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WhiteOut
Mit schweren Schritten stapfte er durch den Schnee. Trotz des Ledermantels, der ihn mit seinem dicken braunem Fell solange gewärmt hatte, drang die Kälte immer tiefer zu ihm durch. Er schlang ihn noch etwas fester um sich und setzte seinen Weg mit leerem Blick fort.
Der weiße Boden endete im weißen Horizont, der den Übergang zum weißen Himmel bildete. Er atmete tief durch, aber das schwere Gefühl in seiner Brust blieb.
Je mehr er dazugelernt hatte , um so mehr schien er die Orientierung zu verlieren. Er war weit weg, von den Menschen die er einmal gekannt hatte, seinem Zuhause, seinem Ziel und sich selbst. Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die mit dem nächsten Schritt wieder zurück rutschte. Wo konnte er es finden? Aber noch viel wichtiger war, wo sollte er es suchen, und - was suchte er überhaupt? Nein - schlimmer konnte es wirklich nicht mehr werden. Er machte im Gehen einen Schneeball und zertrat ihn in der Luft.
Warum mußte er sich auch immer wieder ins Freie wagen? Warum mußte er es sich immer so schwer machen? War es dort, wo er gewesen war, nicht gut gewesen? Er erinnerte sich zurück - an vertraute Gesichter, die ihm irgendwann nichts mehr zu sagen hatten. Nein! Er hätte nicht bleiben können, - oder doch? Sie würden ihn wahrscheinlich auch jetzt noch mit offenen Armen empfangen, -wenn er noch zu ihnen zurück finden würde.
Er blieb stehen und drehte sich in einer langsamen Bewegung um; seine Spuren im Schnee verschwanden so schnell, daß er dabei zusehen konnte. Hinter ihm lag der glatte weiße Boden, der sich im weißen Himmel verlor. - Als wäre er nie dort gewesen.
Er hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, wie einfach es wäre sich in den Schnee zu legen und einzuschlafen; es würde nicht lange dauern und er würde von ihm bedeckt werden. - Als hätte es ihn nie gegeben.
Mit einem müden Lächeln auf seinen Lippen und Tränen in den Augen drehte er sich wieder um und setze seinen Weg, der keiner war, fort. - Als gäbe es noch Zeit.
Er begann leise eine Melodie zu summen, die ihm aus seiner Kindheit in Erinnerung geblieben war und ging noch etwas schneller. So spielte er das Spiel weiter und weiter, weniger als dem Nichts entgegen.
Hatte er zu Beginn gedacht, daß er spätestens nach ein paar Tagen erfroren sein würde, so mußte er während der ganzen Zeit nicht ohne ehrliche Verwunderung feststellen, wie widerstandsfähig so ein Körper war, wie vielen Gefahren er trotzen, wieviel Schmerz er stumm erdulden konnte.
Immer wieder suchte er den Horizont ab, nach irgendetwas, egal was. Und war es ihm auch verwehrt nur den kleinsten Hoffnungsschimmer zu erhaschen, war er doch in manchen Stunden von einer Art Frieden erfüllt; verspürte sogar so etwas wie Genugtuung.
In eben dieser Stimmung befand er sich, als er voller Angriffslust einen steilen Hügel erklomm. Der Wind hatte den Schnee auf dieser Seite zu hohen Wehen aufgetürmt, so daß er ihm fast bis zur Hüfte reichte. Mühsam kämpfte er sich voran. Die kalte Luft brannte in seiner Lunge, aber er fühlte sich stark, so stark wie schon lange nicht mehr. Er konnte erkennen, wie der Gipfel langsam näher rückte.
Doch mit ihm näherte sich auch die Leere, die oben schon auf ihn lauerte, um ihm wieder ihren kalten Atem ins Gesicht zu hauchen.
Jeder Muskel und jedes Luftholen brannte in seinem Körper, als er den Gipfel erreicht hatte. In einer müden Bewegung ließ er sich in den Schnee fallen. Die Erschöpfung füllte ihn in diesem Moment völlig aus und verdrängte die Gedanken, in denen er sich zusehens mehr verlor. Es war ein gutes Gefühl.
