. Langsam schob er sich zu mir zurück. Eine Geldbörse lag auf seinem Schoß. Ich versuchte nicht allzu sehr darauf zu starren. Er zog einen Zehner und einen Fünfer raus und hielt sie mir hin. "Dein Trinkgeld, Junge!" krächzte er. " Ich packte mein Messer aus und ließ die Klinge hochschnellen. "Dankeschön Senor, aber ich möchte gerne alles was sie haben!" sagte ich. Fassungslos starrte mich der Alte an. "Du kommst dir wohl ganz schön toll vor, was? Schleimst dich bei dem alten Krüppel ein und murkst ihn dann wegen ein paar Dollar ab! Ja, du bist ein wahrer Held!" Es lief nicht nach meinen Regeln. Das gefiel mir nicht. "Kommen sie mir nicht so! Ich will keine Predigt, sondern ihr Geld!" Wieder sah er mich an und lächelte. " Von allen Sündern auf der Erde hast du ausgerechnet mich überfallen müssen. Hier nimm, das ist alles was ich habe!" Er hielt mir seine Geldbörse hin. Es war nur noch ein Hunderter und ein bisschen Kleingeld darin. "Verarschen sie mich nicht! Sie haben Geld! Wie sonst können sie sich das alles hier leisten? Sie haben Geld, verdammt!" schrie ich. Mit einem Mal wurde er ernst. "Was soll ich mir leisten können? Das ich hier in einer behindertengerechten Sozialwohnung lebe? Das ich ein mieser alter Krüppel bin, der nicht mehr imstande ist sein Leben zu leben wie ein Mensch? Das ich mir mein Essen kommen lassen muss, weil ich an den Rollstuhl gefesselt bin und das jeder meine Behinderung ausnutzen muss so wie du? Findest du das beneidenswert, Junge? Ich nicht!" Ich konnte nicht fassen das ich das alles nur für 100 Dollar getan hatte. Ich schrie außer mir vor Wut und begann seine Schränke zu durchwühlen. " SIE MÜSSEN GELD HABEN! SIE SIND EIN VERDAMMTER KÜNSTLER!!! SIE MÜSSEN GELD HABEN! Der Alte wurde zornig. "Was bildest du dir eigentlich ein, Junge? Kommst hier her und überfällst mich, das ist nun mal so gelaufen. Aber du könntest mir und meinen Sachen wenigstens ein bisschen Respekt entgegenbringen. Schließlich ist keinem von uns geholfen wenn du hier alles kaputtmachst!" Plötzlich tat es mir alles furchtbar leid. Ich rannte aus seiner Wohnung und machte mich auf den Weg nach unten. Angel, Juan und Paolo warteten gespannt. Als Angel mich aus dem Hauseingang kommen sah begann er zu rennen und winkte mich hinterher. Ich lief los. In einem kleinen Park in der nähe blieben sie stehen. Ich holte sie ein. Völlig außer Atem fragten sie mich was passiert war und wie viel ich erbeutet hätte. Ich erzählte ihnen alles haargenau, bis auf das es mir Leid tat. Nie hätte ich gezeigt das ich Schuldgefühle hatte. Ein harter Bursche von den Muertos tut das nicht. Angel packte mich am Kragen. "Soll das heißen das der alte Sack in der Prachtbude nur 100 Dollar rausgerückt hat? Sollen wir dir den Scheiß auch noch glauben??? Komm schon, du willst uns doch nicht ablinken!" ich hatte plötzlich Angst vor Angel. " Du musst mir glauben, er hatte echt nicht mehr. Er hatte nur das! Durchsuch mich doch!" Knurrend ließ Angel mich los. " Aber wenn du und deine Mama demnächst auch hier wohnen, dann bist du dran!" Scherzte Angel und lachte. Die anderen Stimmten mit ein. Mir war überhaupt nicht zum Lachen zumute. Angel war wohl gar nicht wirklich mein Freund. Wir gingen nach Hause. Meine Mama kam an diesem Abend völlig