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Weite Wanderung

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10.03.2003
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Weite Wanderung

Ich wanderte entlang des Flusses der Gedankenlosigkeit. Begleitet von meinen Phantasien, ohne zu ahnen, an meinem Ziel vorbeigelaufen zu sein. Um an Orten zu verweilen, blieb keine Zeit. Wollte mehr sehen, fühlen und schmecken. Winkte nur, rief "hallo".
Weiter, nur weiter fort. Was wartet hinter des Flusses Biegung?
Die Klarheit des Nasses und das Rauschen der Wasserschnellen betäubte Aug´ und Ohr. So brachte ich endlose Meilen des Erlebens hinter mir.
Doch dann sah ich etwas Unerwartetes.
Woher kam das welke Laub, das an den Ufern lag? Warum war die Sonne von Wolken verhangen? Mit Entsetzen nahm ich mein Gesicht im Spiegel des Flusses wahr.
Ich hatte, was geschehen, heraufbeschworen; denn ICH war verblüht und welk.
Enttäuscht und voller Bitterkeit senkte ich mein Haupt und gedachte der gesteckten Ziele, die nun verloren waren. Kraftlos war die Mündung nicht zu erreichen. Seufzend wandte ich mich der Dämmerung zu und trat müde den Rückweg an.

Wieder auf und ab, Orte, stumme Gesichter, diesmal kein Winken, nur wissend fragende Blicke.

Nach ungezählten Meilen schleppenden Schrittes wurde mein einziger Begleiter schmaler und seichter. Musik drang an mein Ohr. Der Fluß, er war´s, der mir von Träumen, Qualen, Liebe und Leid sang.
Ein wundersames Empfinden überkam mich. Liebkosend fing ich jedes Wort mit meinen Fingerspitzen und bewahrte die schönsten Melodien in meinem Herzen auf. So gelang ich gedankenverloren an einen stillen, unbewohnten Ort und vermißte plötzlich den Fluß.
Wo war er? Sang er nicht mehr?
Nein, ich war es, die die letzten Meilen gesungen hatte!
Verwirrt sah ich mich um. - Dort, in einer Felsspalte verschwand er in dunkle Tiefen.
Seine Geburt, - seine Quelle!
Und ich war ebenfalls zurückgekehrt. Zurück nach langer Wanderung, mit neuem Bewußtsein und voller traumhafter und die sinneraubender Melodien.
Aber alt war ich nun. Und meine letzten Tage verbrachte ich damit, die Quelle in Einsamkeit zu bewachen.

Des nachts hört man meinen Gesang, den mein junger alter Freund mit sich in die Dunkelheit nimmt, um ihn irgendwann und irgendwo einer Seele ins Herz zu brennen.

 

Gefällt mir! Gefällt mir sogar sehr. Der Stil hat was. Ziemlich poetisch.
Darf ich loslegen mit Interpretieren?
"Ich wanderte entlang des Flusses der Gedankenlosigkeit" <-- wenn das das Leben dieser Person ist, dann lebt sie sehr oberflächlich, ohne ihr Leben wirklich wahrzunehmen. Irgendwann merkt sie, dass das nicht das Wahre sein kann, dass sie das Ziel (= Flussende), auf das sie hingearbeitet hat, nur eine Illusion des Glücks ist, etwas Unerreichbares oder nicht Erreichenswertes, und dass die Arbeit ihr das Leben "genommen" hat. Sie fängt von vorne an, und findet schließlich ganz am Anfang das, was sie immer gesucht hat: Das Glück.
Das Ende habe ich noch nicht verstanden, das mit dem Freund (die Quelle, der Fluss?). Gibt er die Lebenserfahrung, das letztendlich gefundene Glück an die Nachwelt weiter? Hey, ein Happy End! :D
Tolle Geschichte, eigentlich mehr ein Gedicht!

Aber sag mir doch bitte, ob meine Interpretation richtig war :)

 

Hoi Xkaxre,
dank Dir und Deinem Lob.
Deine Interpretation trifft fast den Punkt!
Jeder sollte das entnehmen, was er beim Lesen verspürt, oder?
Nu ans Eingemachte.
"Irgendwann merkt sie, dass das nicht das Wahre sein kann, dass sie das Ziel (= Flussende), auf das sie hingearbeitet hat, nur eine Illusion des Glücks ist, etwas Unerreichbares oder nicht Erreichenswertes, und dass die Arbeit ihr das Leben "genommen" hat."

Meinte damit, daß sie einfach lebte, mit Zielen, mit Traditionen, mit Anpassungen, obwohl sie immer versuchte, dort auszubrechen. Aber Viele erreichen irgendwann im mittleren Alter den Punkt, wo es klick macht und man sich fragt, was man da eigentlich macht!? Ob es richtig und wichtig ist!? Und man stellt fest, daß man die ganze Zeit über allein war.
Man läßt sein ganzes bisheriges Leben noch einmal an seinem geistigen Auge vorüberziehen.
Hier meinte ich, daß ihr die Gesellschaft eine Illusion des Glücks vorgaukelte, daß es in ihrem Herzen aber ganz anders aussah. Sie entdeckte plötzlich, daß ihr persönlich andere Dinge wichtiger sind, daß sie falschen Idealen nachjagte.
Aber....die Zeit war vertan! All die jahre, die nicht wiederkommen....
Sie beginnt nicht von vorn, sondern sucht in sich selbst einen anderen Weg, um zu retten, was noch zu retten ist. Ja, sie überdenkt alle Erfahrungen (Lieder des Flusses), sucht sich Freunde die anders sind oder widmet sich Kreativität (der Fluß). Sie lernt und entscheidet sich, anders zu leben und das zu tun, was ihr ihre Intuition eingibt. Sie geht gedanklich zurück, zurück in ihre Jugend (Quelle), wo sie Trost in wahren und guten Idealen fand.

Eigentlich findet sie nicht "ihr" Glück, denn dafür war die Zeit zu knapp geworden. Aber sie findet ihren Frieden, indem sie das, was sie erfahren hatte, anderen weitergeben kann.
Wer seine Weisheiten anderen übermittelt und sie dadurch glücklich macht, erlebt selbst das Glück, ein anderes Glück...

Ich hoffe, Du kannst etwas mit meiner Antwort anfangen?
LG
Irrwisch Sossy

 

Hey Sossy,

sehr poetische Sprache, Message angekommen. Allerdings knapp an (meiner persönlichen) Kitschgrenze vorbei geschrammt ;)

Um mal einen sehr kunstvollen Ausdruck herauszugreifen:
"Liebkosend fing ich jedes Wort mit meinen Fingerspitzen..." Die Fingerspitzen sind sehr sensitiv, und gleichzeitig streicheln wir mit ihnen. Man kann das tiefe Verstehen von Worten wohl kaum treffender beschreiben.

Fazit: Sehr schöne Geschichte!

Uwe

 

Hiho Uwe,

fühle mich ob der positiven Bewertung geschmeichelt.
Mir hat die Geschichte auch nie so ganz gefallen, denn ich hatte schon immer bei ihrem Lesen ein ungutes Gefühl. Es liegt an der Kitschgrenze! (zwei Fliegen mit einer Klappe *g*)
Aber damals war mein Leben kitschiger, denk ich mal....
Doch gut, daß der Inhalt einiges wieder wettmacht?

LG
Sossy

 

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