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Wehmeyers Reise

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13.01.2012
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Wehmeyers Reise

„Niemand ist unersetzbar, Wehmeyer. Vergessen Sie das nicht.“
„Nein. Natürlich nicht, Chef.“
Wehmeyers Chef wippte in seinem Bürostuhl langsam vor und zurück. Er hielt einen Plastikkugelschreiber zwischen den Zeigefingern und blickte Wehmeyer darüber hinweg finster an. „Ich weiß nicht, ob Sie den Ernst der Lage verstehen, Wehmeyer.“
„Doch. Aber natürlich, Chef.“
Die kleinen Augen des Chefs blieben auf Wehmeyer fixiert. Der Chef schien unschlüssig für einen Moment. Dann legte er den Kugelschreiber auf seinen Schreibtisch. „Gut.“
Der Chef stand auf. Auch Wehmeyer stand auf.
„Dann erwarte ich, dass Sie die Sache mit diesem Solty bis morgen klären.“
„Ja, Chef.“
Wehmeyer verließ das Büro.


Wehmeyer wusste, warum der Chef in dem Gespräch an manchen Stellen gezögert hatte. Es lag daran, dass Wehmeyer sich anders verhielt als sonst. Er hatte nicht geschwitzt, hatte nicht gestottert, während der Chef ihm eingeheizt hatte. Er hatte nicht überstürzt, holpernd geantwortet, sondern ruhig und sachlich. Wie ein Computer, der eine Anfrage beantwortet. Ja, Chef. Natürlich, Chef.
Wenn ein Chef einem Mitarbeiter sagt, dass niemand unersetzbar ist, dann erwartet der Chef, dass der Mitarbeiter nervös wird. Dass er herumdruckst. Wehmeyer hatte das nicht getan. Und deshalb fühlte der Chef sich nicht ernstgenommen. Er fühlte sich, als mache sich Wehmeyer über ihn lustig.
Noch vor zwei Tagen hätte Wehmeyer reagiert, wie man es von ihm erwartete. Aber inzwischen war das unmöglich geworden, vollkommen unmöglich.


Seit vierundzwanzig Jahren arbeitete Wehmeyer in diesem Büro, die Hälfte seines Lebens also. Er hatte sein Abitur gemacht, dann das Diplom in BWL, bevor er zur Firma kam. Die Firma rekrutierte Leute, human resources, für alle möglichen Bereiche: Ingenieure, Juristen, Informatiker, Chemiker. Größtenteils junge Absolventen. Wehmeyer bekam – wie die achtzehn anderen im Büro, die quasi das gleiche taten wie er – Anfragen von Unternehmen auf den Tisch, die Personal suchten. Dann durchforstete er die Datenbanken, gestützt auf bestimmte Merkmale und Rahmenkriterien, nach geeigneten Bewerbern. Er rief diese Leute an, führte Interviews, vereinbarte Treffen, stellte den Kontakt zu den Unternehmen her.
Wehmeyer war nicht schlecht in seinem Job und wenn er die Karriereleiter nicht besonders weit hinaufgeklettert war, dann lag das daran, dass er es nicht darauf angelegt hatte. Manchmal saß er einem Bewerber, einem Uniabsolventen, fünfundzwanzig oder jünger, gegenüber und bemerkte, dass er seinen Namen nicht mehr wusste. Die Eckdaten hatte er im Kopf: Das Alter, die Abschlussnote, Praktika und Berufserfahrung. Als sei der Bewerber mit gelben Notizzetteln beklebt, auf denen diese Dinge standen. Nur der Name war weg. Aber das war so ziemlich Wehmeyers einzige Schwäche.
Zumindest bis vor einigen Wochen. Da merkte Wehmeyer, dass er sich nicht gut fühlte, schon seit einiger Zeit. Die Sekretärin vom Chef, die er zufällig in der Kantine traf, sagte ihm, dass er blass aussehe. Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass es stimmte. Und müde war er, immerzu müde. Am Morgen kam er schwer aus dem Bett, als wollte sein Körper nicht mit.
Und dann dieser Schmerz gleich neben der linken Schläfe. Ein Stechen zuerst, wie mit einer Nadel. Es wurde schlimmer. Wehmeyer hatte sich nie böse verletzt, sich nie einen Arm gebrochen oder dergleichen – aber so stellte er es sich vor, ein Messer in den Schädel zu bekommen. Er war gerade wieder in der Kantine, als der Schmerz seine Gedanken zerriss. Wehmeyer krümmte sich zusammen. Das Plastiktablett fiel herunter, das Schnitzel klatschte aufs Linoleum, die Champignonsauce dazu und Wehmeyer drückte sich die Hand an die Stirn, die Zähne zusammengepresst.
Die Sekretärin stand wieder dabei. „Sie sollten zum Arzt gehen.“ Es klang ziemlich besorgt.
Sobald er wieder denken konnte, beschloss Wehmeyer zum Arzt zu gehen.


In dieser Zeit begann Wehmeyer, Fehler zu machen. Er konnte sich nicht recht konzentrieren. Seine Bilanz wurde schlechter, der Chef registrierte das. Er sagte: „Sie lassen nach, Wehmeyer.“
Und so kam auch die Sache mit Solty. Die Sache, wegen der ihn der Chef in sein Büro bat. Ignaz Solty war ein junger Hochbegabter. Er hatte mit sechzehn sein Abitur gemacht, mit neunzehn sein Diplom in Technischer Mathematik. Danach zwei Jahre mit einem Stipendium in den USA studiert, am MIT. Jetzt war das größte Unternehmen, für das Wehmeyers Firma rekrutierte, an Solty interessiert. Und Wehmeyer sollte ihn werben.
Das war keine leichte Aufgabe, wie Wehmeyer feststellen musste. Solty zu erreichen, war ungefähr so schwierig, wie eine Audienz beim Papst zu bekommen. Unter der Nummer, die Wehmeyer von der Stiftung erhielt, die Solty mit dem Stipendium gefördert hatte, meldete sich niemand. Immer nur Freizeichen, kein Anrufbeantworter, gar nichts. Wehmeyer fragte erneut an – aber nein, man habe keine neue Nummer von Solty. Auch das Internet wusste fast nichts: Soltys Name unter einigen Artikeln und Forschungspapieren, mehr gab es nicht her. Nicht einmal ein Bild.
Aber: Als Wehmeyer schon an Ignaz Soltys Existenz zu zweifeln begann, antwortete der ihm plötzlich auf eine Email. Nach kompliziertem Hin und Her verabredeten sie sich in einem Restaurant in der Stadt, die Firma würde die Rechnung zahlen. Das war schon in der Zeit, als das Stechen heftiger wurde. Wehmeyer war wirklich erleichtert. Endlich eine gute Entwicklung. Er war so erleichtert, dass er den Termin mit Solty – was ihm in über zwanzig Jahren nicht einmal passiert war – völlig vergaß.
Eine Minute, nachdem sie sich hatten treffen wollen, sah er zufällig in seinen Kalender – und es fiel ihm siedend heiß ein. Wehmeyer sprang von seinem Schreibtischstuhl hoch, so schnell, dass ihm schwindlig wurde. Seine Linke fuhr an die Schläfe, die Rechte griff seinen Mantel. Wehmeyer stürzte durchs Treppenhaus und sprang in ein Taxi hinein. Als er das Restaurant, eine Viertelstunde zu spät, erreichte, teilte der Ober ihm mit, jawohl, so ein Herr sei eben hier gewesen, inzwischen aber gegangen.


„Krebs?“
„Ja, Krebs, in der Tat.“ Der Arzt blickte von seinen Unterlagen zu Wehmeyer auf. Wie er das sagte, wie er so aufblickte, konnte man glauben, er hielte Wehmeyer für ein wenig langsam. Dabei hatte er ihm die Mitteilung in angemessenem, gedämpftem Ton gemacht, ihm, als er das erste Mal ungläubig nachfragte, die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt: „Es tut mir leid.“ Aber nun schien die Geduld auch dieses Arztes, eines kleinen Großvaters mit grauem Haarkranz, erschöpft.
„Krebs also.“ Wehmeyer fuhr sich mit der Zunge fest über den Gaumen, hin und her. Ein unwirkliches Gefühl.
„Ja, leider, Herr Wehmeyer. Die Bilder vom MRT“, der Arzt hielt sie hoch, Wehmeyer sah dran vorbei, „belegen es zweifelsfrei. Ein Hirntumor, nicht gutartig.“ Hier machte er eine Pause, um zu zeigen, dass er sich Zeit nahm für den Patienten. „Hat gestreut. Wir können da nicht mehr viel tun. Sie verstehen?“
„Ja. Natürlich.“ Plötzlich überkam Wehmeyer eine seltsame Vorstellung. Ihm war, als säße er hier nicht auf der Untersuchungsliege, sondern im Besuchersessel des Chefs. Als wäre der Arzt gar kein Arzt, sondern der Chef. Und eine Ähnlichkeit war nicht zu leugnen. Mochte der Chef so aussehen, in zwanzig Jahren vielleicht? Oder – war es möglich, dass der Vater des Chefs Arzt war? Hatten sie den gleichen Nachnamen?
Doktor … Wehmeyer stutzte. Wie war noch einmal der Name des Arztes? Und – der seines Chefs …?
„Wie lange habe ich noch?“ Etwas in Wehmeyer wusste, dass es seine Pflicht war, das jetzt zu fragen und stellte die Frage für ihn.
Der Arzt sah konzentriert in seine Papiere, wog den Kopf leicht hin und her. „Sechs Wochen ungefähr. Mit einer Behandlung vielleicht auch … Aber davon würde ich abraten.“
„Verstehe.“
Der Arzt schaute ihn forschend an. Beinahe misstrauisch. „Herr Wehmeyer“, fragte er vorsichtig, „haben Sie auch wirklich verstanden …?“
„Selbstverständlich.“ Wehmeyer stand auf. Er griff seinen Mantel. „Ich danke Ihnen.“ Er schüttelte kräftig die Hand des Arztes und beide Hände fühlten sich gleich fremd an dabei. „Ich danke Ihnen“, wiederholte er.
Wehmeyer verließ den Behandlungsraum.


Den Rest des Tages verbrachte Wehmeyer so, wie er es auch vor dem Besuch beim Arzt vorgehabt hatte. Er kaufte in dem Supermarkt, der gegenüber seiner Wohnung lag, ein, was schnell erledigt war – Wehmeyer kaufte in aller Regel das gleiche. Er bügelte seine Wäsche und putzte das Badezimmer, er dachte nichts Besonderes dabei. Er dachte sogar weniger dabei als gewöhnlich: Seine Gedanken schienen nur so nebenher zu laufen, benannten die Dinge, die er tat, die er sah: Wehmeyer nimmt einen Karton H-Milch aus dem Regal. Wehmeyer legt ein Hemd auf das Bügelbrett. Wehmeyer …
Am nächsten Tag blieb er einfach zu Hause, ohne sich krank zu melden. Vermutlich fiel es nicht weiter auf. Er ging in seiner Wohnung auf und ab, saß auf der Couch. Einmal nahm er ein Buch aus dem Regal, stellte es wieder zurück. Er wollte einen Spaziergang machen und ließ es dann sein. Er machte sich Nudeln mit Ketchup. Ab und an meldete sich das Stechen im Kopf. Als er am Abend, zur üblichen Zeit, im Bett lag, unter der Decke, begann Wehmeyer zu weinen. Zum ersten Mal seit der der fünften Klasse weinte Wehmeyer. Wie ihm die warme Feuchtigkeit über die Wangen lief, das war ein sonderbares Gefühl.


