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Weg sein

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21.06.2001
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Weg sein

Harald saß vor seinem leergeräumten Schreibtisch und dachte an die alte Geschichte aus seiner Zeit beim Militär. Er versuchte den Gedanken wegzudrängen, weil er in diesem Moment so ganz und gar unpassend war, aber dann starrte er auf die hellbraune Tischplatte und die Tischplatte starrte zurück und es war ihm schon wieder egal.
Es war ein kalter Wintertag gewesen, damals, er und Franz waren zum Chargendienst übers Wochenende verdonnert, was nichts anderes hieß, als auf dem Gang zu sitzen, zu warten, und sich mit sich selbst zu langweilen. Franz saß neben ihm, seine Stimmung hatte im Verlauf der Stunden von aufgedreht heiter zu nachdenklich ruhig und wieder zurück gewechselt. Ihm selbst war es nicht anders ergangen. Die beiden Pornomagazine, die sie in einer Lade des schweren Tisches vor dem OvD versteckt hatten, hatten längst ihren Reiz verloren, und gegen zehn Uhr abends, während ein schlimmer Sturm kleine Eiskügelchen gegen die Fenster trieb und die leeren Gänge der Kaserne in ein knisterndes Rauschen verwandelte, war schließlich der endgültige Tiefpunkt erreicht. Franz starrte nur mehr dumpf vor sich hin – sogar mit der Singerei, mir der er Harald über Stunden immer wieder mal mehr oder weniger erfreut hatte, war es vorbei – während Harald einen Kampf mit seiner Müdigkeit ausfocht und um die Wette gähnte. In diese Stimmung aus Trostlosigkeit und stiller Gereiztheit platzte Franz mit seiner Frage, ob man denn im Gehen Kommen könne. Harald, der ganz aufrecht in seinem Sessel saß, den Kopf gegen das alte, kalte Gemäuer gelehnt hatte, und gerade dabei war, einzudösen, öffnete wieder die Augen und sah Franz verwirrt an. Ob man denn im Gehen Kommen könne, wiederholte Franz die Frage und sah ihn dabei so ernst an, dass Harald keinen Scherz darüber hätte machen können, selbst wenn ihm danach zumute gewesen wäre. Er habe keine Ahnung, antwortete Harald, aber er glaube schon, dass das möglich sei. Franz überlegte ein paar Sekunden und sagte dann, er glaube es nicht, man könne vielleicht bis kurz vor den Orgasmus gehen, aber wenn es dann soweit wäre, müsse man zumindest kurz stehen bleiben, sonst würde man sich mit Sicherheit auf die Schnauze legen. Harald grinste und meinte, es käme wohl auf den Orgasmus an, bei einem flachen Kitzler könne man wahrscheinlich weitergehen, aber wenn es einem so richtig die Soße herausreiße, würde man sicher stehen bleiben müssen. Franz kicherte und begann dann zu lachen, weil ihm Haralds Umschreibung mit der Soße so gefiel. Die Sache war damit abgehakt, und die gewohnte Ruhe stellte sich wieder ein. Sie einigten sich noch, dass Franz als Erster schlafen solle, und Harald die Morgenschicht übernehmen würde. Als Franz sich dann aufmachte, auf seine Bude zu gehen, meinte er grinsend, er werde die Theorie jetzt gleich mal ausprobieren. Harald nahm das nicht ernst, aber dann lauschte er doch, ob er aus dem Klo ein Stockwerk höher, dessen Türen immer halb offenstanden, Schritte hören würde.
Harald erinnerte sich nicht mehr daran, ob er welche gehört hatte. Er öffnete gedankenverloren eine Lade seines Schreibtisches, aber außer gähnende Leere war nichts darin. Wie das Leben so spielt, dachte er bei diesem Anblick, und ihm war nach weinen zumute, aber er wollte und konnte es nicht. Die Schlüssel fielen ihm wieder ein, und was er damit machen sollte. Er könnte sie ihr einfach auf den Tisch legen und so aus der Wohnung gehen. Aber sie käme erst morgen zurück, und der Gedanke, die Wohnung einen Tag so ganz unverschlossen zurückzulassen, gefiel ihm nicht. Er würde ihr die Schlüssel später in den Postkasten werfen, oder sie mit der Post schicken, sie würde sie jedenfalls bekommen, ihre Schlüssel.
Er stand auf und ging hinaus auf den Flur. Das Zimmer gegenüber war das Kinderzimmer gewesen. Langsam, auch ein wenig widerwillig ging er hinein, obwohl er wusste, dass er es tun musste.
Noch ein letztes Mal.
Er sah sich auf dem Boden liegen, inmitten von bunt zusammengewürfelten Legosteinen, neben sich ein unförmiges, ebenso aus Legosteinen zusammengebautes Ding, bei dem es sich, wie ihm Thomas in seiner kindlichen Sprache stolz erklärte, um eine Ritterburg handle, in dem Ritter Thomas wohne, und seine Mama und sein Papa, während draußen in den Wäldern Ritter Sowieso herumschleiche, der aber böse sei und den man nicht in die Burg lassen dürfe. Harald sah sich, wie er den Papa-Ritter spielte, der ganz leichtsinnig war und des Nächtens ganz allein durch den Wald ritt, während Ritter Sowieso schon um ihn herumschlich, und es schließlich dazu kam, wozu es kommen musste. Der böse Ritter Sowieso stürzte sich auf ihn, kämpfte mit ihm, und Papa-Ritter wäre schon beinahe verloren gewesen, wenn nicht der kleine Sohn-Ritter plötzlich aufgetaucht wäre und sie gemeinsam den bösen Sowieso besiegt und in die Flucht geschlagen hätten. Thomas hatte jedes Mal gelacht und gejubelt, wenn Sowieso wieder einmal unverrichteter Dinge in den Wald zurückreiten musste.
