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Willi´s Schicksal
Während draußen der Schnee fiel, knisterte das Feuer im Kamin und Willi breitete genüsslich seine Äste aus und streckte seine Nadeln der Wärme entgegen. Willi fühlte sich wohl, denn die Kälte kroch ihm nicht mehr so arg den Stamm empor.
Familie Keller, die ihn gefällt hatten, besaßen auch einen Hund. Bunny riefen sie ihn, wegen seinen löffelartigen Ohren. Doch Bunny mochte Willi wohl nicht, denn gleich am ersten Tag hob er sein Bein und pinkelte an Willis Stamm und mit einem kurzen, zufriedenem "Wuff" rollte sich Bunny im Sessel zusammen und ließ ihn nicht mehr aus den Augen.
Willi stand starr in der Ecke und wagte nicht, nur eine Nadel zu rühren. Er hatte Angst vor Bunny, doch noch schlimmer war, dass die Hinterlassenschaft des Hundes seinen Stamm so jucken ließ, dass er es kaum aushielt. Seine Zweige reichten nicht an die Stelle heran, denn Kellers hatten ihm ein paar der unteren Äste abgeschnitten. Die Wunden schmerzten und der viel zu enge Topf zwängte seine Wurzeln ein.
Willi wünschte sich nach Hause. Er wollte seine Wurzeln tief in die kalte, feuchte Erde graben und dachte sehnsüchtig an die anregenden und spannenden Gespräche mit dem Wind.
Doch nach einigen Tagen spürte Willi die Fürsorglichkeit der Kellers die ihn gossen und ihn an den besten Platz im Zimmer gestellt hatten, wo er alles überblicken konnte. Willi vergaß allmählich das Gefühl der Freiheit.
Die Familie begann ihn zu schmücken, mit roten Kugeln, goldenem Lametta, einem Stern auf seiner Spitze und Willi kam sich so groß und geliebt vor. So strahlte er lange und die "Ohhs" und "Ahhs" der Besucher machten ihn ganz verlegen. Er fühlte sich zu Hause.
Doch als die Nacht mit Feuer am Himmel und Musik zu Ende war, die Kellers mit müden Augen vor ihm standen, drohten ihm die dunkelsten Stunden seines Lebens. Der Schmuck wurde abgenommen und die Kellers benahmen sich nicht mehr so gut gelaunt und fröhlich wie Willi sie sonst kannte.
Sie trugen ihn in den Keller, wo es feucht und dunkel war, legten ihn auf eine Werkbank, wo er die nächsten Wochen ein armseliges Dasein fristete. Er durstete und hatte Angst allein im Dunkeln. Willi erinnerte sich wieder an seine verlorene Freiheit und daran, wie seine Freunde sich mit seinen Ästen verzweigt hatten, während sie den Geschichten des Windes zugehört hatten.
Willi machte sich Vorwürfe, dass er vielleicht nicht schön genug war und malte sich aus, das ein anderer Baum dort oben stünde, mit dem Schmuck und dem Stern auf der Spitze, und das machte ihn wütend.
Als die Wochen vergingen und Willi immer noch im Keller lag, ohne dass sich jemand um ihn kümmerte, wuchs seine Wut und sein Harz war nicht mehr golden sondern wurde schwarz. Sein Herz erstarrte und nichts Gutes war mehr in ihm. Willi wartete auf den Tag seiner Rache, obwohl er nicht wusste wie er das anstellen sollte.
Seine Zweige knackten in den Gelenken und wurden immer unbeweglicher. Willis Harz schwoll an, verwandelte sich in einen Klumpen an der untersten Wurzel und die schwarze Seele, die sich dort niederließ, schwor Rache.
Als die Kellers ihn schließlich hinaus trugen, wo der Frühling schon Einzug erhalten hatte, war sein Harz so angeschwollen, dass Willi das Doppelte wog.
