Weltfrieden
„Herzlich willkommen zu unserer heutigen Livestream. Weltfrieden! Wie angekündigt, senden wir heute ein Interview mit Professor Wallatkze. Professor Wallatzke ist einer der führenden Köpfe, die das Board-Of-Freedom (BOF) gegründet haben.
Guten Tag, Professor Wallatzke. Ich freue mich, dass Sie heute hier bei uns in der Sendung sein können. Am besten fangen wir gleich an. Wie ist es zur Gründung des BOF gekommen?“
„Guten Tag, Herr Bluhlsit. Ich freue mich, Gast bei ihnen zu sein. Die Gründung des BOF war das Ergebnis jahrelanger Forschungsarbeit. Es wäre nicht richtig, damit zu beginnen.“
„Dann, Professor Wallatzke, beginnen Sie bitte dort, wo es ihrer Meinung nach angefangen hat. Die Entwicklung des Weltfriedens.“
„Das mit dem Weltfrieden wäre schön, aber ganz so einfach ist die Sache leider nicht. Ich werde später darauf eingehen. Wie ich schon andeutete, ist das BOF das Ergebnis eines sehr langen und harten Weges. Nicht zuletzt unserer gesamten Kulturgeschichte. Ich bin Professor für Geschichte gewesen, als mich ein Student durch eine seiner Arbeiten auf eine Idee brachte. Ich richtete ein Labor ein, wo ich mit einer Reihe von Studenten Untersuchungen durchführte. Die Studenten kamen aus verschiedenen Ländern, mit einem unterschiedlichen, kulturellen Hintergrund. Also wir hatten Russen, Deutsche, Araber, Spanier, Amerikaner, Australier und weitere. Mein besonderes Interesse galt schon immer dem Krieg. Warum wird er geführt, wer hat ihn angezettelt und was trägt in Friedenszeiten dazu bei, den Frieden zu erhalten. Die Banalität des Bösen, ist unglaublich kompliziert.“
„Und sie wurden fündig?“
„Nicht so schnell, bitte. Es gibt zu dem Thema abertausende Schriften und Meinungen und das in jeder Epoche. Wir mussten feststellen, dass es uns gar nicht möglich war, das alles zu untersuchen. Also haben wir von vorne angefangen. Wir wollten abstrakter denken. Andere Perspektiven für Geschichte entwickeln. Wir haben am Anfang den Fehler gemacht, die Geschichte aus einer rein akademischen Sicht zu betrachten. Ich meine so wie Gelehrte, Philosophen, Politiker usw. die alles erklären und Begründen wollen. Das hat uns jahrelang blockiert. Wir haben darüber endlose Debatten mit anderen Studienkreisen geführt. Am Ende war das Ergebnis aber stets immer nur ein Haufen Papier. Im Grunde wussten wir überhaupt nicht wonach wir gesucht haben. Wir haben etwas Universales gesucht.“
„Sie meinen eine Art Weltformel?“
„Nein, gewiss nicht. Ich gebe ihnen ein Beispiel. Es gab immer auf der ganzen Welt Kreise von Menschen, die sich über Weltfrieden ausgelassen hatten. Beim augenscheinlichen Bildungsbürgertum, der deutschen Mittel- und Oberschicht um die Jahrtausendwende, war da Kants kategorischer Imperativ mal wieder sehr beliebt. Die Leute liebten es mit diesen Sachen um sich zu werfen, denn gerade der kategorische Imperativ schien so einleuchtend zu sein. Tatsächlich begründet sich das Einleuchtende allerdings in seiner Beschränktheit.“
„Ich glaube, das müssen sie genauer erklären.“