Als er am nächsten Morgen erwachte, war alles in graues Herbstlicht getaucht. Die Bettwäsche, die eigentlich weiß war, die Gardinen, die grün, der Schrank, der hellbraun sein sollte, alles war grau. Wehmeyer wunderte sich und lag ganz still da. War ein Vulkan ausgebrochen, inmitten der Stadt? Hatte alles mit Asche bedeckt? Die Bäume verbrannt und die Luft, die Tiere und Menschen getötet? War er tot?
Nein. Wehmeyer stand langsam auf und es ging besser als sonst. Kein Schwindel, kein Stechen im Kopf. Dafür ein neuer Entschluss. Wehmeyer war wiederum überrascht. Woher kam der Entschluss?
Für heute hatte der Chef ihn in sein Büro gebeten. Er wollte über den Fall Ignaz Solty sprechen. Wehmeyer zögerte nicht, es machte nichts mehr. Er legte sich die Krawatte um den Hals, zog fest zu und machte sich auf den Weg.
Er erschien, wie seit nun vierundzwanzig Jahren, pünktlich um neun in der Firma. Die Augen der Sekretärin fuhren schnell hin und her, schienen Wehmeyers Gesicht zu scannen. „Sie können gleich reingehn.“
Wehmeyer wandte seinen Kopf zur Bürotür des Chefs. Eine große Tür für einen so kleinen Mann.
„Seien sie vorsichtig“, flüsterte ihm die Sekretärin zu. „Der Chef ist nicht gut gelaunt.“
„Danke“, sagte Wehmeyer, den Blick weiter auf die Tür geheftet. Er drückte die Klinke herunter, trat ein.
Der Chef schien fast zu verschwinden hinter dem riesigen Schreibtisch in dem viel zu großen Büro. Ein kleiner, unsympathischer Mann mit schütterem schwarzen Haar. Und kleinen unglaublich flinken Augen. „Herr Wehmeyer.“ Es klang vage bedrohlich.
„Sie wollten mich sehen?“
Von dem Gespräch bekam Wehmeyer nicht allzu viel mit. Der Chef sagte: „Niemand ist unersetzbar.“ Wehmeyer war mit anderen Dingen befasst. Gelegentlich neigte er leicht den Kopf, sagte Dinge wie: „Selbstverständlich, Chef.“
Bald verließ er das Büro, in der Gewissheit, es nie wieder zu sehen. Er wünschte der Sekretärin einen schönen Tag, stieg in den Fahrstuhl und verließ das Gebäude. Er hielt ein Taxi an und stieg ein. „Zum Flughafen bitte.“


Während der Taxifahrt war ihm noch, als zöge es ihn zurück. Als wäre um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war. Je weiter er sich entfernte, umso stärker wurde der Zug.
Das Gefühl wurde noch mächtiger, als er das Ticket kaufte; es wuchs während der geschlagenen Stunde, die er in dem weißen Wartesaal mit den bedrohlich großen Fenstern zubrachte. Was tue ich denn hier?, fragte er sich, während er eine drei Monate alte Frauenzeitschrift durchblätterte. Was ist, wenn der Arzt sich geirrt hat? Und: Ist das hier nicht ein absurdes Klischee?
Als er sich neben einem runden Mann mit Schnauzer in seinen Sitz fallen ließ, als er den Sicherheitsgurt schloss, war er sich sicher, einen Fehler zu machen. Das hier war vollkommen sinnlos. Wehmeyer starrte hinaus, über die Landebahnen hinweg, während das Flugzeug anrollte. Der entfernte Wald wirkte unscharf unter dem grauen Licht.
Das Flugzeug stieg langsam hinauf, so sanft, fast wie von Geisterhand. Die Triebwerke dröhnten.
Und dann: zerriss das Grau, der Himmel explodierte in reiner Helligkeit. Für ein paar Sekunden sah Wehmeyer nichts mehr. Sie hatten die Wolkendecke durchstoßen und nun sah Wehmeyer hinab auf ein in sich verschlungenes Gebirge: Die Wolken bildeten aberwitzige Türme, steile Massive, die zu den Seiten in nicht zu ermessende Abgründe fielen. Dabei wälzten sich die Wolkenberge beständig um, wie eine gewaltige Form, verbunden durch eine einzige, unbeschreibliche Bewegung.
Die Sonnenstrahlen bogen sich gewaltig über die Wolken hinweg; als goldene Streben, die den Himmel aufspannten. Das Bild nahm Wehmeyers ganzes Sichtfeld ein und seine Gedanken dazu. Niemals hätte er gedacht, dass der Himmel so groß sein könnte. Viel zu groß für den Raum. Wehmeyer folgte dem Lauf der Strahlen zu ihrem Ursprung: einem Punkt aus reinem, gleißendem Licht. Für die Augen undurchdringlich. Ein Loch, aus dem die Welt gefallen war.
„Möchten Sie auch?“
„Was?“, hörte Wehmeyer von weither seine Stimme.
„Na, ob Sie auch …?“
Draußen schob sich ein Wolkenfetzen vor das Fenster. Wehmeyer erwachte. Er drehte unendlich langsam den Kopf und blickte direkt in eine geöffnete Plastiktüte mit gesalzenen Nüssen darin.
„Hm?“ Der Mann mit dem Schnauzer schüttelte leicht die Tüte.
Wehmeyer griff sich eine Handvoll heraus. „Sehr verbunden“, sagte er kauend.


Postkarten. Wehmeyer verschickte Postkarten, viele Postkarten, an Bekannte, an ehemalige Bekannte, an seinen Cousin, der in Wuppertal wohnte, wenn das noch stimmte. Er schrieb sogar seinem Chef eine Karte, direkt ins Büro. Wehmeyer lächelte, als er die Adresse eintrug.
Postkarten aus einem Dutzend Länder der Welt, aus Postkarten-Ländern, mit Reisekatalog-Motiven darauf. Unendlich weiße Südseestrände mit darüber gebogenen Palmen; Wasser so klar wie Kristall; die rotglühende Weite der Savanne, ein Löwe, ein Nilpferd; ein rau gezackter Fjord; ein verwunschener See in der weißen Leere des Nordens; die dunklen Bögen einer Kathedrale; ein Kamel in der Wüste; ein überwucherter Tempel.
Postkarten. Überall gab es Postkarten. Eine Welt voller, eine Welt gemacht aus Postkarten.


Das Flugzeug sank unter die Wolken zurück. Es verlor ganz allmählich an Höhe. Es setzte auf der Landebahn auf, so sanft, man spürte es kaum. Die Anschnallzeichen erloschen.
Als Wehmeyer kurz darauf in einem Restaurant des Flughafens saß, kam ihm alles wie Einbildung vor. Als wäre er nie wirklich weg gewesen. Vielleicht hatte er all diese Dinge wirklich nur auf Postkarten gesehen, die sie hier am Flughafen verkauften? Oder beim Durchblättern eines Bildbandes?
Wehmeyer schaute zu einem Fenster hinaus. Der Himmel war gleichmäßig grau. Die Flugzeuge auf den Landebahnen wirkten farblos und stumpf. Er blickte auf seine Hände hinab, die neben dem Bierglas auf dem Tisch lagen. Sie sahen fremd aus. Für einen Moment fragte er sich, ob sie sich regen würden, wenn er es ihnen befahl. Aber er ließ es nicht darauf ankommen.
„Ist hier noch frei?“
Wehmeyer sah auf. Ein junger Mann schaute auf ihn herunter, seine Hand lag auf der Lehne des Stuhls gegenüber.
Wehmeyer zuckte die Schultern. Nahm einen Schluck Bier. In seinem Kopf herrschte unendliche Leere. Kein Stechen, kein Schmerz, kein Gedanke. Gar nichts.
Der Fremde schaute ihn direkt an. Seine Hände lagen auf dem Tisch, wie in einer Imitation von Wehmeyers Haltung und was waren das für ungewöhnliche Hände: lange, schmale Hände, mit schlanken, feinen Fingern. Dem entsprach das Gesicht: schmal und mit feinen Zügen, ohne Falten, ohne Bartstoppeln, frei von Pickeln – als sei es aus Porzellan.
Wehmeyer starrte den Fremden an und der Fremde starrte zurück. Bis es Wehmeyer unheimlich wurde. „Kann ich Ihnen helfen?“
Jetzt erschien ein dünnes Lächeln auf den Lippen des Fremden. Ein beinah spöttisches Lächeln.
„Solty?“, hörte Wehmeyer sich fragen.
Und Ignaz Solty nickte.
„Wie …?“ Wehmeyer richtete sich auf, rutschte auf seinem Stuhl nach vorn. „Das ist doch … Ich habe Sie so lange gesucht und … Wo waren Sie denn?“
Auch Solty beugte sich vor, sodass ihre Gesichter nah aneinander kamen. In Soltys Gesicht war wirklich keine einzige Falte. „Ich hatte wichtige Arbeit zu tun. Herr Wehmeyer.“
„Arbeit?“ Wehmeyer spürte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. Dabei war für ihn nichts unwichtiger als die Arbeit. „Ich weiß, dass ich an dem Tag etwas zu spät war, aber … Ich meine: Es wäre wirklich wichtig gewesen für mich …“
Solty lachte, es klang wie Nieselregen. „Wichtig? Aber ich habe doch auch wichtige Dinge getan. Ich habe an einem wichtigen Projekt gearbeitet. An einer wirklich großen Maschine.“
Wehmeyers Blick wanderte wieder zum Fenster. Draußen erhob sich ein Flugzeug, schwebte so gleichmäßig und lautlos empor, als würde es an einem Faden gezogen.
„Dann sind Sie wohl der Gott aus der Maschine, was?“ Wehmeyer zwang sich zu grinsen. Es schmerzte in den Mundwinkeln.
Solty lachte erneut, in einer perfekten Reproduktion seines ersten Lachens. „Sie haben ja Humor, Wehmeyer! Sehr schön.“ Er zog seine Hände zu sich. Sie verschwanden gleichzeitig unter dem Tisch. Dann kam seine Linke wieder hervor und schob eine Karte herüber. „Aber jetzt müssen Sie mich entschuldigen.“ Solty erhob sich.
Wehmeyer sagte kein Wort. Er starrte unentwegt auf Soltys Rücken, während der langsam davonging. Wehmeyer rang um seine Beherrschung. Seine verschwitzte Hand umschloss die Visitenkarte.

 
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Hallo Meridian,

Ich habe mal aus Jucks: ein bisschen rumexperimentiert: was man alles mit dem Doppelpunkt so machen kann: scheinbar viel. Weil ich der Meinung war: der Doppelpunkt sei irgendwie im Kommen: er wird immer häufiger und kreativer und komischer benutzt: geht das irgendwann zu weit?

Die Triebwerke dröhnten.
Und dann: zerriss das Grau, der Himmel explodierte in reiner Helligkeit.

Also an der Stelle finde ich ihn komisch, muss man das jetzt als Pause in der Sprachmelodie verstehen? So wie das hier:

Wehmeyer hatte sich nie böse verletzt, sich nie einen Arm gebrochen oder dergleichen – aber so stellte er es sich vor, ein Messer in den Schädel zu bekommen.

Das mache ich auch, der Gedankenstrich vor "aber", um das irgendwie zu "betonen". Ich finds komisch und ich weiß nicht, ob's richtig ist, aber ich mach's. (Checkt das hier irgendwer so richtig?)

Aber zurück zum Doppelpunkt: Kann man den wirklich nach einem "dann" bringen? "Dann" ist doch selbst ein Pseudodoppelpunkt, im Grunde ist das doppelt. Dann ging ich nach Hause. Dann: ging ich nach Hause. Das ist doch komisch. Nein, jetzt weiß ich's: es ist affektiert. Eine affektierte Sprachpause.


Aber jetzt zur Geschichte:

Sie ist gut und sauber geschrieben, ich habe sie interessiert bis zum Schuß gelesen, es sind viele gute Sachen dabei. Ich musste spontan an Homo Faber und Paul Auster denken, Wehmeyer ist farb- und emotionslos, er sieht alles grau, er ist sachlich, er reist rum, die Sache mit dem Postkarten, Homo Faber liegt ewig zurück, aber das ist doch ähnlich.

Wehmeyer zuckte die Schultern. Nahm einen Schluck Bier. In seinem Kopf herrschte unendliche Leere. Kein Stechen, kein Schmerz, kein Gedanke. Gar nichts.

Er ist jetzt mit dem Tumor fast kein Mensch mehr. Vielleicht war er davor auch schon keiner.

Dabei war für ihn nichts unwichtiger als die Arbeit.

Er erschien, wie seit nun vierundzwanzig Jahren, pünktlich um neun in der Firma.

Da gibt es keine Familie und Freunde und nichts. Und die Medizin ist genauso kalt hier, da gibts scheinbar keine Palliativmedizin, keine Seelsorger, kein Morphium.

Also das kommt schon rüber in diesem Text, die Leere, die Gräunis.