fertig nach Hause. Sie kam heim und fiel ins Bett. Es tat mir Leid das mit anzusehen. Ich schmiedete Pläne vor dem Einschlafen wie ich sie aus diesem Job rausholen könnte. Am nächsten Tag ging ich nicht zu den Jungs. Ich ging die Strasse in die andere Richtung hinunter. Ich kam an eine Art Schrottplatz. Es war wohl mal ein Basketballplatz, aber jetzt diente er als Lagerort für alte Reifen und zahlreiche zerstörte und ausgeschlachtete Autos. Ich kletterte über einen Stapel Reifen und setzte mich in den Rest eines alten Straßenkreuzers. Ganz ungewollt schossen mir Tränen in die Augen. Ich war ein Verbrecher. Ich mit meinen dreizehneinhalb Jahren. Ich musste an meine Mutter denken und an den dicken Mann den ich mit dem Bleirohr erschlagen wollte. Und an Senor Fernandez. Ich war ein schlechter Mensch. „Miguel, du bist ein schlechter Mensch.“ dachte ich. „Miguel du bist ein Betrüger.“ dachte ich. „ Miguel, du bist ein Idiot, danke das du uns nen Riesenhaufen Schotter anschleppst und den Kopf dafür hinhältst!“ das dachte ich nicht. Ich hörte es. Es war Angels Stimme. Vorsichtig hob ich den Kopf aus dem Fensterrahmen des Autos. Angel, Juan und Paolo liefen über den Schrottplatz. Ich konnte jedes Wort mithören. „Wo ist dieser Trottel überhaupt?! fragte Paolo. „Keine Ahnung, aber wenn wir ihn finden nehmen wir ihn erstmal ein bisschen auseinander. Der soll sich gefälligst ein bisschen Mühe für uns geben und nicht irgendwo anders rumstrolchen.“ meinte Angel hochnäsig. Juan sprach kein Wort. Er sah nur betroffen auf den Boden. „ Ja wir reißen ihm den Arsch auf. Der wird uns schon noch die dicke Kohle besorgen wenn er schiss vor uns hat.“ feixte Paolo. Ihm war die Freude beim Aussprechen der Worte anzusehen. Ich traute ihm ja sowieso nicht über den Weg. „Was machen wir wenn er zur Polizei geht?“ fragte Juan. „ Dann stechen wir ihn ab!“ raunte Angel kalt. Paolo verzog sein Grinsen zu einer noch unansehnlicheren Fratze. Mir schauderte. Ich zog mich still und leise aus dem Autowrack heraus und versuchte an ihnen vorbeizukommen. Der direkte Weg zum Tor war nicht weit, aber ich musste geduckt laufen und Hindernisse suchen, die mich vor ihnen versteckten. „Er wird uns auch nicht noch mal bescheißen! Wenn er uns noch mal ablinkt, dann machen wir ihn kalt.“ zischte Angel. „Findet ihr nicht das ihr ein wenig übertreibt? Ich meine, er ist ein Mitglied von den Muertos. Ich glaube nicht das er uns angelogen hat.“ sagte Juan. Die beiden anderen sahen ihn an als hätte er von grünen Männchen gesprochen. Es gelang mir schließlich mich an ihnen vorbeizuschmuggeln. Ich fühlte mich nicht wirklich gut. Nach Hause wollte ich nicht gehen. Also lief ich in Richtung Innenstadt. Fast automatisch landete ich bei dem Hochhaus in dem Mister Fernandez wohnte. Vor der Tür angekommen klingelte ich mich durch und gelangte s schließlich hinein. Ich wusste nicht genau warum ich hierher gekommen war. Mit dem ratternden und rumpelnden Aufzug fuhr ich nach oben. Der verwahrloste Flur erschien mir viel freundlicher als beim letzten Mal. Das Brummen der Neonröhre vor Senor Fernandez’ Wohnung war einem Flackern gewichen. Ich läutete. „Moment!