„Nun. Wenn man als halbwegs wohlhabender Mensch unter seinesgleichen verkehrt, ist es leicht, Modelle von Gerechtigkeit, Fairness usw. zu vertreten und auch zu fordern. Die meisten Sachen, ebenso wie Kants kategorischer Imperativ, funktionieren aber nur in einem recht homogenen und beschränkten Habitat. Wenn Sie als aufgeklärter Mitteleuropäer, in ein armes afrikanisches Land gehen, wo sich die Menschen aufgrund von Stammesfehden die Gliedmaßen abhacken, werden sie mit einer solchen Argumentation nicht sehr weit kommen. Das können sie sogar wörtlich nehmen. In manchen Kulturräumen ist Zwangsheirat, Ehrenmord, Unterdrückung von Andersdenkenden usw. völlig in Ordnung – mit gewissen Abstufungen. Das bedeutet nicht dass es gut ist – nach unserem Verständnis. Es bedeutet nur, dass es tatsächlich keine universelle, richtige Kultur gibt – in der Praxis. Kurz und knapp: Was für uns in Europa richtig und Vernünftig ist, ist auf der anderen Seite der Erde eben falsch und dumm. Die Anmaßung, einen ethischen und moralischen Maßstab an die Welt anzulegen, hat für unglaublich viel Unheil gesorgt. Jedenfalls, nach einigen Jahren der Arbeit, steckten wir wieder in einer Sackgasse. Unser Ziel war es ja schließlich, irgendwann etwas Produktives zu tun. Frieden zu etablieren, Krieg zu verstehen. Ich war damals noch sehr naiv – die ganze Gruppe war es. Wir brauchten etwas Universelles.“
„Wann und wie haben sie den richtigen Weg gefunden?“
„Wir haben uns neu ausgerichtet und fingen ganz unten in der Geschichte an. Wir suchten nach Gemeinsamkeiten winziger Gruppen, über Gemeinsamkeiten ganzer Völker, bis hin zu einer universalen Gemeinsamkeit aller Menschen. Wir fanden bei allen Völkern, die uns teilweise ja nur aus archäologischer Arbeit zugänglich waren, Religionen. Oder zumindest Kulte, Traditionen, Kunst. Und wir fanden Hinweise auf Kommunikation. Sprache, Schrift und Bilder.“
„Und Musik?“
„Und Musik, genau. Bilder von Tänzen, sogar alte Instrumente. Religionen sind beliebte Forschungsgebiete mit akzeptablen Ergebnissen. Bei Sprachen und Schriften ebenso. Bei Musik ist es schwieriger, da Musik offenbar unter keinem Erfüllungsdruck steht. Niemand stellte jemals eine Erwartung an Musik im Sinne eines besonderen Zwecks. Damit meine ich keine einzelnen Musikstücke, wie z.B. ein Trauermarsch, oder ein Musikstück für religiöse Zwecke. Musik war immer ein update irgendeiner Sache. Sie hat alles nur noch größer und besonderer gemacht. Im Grunde können wir das Wesen der Musik nicht fassen.“
„Haben wir heute nicht eine Vielzahl von Forschungsergebnissen, die uns die Wirkung von Musik belegen? Wie Musik wirkt? Eine Menge Neurologen haben die Reaktionen von Menschen untersucht, die Musik hören.“
„Sicher, das gibt es. Aber Wir haben selbst ähnliche Arbeiten durchgeführt und begeistert Hirnströme gemessen. Aber was haben wir am Ende heraus gefunden? Ich sag es ihnen: Absolut nichts Neues über Musik. Aber wir haben etwas über wissenschaftliche Arbeit und die Finanzierungsstrukturen von Universitäten und staatlichen Geldgebern herausgefunden.“
„Das klingt ein wenig – vorwurfsvoll?“
„Ja, das ist es allerdings. Ich brauche keine Hirnströme zu messen um herauszufinden wie Musik auf einen Menschen wirkt. Wenn Sie wissen wollen was Musik wirklich macht, müssen sie dorthin gehen, wo Musik gespielt wird. Wir haben Zahlen über musikwissenschaftliche Arbeit aus einem Zeitraum von etwa 2000 bis 2045. Da wurden Milliarden ausgegeben um am Ende festzustellen, dass Musik gut für die frühkindliche Entwicklung ist.“
