- Beitritt
- 24.04.2003
- Beiträge
- 1.444
- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 7
Warum ich einem Polen in die Eier trat
Die Säulen erstrecken sich fast bis zur Decke. Aber eben nur fast.
Genauso wie sie künstlich sind, ist es auch das meterlange Efeu, das an ihnen herunterhängt und von einem ziemlich übergewichtigen Bühnenmitarbeiter gerade festgeklebt wird.
Auf dem kleinen Klappstuhl vor mir sitzt der Regisseur. Sein gezwirbelter Schnurrbart erweckt den Eindruck, als würde er die Anspannung seines Trägers in sich aufnehmen und jeden Augenblick vor Wut komplett zusammenrollen, bloß um dann wie eine beidseitige Peitsche Sekunden später wieder auseinanderzuspringen.
"Macht doch keine Scheiße", brüllt der schmächtige Mann in sein Handy und ballt dabei die Hände zu Fäusten. Das Gesicht ist rot. Adern treten hervor. Gleich platzt er und schmettert das Mobiltelefon auf den Boden. Aber dann wird er plötzlich doch wieder ruhiger. Scheinbar hat sich der Lieferant des Sarkophages den Liefertermin doch noch einmal anders überlegt.
"In einer halben Stunde und gnade Ihnen Gott, wenn nicht", droht er nachhallend und legt dann auf. Anschließend widmet er sich wieder meiner Wenigkeit.
Seine gewaltigen Froschaugen mustern mich zum wiederholten Male, wobei ich meinen Eindruck, das er schwul ist und das unter dem Deckmantel von Professionalität zu verbergen versucht, einfach nicht loswerde. Einerlei.
"Drei Sätze Text in einer halben Stunde auswendig lernen und kein direktes Zusammenwirken mit der Hauptdarstellerin. Trauen sie sich das zu?", will er von mir wissen.
Ich mustere den Körper der Göttin, der in straffes schwarzes Leder gezwängt ist und sich gerade probeweise auf der Kühltruhe mit den Fertigpizzen räkelt. Der Sarkophag ist ja noch nicht da.
"Ob Sie sich das zutrauen? Glauben Sie ja nicht, ich finde nicht noch auf die Schnelle Ersatz und wenn ich selbst den Sklaven spiele. Dies hier ist keine Hollywood Produktion."
Ich schaue ihm ins Gesicht. Wie hieß er doch gleich? Arthur? Ich glaube Arthur. Er sieht eher wie ein Eugen aus. Durch die breite Lücke zwischen seinen Schneidezähnen spritzt in regelmäßigen Abständen Speichel hervor, mit dem er sein Revier zu markieren versuchen scheint. Im Grunde ist er aber ziemlich uninteressant.
Ich widme mich wieder der Göttin. Nicht, das sie tatsächlich wie eine aussieht; es ist bloß die ihr zugedachte Rolle. Tatsächlich wohl eine ganz attraktive Taube, die man kurzfristig von der Straße aufgelesen hat. Ich atme tief ein. Aromatisch.
"Sind Sie noch da?", winkt er mit seinen beharrten Affenhänden vor meinen Augen herum. Sowas mag ich nicht.
Jetzt steht sie plötzlich auf und blickt in meine Richtung. Ich verkneife mir ein Pfeifen und starre statt dessen völlig unverhohlen dorthin, wo das enge Leder den Eingang ihrer Lust verbirgt. Ach herrje, was lächelt sie süß zurück. Zumindest glaube ich ihren zum Verzücken gedehnten Mund in den Augenwinkeln wahrzunehmen.
"Sie können mich mal! Niemand hier ist auf Sie angewiesen und ich erst recht nicht!"
Ach so ja...der Regisseur.
"Klar. Traue ich mir zu."
"Unterschreiben!"
"Wo?"
"Ganz unten!"
Jetzt kichert sie auch noch. Wie ein kleines Mädchen. Mit einer Hand streichelt sie ihren Busen; obwohl Titten wohl zutreffender ist. Ganz schön harte Knospen, die sich da durchs Göttinnen-Kostüm zu bohren bemühen. Ich würde gerne aufstehen und sie...
"GANZ UNTEN!"
"Schon gut, schon gut." - Der Regisseur, nennen wir ihn Eugen, drückt mir meinen Text in die Hand. Ich bin ein unbedeutender Sklave, der Zeuge des Lustspiels seiner Herrscherin wird, ehe die ganze Pornosauerei in einem einzigen Blutbad endet. Ganz nettes Skript eigentlich. Nur meine Rolle gefällt mir nicht, aber da wird sich sicher noch was machen lassen.
Es vergeht eine halbe Ewigkeit, bis der LKW den Sarkophag anliefert und zwischenzeitlich meine ich ein paar mal, den Schneuzer von Eugen wieder nervös flattern zu sehen. Auch hat er jetzt scheinbar einige Haare mehr auf den dünnen Ärmchen bekommen. Man kennt das ja, je dicker das Fell, umso kleiner der...
"Kamera vier in Position. Ägyptischer Naturkaviar am Nadelöhr von den Bordell Pyramiden und...", er hustet laut, "Action!"
Noch bevor es zum wortwörtlichen ersten Akt kommt, stürzt bereits die erste Säule um und begräbt dabei einen Schrank von einem Mann unter sich.
"Cut!", brüllt Eugen hysterisch, während sich der Hüne unter dem Pappmache hervorschlängelt.
Mir wird das Ganze allmählich zu dumm. Ich schreite dramatisch auf den Sarkophag zu und nehme mir, was die Küche hergibt. Gott, das Mädchen ist gut, wenn auch ein bisschen überrascht. Als ich mit ihr fertig bin, schaut Eugen doch ein wenig verdutzt aus der durchschwitzten Wäsche. Ich übrigens auch, denn an seinem Erscheinungsbild hat sich noch immer nicht viel verändert. Um es auf den Punkt zu bringen : Er bietet einen genauso kümmerlichen Anblick wie vorhin.
"Was zum Teufel?", stottert er, vom heftigen Stöhnen meiner Göttergattin begleitet.
"Moment Schatz, ich bin mal kurz raus", erwider ich ihren Orgasmus und kehre zurück zum Regisseur.
"Ist das hier Studio 4B oder nicht?"
Seine Knie schlottern wie dünnes Geäst im Herbststurm und je länger er mich ansieht, umso mehr prallen seine Knochen zitternd aneinander.
"Schon", flüstert er heiser. - "Aber wir haben die Räumlichkeiten kurzfristig getauscht, weil wir das ägyptische Szenario in Studio 5C nicht untergebracht bekommen haben. Die geile Werwölfin von Tarker Mills wird jetzt dort gedreht."
Meine sehnsüchtigen Blicke gelten der letzten Vollmondnacht dieses Monats, die in ihrer ganzen Schönheit durchs Fenster strahlt.
Man verrät meinem Geschlecht zuvor niemals Titel oder Handlung; aber jetzt eine geile...mit so richtig dickem Busch am ganzen Körper.
Naja, zur Not frisst der Teufel eben halt auch die Fliegen.
Ärgerlich ist es dennoch. Verdammt ärgerlich sogar.
"Vielen Dank auch, Arschloch!", rotze ich in sein vom Grauen geprägtes Gesicht und trete ihm in den Sack.
Dann verabschiede ich mich noch kurz von meiner Göttin, die nach meiner Nummer fragt. Ich ritze diese statt meiner Initialien in ihren Rücken und verschwinde dann unter lautem Geheul aus dem Studio.
Was für ein beschissener April.