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Wehmeyers Reise

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13.01.2012
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Wehmeyers Reise

„Niemand ist unersetzbar, Wehmeyer. Vergessen Sie das nicht.“
„Nein. Natürlich nicht, Chef.“
Wehmeyers Chef wippte in seinem Bürostuhl langsam vor und zurück. Er hielt einen Plastikkugelschreiber zwischen den Zeigefingern und blickte Wehmeyer darüber hinweg finster an. „Ich weiß nicht, ob Sie den Ernst der Lage verstehen, Wehmeyer.“
„Doch. Aber natürlich, Chef.“
Die kleinen Augen des Chefs blieben auf Wehmeyer fixiert. Der Chef schien unschlüssig für einen Moment. Dann legte er den Kugelschreiber auf seinen Schreibtisch. „Gut.“
Der Chef stand auf. Auch Wehmeyer stand auf.
„Dann erwarte ich, dass Sie die Sache mit diesem Solty bis morgen klären.“
„Ja, Chef.“
Wehmeyer verließ das Büro.


Wehmeyer wusste, warum der Chef in dem Gespräch an manchen Stellen gezögert hatte. Es lag daran, dass Wehmeyer sich anders verhielt als sonst. Er hatte nicht geschwitzt, hatte nicht gestottert, während der Chef ihm eingeheizt hatte. Er hatte nicht überstürzt, holpernd geantwortet, sondern ruhig und sachlich. Wie ein Computer, der eine Anfrage beantwortet. Ja, Chef. Natürlich, Chef.
Wenn ein Chef einem Mitarbeiter sagt, dass niemand unersetzbar ist, dann erwartet der Chef, dass der Mitarbeiter nervös wird. Dass er herumdruckst. Wehmeyer hatte das nicht getan. Und deshalb fühlte der Chef sich nicht ernstgenommen. Er fühlte sich, als mache sich Wehmeyer über ihn lustig.
Noch vor zwei Tagen hätte Wehmeyer reagiert, wie man es von ihm erwartete. Aber inzwischen war das unmöglich geworden, vollkommen unmöglich.


Seit vierundzwanzig Jahren arbeitete Wehmeyer in diesem Büro, die Hälfte seines Lebens also. Er hatte sein Abitur gemacht, dann das Diplom in BWL, bevor er zur Firma kam. Die Firma rekrutierte Leute, human resources, für alle möglichen Bereiche: Ingenieure, Juristen, Informatiker, Chemiker. Größtenteils junge Absolventen. Wehmeyer bekam – wie die achtzehn anderen im Büro, die quasi das gleiche taten wie er – Anfragen von Unternehmen auf den Tisch, die Personal suchten. Dann durchforstete er die Datenbanken, gestützt auf bestimmte Merkmale und Rahmenkriterien, nach geeigneten Bewerbern. Er rief diese Leute an, führte Interviews, vereinbarte Treffen, stellte den Kontakt zu den Unternehmen her.
Wehmeyer war nicht schlecht in seinem Job und wenn er die Karriereleiter nicht besonders weit hinaufgeklettert war, dann lag das daran, dass er es nicht darauf angelegt hatte. Manchmal saß er einem Bewerber, einem Uniabsolventen, fünfundzwanzig oder jünger, gegenüber und bemerkte, dass er seinen Namen nicht mehr wusste. Die Eckdaten hatte er im Kopf: Das Alter, die Abschlussnote, Praktika und Berufserfahrung. Als sei der Bewerber mit gelben Notizzetteln beklebt, auf denen diese Dinge standen. Nur der Name war weg. Aber das war so ziemlich Wehmeyers einzige Schwäche.
Zumindest bis vor einigen Wochen. Da merkte Wehmeyer, dass er sich nicht gut fühlte, schon seit einiger Zeit. Die Sekretärin vom Chef, die er zufällig in der Kantine traf, sagte ihm, dass er blass aussehe. Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass es stimmte. Und müde war er, immerzu müde. Am Morgen kam er schwer aus dem Bett, als wollte sein Körper nicht mit.
Und dann dieser Schmerz gleich neben der linken Schläfe. Ein Stechen zuerst, wie mit einer Nadel. Es wurde schlimmer. Wehmeyer hatte sich nie böse verletzt, sich nie einen Arm gebrochen oder dergleichen – aber so stellte er es sich vor, ein Messer in den Schädel zu bekommen. Er war gerade wieder in der Kantine, als der Schmerz seine Gedanken zerriss. Wehmeyer krümmte sich zusammen. Das Plastiktablett fiel herunter, das Schnitzel klatschte aufs Linoleum, die Champignonsauce dazu und Wehmeyer drückte sich die Hand an die Stirn, die Zähne zusammengepresst.
Die Sekretärin stand wieder dabei. „Sie sollten zum Arzt gehen.“ Es klang ziemlich besorgt.
Sobald er wieder denken konnte, beschloss Wehmeyer zum Arzt zu gehen.