Ich weiß nicht genau, was ich mit dem Hochbegabten und dem Ende anfangen soll. Natürlich nicht, muss man da fast hinuzufügen, weil das ja von dir so gewollt ist, behaupte ich jetzt einfach mal. Was steht auf der Visitenkarte??? Was ist das für eine Maschine? Eine Heilung? Bin nicht unbedingt Fan von so was ... finde es aber gelungen gemacht hier. Oder vielleicht ist es auch voll klar, und ich checks einfach nicht. Das ist die Macht, die solche interpretationsfreudige Dinger haben. Es nutzt die geistige Unsicherheit der Leser aus. Denn wenn man Hä??? sagt, outet man sich eventuell als Idiot, könnte schließlich auch sein, dass man nicht genau genug gelesen hat.
Aber ich habs gerne gelesen, ich finde das ist ein sehr gelungerner Einstand.

MfG,

JuJu

 
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Mir gefällt der Stil. Der ist sehr trocken, passend zum Inhalt. was JuJu sagt, das stimmt für mich auch: Nicht das mit dem Doppelpunkt, der ist mir gar nicht aufgefallen. Aber dieses Traurige, Graue springt einen fast an, wenn man es liest und trotzdem ist es nicht aufdringlich gemacht, das finde ich schon sehr gut.

„Niemand ist unersetzbar, Wehmeyer. Vergessen Sie das nicht.“
Beim zweiten Lesen klingt der Einstiegssatz natürlich ganz anders und ist plötzlich ein richtig guter Anfang. Kompliment. Auch danach führst du mich ganz sanft mit, weil ich eben wissen will, warum Wehmeyer jetzt nicht mehr so nervös wird, wenn er mit dem Chef redet. Ich hab auch Symbolik entdeckt und gute Formulierungen. Mir hats gefallen, auch wenn ich das Ende nicht ganz kapiert hab. Aber es ist eine Geschichte, die so den Eindruck weckt, dass man glaubt, man habe es gleich, man müsse es nur noch einmal lesen und dann ... Das mach ich auch, weil es sich gut lesen lässt und man merkt, dass du Wert auf Verständlichkeit legst, zumindest beim Formulieren ... Also, das ist ein sehr gelungener Einstand. Zumindest ist das meine Meinung.


Grüße

Lollek

 

Hallo Meridian,

du hast einen ansprechenden Spannungsaufbau für die Geschichte gewählt. Dafür ist das Ende dann aber viel zu nebulös und deshalb enttäuschend.

Die Geschichte könnte und müsste meiner Ansicht nach wesentlich straffer erzählt werden. In manchen Beschreibungen und auch in der Wortwahl bist du ein wenig unpräzise, was dazu führt, dass du statt eines richtigen Begriffes zur Sicherheit lieber eine Art Doppelsicherung einziehst, um mit zwei Worten etwas auszudrücken, was auch mit einem Begriff möglich wäre. Gute Formulierungen wechseln sich in deiner Geschichte mit etwas ungelenk wirkenden Beschreibungen ab. Außerdem solltest du den gesamten Text auch noch einmal nach unnötigen Wiederholungen durchforsten, auch bei der Verwendung des Namens deiner Titelfigur und der Verwendung des Wortes "Chef".

Ein paar Beispiele zur Verdeutlichung meiner Kritik:

1. Häufung "Wehmeyer" und "Chef"

„Niemand ist unersetzbar, Wehmeyer. Vergessen Sie das nicht.“
„Nein. Natürlich nicht, Chef.“
Wehmeyers Chef wippte in seinem Bürostuhl langsam vor und zurück. Er hielt einen Plastikkugelschreiber zwischen den Zeigefingern und blickte Wehmeyer darüber hinweg finster an. „Ich weiß nicht, ob Sie den Ernst der Lage verstehen, Wehmeyer.“
„Doch. Aber natürlich, Chef.“
Die kleinen Augen des Chefs blieben auf Wehmeyer fixiert. Der Chef schien unschlüssig für einen Moment. Dann legte er den Kugelschreiber auf seinen Schreibtisch. „Gut.“
Der Chef stand auf. Auch Wehmeyer stand auf.
„Dann erwarte ich, dass Sie die Sache mit diesem Solty bis morgen klären.“
„Ja, Chef.“
Wehmeyer verließ das Büro.

Wetten, dass du das wesentlich eleganter hinkriegen könntest?! Diese Anhäufungen finden sich öfter im Text und nerven ein wenig.

2. Unpräzise Formulierungen

Er hatte nicht überstürzt, holpernd geantwortet, sondern ruhig und sachlich.

Da traust du deinen eigenen Formulierungen nicht und gehst doppelt in Doppelabsicherung.

Nach kompliziertem Hin und Her
Was ist denn ein kompliziertes Hin und Her? Da gibt es bestimmt eine bessere Formulierung. Was sagst du mit dem "kompliziert" aus?
Ist es dir zu kompliziert, um es genauer zu beschreiben, oder hältst du es zum kompliziert für den Leser?

Die Sekretärin vom Chef, die er zufällig in der Kantine traf, sagte ihm, dass er blass aussehe. Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass er tatsächlich blass aussah.

Da sehe ich erheblichen Optimierungsbedarf!

3. Beispiele für gute Formulierungen

Als sei der Bewerber mit gelben Notizzetteln beklebt, auf denen diese Dinge standen. Nur der Name war weg.

Als sei um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war. Je weiter er sich entfernte, umso stärker wurde der Zug.

Das sind zwei Beispiele, wo ich sofort ein klares und stimmiges Bild vor Augen hatte.

Fazit:

- Gute und weniger gute Formulierungen wechseln sich ab
- Guter Spannungsbogen, schwaches Ende
- Zu lang
- Stellenweise unpräzise
- Wortwiederholungen
- Aber alles in allem gut geschrieben und mit Ausnahme der von mir kritisierten Punkte habe ich es auch mit Interesse gelesen.

Rick

 

Hallo Meridian,

ich habe deine Geschichte mit großer Spannung und sehr gerne gelesen.


Was für mich in deiner Geschichte besonders gut rübergekommen ist, das ist das Gefühl, neben sich zu stehen, wenn man eine wirklich schlechte Nachricht bekommen hat. Eine Entpersonalisierung. Und das beschreibst du an vielen Stellen oft richtig stark. Dazu passt den Farbenbild sehr schön, wie alles, was er sieht diesen Grauschleier erhält.
Sicherlich stimmt es auch, dass Wehmeyer (war der Name extra?) schon vor der Diagnose mehr funktionierte als sein Leben genossen hat und vermutlich isoliert war, denn man erfährt nichts über Mneschen, die den Schmerz mit ihm geteilt hätten. Das aber wird noch wunderbar verstärkt durch die Beschreibung seines Lebens nach der Diagnose.

Zum Stil:

Sicherlich kann ich an vielen Stellen Ricks Kritik nachvollziehen, die ich sehr interessiert verfolgt habe, weil mir seine Aussage, dass man bei der Wortwahl manchmal aus Unsicherheit eine Art Doppelsicherung einsetzt, sehr einleuchtet. Das geht mir auch oft so, daher fand ich Ricks Hinweise sehr spannend und hilfreich nicht nur für dich, sondern für mich gleich mit.

Aber erst mal diepositiven Stellen:
Ich nenne dir mal ein paar Beispiele (auch wenn sich das nun wiederholt) die mir besonders gut gefielen. Diese Doppelnennung hat dann aber wenigstens den Vorteil, dass du weißt, es gefiel mehreren und schmeißt sie nicht aus Versehen bei der Tilgung alles Redundanten raus.

Voila:

„Wie lange habe ich noch?“ Etwas in Wehmeyer wusste, dass es seine Pflicht war, das jetzt zu fragen und stellte die Frage für ihn.

Seine Gedanken schienen nur so nebenher zu laufen, benannten die Dinge, die er tat, die er sah: Wehmeyer nimmt einen Karton H-Milch aus dem Regal. Wehmeyer legt ein Hemd auf das Bügelbrett. Wehmeyer …

Als sei der Bewerber mit gelben Notizzetteln beklebt, auf denen diese Dinge standen.

Während der Taxifahrt war ihm noch, als ziehe es ihn zurück. Als sei um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war. Je weiter er sich entfernte, umso stärker wurde der Zug.

Die Sonnenstrahlen bogen sich gewaltig über die Wolken hinweg; als goldene Streben, die den Himmel aufspannten. Das Bild nahm Wehmeyers ganzes Sichtfeld ein (...). Niemals hätte er gedacht, dass der Himmel so groß sein könnte. (...) Wehmeyer folgte dem Lauf der Strahlen zu ihrem Ursprung: einem Punkt aus reinem, gleißendem Licht. Für die Augen undurchdringlich. Ein Loch, aus dem die Welt gefallen war.
„Möchten Sie auch?“
„Was?“, hörte Wehmeyer von weither seine Stimme.
„Na, ob Sie auch …?“
Draußen schob sich ein Wolkenfetzen vor das Fenster. Wehmeyer erwachte. Er drehte unendlich langsam den Kopf und blickte direkt in eine geöffnete Plastiktüte mit gesalzenen Nüssen darin.
„Hm?“ Der Mann mit dem Schnauzer schüttelte leicht die Tüte.
Wehmeyer griff sich eine Handvoll heraus. „Sehr verbunden“, sagte er kauend.

Das, was ich da jetzt im letzten Zitat weggelassen habe, könntest du aus meiner Sicht rausschneiden, die Schönheit und Symbolkraft des Bildes bliebe immer noch.

Was ich auch sehr stark fand, das ist der Anfang. Der hat mich gefangen genommen, weil ich wissen wollte, was mit dem Mann denn nun los ist. So eine Ansage vom Chef ... Pfui Deibel, da bleibt keiner cool. Und er ist so lethargisch.
Anders als Rick (ich hoffe, ihr beide verzeiht es mir, dass ich mich so oft auf Ricks Kommentar beziehe, liegt einfach daran, dass er für mein eigenes Schreiben sehr nützlich war) fand ich die Wiederholung von Chef und Wehmeyer hier nicht schlimm, im Gegenteil, es wirkte auf mich hier wie ein ausgewähltes Stilmittel.

Und nun das, was ich nicht so gut fand:

Zumindest bis vor einigen Wochen. Da merkte Wehmeyer, dass er sich nicht gut fühlte, schon seit einiger Zeit. Die Sekretärin vom Chef, die er zufällig in der Kantine traf, sagte ihm, dass er blass aussehe. Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass er tatsächlich blass aussah. Und müde war er, immerzu müde. Am Morgen kam er schwer aus dem Bett, als wolle sein Körper nicht mit.

"schon seit einiger Zeit " würde ich weglassen, dass es sich um eine Zeitspanne handelt, kommt auch so raus.

"dass er ..." würde ich erstezen durch: und sah, dass es stimmte.

" als wolle sein Körper nicht mit." geföllt mir nicht, weil zu holprig, hab aber gerade keine gute Idee. Vielleicht so: als sei sein Körper schwerer geworden.

Von der Sorte gibt s noch ein bisserl was. Prüf es einfach noch mal nach.


Aufbau/Spannung/Charakterisierung:

Dass ich den Aufbau gelungen fand und weiterlesen wollte, schreib ich schon. Zwei Dinge haben mich jedoch gestört:

1. Das Ende.
Es ging mir wie einigen anderen, Ich habe es einfach nicht gerafft. Ich weiß schon, ich muss nicht alles ganz genau vorgebetet kriegen als Leser, aber mir fehlt hier ein bisschen die Stoßrichtung. Ist es so gemeint, dass Solty als Beispiel/Repräsentant für die Wichtigkeit seiner Arbeit steht, die er mit großer Sorgfalt verfolgt hat? Die ihm unter den Händen entschwindet, er bei Solty einen großen Fehler machte, (als er schon krank ist, es aber noch nicht weiß), dieser Fehler damals für ihn sehr schlimm war, und jetzt wo er krank ist, stellt sich dieserSolty ganz von selbst ein. Und es ist völlig unbedeutend. Was soll das dann aber mit der Maschine? Naja, du siehst ein wortreiches Hä!

2. Die Rückblenden
Die Rückblenden waren für mich nicht immer ganz eindeutig. Beipielsweise bei der Stelle, als er das Treffen mit Solty verpasst. da schreibst du am Anfang,

Sobald er wieder denken konnte, beschloss Wehmeyer zum Arzt zu gehen.


In dieser Zeit begann Wehmeyer, Fehler zu machen.


Das klang für mich zunächst so, als geschehe das Treffen mit Solty schon nach dem Treffen mit dem Arzt. Das würde ich deutlicher machen.

Ja, das wars. Hat mir richtig gut gefallen, auch wenn ich stellenweise gemeckert hab. Ich hoffe, du konntest mit den Meckers was anfangen.
Ich freue mich auf weitere Geschichten.

