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Wir im Nebel
Mit trübem Geist erwachte ich, und holte mir sogleich ein Bier aus der Küche. Nach dem ersten Schluck wurde mir klar, dass ich es nicht trinken konnte, und ich stellte es zurück in den Kühlschrank. Ich stand herum, weit vorgebeugt, die Hände abgestützt, und starrte den Boden an. Stumm versuchte ich die Bilder und Farben in meinem Kopf zu ordnen, versuchte mich zurecht zu finden in diesem seltsamen Wirbel. Sobald ich die Augen schloss, strömten Erinnerungen, Träume und Gedanken zu einem einzigen sinnlosen Fluss zusammen. Als ich später durch die Straßen ging, mischten sich noch die Gesichter und die Stimmen der Leute dazu. Alles schien stark gedämpft, beinahe lautlos.
Die Wolken hingen tief, ihr Grau hing tief in alles hinein, es senkte sich von oben in meinen Kopf, und trübte meine Gedanken; Worte und Namen krochen durch den Nebel, entfernte Stimmen in der Dämmerung. Ich traf einen Freund und wir spazierten neben einander her, keiner hatte wirklich etwas zu sagen, es war beinahe, als könnte ich jeden Moment vergessen, dass er überhaupt hier war, irgendwo in der Dunkelheit.
Da machte er plötzlich halt, und auch ich blieb stehen. Menschen bewegten sich an uns vorbei, graue Gestalten wie Fische im Schlamm.
“Da gibt es jemanden, den du kennen lernen solltest.”
“Kennen lernen?”
“Ja, er ist ein alter Bekannter meines Schwagers.” Seine Stimme war beinahe unhörbar. Ich musste immer näher an ihn herantreten, bis ich schließlich ganz dich vor ihm stand. Dennoch klang seine Stimme merkwürdig leise und erstickt, beinahe fremd, beinahe unmenschlich.
Ich schüttelte ihm die Hand: “Mein Freund, es würde mich sehr freuen, diese Person kennen zu lernen.”
Ein breites Lächeln entstand auf seinem Gesicht und funkelte mir durch den Nebel entgegen. Ich sah genauer hin: Kam da etwa Rauch aus seinen Nasenlöchern? Ich könnte schwören, etwas gesehen zu haben. Erstaunt streckte ich meine Hand nach der Nase meines Freundes aus, was ihn anscheinend veranlasste, noch breiter zu grinsen. Seine Zahnreihen hatten nun etwas entfernt Aggressives. Bevor meine Hand die Nase erreichen konnte, wurde sie von meinem Freund ergriffen. Wir schüttelten uns die Hände, wie um die Situation zu beenden, und gingen weiter.
Der Mann, der mir nun in einer fremden Wohnung vorgestellt wurde, war angeblich Katzenzüchter. Alles was er von sich preis gab, existierte in einer Dimension von “angeblich”, “womöglich” und im besten Fall “eigentlich”. Der Nebel der mich vor der Tür umgeben hatte, war nun zwar nicht mehr sichtbar, er bestand aber in der Gestalt dieses Menschen weiter, sein ganzes Wesen war erfüllt davon.
Irgendwann wachte ich auf dem Sofa auf, und er bat mich, mit ihm zu kommen. Niemand sonst war zu sehen. Ich kannte dieses Phänomen, für üblich hieß das, dass sie sich zurückgezogen hatten, um miteinander zu schlafen.
Der Mann brachte mich einen Stock höher, in eine Wohnung die genau über der meines Freundes lag. Er holte eine Zeitung aus seiner Gesäßtasche und zeigte mir die Schlagzeile.
“Braunolen sürzen willischöke Frü”
Ich verstand nicht. Der Mann wies mit dem Zeigefinger auf das Bild darunter. Es war dunkel, fast schwarz. Außer ein paar Konturen und vagen Schatten konnte man kaum etwas erahnen. Ich sah den Mann an. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Etwas Rotes floss aus seiner Nase. Ich zuckte erschrocken. Es war kein Blut. Es war Kunstblut. Nein: Ketchup. Ich machte, dass ich rauskam. Beinahe wäre ich im Stiegenhaus schwer gestürzt. Erleichtert ließ ich mich von der Dunkelheit des Nebels umfangen.