In dieser Zeit begann Wehmeyer, Fehler zu machen. Er konnte sich nicht recht konzentrieren. Seine Bilanz wurde schlechter, der Chef registrierte das. Er sagte: „Sie lassen nach, Wehmeyer.“
Und so kam auch die Sache mit Solty. Die Sache, wegen der ihn der Chef in sein Büro bat. Ignaz Solty war ein junger Hochbegabter. Er hatte mit sechzehn sein Abitur gemacht, mit neunzehn sein Diplom in Technischer Mathematik. Danach zwei Jahre mit einem Stipendium in den USA studiert, am MIT. Jetzt war das größte Unternehmen, für das Wehmeyers Firma rekrutierte, an Solty interessiert. Und Wehmeyer sollte ihn werben.
Das war keine leichte Aufgabe, wie Wehmeyer feststellen musste. Solty zu erreichen, war ungefähr so schwierig, wie eine Audienz beim Papst zu bekommen. Unter der Nummer, die Wehmeyer von der Stiftung erhielt, die Solty mit dem Stipendium gefördert hatte, meldete sich niemand. Immer nur Freizeichen, kein Anrufbeantworter, gar nichts. Wehmeyer fragte erneut an – aber nein, man habe keine neue Nummer von Solty. Auch das Internet wusste fast nichts: Soltys Name unter einigen Artikeln und Forschungspapieren, mehr gab es nicht her. Nicht einmal ein Bild.
Aber: Als Wehmeyer schon an Ignaz Soltys Existenz zu zweifeln begann, antwortete der ihm plötzlich auf eine Email. Nach kompliziertem Hin und Her verabredeten sie sich in einem Restaurant in der Stadt, die Firma würde die Rechnung zahlen. Das war schon in der Zeit, als das Stechen heftiger wurde. Wehmeyer war wirklich erleichtert. Endlich eine gute Entwicklung. Er war so erleichtert, dass er den Termin mit Solty – was ihm in über zwanzig Jahren nicht einmal passiert war – völlig vergaß.
Eine Minute, nachdem sie sich hatten treffen wollen, sah er zufällig in seinen Kalender – und es fiel ihm siedend heiß ein. Wehmeyer sprang von seinem Schreibtischstuhl hoch, so schnell, dass ihm schwindlig wurde. Seine Linke fuhr an die Schläfe, die Rechte griff seinen Mantel. Wehmeyer stürzte durchs Treppenhaus und sprang in ein Taxi hinein. Als er das Restaurant, eine Viertelstunde zu spät, erreichte, teilte der Ober ihm mit, jawohl, so ein Herr sei eben hier gewesen, inzwischen aber gegangen.