Bis denn Novak

 

Liebe Kritiker,

Zunächst mal euch allen vielen Dank für eure Meinungen, Anmerkungen, Deutungen und Vorschläge. Tatsächlich - das sei vorweggeschickt - ist das hier nicht wirklich mein Einstand auf kg.de. Vor gar nicht so langer Zeit war ich hier schon mal unter anderem Namen aktiv. Ich habe dann eine gewisse kg.de-Pause eingelegt, ein paar neue Sachen gelesen, ein paar andere ausprobiert und mich, was die Schreiberei anbetrifft, ziemlich verändert. Aus dem Grund wollte ich mir auch mein altes Pseudonym nicht wieder überstreifen.
Will nur sagen: Ein wenig Schreiberfahrung habe ich schon und kg.de ist/war mir recht gut bekannt. Nun bin ich froh, dass sich das Niveau hier in der Zwischenzeit nicht zum Negativen gewandelt hat. Eher scheint's andersherum zu sein. Aber nun der Reihe nach.


JuJu,

Weil ich der Meinung war: der Doppelpunkt sei irgendwie im Kommen: er wird immer häufiger und kreativer und komischer benutzt: geht das irgendwann zu weit?
Ja, das ist so eine Sache. Ich hatte schon immer einen Hang zum kreativen Umgang mit Gedankenstrichen. Das hat in letzter Zeit auf die Doppelpunkte übergegriffen.

Dahinter steht für mich ein größeres Problem: das der Satzmelodie. Inwiefern lässt sich das bei einem reinen Prosatext überhaupt steuern? "Hört" der Leser auch wirklich, was ich "höre", wenn ich den Satz schreibe? Doppelpunkte (und Gedankenstriche) sind für mich ein zusätzliches Mittel, das irgendwie zu steuern, mit Punkten, Kommata und Semiko ... - Wie heißen die jetzt im Plural? - komme ich da nicht hin. Deshalb: Ja, mein Umgang damit ist gewöhnungsbedürftig, er entspricht nicht den "Regeln", aber ohne kann ich nicht. Zum Beispiel der von dir zitierte Satz:

Und dann: zerriss das Grau, der Himmel explodierte in reiner Helligkeit.
Da erzeugt der Doppelpunkt - so hoffe ich! - eine Pause (die man affektiert finden kann), ein Innehalten und dann: explodiert der zweite Teil des Satzes. ;) Zumindest ist es das, was ich will. Ohne Doppelpunkt wäre der Satz für mich fad.

Was steht auf der Visitenkarte??? Was ist das für eine Maschine? Eine Heilung? Bin nicht unbedingt Fan von so was ... finde es aber gelungen gemacht hier. Oder vielleicht ist es auch voll klar, und ich checks einfach nicht. Das ist die Macht, die solche interpretationsfreudige Dinger haben. Es nutzt die geistige Unsicherheit der Leser aus. Denn wenn man Hä??? sagt, outet man sich eventuell als Idiot, könnte schließlich auch sein, dass man nicht genau genug gelesen hat.
Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe ... Das hat mir schon viel Kopfzerbrechen bereitet und wird es wohl auch noch tun. So viel vorweg: Ich habe noch nicht die Interpretation - aber ich habe mir was dabei gedacht. ;) Es ist also kein Ende, mit dem ich zu verschleiern versuchte, dass ich um eine Auflösung verlegen war. Wahrscheinlich reiche ich meine Deutung noch nach.

Dass du mir das Ende trotz Hä?!-Faktor erstmal abgenommen hast, beruhigt mich aber ein Stück weit. So was kann auch übler ausgehen, denn das Ende ist schon unkonventionell, vielleicht auch gegen die "Regeln". Das ist so eine Sache, die mich fasziniert: Wann funktioniert so eine kleine "Unverschämtheit", so ein Afront gegen die "klassische Dramaturgie"?

Danke dir für deine Meinung!


herrlollek,

Aber dieses Traurige, Graue springt einen fast an, wenn man es liest und trotzdem ist es nicht aufdringlich gemacht, das finde ich schon sehr gut.
Ah, das ist schön, dass das funktioniert hat. Die Geschichte war stilistisch auch so der Versuch einer Aneignung: Ich habe zwar schon düstere Sachen geschrieben, aber dann eher so ein bisschen schwülstig. Hier war eben die Idee, das in einem unprätentiösen Stil umzusetzen, der auf klare, in sich geschlossene Sätze baut. Umso mehr freut mich deine Stilanalyse.

Und wieder das Ende ... Jaja, du hast es mir ja ebenfalls nicht übel genommen, aber ich glaube schon, dass ich da noch dran schrauben müsste. Ich weiß nur noch nicht gena wie.

Dass du vorhast, die Geschichte noch einmal zu lesen, freut mich. Aber sei gewarnt, (wahrscheinlich ahnst du es ohnehin) es könnte da zwar einen Aha-Effekt geben, aber auf die Lösung wirst du nicht stoßen. Es ist schon ein Stück weit offen.

Wie gesagt: Das ist so ein Problem, diese Grenze zwischen einem interpretationsbedürftigem, ungewöhnlichen Ende und einem, dass nur mit Pseudo-Bedeutung aufgeladen ist und letztlich nur den Leser veralbert. Aber ich hoffe immer noch, ersteres geliefert zu haben.

Dank auch dir!


Rick,

Bei dir überwog dann also eher die Enttäuschung, was das Ende anbetrifft. Das kann ich dir - siehe oben - nicht verdenken. Ich glaube fast, ich hätte das ähnlich empfunden. An sich stimmt es, glaube ich, schon so. Aber vielleicht müsste es anders dargeboten werden, auch um sich besser in den Spannungsbogen zu fügen. Eventuell müsste ich die Interpretationsansätze auch expliziter machen. Ich werde drüber meditieren.

Aber: genug davon, darüber habe ich jetzt genug bis zu viel gesagt! Ich werde meine Deutung/Absicht noch nachschieben, früher oder später.

Ins Detail:

1. Häufung "Wehmeyer" und "Chef"
Stimmt. War aber als Stilmittel gedacht. Ich schließe aber nicht aus, dass ich da zu viel des Guten getan habe. Ich werde noch mal an den Absatz rangehen.

Er hatte nicht überstürzt, holpernd geantwortet, sondern ruhig und sachlich.

Da traust du deinen eigenen Formulierungen nicht und gehst doppelt in Doppelabsicherung.
Dieses Dooplungsproblem gibt es. Hier ist es aber Absicht, hat mit der Sprachmelodie zu tun. Ich finde, der erste Teil des Satzes holpert, in dieser Form, tatsächlich schon dahin, um sich dann, nach hinten, ins breite Flussbett des "ruhig und sachlich" zu ergießen. Für mich klingt es gut.

Die Sekretärin vom Chef, die er zufällig in der Kantine traf, sagte ihm, dass er blass aussehe. Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass er tatsächlich blass aussah.

Da sehe ich erheblichen Optimierungsbedarf!
Ich auch! Danke, wird geändert.

Kürzungspotential mag es wirklich noch geben, speziell im zweiten und dritten Absatz. Ich mach mich noch mal dran!

Ich danke dir für deine Kritik und freue mich, dass die Geschichte so weit auf Gegenliebe gestoßen ist.


Novak,

Zu dir komme ich später. ;)

Grüße,
Meridian

 

Hallo Meridian,

eigentlich wollte ich gestern schon eine Kritik schreiben und ich habe es sogar getan. Ein vergessenes Häkchen bei "Angemeldet bleiben" hat sie jedoch gekillt und ich hatte keine Lust, von vorn anzufangen. Daher erst jetzt, und auch kürzer.

Auch mir hat die Geschichte - abgesehen vom alibihaften Ende - gut gefallen. Dieser sachliche Stil, mit dem nüchtern und zugleich eindringlich ein tiefgreifendes Schicksal nicht beschrieben, auch nicht erzählt, sondern mir, dem Leser, nahegebracht wird. Vorbildlich. Mit Wehmeyer konnte ich mich identifizieren, auch wenn sein Name Gefahr läuft, die Person des Protagonisten über Gebühr zu verzerren, von wegem Hypochonder und so.

Einen gutartigen Hirntumor kann es nicht geben, da aufgrund des Platzmangels im Kopf gesundes Gewebe von jedweder Geschwulst verdrängt wird. Die entsprechende Nachfügung des Arztes mag zwar der dramatischen Steigerung dienen, ist aber medizinisch redundant und irreführend. Der Satz

Wehmeyer verließ den Behandlungsraum.
ist ebenfalls überflüssig, was er beiträgt erschließt sich aus dem Kontext. Die anderen bereits im Thread erwähnten Stellen sind mir so nicht aufgefallen, aber sie wurden natürlich berechtigterweise angemerkt.

Nur das Ende ,,, lass es dir nochmal grundsätzlich durch den Kopf gehen.


Viele Grüße,
-- floritiv

 

Hey Meridian,

ich habe die Geschichte gestern Abend schon gelesen und fand sie gut, ich hatte ne leise Ahnung, was es mit dem Ende auf sich haben könnte, und genau deswegen melde ich mich eigentlich noch einmal, denn dieser Intro und der Hauptteil gehören für mich zu diesen Bürogeschichten, die ihren Platz in der Rubrik Alltag haben und an denen ich kein Interesse habe - weil's immer auf das Gleiche hinausläuft. Hier nimmt das - wie ich finde - eine unerwartete Wendung. Mal sehen, ob das auch beim zweiten Mal lesen so wirkt.

Erstmal finde ich den Namen toll - schon fast satirisch Weh - Meyer.

„Niemand ist unersetzbar, Wehmeyer. Vergessen Sie das nicht.“
„Nein. Natürlich nicht, Chef.“
Wehmeyers Chef wippte in seinem Bürostuhl langsam vor und zurück. Er hielt einen Plastikkugelschreiber zwischen den Zeigefingern und blickte Wehmeyer darüber hinweg finster an. „Ich weiß nicht, ob Sie den Ernst der Lage verstehen, Wehmeyer.“
„Doch. Aber natürlich, Chef.“
Die kleinen Augen des Chefs blieben auf Wehmeyer fixiert. Der Chef schien unschlüssig für einen Moment. Dann legte er den Kugelschreiber auf seinen Schreibtisch. „Gut.“
Der Chef stand auf. Auch Wehmeyer stand auf.
„Dann erwarte ich, dass Sie die Sache mit diesem Solty bis morgen klären.“
„Ja, Chef.“
Wehmeyer verließ das Büro.
Ich muss da Rick widersprechen, den Anfang empfand ich nicht als nervig mit den vielen Wiederholungen, ist aber auch ne Geschmackssache vielleicht. Für mich war das so ein Ping-Pong-Dialog und man glaubt, der Chef führt, aber dieser ist ja total verärgert über Wehmeyers Art zu antworten, weil er doch zäher erscheint als der Chef gedacht hat.
Wehmeyer wusste, warum der Chef in dem Gespräch an manchen Stellen gezögert hatte. Es lag daran, dass Wehmeyer sich anders verhielt als sonst. Er hatte nicht geschwitzt, hatte nicht gestottert, während der Chef ihm eingeheizt hatte. Er hatte nicht überstürzt, holpernd geantwortet, sondern ruhig und sachlich. Wie ein Computer, der eine Anfrage beantwortet. Ja, Chef. Natürlich, Chef.
Wenn ein Chef einem Mitarbeiter sagt, dass niemand unersetzbar ist, dann erwartet der Chef, dass der Mitarbeiter nervös wird. Dass er herumdruckst. Wehmeyer hatte das nicht getan. Und deshalb fühlte der Chef sich nicht ernstgenommen. Er fühlte sich, als mache sich Wehmeyer über ihn lustig.
Noch vor zwei Tagen hätte Wehmeyer reagiert, wie man es von ihm erwartete. Aber inzwischen war das unmöglich geworden, vollkommen unmöglich.
Die Erklärung hinter her hätte man mit Sicherheit auch eleganter lösen können, also das Wichtigste an dem Satz Absatz ist, dass der Leser nun erfahren soll, warum Wehmeyer cool reagiert hat - man könnte daraus vielleicht ne Szene machen. Aber okay.
Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass er tatsächlich blass aussah
sah und sah ist in Ordnung, die sehen wie Zwillinge aus - aber das aussah - müsste man ausstauschen.
aber so stellte er es sich vor, ein Messer in den Schädel zu bekommen. Er war gerade wieder in der Kantine und dann dieser schneidende Schmerz, wie ein Blitz.
schneidender Schmerz -und dann der Vergleich mit einem Blitz - wenig kreativ.
In dieser Zeit begann Wehmeyer, Fehler zu machen. Er konnte sich nicht recht konzentrieren. Seine Bilanz wurde schlechter, der Chef registrierte das. Er sagte: „Sie lassen nach, Wehmeyer.“
Und so kam auch die Sache mit Solty.
Das ist mitunter einer der Gründe, warum man als Leser natürlich durcheinander kommt, aber genau das macht für mich den Reiz dieser Geschichte aus - es ist keine chronologische Erzählung - er sieht blass aus, dann macht ihn die Sekretärin darauf aufmerksam, er bemerkt die Schmerzen und in dieser Zeit macht er wohl die Fehler (siehe Solty), als die Krankheit voranschreitet, er geht zum Arzt und weiß, wie lange er noch zu leben hat - der Chef bittet ihn in sein Büro - Ausbruch/Flucht aus dieser Welt.
Plötzlich überkam Wehmeyer eine seltsame Vorstellung. Ihm war, als sei er gar nicht im Behandlungszimmer des Arztes, sondern in der Firma, im Büro seines Chefs. Als sitze er hier nicht auf der Untersuchungsliege, sondern in dem Besuchersessel des Chefs.
Ist die gleiche Information, einen von den Sätzen müsste man streichen.