“ rief er von innen. Es dauerte wieder eine Ewigkeit bis er an der Tür war. Er öffnete und staunte nicht schlecht als er mich sah. „ Was willst du denn schon wieder hier, Junge? Ich hab kein Geld mehr das du mir stehlen kannst.“ murrte er, im Begriff die Tür wieder zu schließen. „Halt Senor Fernandez, bitte nicht zumachen! Ich möchte mit ihnen reden!“ rief ich. „Hier, das können sie haben, als ihre Versicherung.“ sagte ich und hielt bot ihm mein Messer an. Ihm war die Sache nicht geheuer, aber dennoch nahm er das Messer und ließ mich hinein. „Was bist du nur für ein komischer Kerl? Was willst du denn von einem armen alten Mann wie mir?“ fragte er mich. Ich schaute mich in der Wohnung um. Wie die eines reichen Mannes sah sie bei ruhiger Betrachtung wirklich nicht aus. Es war sauber und ordentlich. Die Bilder an den Wänden sahen schön aus. Aber er hatte sie Wahrscheinlich selber gemacht. Möbel hatte er nicht viele. „Ich wollte mich bei ihnen entschuldigen. Dafür das ich sie bestohlen habe. Es tut mir leid.“ sagte ich. „ Donnerwetter! Junge, du verwirrst mich immer mehr! Du bist ein schlaues Bürschchen, das habe ich ja schon gemerkt, aber das widerspricht sich mit deiner Entschuldigung. Ich meine das war ein Verbrechen, nicht mal eben Entschuldigung, ich habe ihre Katze überfahren oder Entschuldigung, mir ist etwas auf ihren Balkon gefallen. Du hast mein Leben bedroht! Nicht das es mich sonderlich stören würde, das Gesetz sieht das anders. Was wäre wenn ich jetzt die Policia anrufe? Dann stehst du ziemlich dämlich da! Du könntest mich Nichteinmahl davon abhalten! Ich hab ja dein Messer! Jetzt sag mir also bitte warum du wirklich hier bist.“ Ich stand wie angewurzelt da. „ Komm schon, Junge! Sag es mir! Man überfällt nicht jemanden und entschuldigt sich dafür!“ er musste lachen. Er lachte mich aus. Mir war zum Heulen zumute. Ich heulte einfach los. Es war mir egal das ich in seinem Wohnzimmer einfach losheulte. „ Tut mir leid Junge, ich wollte dich nicht kränken. Ich kann nur einfach nicht verstehen was in dir vorgeht.“ Ich lies mich fallen und lag da auf seinem Teppich, schluchzend, ein harter Kerl, einer von den Muertos. Nein, nicht mehr länger einer von den Muertos. Ich fing an ihm alles zu erzählen. Er war jetzt nicht mehr der starrsinnige, zynische Alte. Ich erzählte ihm von den Ereignissen auf dem Schrottplatz. Er sah mich eindringlich an. „ Du glaubst dich nicht das sie dich wirklich umbringen wollen, oder? Sind denn die Kinder von heute nur noch Verbrecher?“ ich wimmerte noch ein bisschen vor mich hin. „Du musst zur Policia gehen, ähm... Miguel, richtig? Die können da bestimmt was machen! Ich meine, warum erzählst du mir das, ich bin alt und ein Krüppel, ich kann dir nicht helfen.“ –„Nein, die Polizei wird nichts tun, ich kann nicht dorthin. Ich muss das klären wie ein Mann. Ich muss mich Angel und seinen Freunden stellen.“ sagte ich, eine nicht vorhandene Stärke vortäuschend. „ Sie haben auch Messer nehme ich an. Das wird nicht gut ausgehen. Wirklich nicht. Ihr könntet euch tatsächlich was damit antun. Willst du nicht lieber heimgehen und das Messer mir lassen? Ich kann es für dich aufbewahren. Du musst es nicht benutzen.