„Krebs?“
„Ja, Krebs, in der Tat.“ Der Arzt blickte von seinen Unterlagen zu Wehmeyer auf. Wie er das sagte, wie er so aufblickte, konnte man glauben, er hielte Wehmeyer für ein wenig langsam. Dabei hatte er ihm die Mitteilung in angemessenem, gedämpftem Ton gemacht, ihm, als er das erste Mal ungläubig nachfragte, die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: „Es tut mir leid.“ Aber nun schien die Geduld auch dieses Arztes, eines kleinen Großvaters mit grauem Haarkranz, erschöpft.
„Krebs also.“ Wehmeyer fuhr sich mit der Zunge fest über den Gaumen, hin und her. Ein unwirkliches Gefühl.
„Ja, leider, Herr Wehmeyer. Die Bilder vom MRT“, der Arzt hielt sie hoch, Wehmeyer sah dran vorbei, „belegen es zweifelsfrei. Ein Hirntumor, nicht gutartig.“ Hier machte er eine Pause, um zu zeigen, dass er sich Zeit nahm für den Patienten. „Hat gestreut. Wir können da nicht mehr viel tun. Sie verstehen?“
„Ja. Natürlich.“ Plötzlich überkam Wehmeyer eine seltsame Vorstellung. Ihm war, als säße er hier nicht auf der Untersuchungsliege, sondern im Besuchersessel des Chefs. Als wäre der Arzt gar kein Arzt, sondern der Chef. Und eine Ähnlichkeit war nicht zu leugnen. Mochte der Chef so aussehen, in zwanzig Jahren vielleicht? Oder – war es möglich, dass der Vater des Chefs Arzt war? Hatten sie den gleichen Nachnamen?
Doktor … Wehmeyer stutzte. Wie war noch einmal der Name des Arztes? Und – der seines Chefs …?
„Wie lange habe ich noch?“ Etwas in Wehmeyer wusste, dass es seine Pflicht war, das jetzt zu fragen und stellte die Frage für ihn.
Der Arzt sah konzentriert in seine Papiere, wog den Kopf leicht hin und her. „Sechs Wochen ungefähr. Mit einer Behandlung vielleicht auch … Aber davon würde ich abraten.“
„Verstehe.“
Der Arzt schaute ihn forschend an. Beinahe misstrauisch. „Herr Wehmeyer“, fragte er vorsichtig, „haben Sie auch wirklich verstanden …?“
„Selbstverständlich.“ Wehmeyer stand auf. Er griff seinen Mantel. „Ich danke Ihnen.“ Er schüttelte kräftig die Hand des Arztes und beide Hände fühlten sich gleich fremd an dabei. „Ich danke Ihnen“, wiederholte er.
Wehmeyer verließ den Behandlungsraum.


Den Rest des Tages verbrachte Wehmeyer so, wie er es auch vor dem Besuch beim Arzt vorgehabt hatte. Er kaufte in dem Supermarkt, der gegenüber seiner Wohnung lag, ein, was schnell erledigt war – Wehmeyer kaufte in aller Regel das gleiche. Er bügelte seine Wäsche und putzte das Badezimmer, er dachte nichts Besonderes dabei. Er dachte sogar weniger dabei als gewöhnlich: Seine Gedanken schienen nur so nebenher zu laufen, benannten die Dinge, die er tat, die er sah: Wehmeyer nimmt einen Karton H-Milch aus dem Regal. Wehmeyer legt ein Hemd auf das Bügelbrett. Wehmeyer …
Am nächsten Tag blieb er einfach zu Hause, ohne sich krank zu melden. Vermutlich fiel es nicht weiter auf. Er ging in seiner Wohnung auf und ab, saß auf der Couch. Einmal nahm er ein Buch aus dem Regal, stellte es wieder zurück. Er wollte einen Spaziergang machen und ließ es dann sein. Er machte sich Nudeln mit Ketchup. Ab und an meldete sich das Stechen im Kopf. Als er am Abend, zur üblichen Zeit, im Bett lag, unter der Decke, begann Wehmeyer zu weinen. Zum ersten Mal seit der der fünften Klasse weinte Wehmeyer. Wie ihm die warme Feuchtigkeit über die Wangen lief, das war ein sonderbares Gefühl.


Als er am nächsten Morgen erwachte, war alles in graues Herbstlicht getaucht. Die Bettwäsche, die eigentlich weiß war, die Gardinen, die grün, der Schrank, der hellbraun sein sollte, alles war grau. Wehmeyer wunderte sich und lag ganz still da. War ein Vulkan ausgebrochen, inmitten der Stadt? Hatte alles mit Asche bedeckt? Die Bäume verbrannt und die Luft, die Tiere und Menschen getötet? War er tot?
Nein. Wehmeyer stand langsam auf und es ging besser als sonst. Kein Schwindel, kein Stechen im Kopf. Dafür ein neuer Entschluss. Wehmeyer war wiederum überrascht. Woher kam der Entschluss?
Für heute hatte der Chef ihn in sein Büro gebeten. Er wollte über den Fall Ignaz Solty sprechen. Wehmeyer zögerte nicht, es machte nichts mehr. Er legte sich die Krawatte um den Hals, zog fest zu und machte sich auf den Weg.
Er erschien, wie seit nun vierundzwanzig Jahren, pünktlich um neun in der Firma. Die Augen der Sekretärin fuhren schnell hin und her, schienen Wehmeyers Gesicht zu scannen. „Sie können gleich reingehn.“
Wehmeyer wandte seinen Kopf zur Bürotür des Chefs. Eine große Tür für einen so kleinen Mann.
„Seien sie vorsichtig“, flüsterte ihm die Sekretärin zu. „Der Chef ist nicht gut gelaunt.“
„Danke“, sagte Wehmeyer, den Blick weiter auf die Tür geheftet. Er drückte die Klinke herunter, trat ein.
Der Chef schien fast zu verschwinden hinter dem riesigen Schreibtisch in dem viel zu großen Büro. Ein kleiner, unsympathischer Mann mit schütterem schwarzen Haar. Und kleinen unglaublich flinken Augen. „Herr Wehmeyer.“ Es klang vage bedrohlich.
„Sie wollten mich sehen?“
Von dem Gespräch bekam Wehmeyer nicht allzu viel mit. Der Chef sagte: „Niemand ist unersetzbar.“ Wehmeyer war mit anderen Dingen befasst. Gelegentlich neigte er leicht den Kopf, sagte Dinge wie: „Selbstverständlich, Chef.“
Bald verließ er das Büro, in der Gewissheit, es nie wieder zu sehen. Er wünschte der Sekretärin einen schönen Tag, stieg in den Fahrstuhl und verließ das Gebäude. Er hielt ein Taxi an und stieg ein. „Zum Flughafen bitte.“