Zum ersten Mal seit der der fünften Klasse weinte Wehmeyer. Wie ihm die warme Feuchtigkeit über die Wangen lief, das war ein sonderbares Gefühl.
Das ist irgendwie so typisch für die Bürowelt in der Literatur, der Protagonist weiß nicht, wie sich weinen anfühlt, die Sekretärin ist zwar ein heißes Gerät, aber irgendwie frigide, der Chef sitzt immer höher als seine Angestellten und es gibt immer diese allgegenwärtige Angst vor einer Entlassung im Hintergrund. Die Protagonisten haben ihr Leben lang in dieser Firma gearbeitet, ihr Leben dieser Firma gewidmet, obwohl sie nur wie Ressourcen gebraucht werden und wenn sie verbraucht sind, dann droht das Ersetzen durch neue, dynamische Batterien wie hier dargestellt durch Solty. Die Entfremdung zwischen den Menschen untereinander und die Selbtsentfremdung bis man seinen eigenen Körper und seine Signale nicht mal mehr zu deuten weiß. Das ist einer der Gründe, warum ich solche Geschichten nicht mag, keiner durchbricht irgendwie das Muster. ICh frage mich dann, wenn die Welt dem Leser so bekannt ist, dann darf man als Autor eigentlich noch mehr experimentieren als sonst, man muss die Welt nicht erst erklären, sie existiert schon und baut sich von selbst auf, wenn man den Chefsessel erwähnt. :P
Während der Taxifahrt war ihm noch, als ziehe es ihn zurück. Als sei um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war. Je weiter er sich entfernte, umso stärker wurde der Zug.
Ich finde das Bild total gut - es ist bedrückend und gleichzeitig hoffnung erweckend, weil die Angst besteht, oh er kehrt bestimmt zurück in seine alte Welt bzw. er müsste gegen diesen krassen Widerstand kämpfen, wofür so ein Wehmeyer überhaupt nicht gemacht ist - andererseits denkt man, wenn er nur weit genug ist, dann reißt natürlich das Band und er ist frei, aber da Wehmeyer ja nur in so einer Bürowelt überleben kann, hat man auch wieder Angst, was mit ihm in so einer freien Welt passiert - er kann ja gar nicht überleben. Also, wenn er im Büro bleibt, vegetiert er dahin und wenn er sich freimacht, dann kommt sowieso bald der Tod.
Das Flugzeug stieg langsam hinauf, so sanft, fast wie von Geisterhand. Die Triebwerke dröhnten.
Und dann: zerriss das Grau, der Himmel explodierte in reiner Helligkeit. Für ein paar Sekunden sah Wehmeyer nichts mehr.
Die Sonnenstrahlen bogen sich gewaltig über die Wolken hinweg; als goldene Streben, die den Himmel aufspannten. Das Bild nahm Wehmeyers ganzes Sichtfeld ein und seine Gedanken dazu. Niemals hätte er gedacht, dass der Himmel so groß sein könnte.
Weiß nicht, aber ich hab das Gefühl, er fährt in den Himmel - also Himmel/Paradies.
Viel zu groß für den Raum. Wehmeyer folgte dem Lauf der Strahlen zu ihrem Ursprung: einem Punkt aus reinem, gleißendem Licht. Für die Augen
So dein Äquivalent zu dieser Tunnel-Idee, die viele Menschen haben, wenn sie eine Nahtoderfahrung machen.
Postkarten. Wehmeyer verschickte Postkarten, viele Postkarten, an Bekannte, an ehemalige Bekannte, an seinen Cousin, der in Wuppertal wohnte, wenn das noch stimmte. Er schrieb sogar seinem Chef eine Karte, direkt ins Büro. Wehmeyer lächelte, als er die Adresse eintrug.
Postkarten aus einem Dutzend Länder der Welt, aus Postkarten-Ländern, mit Reisekatalog-Motiven darauf. Unendlich weiße Südseestrände mit darüber gebogenen Palmen; Wasser so klar wie Kristall; die rotglühende Weite der Savanne, ein Löwe, ein Nilpferd; ein rau gezackter Fjord; ein verwunschener See in der weißen Leere des Nordens; die dunklen Bögen einer Kathedrale; ein Kamel in der Wüste; ein überwucherter Tempel.
Postkarten. Überall gab es Postkarten. Eine Welt voller, eine Welt gemacht aus Postkarten.
Das kommt davon, wenn man an einer Deutung festhält, es ist nicht leicht, wieder da rauszukommen, bis ein anderer einen auf eine andere Deutung aufmerksam macht. Also, ich denke, er verschickt die Postkarten gar nicht, das bildet er sich ein, so eine Art Abschied von Freunde und Familie.
Als Wehmeyer kurz darauf in einem Restaurant des Flughafens saß, kam ihm alles wie Einbildung vor
.
Also, entweder sind das dezente Hinweise an den Leser ;) oder ... oder was anderes.

Solty wird ja gar nicht als menschlich beschrieben, er hat weder Falten, seine Hände sind ungewöhnlich, sein Gesicht aus Porzellan, sein Lachen ein Nieselregen - er hat keine menschlichen Züge und dann Wehmeyers Bemerkung: Der Gott aus der Maschine.
Solty als Gott, ich weiß nicht. Man kann sehr schnell überinterpretieren, wenn man sich, wie gesagt bei einer Deutung so festgefahren hat. Die Szene ist schön surrealistisch - ich mag sowas, obwohl man das alles noch viel eleganter und geschmeidiger machen könnte. Das hast du zum Beispiel bei der Arzt-Szene wirklich gut hinbekommen, wie sich der Greis in seinen jungen Chef verwandelt und er sich wie im Büro des Chefs vorkommt und nicht wie im Untersuchungszimmer. Wenn hier die Sekretärin meinetwegen auch mal als Stewardess auftreten würde. Aber ich weiß jetzt nicht, inwiefern das deiner Intention widerspricht und wie du dir das alles gedacht hast.
Es könnte natürlich auch einfach sein, dass Wehmeyer sich so ziemlich alles eingebildet hat, bei Solty war, aber das Treffen an sich vergessen hat und er es nicht geschafft hat, ihn an Bord zu fischen.
Vielleicht träumt er auch nur, vielleicht ist er ja gar nicht aufgestanden - das wäre aber für den Leser ziemlich unbefriedigend. Also, ich glaube, so ab der Hälfte ist Wehmeyer schon längst tot und sein Geist erledigt die Sachen, die noch zu erledigen sind - so The-Sixth-Sense-mäßig. ;)

Ich bin wirklich gespannt auf deine Erklärung. Aber ich würde sie an deiner Stelle nicht so schnell preisgeben, ich würde sehr gerne auch die Interpretationen anderer Leute hier lesen.

JoBlack

 

Grüß dich, ich bins noch mal, die Novak, da siehst du mal, wie neugierig mich deine Geschichte gemacht hat.
JoBlack hat mich drauf gebracht, du hast eine Todeserfahrung beschrieben.
Die Stellen zitiere ich jetzt nicht noch mal, die hatte JoBlack schon am Wickel und mir waren sie auch als eigentümlich aufgefallen.
Gell?
Jetzt bin ich auch gespannt. Mal schauen, was die anderen noch schreiben.
Liebe Grüße
Novak

 

So, Novak, jetzt aber.

Was für mich in deiner Geschichte besonders gut rübergekommen ist, das ist das Gefühl, neben sich zu stehen, wenn man eine wirklich schlechte Nachricht bekommen hat. Eine Entpersonalisierung. Und das beschreibst du an vielen Stellen oft richtig stark. Dazu passt den Farbenbild sehr schön, wie alles, was er sieht diesen Grauschleier erhält.
Sicherlich stimmt es auch, dass Wehmeyer (war der Name extra?) schon vor der Diagnose mehr funktionierte als sein Leben genossen hat und vermutlich isoliert war, denn man erfährt nichts über Mneschen, die den Schmerz mit ihm geteilt hätten. Das aber wird noch wunderbar verstärkt durch die Beschreibung seines Lebens nach der Diagnose.
Es ist wirklich schön zu lesen, dass die von mir gewünschte Stimmung rübergekommen ist. Speziell was den Punkt der Entpersonalisierung anbetrifft. Und du hast recht: Tatsächlich ist diese Taubheit, mit der Wehmeyer auf die schlechte Nachricht reagiert, nichts Neues, sondern vielmehr etwas, dass sein Leben ohnehin bestimmte.

Es freut mich auch, dass das Bild der Sonne über den Wolken seine Wirkung entfaltet hat. Das ist schon eine zentrale Stelle im Text, nicht nur weil sie sich ästhetisch abhebt, sondern auch weil sie für die Deutung einen Angelpunkt darstellt. Es ist auch eine Stelle, die mir recht lieb ist; weshalb ich deinen Kürzungsvorschlag, so sinnig er mir spontan auch erscheint, erst vorsichtig prüfen werde. Ja ja, Autoren und ihre Kinder. ;)

Zumindest bis vor einigen Wochen. Da merkte Wehmeyer, dass er sich nicht gut fühlte, schon seit einiger Zeit. Die Sekretärin vom Chef, die er zufällig in der Kantine traf, sagte ihm, dass er blass aussehe. Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass er tatsächlich blass aussah. Und müde war er, immerzu müde. Am Morgen kam er schwer aus dem Bett, als wolle sein Körper nicht mit.

"schon seit einiger Zeit " würde ich weglassen, dass es sich um eine Zeitspanne handelt, kommt auch so raus.

"dass er ..." würde ich erstezen durch: und sah, dass es stimmte.

" als wolle sein Körper nicht mit." geföllt mir nicht, weil zu holprig, hab aber gerade keine gute Idee. Vielleicht so: als sei sein Körper schwerer geworden.
Das "schon seit einiger Zeit" habe ich drin, um diese Selbstentfremdung zu unterstreichen. Er merkt irgendwann, dass er sich schon seit einer Weile nicht gut fühlt. Das ist eigentlich paradox: Er hat scheinbar eine Weile nicht gemerkt, wie er sich fühlt.
Das mit dem "dass er ..." übernehme ich so, geht auch gut mit einem Punkt von Rick zusammen.
Der dritte Punkt liest sich für mich eigentlich gut ... Da warte ich, ob das noch wer moniert. Ich werde aber allgemein noch mal auf Stolpersteine prüfen.

Ist es so gemeint, dass Solty als Beispiel/Repräsentant für die Wichtigkeit seiner Arbeit steht, die er mit großer Sorgfalt verfolgt hat? Die ihm unter den Händen entschwindet, er bei Solty einen großen Fehler machte, (als er schon krank ist, es aber noch nicht weiß), dieser Fehler damals für ihn sehr schlimm war, und jetzt wo er krank ist, stellt sich dieserSolty ganz von selbst ein. Und es ist völlig unbedeutend.
Also, ich denke, dass Solty am Ende für etwas anderes als die Arbeit steht, die, das schreibst du ja auch, am Ende alle Bedeutung verloren hat.

