Mitglied
- Beitritt
- 16.04.2003
- Beiträge
- 59
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 10
Wie erlegt man am besten eine unkultivierte Hydra?
Es gab nicht viel, was sich die junge Schwertmeisterin aus dem Hause der Ravens zu Herzen nahm. Sie war weit und breit für ihr wechselhaftes, ja teils unberechenhaftes Wesen bekannt. Doch genau diese Tatsache machte sie zu einer ernst zu nehmenden Gegnerin. Sie hatte nur ein winziges Problem - sie war in einer falschen Zeit geboren worden.
Der Leser darf sich jetzt nicht vorstellen, dass das Mädchen irgendwann im Jahr 2003 oder so lebte, denn das war ganz und gar nicht der Fall. Sie lebte schon in einer Zeit, in der die jungen und übermütigen Männer und Frauen auszogen um Drachen und andere Fabelwesen zu meucheln, so die Fabelwesen nicht schneller waren und zuerst die Männer und Frauen meuchelten.
(Hat sich einer der Leser schon mal mit einer wütenden Smaragdeidechse angelegt? Wenn ja - kann er sich dann vielleicht noch daran erinnern, wie sie ihn mit tennisball großen Smaragden beworfen hat, um in irgendwann dann endlich auch am Kopf zu treffen und ihn somit zu erlegen? Nun, wahrscheinlich hat aber noch kein Leser die Erfahrung gemacht, weil die Eidechsen in unserer Zeit viel zu geizig sind, um mit Klunkern um sich zu werfen. Aber in der Zeit, in der das Mädchen lebte, war das ganz normal.)
Die Männer und Frauen benutzten keine Schwerter zum Töten der Tiere, nein, ihre Vorgehensweise war wie folgt:
Sobald sie ein Fantasiewesen, wie zum Beispiel einen Drachen sahen, stellten sie sich ihm mutig entgegen und fingen an, ihm ein Gedicht vorzutragen oder zu singen. Nun muss man sich den armen Drachen vorstellen, der auf den jungen Menschen hinabsah und seinen empfindlichen Ohren nicht mehr trauen konnte. Dieser äußerst grauenhafte Kampf konnte sich in manchen Fällen über einige Tage hinwegziehen, aber die meisten Fabelwesen hatten erstens keine große Lust zu verhungern, nur weil sie dem Dödel vor sich zuhörten und zweitens galten Drachen als ziemliche Kunstbanausen, was zur Folge hatte, dass der junge, recht unbegabte Sänger meist sehr schnell seinen Tod fand.
Nun aber zurück zu dem am Anfang genannten Mädchen.
Sie stammte aus einer hochangesehenen Familie. Das hohe Ansehen verdankte die Familie ihren männlichen Mitgliedern, denen es doch immer wieder gelang erfolgreich von ihren "Gesangsjagten" zurück zu kehren. (Der Einzige, der dabei sein Leben gelassen hatte, war Urgroßvatter Henery, der sich leichtsinnigerweiße dazu hinreißen ließ, einer Hydra Tischmanieren beibringen zu wollen)
Die langen dunklen Haare reichten ihr bis zu den Hüften und mit ihrem in der Dienerschaft so gefürchteten "Waffenkammerblick" bereitete sie allen im Haus Kopfzerbrechen.
Eine junge Raven mit langen Haaren, das war wie Suppe mit zuviel Salz. Das Mädchen bekam diesen Spruch oft zu hören, aber das machte ihr nichts aus - sie wusste ja, dass der Koch eigentlich immer verliebt war, wenn ein weibliches Wesen an der Küche vorbei kam. Doch die langen Haare waren nicht das Hauptproblem, das Problem bestand schlicht und einfach darin, dass sie die Fabelwesen erst erschlug und ihnen dann ein Gedicht vortrug. Eindeutig eine Schande sondersgleichen, aber niemand wusste, wass man dagegen unternehmen konnte.
Bis das Mädchen eines Tages auf die Hydra traf, die Henery auf dem Gewissen hatte.
Beide wussten nicht, wen sie da vor sich hatten.Die Hydra, die mittlerweilen schon erheblich gealtert war musste erst einmal ihre Brillen suchen, bis sie erkennen konnte, was da überhaupt vor ihr stand.
"Dieses Menschenvolk ähnelt den Vampieren aber auch immer mehr... ich muss aufpassen, denn von Vampieren bekomme ich Sodbrennen..." schoss es der riesen Schlange durch die Köpfe. Das Mädchen hatte schon ihren berüchtigten Blick aufgelegt, als die Schlange ihr Teeservice hervorholte und sie zum Kaffeeschlürfen einlud.
"Ich weise Euch ja nur sehr ungern zurecht, Madame, aber Ihr könnt mich nicht zum Kaffeetrinken einladen, denn das ist ein Teeservice und ausschließlich für Tee bestimmt." stellte die junge Frau sachlich und ernst fest. Die Hydra sah sie über die Ränder ihrer Brillen hinweg an.
"Ach, seid Ihr euch da so sicher?" zischte sie überrascht. Es schien so, als habe ihr noch nie jemand den Unterschied erklärt. (Sie war ja auch selbst schuld, hätte sie Henery nicht frühzeitig verspeist, so hätte er ihr den kleinen, aber feinen Unterschied sicherlich erklärt.)
Die folgende Erläuterung der jungen Damme führten schließlich zur Ermüdung der unkultivierten Bestie, deren Wissbegier jedoch keine Grenzen zu kennen schien. Immer und immer wieder fragte sie wegen Kleinigkeiten nach, was dazu führte, dass die Hydra in ihrem Redeschwall plötzlich vergaß zu atmen und schließlich umkippte.
Das Mädchen goss sich noch einen Schluck Kaffee in die Teetasse (Henery hätte sie wahrscheinlich dafür verflucht), nahm einen Schluck und verleiß mit folgenden Worten die Szene:
"Das wäre ja eh das reinste Spülwasser gewesen."