Während der Taxifahrt war ihm noch, als zöge es ihn zurück. Als wäre um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war. Je weiter er sich entfernte, umso stärker wurde der Zug.
Das Gefühl wurde noch mächtiger, als er das Ticket kaufte; es wuchs während der geschlagenen Stunde, die er in dem weißen Wartesaal mit den bedrohlich großen Fenstern zubrachte. Was tue ich denn hier?, fragte er sich, während er eine drei Monate alte Frauenzeitschrift durchblätterte. Was ist, wenn der Arzt sich geirrt hat? Und: Ist das hier nicht ein absurdes Klischee?
Als er sich neben einem runden Mann mit Schnauzer in seinen Sitz fallen ließ, als er den Sicherheitsgurt schloss, war er sich sicher, einen Fehler zu machen. Das hier war vollkommen sinnlos. Wehmeyer starrte hinaus, über die Landebahnen hinweg, während das Flugzeug anrollte. Der entfernte Wald wirkte unscharf unter dem grauen Licht.
Das Flugzeug stieg langsam hinauf, so sanft, fast wie von Geisterhand. Die Triebwerke dröhnten.
Und dann: zerriss das Grau, der Himmel explodierte in reiner Helligkeit. Für ein paar Sekunden sah Wehmeyer nichts mehr. Sie hatten die Wolkendecke durchstoßen und nun sah Wehmeyer hinab auf ein in sich verschlungenes Gebirge: Die Wolken bildeten aberwitzige Türme, steile Massive, die zu den Seiten in nicht zu ermessende Abgründe fielen. Dabei wälzten sich die Wolkenberge beständig um, wie eine gewaltige Form, verbunden durch eine einzige, unbeschreibliche Bewegung.
Die Sonnenstrahlen bogen sich gewaltig über die Wolken hinweg; als goldene Streben, die den Himmel aufspannten. Das Bild nahm Wehmeyers ganzes Sichtfeld ein und seine Gedanken dazu. Niemals hätte er gedacht, dass der Himmel so groß sein könnte. Viel zu groß für den Raum. Wehmeyer folgte dem Lauf der Strahlen zu ihrem Ursprung: einem Punkt aus reinem, gleißendem Licht. Für die Augen undurchdringlich. Ein Loch, aus dem die Welt gefallen war.
„Möchten Sie auch?“
„Was?“, hörte Wehmeyer von weither seine Stimme.
„Na, ob Sie auch …?“
Draußen schob sich ein Wolkenfetzen vor das Fenster. Wehmeyer erwachte. Er drehte unendlich langsam den Kopf und blickte direkt in eine geöffnete Plastiktüte mit gesalzenen Nüssen darin.
„Hm?“ Der Mann mit dem Schnauzer schüttelte leicht die Tüte.
Wehmeyer griff sich eine Handvoll heraus. „Sehr verbunden“, sagte er kauend.