„Ok. Ich glaube wir können heraushören, das sie kein großer Freund dieser Disziplin sind.“
„Das stimmt. Wir haben es da mit unglaublich viel Unsinn zu tun. Aber natürlich gilt das nicht für alle Kollegen. Kritisch wird es immer erst, wenn Neurologen etwas als wissenschaftliche Erkenntnis postulieren, was jeder jeden Tag selbst erleben kann.“
„Gehen wir weiter. Sie haben also die Musik als etwas Universelles identifiziert. Ist da der Groschen bereits gefallen?“
„Nein, absolut nicht. Wir haben auch hier viele Fehler gemacht und sind lange in die Falsche Richtung gegangen. Um 2009, als wir gerade anfingen, uns auf die Musik zu konzentrieren, ließ der Kollege Thomas Ritz, vom Max-Planck-Institut in Leipzig, verlauten, Musik sei eine universale Sprache. Er hatte einiges an Geld ausgegeben, um Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen Musik vorzuspielen. Dann hat er die Hörenden beobachtet und Schlüsse gezogen. Wir sind gleich auf diesen Zug aufgesprungen und haben da weitergeforscht. Allerdings hat sich das als Sackgasse erwiesen, denn Ritz‘ Musik war irgendwie kastriert. Die ganze Nummer war viel zu abstrakt und am Ende in den besagten Gemeinsamkeiten begründet.“
„War denn die Erkenntnis so falsch?“
„Nein, sie war nicht falsch. Sie war nur schon lange bekannt und nichts Neues. Es war einfach zu banal, zu eingeschränkt. Ein Test der nur unter Laborbedingungen funktioniert. Ritz‘ Experiment sagt so viel über Musik, wie dass Stanley Miller Experiment über die Evolution – nichts. Sie können das ganz leicht selbst prüfen. Legen sie in irgendeinem beliebten Urlaubsort, eine Platte von Monk auf. Irgendwo, wo man gerne billigen Rotwein aus Eimern trinkt. Oder spielen sie in einer Stadtkneipe irgendwo in Deutschland arabische Musik. Oder probieren sie mal in einem deutschen Fußballstadion, vor einem Spiel, indische Ragas zu spielen. Sie werden feststellen, dass Musik alles andere als Universal ist. Nichtsdestotrotz hat uns Ritz eine neue Idee geliefert.“
„Von da an waren sie also ganz auf die Musik fixiert?“
„Ja. Wir haben eine Menge Befragungen durchgeführt. Vornehmlich von Musikern und Musiklehrern. Wir wollten ihre Perspektive kennenlernen. Von den Lehrern wollten wir wissen, wie sich das Musizieren und die Musikerziehung auf die Schüler auswirkt. Ganz subjektiv, ohne Hirnströme messen. Nach einer Weile haben wir festgestellt, dass die eigentliche Arbeit schon längst getan war. Wir mussten lediglich die Ergebnisse aufsammeln und sortieren.“
„Wer hatte die Arbeit denn schon gemacht?“
„Die Menschen selbst. Die Musiker und die Lehrer. Besonders gut dokumentiert, ist beispielsweise der Funk, der in den Hip-Hop und Rap mündete. Die sogenannten Rassenunruhen, in den 60ern der USA haben großartige Künstler emporgehoben. Wir haben bei genaueren Studien feststellen können, dass die Musik damals eine tragende Rolle gespielt hat. Weitaus tragender, als es in der Literatur dokumentiert ist. Dann kamen noch die Gangs dazu und die Gewalt drohte abermals zu eskalieren. Irgendwann schlich sich Musik als bedeutender, politischer Faktor ein. Die Musik – und die Musikveranstaltungen – waren regelrechte Friedensstifter, auch wenn sich Politiker gerne die Erfolge auf die Fahne schreiben. Die 60er sind eine echte Goldgrube für unsere Arbeiten gewesen.“