Als er wieder zu Atem gekommen war blickte er sich um. Von diesem Punkt hatte er weite Sicht in alle vier Himmelsrichtungen; je länger er so in die Ferne guckte, desto mehr schienen sie ihm, in ihrer Gleichheit, zu einer Großen zu verschmelzen.„Wer sich selbst besiegt“, blitzte es in ihm auf, als hätte ihm jemand diesen Gedanken plötzlich in den Geist gelegt, „der besiegt die Welt“ Der Moment war vorbei, doch der Satz blieb ihm in Erinnerung. Mit einem Gefühl der Leichtigkeit, ließ er sich ganz in den Schnee sinken.
Als er nach einiger Zeit seine Augen wieder aufschlägt, merkt er voller Erstaunen, daß er sich auf einer Wolke befindet. Er richtet sich auf und blickt sich mißtrauisch um, doch es bleibt kein Zweifel. Als er seinen Blick hebt, durchfährt es ihn wie ein Schlag und er hat jeden seiner Gedanken vergessen. Vor ihm eröffnet sich eine Wolkenlandschaft, wie er noch nie etwas Vergleichbares gesehen hat. Tiefe weiße Schluchten, deren Ende er nicht einmal erahnen kann lassen ein beklemmendes Gefühl in seinem Magen sickern, riesige Gebirge stoßen vor ihm in den Himmel und geben ihm das Gefühl auf die Größe eines Staubkorns zu schrumpfen. Doch der blaue Himmel, der über allem thront, läßt ihn alles andere vergessen So oft hat er sich gewünscht nur einmal den Himmel zu erblicken, seine Farbe scheint ihm sanft über das Gesicht zu streichen. Zum ersten Mal spürt er die Wärme der Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Er schließt die Augen. Seine Seele öffnet sich wie ein Seufzer der Erleichterung; blüht in den schönsten Farben auf. Gelähmt vor Glück sieht er Menschen, sich, die Welt, befreit von der Last der Einsamkeit. Er ist zu hause; es ist nicht mehr wichtig wie lange er herumgeirrt ist. Als Vertriebener zurückgekehrt an den Ort seines Ursprung. Dorthin, wo er immer sein wollte und doch noch nie gewesen ist.
Wie lange er so dagelegen hatte, als eine Schneeflocke seine Wange berührte, wußte er nicht. Es fühlte sich kalt an, wie sie schmolz und als einsame Träne die Wange hinunter floss. Er spürte eine zweite, dann eine dritte. Als er die Augen wieder aufschlug, fand er sich auf der Bergspitze. Es hatte zu schneien angefangen. Ein stechender Schmerz durchfuhr seine Glieder, als er versuchte aufzustehen; Er fühlte sich müde - so müde. Trotzdem zwang er sich hoch. Er schaute kurz in die wild umher tanzenden Schneeflocken, die ihn wie eine weiße Wand umgaben, zuckte kaum merklich mit den Schultern und stapfte mit ausdruckslosem Gesicht davon.
In Gedanken versunken machte er im Gehen einen Schneeball und zerschlug ihn in der Luft. Wer sich selbst besiegt, der besiegt die Welt. - hallte es in seinem Kopf nach und verstummte. Er war nicht wütend oder traurig, aber es fühlte sich seltsam ähnlich an, als ob er sich mit jedem Schritt weiter entfernte, nur was blieb ihm anderes übrig?
Er bekam Fieber. Mit zittriger Hand wischte er sich über die nasse Stirn, er merkte langsam wie seine Kräfte endgültig zu Ende gingen. Es war eine Veränderung und die ruhige Trauer, die er dabei tief in sich spürte, grenzte fast an Zufriedenheit dem unmöglichem und doch unaufschiebarem Ende gegenüber. Zeit und Raum waren zu einem hölzernen Kreuz geworden, das er auf dem Rücken zu seiner Richtstätte schleppte.
Eine Gestalt erschien am Horizont.
Er blieb stehen, ohne das sich etwas an seiner Haltung oder in seinem Gesicht, das dem eines Erfrorenen glich, veränderte. Etwas tief in ihm schrie auf und riss an seinen Fesseln; sehr leise, weit entfernt. Es kämpfte, um durch die ganze Sinnlosigkeit und Verbitterung, die sich wie ein Schatten über sein Bewußtsein gelegt hatte, an die Oberfläche zu kommen.