Postkarten. Wehmeyer verschickte Postkarten, viele Postkarten, an Bekannte, an ehemalige Bekannte, an seinen Cousin, der in Wuppertal wohnte, wenn das noch stimmte. Er schrieb sogar seinem Chef eine Karte, direkt ins Büro. Wehmeyer lächelte, als er die Adresse eintrug.
Postkarten aus einem Dutzend Länder der Welt, aus Postkarten-Ländern, mit Reisekatalog-Motiven darauf. Unendlich weiße Südseestrände mit darüber gebogenen Palmen; Wasser so klar wie Kristall; die rotglühende Weite der Savanne, ein Löwe, ein Nilpferd; ein rau gezackter Fjord; ein verwunschener See in der weißen Leere des Nordens; die dunklen Bögen einer Kathedrale; ein Kamel in der Wüste; ein überwucherter Tempel.
Postkarten. Überall gab es Postkarten. Eine Welt voller, eine Welt gemacht aus Postkarten.


Das Flugzeug sank unter die Wolken zurück. Es verlor ganz allmählich an Höhe. Es setzte auf der Landebahn auf, so sanft, man spürte es kaum. Die Anschnallzeichen erloschen.
Als Wehmeyer kurz darauf in einem Restaurant des Flughafens saß, kam ihm alles wie Einbildung vor. Als wäre er nie wirklich weg gewesen. Vielleicht hatte er all diese Dinge wirklich nur auf Postkarten gesehen, die sie hier am Flughafen verkauften? Oder beim Durchblättern eines Bildbandes?
Wehmeyer schaute zu einem Fenster hinaus. Der Himmel war gleichmäßig grau. Die Flugzeuge auf den Landebahnen wirkten farblos und stumpf. Er blickte auf seine Hände hinab, die neben dem Bierglas auf dem Tisch lagen. Sie sahen fremd aus. Für einen Moment fragte er sich, ob sie sich regen würden, wenn er es ihnen befahl. Aber er ließ es nicht darauf ankommen.
„Ist hier noch frei?“
Wehmeyer sah auf. Ein junger Mann schaute auf ihn herunter, seine Hand lag auf der Lehne des Stuhls gegenüber.
Wehmeyer zuckte die Schultern. Nahm einen Schluck Bier. In seinem Kopf herrschte unendliche Leere. Kein Stechen, kein Schmerz, kein Gedanke. Gar nichts.
Der Fremde schaute ihn direkt an. Seine Hände lagen auf dem Tisch, wie in einer Imitation von Wehmeyers Haltung und was waren das für ungewöhnliche Hände: lange, schmale Hände, mit schlanken, feinen Fingern. Dem entsprach das Gesicht: schmal und mit feinen Zügen, ohne Falten, ohne Bartstoppeln, frei von Pickeln – als sei es aus Porzellan.
Wehmeyer starrte den Fremden an und der Fremde starrte zurück. Bis es Wehmeyer unheimlich wurde. „Kann ich Ihnen helfen?“
Jetzt erschien ein dünnes Lächeln auf den Lippen des Fremden. Ein beinah spöttisches Lächeln.
„Solty?“, hörte Wehmeyer sich fragen.
Und Ignaz Solty nickte.
„Wie …?“ Wehmeyer richtete sich auf, rutschte auf seinem Stuhl nach vorn. „Das ist doch … Ich habe Sie so lange gesucht und … Wo waren Sie denn?“
Auch Solty beugte sich vor, sodass ihre Gesichter nah aneinander kamen. In Soltys Gesicht war wirklich keine einzige Falte. „Ich hatte wichtige Arbeit zu tun. Herr Wehmeyer.“
„Arbeit?“ Wehmeyer spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Dabei war für ihn nichts unwichtiger als die Arbeit. „Ich weiß, dass ich an dem Tag etwas zu spät war, aber … Ich meine: Es wäre wirklich wichtig gewesen für mich …“
Solty lachte, es klang wie Nieselregen. „Wichtig? Aber ich habe doch auch wichtige Dinge getan. Ich habe an einem wichtigen Projekt gearbeitet. An einer wirklich großen Maschine.“
Wehmeyers Blick wanderte wieder zum Fenster. Draußen erhob sich ein Flugzeug, schwebte so gleichmäßig und lautlos empor, als würde es an einem Faden gezogen.
„Dann sind Sie wohl der Gott aus der Maschine, was?“ Wehmeyer zwang sich zu grinsen. Es schmerzte in den Mundwinkeln.
Solty lachte erneut, in einer perfekten Reproduktion seines ersten Lachens. „Sie haben ja Humor, Wehmeyer! Sehr schön.“ Er zog seine Hände zu sich. Sie verschwanden gleichzeitig unter dem Tisch. Dann kam seine Linke wieder hervor und schob eine Karte herüber. „Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen.“ Solty erhob sich.
Wehmeyer sagte kein Wort. Er starrte unentwegt auf Soltys Rücken, während der langsam davonging. Wehmeyer rang um seine Beherrschung. Seine verschwitzte Hand umschloss die Visitenkarte.