„Wann haben sie mit ihrer jetzigen Arbeit, mit ihrer praktischen Arbeit begonnen?“
„Wir hatten eine praktische Anwendung, in der Art wie wir sie heute betreiben, gar nicht im Sinn. Wir haben mit kleinen Experimenten angefangen und sozial instabile Gruppen von Menschen mit Musik versorgt. Wir haben schnell herausgefunden, dass die Musik immer in einem gewissen kulturellen Bezug stehen muss. Bei unseren Kollegen in den USA war das ziemlich leicht. Bei uns in Deutschland schien es fast unmöglich zu sein. Wie es schien, hatten die Deutschen überhaupt keine echte musikalische Identität mehr. Am ehesten hat es dann mit modernerer Musik aus den Staaten funktioniert. Soul, Funk, Pop, Blues, sowas kam dann gut an.“
„Was haben sie herausgefunden?“
„Wir haben uns zunächst auf direkte Reaktionen versteift und waren enttäuscht. Wir hatten ernsthaft Harmonie erwartet. Einklang. Stattdessen taten sich die Studenten in kleinen Gruppen zusammen. In Gruppen, die jeweils einen eigenen Standpunkt vertraten. Die Gruppen kapselten sich gegen die anderen ab. Wir haben dann weiter mit der Musik experimentiert und haben für die verschiedenen Gruppen unterschiedliche Musik spielen lassen. Nach ihren Wünschen. Dann haben wir etwas Fantastisches bemerkt: Einzelne Personen aus den Gruppen gingen hinüber zu anderen Gruppen und hielten sich dort auf. Am Ende des Experiments wussten wir, sie gingen wegen der Musik. Es kam zu Gesprächen mit Teilnehmern der anderen Gruppen und somit zu einem Transfer von Informationen. Wegen der Musik. Wir konnten das über Wochen beobachten und es wurden immer mehr. Am Ende des Projektes waren nahezu alle Gruppenmitglieder mehr oder weniger häufig zwischen den Gruppen auf Wanderschaft, ohne aber den Standpunkt der eigenen Gruppe abzulegen. Wir haben am Ende des Projektes alle Gruppen intensiv befragt und konnten feststellen, dass sich die Ansichten der einen über die anderen geändert hatten. Man hat sich verständigt, miteinander geredet. Wir konnten nichts Radikales entdecken, kein unreflektiertes Vorurteil. Sie waren alle –entspannter. Mental regsamer und verständiger.“
„Hatten sie von da an ein konkretes Ziel vor Augen?“
„Nein, noch nicht wirklich. Wir haben diese Versuche noch fast 6 Jahre wiederholt und verfeinert. Wir haben die Anforderungen stetig erhöht und auch Versuche mit echt schwierigen Gruppen durchgeführt. Wir mussten den Laborstatus überwinden und unsere Idee auf die Wirklichkeit anwenden.“
„Was für schwierige Gruppen waren das?“
„In den USA hatte man Versuche mit gewissen radikalen Glaubensgruppen gemacht. In Deutschland waren um 2015, dank einer erneuten Wirtschaftskrise, radikale Parteien, links wie rechts, sehr attraktiv. Ganz besonders natürlich bei den jungen Menschen. Wir haben ein Jahr lang Veranstaltungen unter dem Vorwand politische Freiheit organisiert, wo wir uns besonders für rechte und linke Parteien interessiert haben. Die Gruppen, in denen wir mit unseren Musikexperimenten gearbeitet hatten, wurden sehr schnell verständiger. Die Menschen waren weiterhin politisch aktiv, jedoch konnten sie mit den einfältigen und radikalen Ansätzen nicht mehr viel anfangen. Sie fingen an, sich mit den Meinungen anderer zu arrangieren. Gewaltfrei, wohlgemerkt. Wir haben sogar eine Partei, aus dem rechten Lager, in den politischen Ruin getrieben.“