Er dachte schon, sie brächten ihn zurück in den Wald, doch die Kellers schleppten ihn auf eine Wiese, wo er entsetzt seine alten Freunde und auch fremde Bäume sah, die übereinander geworfen dalagen. Der Berg aus Ästen, Stämmen und restlichem Weihnachtsschmuck war sehr groß und die Kellers hatten Mühe, Willi oben drauf zu werfen.
"Was soll das?" fragte sich Willi leise, während er versuchte ein paar seiner eingeklemmten Zweige zu befreien.
"Was für eine Frage" ertönte es dumpf unter ihm. "Hast Du noch nicht von dem großen Osterfeuer gehört, das die Menschen jedes Jahr mit Unseresgleichen veranstalten?"
"Nein, was passiert denn da mit uns?" flüsterte Willi ängstlich und seine Nadeln zitterten.
"Nun ja", brummte es unter ihm. "In drei Tagen werden sie ein schönes Feuerchen aus uns machen, Kartoffeln braten und sich den Hintern wärmen, schätze ich."
"Das dürfen wir nicht zulassen! Das können die mit uns nicht machen!" erzürnte sich Willi und ballte ein paar Äste zusammen. Zustimmung wurde laut und bald riefen alle Bäume durcheinander und erklärten welch einen Hass sie auf die Menschen hatten.
Und während der nächsten Tage heckten die Bäume einen Plan aus, um ihrem Schicksal zu entfliehen.
Viele Menschen waren gekommen, um sich zu betrinken, zu feiern und zu sehen wie das Osterfeuer entzündet wurde. Still lagen die Bäume, als die Menschen die Wiese betraten. Der Bürgermeister hob eine brennende Fackel und rief mit einem Grinsen: "Auf das jedes Jahr ein so schönes Fest kommen möge!" während er die Fackel zwischen die Zweige hielt, die sofort Feuer fingen. Knisternd fraß sich das Feuer den Weg durch Äste und Zweige. Das Feuer erzeugte sanftes Licht auf den Gesichtern und man sah wie glücklich sie waren.
Im Inneren des Haufens wurde es kalt. Willi und seine Leidensgenossen verschlangen ihre Äste und in diesem Knäul von Ästen und Stämmen floss langsam das schwarze Harz jeden Baumes ineinander.
Der Wind heulte auf, Hagel setzte ein und fegte über die Menschenmenge. Die Menschen schrien, rannten auseinander und suchten Schutz.
Wind und Hagel ließen urplötzlich nach. Rot glühte der Haufen, doch es war keine Flamme zu sehen. Auch keine Hitze war zu spüren und die Menschen traten neugierig näher und tuschelten, was das wohl zu bedeuten habe.
Willi und die anderen waren kaum noch zu erkennen. Sie schmolzen wie Butter und aus ihrer Mitte schoss ein riesiger Baum, der feuerlodernd und wie auf zwei Beinen heraustrat.
Drohend nickte der Feuerbaum mit der Krone und die Zweige formten sich zu Krallen um jeden in seiner Reichweite zu vernichten.
Brennende Zweige fielen von ihm ab und auch sie verwandelten sich in kleinere, tödliche Feuerbäume, die die Menschen jagten, verbrannten und sie mit ihren spitzen Ästen durchbohrten.
In jedem Feuerbaum war ein Tropfen des schwarzen Harzes von Willi und den anderen. Jedesmal wenn ein Feuerbaum einen Baum berührte, wurde das Harz übertragen und sie verwandelten sich auch in Feuerbäume.
Mit jedem Tag und jedem Jahr verbreitete sich die "Baumseuche", wie die Menschen es nannten, in der ganzen Welt.
Die Menschen mussten sich zurückziehen und flohen auf das Meer oder versteckten sich in den Bergen.
Die Feuerbäume beherrschten bald die ganze Erde.
Willi war verschmolzen und verbunden mit allen Bäumen und tief in der Seele wussten sie:
Sie hatten die Macht und niemand würde sie ihnen mehr nehmen.