Die Rückblenden waren für mich nicht immer ganz eindeutig. Beipielsweise bei der Stelle, als er das Treffen mit Solty verpasst.
Die Geschichte zirkelt ja zunächst ein wenig, ist also alles andere als linear. Eine gewisse Verwirrung ist da zu erwarten und vielleicht nicht einmal schlimm. Aber ich schau noch mal nach. Es muss ja nicht unnötig strapaziös werden, vielleicht lässt sich einiges klarer darstellen.

Ich danke dir für die positive Kritik. Besonders das mit der Liste für dich erfreulicher Stellen ist hilfreich - und für den Verfasser das anegnehme Pendant zur Fehlerliste. ;)


- abgesehen vom alibihaften Ende -
Autsch - und hallo floritiv. ;)

Dieser sachliche Stil, mit dem nüchtern und zugleich eindringlich ein tiefgreifendes Schicksal nicht beschrieben, auch nicht erzählt, sondern mir, dem Leser, nahegebracht wird. Vorbildlich.
Das ist für mich allerdings ein sehr schönes Lob, wenn auf der Empfindungsebene etwas rüberkommt. Darum geht's mir. Ich bin kein Freund von rein "intellektuellen" Geschichten.

Deine Überlegung zum Namen Wehmeyers fand ich interessant, auf den Trichter bin ich noch gar nicht gekommen, dass man ihn da für einen Hypochonder halten könnte. Der Name ist natürlich sprechend und deshalb habe ich ihn gewählt - aber in die Richtung habe ich nicht gedacht. Er war für mich eine schöne Verbindung, aus so etwas leise seufzend Klagendem und leicht angegrauter Durchschnittlichkeit.

Einen gutartigen Hirntumor kann es nicht geben, da aufgrund des Platzmangels im Kopf gesundes Gewebe von jedweder Geschwulst verdrängt wird. Die entsprechende Nachfügung des Arztes mag zwar der dramatischen Steigerung dienen, ist aber medizinisch redundant und irreführend.
Ah, das passiert, wenn man sich ohne jede auch nur gegoogelte Recherche
auf fremde Fachgebiete wagt ... Mal sehen, wie ich das repariere.

Nur das Ende ,,, lass es dir nochmal grundsätzlich durch den Kopf gehen.
Mache ich natürlich. Muss aber auch sagen, dass mir bisher keine akzeptable, grundsätzlich andere Lösung eingefallen ist. Ich denke schon, dass das der Schlussstein ist; wahrscheinlich muss er noch zurecht geschliffen werden.

Hat mich gefreut, danke dir!

Grüße,
Meridian

 

Hallo Frau Black,

denn dieser Intro und der Hauptteil gehören für mich zu diesen Bürogeschichten, die ihren Platz in der Rubrik Alltag haben und an denen ich kein Interesse habe - weil's immer auf das Gleiche hinausläuft.
Das finde ich interessant, für mich existierte das gar nicht so als feststehendes Szenario. Aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass solche Geschichten ermüdend sind, wenn da nicht am Ende noch ein Twist kommt. Aber ohnehin ... "Alltags-Geschichten", das ist schon fast ein Oxymoron.

Erstmal finde ich den Namen toll - schon fast satirisch Weh - Meyer.
Ja, stimmt. Ich war sogar zunächst stolz darauf, den erfunden zu haben. Aber google hat mich gelehrt, dass scheinbar tatsächlich ein paar Menschen so heißen.

Ich muss da Rick widersprechen, den Anfang empfand ich nicht als nervig mit den vielen Wiederholungen, ist aber auch ne Geschmackssache vielleicht. Für mich war das so ein Ping-Pong-Dialog und man glaubt, der Chef führt, aber dieser ist ja total verärgert über Wehmeyers Art zu antworten, weil er doch zäher erscheint als der Chef gedacht hat.
Schön dass du das so gelesen hast, für mich war's auch ein Stilmittel.

Wehmeyer wusste, warum der Chef in dem Gespräch an manchen Stellen gezögert hatte. Es lag daran, dass Wehmeyer sich anders verhielt als sonst. Er hatte nicht geschwitzt, hatte nicht gestottert, während der Chef ihm eingeheizt hatte. Er hatte nicht überstürzt, holpernd geantwortet, sondern ruhig und sachlich. Wie ein Computer, der eine Anfrage beantwortet. Ja, Chef. Natürlich, Chef.
Wenn ein Chef einem Mitarbeiter sagt, dass niemand unersetzbar ist, dann erwartet der Chef, dass der Mitarbeiter nervös wird. Dass er herumdruckst. Wehmeyer hatte das nicht getan. Und deshalb fühlte der Chef sich nicht ernstgenommen. Er fühlte sich, als mache sich Wehmeyer über ihn lustig.
Noch vor zwei Tagen hätte Wehmeyer reagiert, wie man es von ihm erwartete. Aber inzwischen war das unmöglich geworden, vollkommen unmöglich.

Die Erklärung hinter her hätte man mit Sicherheit auch eleganter lösen können, also das Wichtigste an dem Satz Absatz ist, dass der Leser nun erfahren soll, warum Wehmeyer cool reagiert hat - man könnte daraus vielleicht ne Szene machen. Aber okay.
Das geht auf jeden Fall kürzer, stimmt schon. Werde ich kürzen/verändern.

aber so stellte er es sich vor, ein Messer in den Schädel zu bekommen. Er war gerade wieder in der Kantine und dann dieser schneidende Schmerz, wie ein Blitz.

schneidender Schmerz -und dann der Vergleich mit einem Blitz - wenig kreativ.
Ich werfe zwanzig Cent ins Tote-Phrasen-Schwein und gelobe die Stelle zu ändern.

Während der Taxifahrt war ihm noch, als ziehe es ihn zurück. Als sei um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war. Je weiter er sich entfernte, umso stärker wurde der Zug.

Ich finde das Bild total gut - es ist bedrückend und gleichzeitig hoffnung erweckend, weil die Angst besteht, oh er kehrt bestimmt zurück in seine alte Welt bzw. er müsste gegen diesen krassen Widerstand kämpfen, wofür so ein Wehmeyer überhaupt nicht gemacht ist - andererseits denkt man, wenn er nur weit genug ist, dann reißt natürlich das Band und er ist frei, aber da Wehmeyer ja nur in so einer Bürowelt überleben kann, hat man auch wieder Angst, was mit ihm in so einer freien Welt passiert - er kann ja gar nicht überleben. Also, wenn er im Büro bleibt, vegetiert er dahin und wenn er sich freimacht, dann kommt sowieso bald der Tod.
Da bin ich dir dankbar für die Ausführung. Die Stelle wurde ja schon gelobt, dabei war sie mir gar nicht so besonders aufgefallen. Jetzt bin ich schlauer.

Ich bin wirklich gespannt auf deine Erklärung. Aber ich würde sie an deiner Stelle nicht so schnell preisgeben, ich würde sehr gerne auch die Interpretationen anderer Leute hier lesen.
Gut, ich halte mich noch zurück. Wahrscheinlich ist der Moment, in dem ich meine Gedanken hierzu einstelle, auch der, in dem die Geschichte für die Leute, die ihr was abgewinnen konnten, unwiderbringlich ruiniert wird. ;) Das gibt's finde ich öfter, dass einem Autoren, Musiker, was auch immer, eine Sache richtig madig machen, indem sie ihre absurde Intention ausplaudern ...

Aber vorweg: Deine Deutung wollte ich als Möglichkeit auf jeden Fall drin haben. Das ist schon die richtige Richtung. Auch dass du auf die Szene mit der Sonne und die Beschreibung Soltys geachtet hast - stimmt, der ist zumindest kein "normaler Mensch".

Danke dir für die ausführliche Kritik und die interessanten Gedanken!

Grüße,
Meridian

 

Wehmeyers Chef wippte in seinem Bürostuhl langsam vor und zurück. Er hielt einen Plastikkugelschreiber zwischen den Zeigefingern und blickte Wehmeyer darüber hinweg finster an
veräußerlicht auf verschwiegene Weise die menschliche Größe des Chefs im kleinwüchsigen, wie man heute so korrekt als möglich sagt, und zeigt mir damit an, dass die Welt wie die W.s von Zwergen beherrscht wird,

lieber Meridian,
wir hatten vor Kurzem erst unsere Begegnung, und dennoch kann ein erneutes Willkommen hierorts nix schaden,

dass diese Geschichte nix mit den gemeinhin verbreiteten Bürogeschichten zu tun hat, die über Gehorssam und Intrige - alles, was am Hofe Loui XIV. und des ollen Fritzen schon üblich war, wobei dieser wichtigtuerische Zwerg die Himmelfahrt unseres Protagonisten – durch welche disziplinarischen Maßnahmen auch!? – verhindern ließe, womit schon verraten sei, dass ich den Schluss in all seiner (Vorsicht, Wortspielerei!) Verschlüsselung für gelungen halten. Glaubt denn einer, er hätte Kafka von seinem schlimmen Tun, so weit als möglich miss- bis unverständlich zu sein und sich nicht leichthin erschließen zu lassen, abbringen können, war doch der Freund B. beauftragt, nach Ks Tod den Nachlass zu vernichten. Aber ich schweif ab und beginne mit der Zeichensetzung.

Lieber JuJu,

mir erschien die Zeichensetzung nicht denkwürdig, aber ich suhl mich ja auch schon mal im Kleist. Freilich hat die Interpunktion einen ähnlich hohen Grad an Verbindlichkeit wie die Rechtschreibung – also findet man auch zum Doppelpunkt die Auflösung im Rechtschreibduden, unter hunderten von Anmerkungen – lumpige drei (K 33 – K 35) und in der amtlichen Regelung allein ein Satz des § 81, und der lautet: „Mit dem Doppelpunkt kündigt man an, dass etwas Weiterführendes folgt“, was mit der wörtlichen Rede (Ziffer 1) eingeleitet wird und über Zif. 2 Aufzählungen (!) anführt und, jetzt kütt’e zoch doche’mal unter (3): „Zusammenfassungen des vorher Gesagten oder Schlussfolgerungen aus diesem“, Dinge, für die sich auch der Gedankenstrich einsetzen ließen. Kurz: die Doppelpunkte wirken vielleicht merkwürdig, sind aber nicht unwürdiger als Gedankenstriche.

Und wenn wir schon beim Formalen sind, lass ich die Kleinkrämerseele raus, der besonders der Gebrauch des Konjunktivs auffällt. Doch zunächst ein alltägliches umgangssprachliches Problem:

- wie die achtzehn anderen im Büro, die quasi dasselbe taten wie er –
Sagen wir mal: X nutzt täglich denselben Bus [wie y], was schwierig durchzuhalten und zu realisieren wäre, da es bedeutet, dass x täglich einen bestimmten Bus nutzt, in dem auch noch y sitzt. Jeder Fahrgast des ÖNVP weiß, dass das – selbst wenn x [oder y] der Busfahrer wäre, sich nicht durchhalten lässt: mag die Zahl der eingesetzten Busse auf der Linie minimal (= 1) sein, dass der Fahrgast den(immer)selben anderen Mitfahrer vorfände, ist eher unwahrscheinlich. Die Wahrscheinlichkeit bei zwei Bussen, die auf der Strecke eingesetzt würden, immer denselben Bus mit demselben Fahrgast zu erwischen würde noch einmal halbiert usw. Mit jedem zusätzlichen Bus dieser Linie sinkt die Wahrscheinlichkeit, beides gleichermaßen zu treffen. Eine korrekte Aussage wäre „x nutzt täglich den gleichen/die gleiche Bus/-Linie [wie y].“
Ähnlich verhält’s sich im Büro: Würden alle 18 Angestellten dasselbe tun, nämlich dieselben Anfragen bearbeiten, jede Anfrage durchliefe 18 Paar Hände, der Betrieb wäre bald Pleite. Tatsächlich werden gelegentlich zwei Angestellt eine Anfrage beackern, alle andern aber Vergleichbares tun. Genauer wäre also ein
… - wie die achtzehn anderen im Büro, die quasi das [gleiche] taten wie er – …

Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah in den Spiegel und sah, dass er tatsächlich blass aussah.
Bissken häufiger Auftritt des Sehens. Das Ende könnte durch Konjunktiv I (indirekte Rede) die Monotonie ein wenig ausbremsen, und ein Schauen verwandelte das Ganze, ohne dass der Sinn verloren ginge:
Und Wehmeyer, der das ansonsten eher vermied, sah [oder: schaute/blickte] in den Spiegel und sah [altern.: erkannte], dass er tatsächlich blass auss[ehe].