„Was war passiert?“
„Es waren so gut wie keine Mitglieder mehr da. Sie sind fast alle gegangen, nachdem die Parteibasis auf ihren stumpfsinnigen Inhalten beharrte. Als wir das untersuchten, sagte ein Student von mir: Wo gesungen wird, da lasse dich nieder, denn böse Menschen haben keine Lieder. Ein altes Sprichwort und so voller Weisheit.“
„Und das war der Impuls für das BOF?“
„Das war ein Paukenschlag! Ich habe noch am selben Abend meine wichtigsten Studenten und einige der bereits Ausgeschiedenen kontaktiert und eine Vorlesung angekündigt. Dort habe ich zum ersten Mal das Konzept der musikalischen Kriegsführung vorgetragen. Der Name war ein böser Scherz, aber am Ende ging es genau darum.“
„Wann genau war das?“
„Das war am 3. Mai, 2033. Es war ungewöhnlich warm. Ich habe wie verrückt geschwitzt.“
„Wie war die Reaktion?“
„Sehr deutlich. Einige meiner Kollegen nannten mich ganz direkt einen Spinner. Andere waren begeistert, einige noch etwas skeptisch. Die meisten derjenigen, die gegangen waren, waren Kollegen aus dem universitären Umfeld. Der Rest waren fast alles Musiker. Oder zumindest große Musikliebhaber.“
„Hatten sie nicht auch Schwierigkeiten mit dem deutschen Verfassungsschutz?“
„Oh ja. Die haben sich damals für unsere Arbeit interessiert, als wir diese politischen Veranstaltungen organisiert hatten. Es kamen da ganz fadenscheinige Argumente auf den Tisch. Die konnten aber nichts machen, da wir uns völlig im Rahmen der legalen, politischen Arbeit bewegt hatten. Am Ende kam dann heraus, das eine Menge Leute schlichtweg Angst um Ihre Jobs hatten.“
„Was ist aus der Sache geworden?“
„Wir haben ein Benefizkonzert für ehemalige Gehaltsempfänger des Verfassungsschutzes gegeben. Es sind sogar einige gekommen. Das war ein Riesenspaß.“
„Wie ging es weiter? Wir wissen, dass es ab da an richtig schwer wurde.“
„Das war die schwerste Zeit in meinem Leben. Wir mussten mit dieser Haarsträubenden Idee in die Öffentlichkeit gehen. Die meisten von uns hatten wenig Erfahrung im Umgang mit den Medien. Wir wussten nicht, was auf uns zu kam. Nun ja. Es dauerte nicht lange, bis wir unsere Konzepte vorlegten und an Regierungsstellen herantraten. In Europa war da gar nichts zu machen. Eine Einmischung ziviler Stellen, wie sie es nannten, war undenkbar. Das wiederrum war für uns undenkbar. Um 2030 herum eskalierten die Gewalt und der Terror, nahezu auf der ganzen Welt. Autobomben waren auch in Europa keine Seltenheit mehr. In Berlin hatten wir damals schon 14 Bombenanschläge zu vermelden. Das war ja längst nicht mehr nur religiös motivierter Terror. Es war ganz allgemein Terror. Wegen irgendwas und gegen jeden. Es wurde fast schon normal. Unsere politischen Systeme überschlugen sich mit immer neuen Gesetzen und Maßnahmen und machten die Leute nur noch verrückter. Niemand wusste mehr den genauen Grund. Der 11. September, wissen Sie noch was da war?“
„Der Anschlag auf das WTC in den USA?“