Harald sah auch das Piratenschiff mit kleinen Männchen aus Plastik darauf. Sie trugen große Hüte, Augenklappen und in ihren ungelenken Händchen steckten Krüge, Schwerter oder Fernrohre. Unzählige Reisen hatten sie damit unternommen, über Meere, die es gar nicht gab und zu Inseln, die auf keiner Landkarte verzeichnet waren. Dort hatten sie ihre Schätze versteckt, in Höhlen, die tief im grüne Dschungel verborgen lagen, und das meiste davon war Gold gewesen, nur ab und zu verirrte sich auch mal Silber in die großen hölzernen Truhen.
In der Ecke hatte die Rennbahn gestanden. Thomas’ Lieblingsauto war das Blaue gewesen. Er hatte immer gesiegt und dann vor Freude gequietscht und gar nicht gemerkt, wie Papa-Ritter die Geschwindigkeit seines Wagens absichtlich zurücknahm oder sein Auto in der Kurve genauso absichtlich aus der Bahn jagte. Was waren schon Siege...
Harald ging ans Fenster und sah hinunter auf die Straße. Draußen schien die Sonne, ein schöner Sommertag. Harald spürte Ärger in sich hochsteigen. Sonne passte nicht zum Abschiednehmen. Es hätte regnen müssen, und kalt hätte es sein müssen, eisig kalt, und der Himmel hätte nicht blau sein dürfen. Aber der Welt draußen waren solche Dinge egal. Sie fragte nicht danach, sie machte einfach weiter und weiter und weiter ... während Thomas tot war, bevor er richtig gelebt hatte.
Der letzte Raum war die Küche. Er beschloss nicht hinein zu gehen, sondern einfach nur einen letzten Blick rein zu werfen. Fast zehn Jahre war es seine, ihre Küche gewesen. Hier hatte er gemeinsam mit Mama-Ritter gegessen, gekocht, gelacht und einmal sogar Sex gehabt. Hier hatte sich Mama-Ritter einmal so tief in den Finger geschnitten, dass sie ins Krankenhaus und genäht werden musste, und hier hatte Papa-Ritter einmal gesessen, war betrunken gewesen, und hatte sich ausgeheult, weil man ihm gekündigt hatte. Tausend Geschichten steckten in dem kleinen Raum, schienen sich nur zu verstecken, obwohl sie eigentlich noch da waren.
Die Küchenuhr tickte leise vor sich hin, die Leuchtanzeige auf dem Mikrowellenherd zeigte zwölf Minuten nach Zehn an. Zwölf Minuten nach Zehn, dachte er ein wenig ehrfürchtig. Das wird also die Zeit sein, mit der ich diese Wohnung für immer verlasse. Er hatte plötzlich das dumpfe Gefühl, dass er diese beiden Zahlen nie wieder würde vergessen können.
Schnell wandte er sich ab, trat den einen Schritt wieder zurück auf den Flur und nahm die Reisetasche in die Hand, in die er die letzten seiner persönlichen Sachen gepackt hatte. Er verließ die Wohnung und schloss ab, wie er es die letzten zehn Jahre fast täglich gemacht hatte.
Als er die Treppe hinunterging, fiel ihm ein, dass es auch in der Küche gewesen war, als sie ihm zum ersten Mal von ihrer Entscheidung erzählt hatte. Er erinnerte sich bitter daran, wie sie zuerst geredet, dann diskutiert und schließlich gestritten hatten. Wie er auf sie einredete, wie sie auf ihn einredete, wie er Vorschläge machte, sie bekniete und am Ende beschuldigte, und wie sie heulte, schrie und tausend Gründe sagte, die alles nicht leichter, sondern nur noch schlimmer machten. Und wie schließlich, nach kaum einer Stunde, die Welt eine andere war, die glänzende Kugel an diesem Tag Sprünge bekommen hatte, die sich langsam und schleichend durch das harte Glas fraßen und sie niemals mehr ganz sein ließen. Eine Träne glitt traurig über seine Wange und er wischte sie erst weg, als sie bereits ganz unten an seinem Kinn war.
Der Schlüssel fiel krachend in den blechernen Briefkasten. Ende, dachte Harald kurz, blieb noch einen Augenblick stehen und starrte das kleine Schildchen an, auf dem noch sein Name stand.
Dann wandte er sich dem Ausgang zu und verließ das Haus. Kaum eine Minute später verlor sich Papa-Ritters Spur im Wald aus Autos, Verkehrsschildern und großen, grauen Häusern.

 

*schnüff*
erinnert mich dran, als meine Eltern sich damals getrennt haben, als ich sechs war... mein Papa ist damals auch gegangen, weit weg *schnüff schnüff*

 

Hallo Martin!

mir hat Deine Geschichte sehr gut gefallen, sie istsehr intensiv und voller Bilder, Erinnerungen, die Du vermittelst. Flüssig und sicher geschreiben, da holpert nichts...
Hat mcih sehr berührt, vor allem der 2.teil (den Du durch einen Absatz noch deutlciher abheben könntest), das Kinderzimmer, die kleine Küche... Du ässt den Leser da an der ganzen Intimität des Familienlebens teilhaben. Wie gesagt, ganz toll geschrieben!

eine Anmerkung: "während Harald einen Kampf mit seiner Müdigkeit ausfocht und um die Wette gähnte." - so gähnt er grad mit sich selbst um die Wette...das würd ich umformulieren.

schöne Grüße
Anne

 

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