Am Morgen kam er schwer aus dem Bett, als wolle sein Körper nicht mit.
Besser Konjunktiv II:
Am Morgen kam er schwer aus dem Bett, als woll[t]e sein Körper nicht mit.

Jeder wird wissen, was gemeint ist, ich frag aber dennoch
Er hatte mit sechzehn [anderen?]sein Abitur gemacht, …
Solty zu erreichenKOMMA war ungefähr so schwierig, …
Ausnahme im freigegebenen (kann-)Dschungel der Infinitivgruppen. Die Infinitivgruppe (erreichen) hängt vom Substantiv (das ja seine ursprünglichste Form im Namen hat). Siehe K 117 Ziffer 2 Duden Bd. 1.

Seine Linke fuhr an seine Schläfe, …
Wohin sonst?
Seine Linke fuhr an [besser: die] Schläfe, … Sollte er sich erniedrigen, um seinem Chefsessel an die Schläfe zu fassen?

Ihm war, als sei er gar nicht im Behandlungszimmer des Arztes, sondern …
Vielleicht: Konjunktiv II … - wie auch hernach mit dem Arzt.

Während der Taxifahrt war ihm noch, als ziehe es ihn zurück.
zöge

Als sei um seine Hüfte ein Gummiband geschlungen, ein langes Band, dessen anderes Ende im Großraumbüro der Firma, an seinem Schreibtisch befestigt war.
2 x wäre

Die Sonnenstrahlen bogen sich gewaltig über die Wolken hinweg;…
Nein, Sonnenstrahlen biegen sich nicht, lassen sich wohl zur Richtungsänderung brechen. Dass ein Lichtbogen entsteht, müssten zwei Elektroden, zwsichen denen Licht sich biegt, vorhanden sein. Beobachten lässt sich dergleichen in der Bogenlampe, die nicht zu verwechseln ist mit gebogenen Straßenlaternen.
Aber vielleicht sieht W. ja Blitze (die sich zwischen Wolken oder Wolke und Erde entladen) …
Oder sieht W. den Regenbogen?

Als sei er nie wirklich weg gewesen.
wäre

Was den bemäkelten Schluss betrifft, so greif ich auf die Namen zurück:

Wehmeyer
– weh – ein Ausruf (!) oder Empfindungswort, im Gotischen mit wai noch näher am Ausruf „Au weia“ des Schmerzes (Weh[e]), der nix mit dem Verb wehen zu tun hat.

Der Bestandteil Meier in all seinen heutigen Erscheinungsformen, geht auf den Guts- / Hausverwalter, bis hinauf zu staalichen Funktionen (Hausmeier, der höchste Mann im fränkischen Dienstadel, vergleichbar den späteren Kanzlern) zurück und scheint noch im mayor (Bürgermeister) durchzuschimmern.
Kurz: Der erste Teil des Namens beschreibt den emotionalen, der zweite Teil den sozialen (beruflichen) Charakter des W.: W. ist eine ehemals uneitle (Spiegelszene) Verwaltungsfachkraft, die durch die Verhältnisse wehleidig geworden ist.

Die Bedeutung des

ist unbekannt, erscheint mir aber nach dem Auftritt des jungen Mannes als Spiel und Verkürzung von
IGNorAnZ
zu sein und der Hausname weniger auch einen Dirigenten als auf ein idyllisch gelegenes Örtchen in der Lüneburger Heide hinzuweisen, dass eher einem überdimensionierten Tombstone als einem Kurort dient. Soltau erscheint mir als tote Hose.
Kurz: wie am Anfang erwähnt, ist es die Himmelfahrt eine kleinen Angestellten. Und zumindest ein komatischer Zustand kündigt sich mittendrin an:

Die Bettwäsche, die eigentlich weiß war, die Gardinen, die grün, der Schrank, der hellbraun sein sollte, alles war grau. Wehmeyer wunderte sich und lag ganz still da. War ein Vulkan ausgebrochen, inmitten der Stadt? Hatte alles mit Asche bedeckt? Die Bäume verbrannt und die Luft, die Tiere und Menschen getötet? War er tot?,
dürfen wir alle uns fragen.

Gern gelesen vom

Friedel

 

Hallo Meridian

Der Text nahm mich in seiner leichtfüssigen Art gleich in Beschlag, obwohl die Handlung sich wirklich alltäglich liest. Der Knackpunkt ist das Verhalten des Prot., das sich mit einer fortgeschrittenen Tumorbildung verändert, seine Routine teilweise unterläuft. Dies finde ich hier passend und trefflich umschrieben, ohne zu sehr nun sein ganzes Innenleben auszubreiten. Man spürt zwischen den Zeilen seine betäubende Betroffenheit, durch die fluchtartige Reise untermalt, die sich typisiert offenbart. Es ist ja sehr individuell, wie Menschen mit einer derartigen Diagnose umgehen, doch wirkt es auf den Prot. massgeschneidert stimmig. Beinah, aber nur beinah schon fast zu glatt.

Das Ende, die Begegnung mit Solty, wirkt dann hingegen etwas unwirklich. Von diesem erwartet man schon ungewöhnliche Charakteristiken, doch hier gewinnt es etwas Abgehobenes, Lücken, die der Leser nicht mehr füllen kann. Es ist ein zu schneller, abrupter und simpler Abgang von Solty, der mehr als nur das Ende offen lässt. Es sollte nicht mit „Pseudo-Bedeutung aufgeladen sein“ wie du schriebst. Doch diesen Effekt erzielt es m. E. dadurch genau, dass es so endet, da die Figur vorher eben stark besetzt wurde. Vage sah ich da schon fast einen Bezug zu Becketts Godot.

Ein Hirntumor, nicht gutartig.“

Ich habe beim Durchsehen der Kommentare gesehen, dass das nicht gutartig von floritiv bekrittelt wurde. M. E. zu Unrecht. Die WHO differenziert wirklich in vier Kategorien zwischen einem gutartigen und einem sehr stark bösartigen Tumor. Wobei gutartig natürlich nicht etwa mit bedeutungslos verstanden werden kann, aber er wächst nicht in das umgebende Gewebe hinein und bildet keine Metastasen. Insofern ist die Aussage des Arztes nicht falsch.

Gern gelesen.

Schöne Grüsse

Anakreon

 

Hallo Meridian,

leider bin ich noch nie Fan von Geschichten gewesen, deren Auflösung erraten werden muss. Daher hat mir der letzte Teil deiner Geschichte nicht gefallen, weil ich ratlos geblieben bin.

Ich schwanke zwischen Tod und Krankheit. Einmal könnte es so sein, dass Wehmeyer nicht mehr lebt und Solty ebenfalls nicht mehr, die Begegnung also überirisch ist. Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass die Krebserkrankung Löcher in Wehmeyers Kopf hinterlässt und der Leser diese Löcher innerhalb der Geschichte miterlebt als stecke er selbst im Kopf Wehmeyers. Eine Geschichte, aus der Puzzlesteinchen herausgefallen sind.

Wie auch immer, ich mag lieber erlesbare Lösungen.


Dein Schreibstil könnte an manchen Stellen straffer sein, manche Sätze könnten gezielter formuliert werden.

Ich fand den Namen Wehmeyer gut gewählt, aber Solty irritierend. Das wirkt wie crossover, wenn du zudem noch Ignaz Solty schreibst.

Ich vermute, dass du den Titel gezielt gewählt hast, aber am Ende frage ich mich, welche Reise damit gemeint ist? Die im Flugzeug für sich genommen doch bestimmt nicht. Ich würde jetzt wieder anfangen zu deuten und dann sagen, es geht in der Geschichte doch darum, dass Wehmeyer nicht mehr lebt und es um seine Reise ins Nirwana geht.


Ich habe nicht alle Kritiken durchgelesen, die hier bereits geschrieben wurden, aber denke, es wird sich bereits der eine oder andere schon Gedanken zu manchen Satzverbesserungen gemacht haben. Ich erspare mir weitere Bemerkungen dazu, weil du bestimmt nochmals den Text überarbeiten wirst. Denke ich mal.


Zwei Dinge haben mich beeindruckt:

der Spannungsaufbau und der Part im Flugzeug.

Die Spannung wird von dir durchgängig gehalten, was ich besonders deswegen bewundernswert finde, weil das, was passiert für sich genommen gar nicht so spektakulär erscheint. Trotzdem habe ich diese Geschichte gerne bis zum Ende gelesen, weil ich wissen wollte, wie es nun weitergeht.

Der Part im Flugzeug, ganz besonders über den Wolken ist einfach gelungen. Kompliment! Satz für Satz!
Mir schob sich eine Erinnerung in den Kopf während ich das las. Wenn man
über den Wolken fliegt und noch nicht die Reiseflughöhe erreicht hat, gibt es diese Momente, in denen die Wolkentürme zum Greifen nahe sind. Wenn
es eine dichte Wolkendecke ist, erinnerte es mich an das Verlangen, sich einfach wie in ein riesiges Federbett hineinzuwerfen. :)

Ich weiß eigentlich nicht genau, wieso ich darauf komme, aber noch während ich las, dachte ich bei der Arztszene, dass Wehmeyer das mit den 6 Wochen Restleben missverstanden haben könnte. Ich dachte, es wird sich am Ende herausstellen, dass mit den 6 Wochen Zeit, diejenie gemeint war, in welcher er sich spätestens operieren lassen muss. Ich glaube, dass diese Gedanken bei mir ausgelöst wurden, weil der Arzt nochmals nachhakt, ob er DAS auch verstanden habe.

Fazit:
Eine spannende Geschichte, die mich einerseits wegen des unaufgelösten Endes unbefriedigt zurücklässt,andererseits wegen der wunderbaren Szene im Flugzeug versöhnt. Tja... :D


Lieben Gruß

lakita

 

Hallo,

leider bin ich noch nie Fan von Geschichten gewesen, deren Auflösung erraten werden muss. Daher hat mir der letzte Teil deiner Geschichte nicht gefallen, weil ich ratlos geblieben bin.

ich finde, das hat überhaupt nix mit Erraten, sondern mit Interpretieren zu tun. Wenn du vermeintliche Hinweise des Autors in einer Geschichte zu finden meinst, dann legst du dich ja auf eine Interpretation fest. Und wenn du ein Buch liest, läuft das ja auch so ab, dass du eine Interpretation im Kopf hast, nur dass dir kein Autor reinquatschen kann. Natürlich, du kannst auch Interviews vom Autor lesen, wenn es diese gibt und wenn er Aussagen über seine Intention gemacht hat, oder Sekundärliteratur, dann hast du eben die Meinungen anderer Menschen über das jeweilige Buch. Aber eine 100% Lösung gibt es doch überhaupt nicht für solche Arten von Geschichten.

Ich finde es nur bisschen schade, wenn eine Geschichte dem Leser missfällt, nur weil er nicht alles versteht. Das ist hier ne Geschichte und kein Kreuzworträtsel mit Gewinnspiel.

Sorry fürs Reinquatschen.

 
Zuletzt bearbeitet:

Nein, Reinquatschen ist es für mich nicht, es ist wichtig, weil es um die Geschichte geht.

Ich räume ein, dass ich dich vielleicht mit dem "Auflösung erraten werden muss" auf die falsche Fährte gebracht habe.
Diese Formulierung war höchst ungenau und zu Recht kritisierst du sie.

Ich habe
a) die Geschichte nicht verstanden, weil ich
aa) entweder zu blöd dazu bin
bb) sie vielleicht nicht klar genug geschrieben wurde.

Mit Interpretationen hat dies nichts zu tun. Selbstverständlich kommen beim Lesen von Geschichten und Romanen die eigenen Gedanken und Ideen des Lesers dazu und das kann durchaus dazu führen, dass viele Leser auch viele unterschiedliche Sichtweisen zu den Texten haben, vielleicht sogar völlig vom Autorenwillen unabhängige Sichtweisen.

Interpretationen führen jedoch zu einem Ziel, man könnte auch sagen, zu einer Festlegung.
Wenn es mir jedoch nicht gelingt, mit Hilfe meiner Interpretationsmöglichkeiten ein Ziel zu erreichen und exakt so ist das für mich in dieser Geschichte, dann bleibe ich schlicht auf der Strecke.

Das hat mit Erraten und Kreuzworträtsel gewiss nix zu tun und ich entschuldige mich dafür, dass ich das so lax formuliert habe.