„Genau. Dieses Datum verblasste zu einem kleinen Punkt in einer langen Kette einer neuen Form von Kriegen. Wir wissen ja bis heute nichts Genaues über die damaligen Umstände. Auf jeden Fall gab es nahezu überall Krieg. Wir bekamen unsere erste Chance in einem afrikanischen Land, wo wir in Kontakt mit mehreren Stammesfürsten standen. Sowas wie Regierungen gab es da ja schon nicht mehr. Es war alles zersplittert. Der provisorische Frieden wurde lediglich noch durch das Sicherheitspersonal westlicher Konzerne gewährleistet, die dort nach Bodenschätzen schürften. Heute wissen wir, dass die Kriege in diesen Ländern durch den Westen gehegt und gepflegt wurden. Kaum hatten sich zwei rivalisierenden Gruppen angenähert, wurde jemand ermordet, eine Bombe gezündet oder andere Gräueltaten verübt. Nur um den Krieg wieder aufzuheizen. Man konnte um 2030 eine Menge Geld mit diesen Kleinkriegen verdienen. Man bot Hilfe an. Gegen Bodenschätze. Öl, Gold, seltene Erden. Und wenn jemand plötzlich keine Hilfe benötigte, so wurde er in eine Situation gebraucht, wo er doch welche brauchte. Ein paar der Führer unten hatten das durchschaut.“
„Die Stammesfürsten, Professor Wallatzke?“
„Ja. Es gab natürlich auch viel Aufklärung. Durch das Internet wurden neue Informationsquellen erschlossen und Einige erkannten das Spiel des Westens. Sie waren zwar alle da, die Hilfstruppen, UNO, NATO, aber nichts half wirklich. Also bekamen wir unsere erste Friedensmission.“
„Wie sah diese erste Mission konkret aus?“
„Wir haben zunächst unsere Forschungsarbeiten vorgestellt – und auch die Ergebnisse. Damit sind wir allerdings nicht weit gekommen. Die ersten Gespräche waren ein totales Desaster, was uns viel Zeit gekostet hat. Wir haben es dann mit Geld versucht. Wir haben einfach ein günstiges Angebot für einen Einsatz gemacht und von unserer eigentlichen Arbeit nichts erwähnt. Wir hatten große finanzielle und technische Hürden zu überwinden und haben einen ganzen Monat gebraucht um unsere Waffen herzurichten. Wir hatten den Angriffsplan in 3 Phasen gestaffelt. 1. Dezente Beschallung nach Vorgabe. 2. Dezente Beschallung mit Wahlmöglichkeiten und 3. Animation zum aktiven Musizieren. In der ersten Phase starteten wir mit Flugzeugen des Roten Kreuz.“
„Was passierte ganz genau in diesen Phasen? Was ganz genau haben Sie da gemacht?“
„In der ersten Phase haben wir Musikboxen abgeworfen. Die Boxen haben eine Kantenlänge von ungefähr 2 Metern. Innen drin befanden sich ein Lautsprecher und eine Einheit um Musik anzuspielen. Wir konnten die Einheit per Satellit steuern. Die Energie wurde von einer neuartigen Akkutechnik geliefert. Im Detail kann ihnen das nur einer unserer Ingenieure erklären. Wir haben die ganze Operation mittels selbst gebauter Drohnen überwacht, die über dem Einsatzgebiet schwebten. Die erste Welle Musikboxen haben wir in unmittelbarer Nähe von Soldatenlagern abgeworfen. Die Reaktionen waren heftig und zunächst dachten die wohl es wären Bomben. Wir haben dann angefangen Musik abzuspielen. Etwas, was aus dem kulturellen Umfeld kam. Bekannte Liebeslieder und viel Instrumentales. Am Anfang versuchten sie, die Boxen zu zerstören. Allerdings sind die Dinger unglaublich robust. Ohne schweres Gerät bekommt man die nicht so leicht kaputt. Einige haben sie eingegraben. In andere wurde Wasser oder Benzin gegossen. Wir haben in der ersten Angriffswelle über 40 solcher Boxen verloren.“
„Wie war die Reaktion? Was ist da passiert?“