“ Ich sah plötzlich etwas in seinen Augen das ich seit dem Tode meines Vaters nicht mehr sah. Er machte sich Sorgen um mich. Dieser Fremde Mann, den ich am Tag zuvor noch mit meinem Messer bedroht hatte machte sich Sorgen um mich. „Miguel du bist ein schlechter Mensch“ dachte ich mir. „ Hören sie, sie haben mir sehr geholfen, aber ich werde mein Messer mitnehmen. Ich werde nach hause gehen, aber nicht ohne mein Messer. Ich will ihnen nicht ganz wehrlos gegenüberstehen, wenn sie mich kriegen sollten.“ Mit traurigen Augen rollte er zur Tür. Er gab mir mein Messer zurück. Ich hatte es wieder in meinen Händen, doch es fühlte sich fremd an. „ Pass auf dich auf, Miguel.“ rief er mir noch hinterher. Auf dem Heimweg war ich vorsichtig wie nie, ich schaute mich an jeder Ecke um, damit Angel und seine Jungs mich bloß nicht erwischten. Ich kam langsam wieder in unsere Gegend. Es waren nur noch ein paar Strassen bis zu mir nach Hause, als ich plötzlich in Juan rannte. Er schaute mich ganz verdutzt an. Mit mir hatte er nicht gerechnet. „Miguel, bist du verrückt? Mach das du verschwindest, Paolo und Angel suchen dich überall. Sie wollen dich kaltmachen!“ hechelte er vor Aufregung. Ich hatte nicht gedacht das er zu mir halten würde. Wir rannten gemeinsam durch die Rua Pedro Gusso. Die Leute mussten uns für ertappte Diebe halten. Vor meinem Haus überkam uns die Angst. Paolo und Angel warteten dort. Und sie hatten uns bereits gesehen. Juan und ich blieben stehen. Die beiden kamen näher, Paolo hatte sein Massenmörder-Grinsen aufgesetzt. „Wir müssen rennen...“ flüsterte mir Juan zu. Ich stimmte zu. Wir rannten, Paolo und Angel hinterher. Wir rannten über die Strasse, durch eine Blechhüttensiedlung, durch einen Vorgarten eines verfallenen Eigentumshauses geradewegs auf den Schutt eines abgerissenen Gebäudes zu. Meine Beine verließen mich und mein Herz raste bis zum Hals. Juan atmete schwer. Wir standen mit den Händen auf den Knien und rangen nach Luft. „Weiter!“ schrei ich heiser. Paolo und Angel kamen um die Ecke gestürzt. Vor uns ging es nicht weiter. Wir saßen in der Enge. Juan und ich hatten uns treffsicher in die Enge geführt. Angel zog sein Stiefelmesser. „Soso, die beiden Verräter sitzen also wie die Hasen in der Falle. Wir sollten ihnen das Fell über die Ohren ziehen, oder was meinst du Paolo?“ meinte Angel. Juan stellte sich vor mich und beschwor Angel diesen Blödsinn doch zu lassen. Angel schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht. Juan kippte nach hinten weg. Paolo lief zögerlich auf Juan zu und trat ihm in die Rippen. Ich konnte es knacken hören. Ich griff in die Tasche und zog mein Messer heraus. Es fühlte sich auf einmal noch viel fremder an. Mit einem klicken fuhr die Klinge heraus. Angel riss die Augen weit auf und grinste. „Mmh.. du scheinst ja doch Mut zu haben!“ schrie er. Juan weinte vor schmerzen. Angel stürmte los. Ich riss mein Messer nach oben. Er traf mich in der Schulter. Ich spürte den Schmerz nicht gleich. Er spürte den Schmerz nur kurz. Ich traf ihn ins Herz. Er stöhnte nur kurz auf uns brach tot zusammen. Zwei harte Männer trafen aufeinander und einer starb. Völlig fassungslos standen wir da starrten auf den leblosen Körper. Einen Moment lang stand die Zeit still. Ich habe ihn getötet. Ich habe ihm das Leben genommen. Dabei waren wir nur Kinder. Wir wollten immer Männer sein, harte Männer. Uns gehörten die Strassen, ja, dieses ganze viertel.
Ende