 

Lieber Friedel,

Zu meiner Ehrenrettung: Das mit den Vandalen war ein Jucks, der sich der mit diesem Stamme heute ungerechterweise assoziierten Eigenschaften bedienen sollte ...


Liebe Fliege,

Schön, dass dir meine Geschichte gefallen hat, noch schöner, dass sie dich zu so einer spannenden Deutung angeregt hat - die mir in sich sehr schlüssig scheint.

Ich denke auch, dass Glaube ein wichtiges (das wichtigste?) Thema der Geschichte ist. Die Essenz der Flugzeugszene lässt sich, in meinen Augen, am besten mit dem etwas abgenudelten Begriff "Offenbarung" - vielleicht auch "Gnade" - benennen.

Solty allerdings würde ich nicht mit Gott identifizieren. Es dürfte zumindest zwei bis drei Stockwerke tiefer sitzen und hat wohl auch einen ambivalenteren Charakter.

Wenn die Landung im Jenseits stattfände, müsste wohl auch das Ende um so mehr beunruhigen: Immerhin wird Solty da, reichlich verwirrt und mit schweißnassen Händen, mit seinen Fragen alleingelassen. An einem Ort, der vom Ausgangspunkt seiner Reise nicht verschieden ist. Aber gut: Du bringst die Idee der Wiedergeburt mit rein. Damit wäre Wehmeyers Reise noch lange nicht vorbei.

Je länger ich drüber nachdenke - wahrscheinlich ist deine Deutung sogar konsistenter, als alles, was ich bisher hierüber gedacht habe.

Also, danke dafür. Und für den MRT-Hinweis, geht in die Überarbeitung ein. An die ich mich jetzt endlich machen werde ...

Grüße,
Meridian

 

Hallo Meridian,

puh, da bin ich aber erleichtert, dass das rein technisch nicht dein Debüt auf kg.de darstellt - ich war schon am Überlegen, ob ich meinen Account sofort löschen oder wenigstens noch die Kommentare lesen soll. Gut, dass ich mich für letzteres entschieden habe...

So, nun aber: Erst wollte ich mich ja auch bei denjenigen einreihen, die dir das Ende übel nehmen. Nicht, weil ich offene oder kryptische Enden per se schlecht fände. Aber ich gehöre nun einmal zu den Menschen, die sich aus den Details im Verlaufe der Geschichte eine eindeutige Interpretation zusammenbasteln und jeden, der eine andere Meinung hat, der Häresie bezichtigen. Wenn dann aber eine Geschichte sich nicht festnageln lässt, dann bin ich einfach nicht glücklich. Und hier könnte so vieles sein: Ist Wehmeyer tot? War er überhaupt jemals im Flugzeug? Halluziniert er gar nur vor sich hin, während er auf Soltby wartet, da er den Termin niemals vergessen hat? Tja, so dachte ich. Aber dann bin ich über das eine kleine Detail gestolpert und plötzlich war alles klar. Und so lange kein böser Wolf kommt und gegen mein Gedankengebäude pustet, darf ich mich jetzt also in meiner eigenen kleinen Welt glücklich schätzen, die Weltformel zur Entschlüsselung deines Endes gefunden zu haben. Ich verstehe zwar nicht alles, aber es ist stimmig, wie hier vorher schon so schön gesagt wurde.

So, aber nun genug abgeschwiffen, jetzt mal Butter bei die Fische! Sprachlich braucht man dir nicht viel erzählen, du beherrscht dein Handwerk. Die Bilder sitzen, die benutzte Sprache ist lebendig und alles scheint bis ins Detail durchdacht. Das einzige größere Problem, das mir aufgefallen ist: Du neigst zu verzwickten Schachtelsätzen. Das ist nicht schlimm, das macht dich sympathisch, denn das Problem habe ich auch! Es ist nur eben einfacher, mit dem Finger auf andere zu zeigen...

So, jetzt aber ins Detail:

Wehmeyer bekam – wie die achtzehn anderen im Büro, die quasi das gleiche taten wie er – Anfragen von Unternehmen auf den Tisch, die Personal suchten.