„Die Reaktion war, wie schon beschrieben, erst mal sehr argwöhnisch. Man versuchte mit aller Gewalt der Musik zu entkommen. Dabei war das ihre eigene Musik - zum größten Teil. Wir haben sie ja auch nicht den ganzen Tag gespielt. Und nachts haben wir ihnen Ruhe zum schlafen gegönnt. Zumindest hörten die kriegerischen Handlungen erst einmal auf. Sie waren einfach zu beschäftigt damit, unsere Boxen aus der Welt zu schaffen. Hatten sie welche entsorgt oder eingegraben, warfen wir neue ab. Ab der dritten Woche konnten wir tatsächlich eine Änderung feststellen. Die Männer saßen länger beisammen und die Patrouillen wurden kleiner und kürzer. Nach der vierten Woche war eindeutig ein Stück Heiterkeit in das Lager eingekehrt. Es wurde noch mehr Zeit mit dem Essen und dem beisammensitzen verbracht. Dann leiteten wir die zweite Phase ein. Wir warfen erneut Musikboxen ab, die simple Bedienfelder hatten. Darüber konnte man Musik auswählen und ganz abschalten und auch die Lautstärke regeln. In der fünften Woche wurde von den Männern Musik selbst gewählt und sogar die Lautstärke verändert. Etwas leiser beim Essen. Und wieder etwas lauter am frühen Abend. Nachts wurde die Musik abgestellt. Am Morgen hatte sie wieder irgendwer angeschaltet. Am Anfang der sechsten Woche haben wir sogar einige Männer Tanzen sehen. Sie hatten ein traditionelles Stück gespielt, welches von der Liebe zu einer Frau handelte. Die Männer tanzen und klatschten. Das war für uns das Zeichen, in die dritte Phase überzugehen. Wir warfen Musikinstrumente ab. Hauptsächlich Trommeln, Rasseln, Klanghölzer. Instrumente, die dort eben bekannt und üblich waren.“
„Und sie fingen tatsächlich an Musik zu machen?“
„Nicht sofort. Aber am Ende haben sie wirklich Musik gemacht, ja.“
„Heute ist der 30. Mai 2063. Kann man es als ein 30 jähriges Jubiläum des BOF bezeichnen? Als einen Sieg für den Weltfrieden?“
„Das würde ich so nicht sagen. Ein Weltfriede ist noch ein langer Weg. Aber wir haben angefangen. Wir haben in den letzten 25 Jahren einen stetigen Abbau von Rüstung verfolgen können. Nahezu jeder Militäretat wurde auf einen Bruchteil heruntergefahren. Und in Regionen, die lange Zeit von Krieg und Hass beherrscht wurden, haben wir tatsächlich Frieden. Es ist nicht so, dass wir mit der Musik den Frieden gebracht haben. Es ist aber so, dass wir mit unserer Methode dafür gesorgt haben, dass die Menschen verständiger sind. Viele Menschen haben erkannt, dass Musik weitaus besser ist, als durch die Gegend zu laufen und mit AKs herumzuballern. Entgegen unserer Erwartung erleben sogar die Religionen eine neue Blütezeit, erneuern ihre Konzepte. Die Prioritäten haben sich global verschoben, das sehen wir deutlich. Die Wirtschaft hat andere Wege gefunden, materieller Wohlstand ist nicht mehr das Wichtigste. Die Finanzmärkte haben sich in nur 20 Jahren komplett gewandelt. Bildung und Kultur, Wissenschaft, Kunst und natürlich Musik – das ist jetzt angesagt. Der primitive technische Formalismus dankt ab. Die Generation kriegstreiberischer Alphamännchen scheint endlich auszusterben. Aber wir dürfen uns nicht zurücklehnen und darauf ausruhen. Wir müssen am Ball bleiben. Wir müssen das hier als eine letzte Chance begreifen, zu überleben.“
„Ich danke ihnen für ihre Zeit.“