Ein Ruck lief durch seine Augenlieder. Gedanken und Gefühle überschlugen sich, wie aus einem tiefen Schlaf aufgeschreckt, als er begriff, was es bedeutete.
Er rannte los, so schnell ihn seine müden Beine noch tragen konnten. Er hörte sich rufen, spürte wie Tränen in seine Augen stiegen, als die Gestalt anhielt und ihn erwartete. Es brannte in seinem Kopf. Leben! - bedeutete Hoffnung.
Vor einem zugefrorenen Fluß, der wie eine Narbe durch die weiße Ebene zwischen ihnen schnitt, kam er zum Stehen. Darum war sie nicht nähergekommen! Erleichterung mischte sich mit der aufkommenden Entsetzen. Sie stand am anderen Ufer; wie er, eingehüllt in dicke Kleidung. Ein Schal schütze ihren Hals und ihr Kinn vor dem kalten Wind. Sie blickte ihn mit ihren blauen Augen ruhig an. Er konnte die Wärme ihres Lächelns auf seiner Haut spüren. Wie sie durch sie hindurch in sein Inneres drang und Wunden heilte, die ihn fast um den Verstand gebracht hatten. Seine Gefühle waren so widersprüchlich, wie sie nur sein konnten. Wie konnte ein Traum Wirklichkeit geworden sein?
"Hallo?", er zuckte bei dem harten, brüchigem Klang seiner Stimme zusammen. Er versuchte seine Gedanken irgendwie zu ordnen, einen Ausweg zu finden; doch genauso gut hätte er versuchen können Wasser in seinen halb erfrorenen Händen zuhalten.
Er kannte diese Flüsse, sie waren heimtückisch, an manchen Stellen zu dünn. War man allein und brach ein, würde man von der Strömung sofort unter das Eis gerissen werden und gefangen unter einer Eisdecke sterben. Sein Blick huschte wild auf dem Fluß hin und her. Als er plötzlich aus dem Augenwinkel eine Bewegung vom anderen Ufer wahrnahm. Sein Herz setzte einen Schlag aus, als er mit ansehen mußte, wie sie ganz zaghaft einen Fuß auf das Eis schob und den zweiten langsam nachzog. Sie stand nun ganz auf dem Eis. Das Blau ihrer Augen schien sanft über sein Gesicht zu streichen. Angst und Entzücken mußten sich auf seinem Gesicht gespiegelt haben, als er es ihr gleichtat; sich vorsichtig auf das Eis stellte. Doch er wußte, je näher sie sich kommen würden, umso dünner würde das Eis werden, das sie trug. Ihre Augen ließen seine nicht mehr los, als sie sich langsam aufeinander zu bewegten, als sagte sie" Ja, ich vertraue dir, ich weiß, daß du mich nicht allein läßt und ich werde dich auch nicht mehr verlassen. Nie mehr. " Er hatte jetzt viel mehr als nur sein Leben zu verlieren, aber hatte er keine Angst mehr.
Nur noch ein kleines Stückchen. Er streckte seine Hand nach ihrer aus, konnte sie noch nicht fassen. Mit einem Knirschen bildete sich ein Riss unter seinem linken Fuß. Er hielt die Luft an und schob ihn langsam weiter vorwärts, er konnte und wollte jetzt nicht mehr zurück. Nichts war dort wo er herkam.
Ihre Finger berührten sich, er spürte sie durch die dicken Handschuhe; dann konnte er ihre Hand fassen . Sie hatten sich erreicht; sie vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter und seufzte erleichtert. In diesem Moment fiel die ganze Last eines Lebens, das ohne Sinn gewesen war, von ihm ab. " Ich bin so froh, daß du da bist.", flüsterte sie in sein Ohr, er konnte ihren warmen Atem an seiner Wange spüren.
So standen sie beide da, auf einem Fluß aus Eis, inmitten einer weißen Wüste und bildeten den Mittelpunkt des Universums.