Ich liebe Einschübe. Aber hier stört es den Lesefluss ungemein, dass ich mir merken muss, was mit den Anfragen geschieht, bevor ich überhaupt weiß, dass etwas mit den Anfragen geschieht. Kompliziert ausgedrückt? Okay, anders: Der Satz wäre einfacher zu lesen und zu verstehen, wenn er "Wehmeyer bekam Anfragen von Unternehmen auf den Tisch, die Personal suchten - genauso wie die achtzehn anderen im Büro, die quasi das gleiche taten wie er." lauten würde...

Dann durchforstete er die Datenbanken, gestützt auf bestimmte Merkmale und Rahmenkriterien, nach geeigneten Bewerbern.

Und gleich noch einer hinterher! Hier müsste der Einschub meiner Meinung nach vorgezogen werden und hinter das "er" kommen. Denn "er" ist es schließlich, der sich auf die Merkmale stützt, nicht die Datenbanken.

Als er das Restaurant, eine Viertelstunde zu spät, erreichte, teilte der Ober ihm mit, jawohl, so ein Herr sei eben hier gewesen, inzwischen aber gegangen.

Den markierten Teil kann man natürlich mit Kommata abgrenzen, aber es tut nicht Not. Mich hat es hier zumindest aus dem Lesefluss gerissen.

Er kaufte in dem Supermarkt, der gegenüber seiner Wohnung lag, ein, was schnell erledigt war...

So ein "ein", ganz alleine zwischen zwei Kommata, da wirkt es doch arg verloren. Warum nicht vorziehen, sodass es heißt: "Er kaufte im Supermarkt ein, der gegenüber seiner Wohnung lag, was schnell erledigt war." Allerdings würde ich aus sprachmelodischer Sicht dann sogar noch weiter gehen und das zweite Komma durch ein "und" ersetzen.

Das Gefühl wurde noch mächtiger, als er das Ticket kaufte; es wuchs während der geschlagenen Stunde, die er in dem weißen Wartesaal mit den bedrohlich großen Fenstern zubrachte. Was tue ich denn hier?, fragte er sich, während er eine drei Monate alte Frauenzeitschrift durchblätterte. Was ist, wenn der Arzt sich geirrt hat?

Erst wollte ich dir ja um die Ohren schlagen, dass Wehmeyer in einem Wartesaal vom Flughafen wohl kaum eine drei Monate alte Frauenzeitschrift entdecken wird. Schließlich wird da jeden Tag sauber gemacht. Das ist ja kein Wartezimmer beim Arzt!

Tja, und dann, dann kam es mir plötzlich... Super, ich liebe es, wenn unstimmige Details sich plötzlich als der Schlüssel zum Verständnis entpuppen. Und selbst wenn die Ambivalenz nicht gewollt war (was ich mir kaum vorstellen kann) - dann musst du es mir ja nicht erzählen...

Und: Ist das hier nicht ein absurdes Klischee?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dieser Satz als Selbstironie beabsichtigt war. Aber das Problem ist, dass diese Rhetorische Frage den Erstleser, der noch nicht so wirklich weiß, wohin Wehmeyers Reise denn nun gehen wird, zu einem lauten "Ja!" verführt. Denn auch wenn ich Klischees nicht immer sofort entdecke - wenn es mir derart unter die Nase gerieben wird, dann entdecke ich es auch. Und es ist niemals gut, wenn man sich als Leser mit Klischees konfrontiert sieht, sofern diese nicht der ironischen Brechung dienen. Aber das trifft hier ja nicht zu. Von daher...

Eine Welt voller, eine Welt gemacht aus Postkarten.

Hm, ich weiß nicht. Hier haut die Verdopplung irgendwie nicht hin, obwohl ich deine Konstruktion genial finde. Leider weiß ich nicht, wie man es besser machen könnte, ohne den hinter dem Satz stehenden Gedanken kaputt zu machen. Vielleicht muss ich einfach lernen, damit zu leben...

So, dass war es auch schon. Wie gesagt, dein Handwerk verstehst du ja und überarbeitet hast du die Geschichte auch schon einmal, da bleibt nicht mehr viel übrig. Da bleibt mir nur noch, deine Geschichte noch einmal zu loben: Zumindest ich bin inzwischen ein richtiger Fan geworden und denke, dass ich noch ein wenig länger an der endgültigen Lösung herumdoktern werde!

 

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