Wenn du aber schade findest, dass einem Leser eine Geschichte missfällt, nur weil er nicht alles versteht, dann haben wir beide ein unterschiedliches Verständnis von Geschichten.
Ich möchte eine Geschichte verstehen können und ich fühle mich unwohl, wenn ich es nicht kann. Ich habe nicht so viel Selbstbewusstsein, dass ich behaupten würde, mein Unverständnis kann nur seine Ursache in der Unfertigkeit des Autoren finden. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich bloßgestellt und unwohl. Und exakt das missfällt mir und somit dann jede Geschichte, in der ich mich dumm fühle.

 

Lieber Friedel,

Ja, in den Tiefen der Historie sind wir uns schon begegnet. Dein zweites Willkommen nehme ich deshalb nicht weniger gern entgegen. Zumal es mich freut, in dir noch einen Fürsprecher meines hermetischen Endes gefunden zu haben ...

Die Verwechslung von dasselbe/das gleiche, das ist natürlich ärgerlich. Bisher habe ich nur Kleinigkeiten am Text geändert, die Überarbeitung wird wohl bis zum Wochenende brauchen; aber das merze ich gleich aus, das geht so nicht! Auch sonst hast du mir ein paar wichtige Anmerkungen an den Rand geschrieben, insbesondere hast du mich dazu gebracht, mir noch mal die Verwendung von Konjunktiv I&II anzusehen ... Da habe ich ein paar mal daneben gegriffen. Das ist aber auch so eine Tücke der deutschen Schriftsprache.

Der Bestandteil Meier in all seinen heutigen Erscheinungsformen, geht auf den Guts- / Hausverwalter, bis hinauf zu staalichen Funktionen (Hausmeier, der höchste Mann im fränkischen Dienstadel, vergleichbar den späteren Kanzlern) zurück [...]
Auf diesen etymologischen Ausflug komme ich gern mit, muss dir aber auch sagen, dass mir das in weiten Teilen neu ist, will sagen: In die Richtung habe ich nicht entfernt gedacht. Ich wähle zwar durchaus Namen nach "Bedeutung", aber da geht es mir eher um den Klang, die Farbe ... An Franken, Merowinger und sonstige Vandalen habe ich beim Schreiben nicht gedacht. Das gilt sowohl für Wehmeyer als auch für Solty.

Gern gelesen
Merci.


Lieber Anakreon,

Auch dir danke für deine Kritik, mit der du die Reihen derer, die das Ende unbefriedigend finden, verstärkst.

Doch diesen Effekt erzielt es m. E. dadurch genau, dass es so endet, da die Figur vorher eben stark besetzt wurde.
Das empfand ich als sehr interessanten Eindruck; hatte ich doch das Gefühl, Solty bis dahin eher vage umrissen zu haben. Er wird ja eher über Allgemeines - wenn auch Außerordentliches - beschrieben: seine Karriere, sein Talent ... Greifbar wird er, wenn überhaupt, ja erst am Ende. Ich hatte sogar geglaubt, viele Leser könnten ihn da bereits wieder vergessen haben.

Liebe lakita,

Wenn man über den Wolken fliegt und noch nicht die Reiseflughöhe erreicht hat, gibt es diese Momente, in denen die Wolkentürme zum Greifen nahe sind. Wenn es eine dichte Wolkendecke ist, erinnerte es mich an das Verlangen, sich einfach wie in ein riesiges Federbett hineinzuwerfen.
Mögest du diesem Verlangen möglichst lange wiederstehen. ;)

Ich weiß eigentlich nicht genau, wieso ich darauf komme, aber noch während ich las, dachte ich bei der Arztszene, dass Wehmeyer das mit den 6 Wochen Restleben missverstanden haben könnte. Ich dachte, es wird sich am Ende herausstellen, dass mit den 6 Wochen Zeit, diejenie gemeint war, in welcher er sich spätestens operieren lassen muss.
Und auch das eine interessante Idee, auf die ich so nicht gekommen bin. Das ist fast wieder Stoff für eine Geschichte ...

Ja, diese nach Auslegung heischenden Geschichten ... Also, mein Ideal wäre eine Geschichte, die beim Leser das Gefühl erzeugt: "Ich verstehe das überhaupt nicht. Aber es ergibt alles Sinn!" Also: Eine Geschichte, die vielleicht gar nicht enträtselt werden kann, bei der der Leser aber das "Dahinter" spürt, so eine innere Stimmigkeit, die sich rational nicht mehr auflösen lässt ... Wie man dahin kommt: Ich weiß es nicht.

Diese Unterschiede zwischen "Die Geschichte lässt so schön viel Raum" und "Die Geschichte ist hohl", wo die liegen, wüsste ich gern.

Na ja, wenn's für dich wenisgtens ein spannender Weg zum enttäuschenden Ende war, ist mir das schon eine Menge wert!

Grüße,
Meridian

 

Also, mein Ideal wäre eine Geschichte, die beim Leser das Gefühl erzeugt: "Ich verstehe das überhaupt nicht. Aber es ergibt alles Sinn!

d'accord !

Mit so einer Geschichte könnte ich mich anfreunden.

 

Kein Beinbruch,

lieber Meridian,

größere als wir verwäxeln derselbe und der gleiche(n), dass man wohlwollend unterstellen sollte, dass sie's nicht besser wissen zum Zeitpunkt ihres Missgriffs. Aber stünde es uns an, sie deshalb zu be- oder gar zu verurteilen? Dafür gelingen uns schon mal andere Schnitzer ganz gut, womit der Ausgleich wieder geschaffen wäre. Schämen bräuchte man sich wegen desselben und des gleichen sicherlich nicht. Löblich ist hingegen die prompte Instandsetzung! Bei den sonstigen Randnotizen müsst ich wieder nachschau'n, denn ich muss gestehn, dass ich der Gattung angehöre, drauf hingeiwesen und erledigt ...

Wegen des Konjunktivs schick ich Dir gleich - unverlangt und ohne zu wissen, ob's Dich interessiert, es klingt hier halt so - eine Private Mitteilung zu. Der ist bei Gott genauso schwierig wie der Gebrauch des Konjunktivs. Freilich muss ich gestehn, den meisten wird der Missbrauch des Konjunktivs noch leichter fallen.Und da liegt dann die eigentliche Tücke; in den Gefahren der Umgangssprache.

Was die Meierei betrifft so ist zunächst mal gut, dass Du Namen nicht willkürlich und nach populären (Kevin, Caloderma usw.) wählst, sondern auch da bewusst vorgehst. Dann setz ich allerdings ein' drauf: selbst einer wie ich, der die Worte wendet und umstellt, bis sie ihm gefallen und den Sinn seiner möglichen Aussage(n) widerspiegeln, komm nicht auf alle Deutungen, die in Texte zu finden sind. Wie anders wäre es bei den zu Anfang angedeuteten Größeren in der (Kunst)Welt? (Haus)Meier fällt halt auf, wenn aus dem Kriegsadel zugleich der Verwaltungsmann, wenn man so will: der Kanzleivorstand (= Kanzler) hervorgeht, was "auweia" sicherlich für den Untergebenen W. weniger zutreffen wird, aber dennoch im Raum steht.

Um auch das abschließend richtigzustellen: die Vandalen hatten wohl eher keinen Kontakt zu den salischen Franken (die übrigens im heutigen Falndern und nördlichen heutigen niederländischen Gebieten herkamen), den schmerzhaften Kontakt zu diesem Völkchen (selbst mit den Rheinfranken max. 200.000 Köpfe beiderlei Geschlechts) hielten die Burgunden, die ja nicht nur von den hunnischen Elitetruppen des Aetius vernichtet wurden, sondern von den Söhnen des Chlodwig geradezu gefressen wurden. Und doch gibt's heute noch Burgund!

Ach, wat binnisch widda kluuch!

Schöne tolle Tage wünscht der

Friedel,

der sich eine Auszeit nehmen wird, ist er doch 360 Tage im Jahr jeck.

 

Hallo Meridian,

eine schöne Geschichte. Und mich hat weder Anfang, noch das Ende gestört.

Ich mag den Aufbau des ersten Teil. Die Chefszene, dann der Rückblick und dann nochmal die gleiche Chefszene. Erster Teil, die reale Welt, die nachvollziehbare. Dann im zweiten Teil, dass mysteriöse, dass nicht fassbare und doch wollen wir es uns erklären. Das ist schon für mich, rein vom Aufbau her, eine feine Geschichte, wenn es um das Thema Glauben geht. Und darum geht es für mich in Deiner Geschichte. "Ignaz Solty" - steht für mich für das "Perfekte", für das Streben danach. Ob er nun als christlicher Gott daherkomm, als moslemischer, als buddhistischer, was auch immer, er steht allgemein für die Religion. Die Maschine an der er arbeitet, ist jedenfalls die Maschenerie des Glaubens, in meiner Lesart. Und Menschen streben nach den Idealen, die diese vorgibt. Und Menschen versuchen es sich zu erklären, dieses Übermenschliche. Wie den zweite Teil Deiner Geschichte :).

Aber man trifft einen Solty im Leben nicht, man bekommt ihn nicht zu fassen. Nur Aufzeichnungen aus der Vergangenheit belegen, dass er mal da war. Wie auch Wehmeyer ihn nicht zu Gesicht bekommt. Erst, als er stirbt, und da sucht er ihn ja nicht mehr, sondern Solty kommt. Wenn du stirbst, triffst du Gott.

Also, ich mag den Aufbau der Geschichte wirklich sehr. Und ich mag viele Dinge in der Geschichte gern. Ich sag mal ein paar an:

Manchmal saß er einem Bewerber, einem Uniabsolventen, fünfundzwanzig oder jünger, gegenüber und bemerkte, dass er seinen Namen nicht mehr wusste. Die Eckdaten hatte er im Kopf: Das Alter, die Abschlussnote, Praktika und Berufserfahrung. Als sei der Bewerber mit gelben Notizzetteln beklebt, auf denen diese Dinge standen. Nur der Name war weg.

Die Zettel mag ich so wie so, aber das in unserem Alltag, Leistung vor Individuum geht, das finde ich schon hübsch herausgearbeitet hier.

Solty zu erreichen war ungefähr so schwierig, wie eine Audienz beim Papst zu bekommen.

:)

Wehmeyer fragte erneut an – aber nein, man habe keine neue Nummer von Solty. Auch das Internet wusste fast nichts: Soltys Name unter einigen Artikeln und Forschungspapieren, mehr gab es nicht her. Nicht einmal ein Bild.

Sehr schön!

Nach kompliziertem Hin und Her verabredeten sie sich in einem Restaurant in der Stadt, die Firma würde die Rechnung zahlen. Das war schon in der Zeit, als das Stechen heftiger wurde. Wehmeyer war wirklich erleichtert.

Der Satz ist wichtig. Weil es keinen Kontakt gegeben hätte, wenn er gesund gewesen wäre. Aber - Solty wird realer, aber ein Treffen, dafür ist es noch zu früh.

„Ja, leider, Herr Wehmeyer. Die Röntgenaufnahmen“,

MRT-Bilder, nicht Röntgenbilder - jedenfalls bei meinem Bekannten mit Hirntumor

Seine Gedanken schienen nur so nebenher zu laufen, benannten die Dinge, die er tat, die er sah: Wehmeyer nimmt einen Karton H-Milch aus dem Regal. Wehmeyer legt ein Hemd auf das Bügelbrett. Wehmeyer …

Das hat mir auch gefallen.

Die Reise im Flugzeug ist für mich sein sterben. Die Reise ins Himmelsreich, gewissermaßen. Die Postkarten als Synonym für seine Erinnerungen. Die mochte ich auch sehr gern.

Das Flugzeug sank unter die Wolken zurück. Es verlor ganz allmählich an Höhe. Es setzte auf der Landebahn auf, so sanft, man spürte es kaum. Die Anschnallzeichen erloschen.

Und dann kommt er an, der Flieger mit all seinen Toten landet. Und ich finde es hübsch, dass er da wieder in einem Warteraum hockt. In einem Warteraum, von wo aus die Reise losgeht. Wieder in einem Flughafengebäude. Denn Wehmeyers Reise endet nicht, sie war ein Übergang zu einer neuen Reise.

Also, ich mags. Auch wenn meine Lesart vielleicht nicht Deinen Erzählabsichten entspricht, aber für mich ist es somit eine schlüssige Geschichte, die ich wirklich sehr gern gelesen habe.

Beste Grüße Fliege

 

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