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Weihnachten in der Mülltonne
Sie wissen nicht, was Weihnachten ist, die Ratten.
Sie wussten es nie, und wahrscheinlich werden sie es auch nie wissen.
Und sie würden es auch gar nicht wissen wollen, denn sie beobachteten die Menschen, bei ihrem geschäftig scheinenden und doch so absurden Dasein. Nun ja, man kann sagen, was sie wussten, das reichte ihnen.
Da Weihnachten also kein besonderer Tag für sie war, gingen sie ihren üblichen Beschäftigungen nach, an den üblichen Orten; um und in und über und unter den Mülltonnen.
Die dunklen Knopfaugen der Ratte sahen auf, als sich der metallene Deckel der Mülltonne mit einem Poltern hob, von irgendwoher wehte der Wind Klänge von Weih-nachtsliedern herein (... nicht, dass die Ratten gewusst hätten, was Weihnachtslieder sind).
Neben dem üblichen knisternden Papier und raschelnder Folie fiel diesmal eine An-zahl schillernd lackierter Keramikteller herein, die gefüllt waren mit Orangen- und Nussschalen.
Die Teller schmeckten eigenartig, deshalb gab en es die Ratten bald auf, daran herumzuknabbern. Stattdessen bereitete es ihnen nicht unerhebliche Freude, auf den Tellern herumzuklettern und herumzurutschen.
So war ihre Existenz für eine Zeitlang mit einem nur fast weltbewegenden, aber unheimlich bedeutsamen Sinn erfüllt, jedoch währte dieses glückliche Dasein nicht lange.
Eine allgemeine Trauer - ein spitzfindiger Mensch würde es als Frustration bezeichnen - breitete sich in jener Mülltonne aus, als sich scheppernd der Deckel erneut hob, denn diesmal fielen nicht wie gewöhnlich jene äußerst nützlichen Ding hinein, die die Menschen „Müll“ nannten, sondern ein Obdachloser, der die Tonnen nach brauchbaren Gegenständen durchsuchte, entdeckte die Keramikteller und nahm sie sich ungeachtet des quiekenden Protests der zuvor doch so glücklichen Ratten. Die Ratten wussten nicht, dass der Obdachlose die Teller an den nächsten Ramschladen verkaufen und sich vom Rest neuen Schnaps kaufen würde.
Wenn sie es gewusst hätten, hätte es sie vielleicht berührt.