Warten ob Es kommt
Er sitzt am Tisch und trommelt mit den Fingern auf ihm herum. Er wartet. Er hat frei. Das, worauf er wartet, wird nicht vor dem nächsten Tag eintreffen. Früh an diesem Morgen war etwas eingetroffen. Er hatte es aufgerissen, doch enthielt es nicht das, was er erwartet hatte. Mist, hatte er gedacht.
Die Klingel reißt ihn aus seinen Gedanken. Er springt auf, rennt zur Tür und reißt sie auf. „Ach, du bist´s“, sagt er, „meine Mutter ist gerade nicht da, sie kommt in einer Stunde, sie ruft dich dann an“. „Okay, Tschüss“. „Tschüss!“ Er lässt die Tür ins Schloss fallen und schlägt mit der Faust an den Türrahmen. Er verzieht sein Gesicht zu einer Fratze und stöhnt laut auf. Doch zwingt er sich, ruhigen Schrittes zum Tisch zurück zu kehren. Er schüttelt nur den Kopf und setzt sich.
Nun beginnt auch noch sein Magen zu knurren. Er greift sich die Zeitung. Erneut erschrickt er und springt auf, wobei der Stuhl mit einem Rums umfällt. Hat es wirklich geklingelt? Er wartet und tatsächlich, es klingelt. Schnell läuft er zur Tür und öffnet. Er ruft die Treppe hoch: „Miriam, Besuch für dich!“. Daraufhin geht er zurück zum Tisch und schließt die Flurtür. Er hört Schritte auf der Treppe, dann Gekicher, erneut Schritte auf der Treppe und dann Ruhe. Er lies die Überschrift auf der nächsten Zeitungsseite „Problemzone Zentrum“ und überblättert sie rasch. Ukraine-Krise? Flüchtlinge ertrunken.
Er gibt es auf, legt die Zeitung weg und geht in sein Zimmer. Er zieht die Gardinen weg und er blickt höchst erfreut aus dem Fenster. Doch sackt er wieder in sich zusammen. Er kommt nicht hierher, wird ihm klar. Er beugt sich herunter um sich hinzusetzen und hält mitten in der Bewegung inne, da sein Kopf zu pochen anfängt. Kopfweh, das hatte ihm auch noch gefehlt! Er lässt sich so tief in seinen Schreibtischstuhl sinken wie irgend möglich, als wolle er Winterschlaf halten und diesen nie wieder beenden. Sein Schreibtischstuhl ist fast mehr ein Sessel, so weich und gepolstert ist er. Die Klingel reißt ihn hoch. Er vernimmt Schritte auf der Treppe und hört, wie die Tür geöffnet wird. Bald darauf fällt die Tür wieder zu, und er sieht drei Mädchen weggehen. Jetzt bin ich also allein, wird ihm klar.
Er lässt sich wieder auf dem Stuhl nieder und drückt auf den Knopf, der ihn in eine andere Welt bringt. Bevor er sie ganz betreten kann, läutet es. Er geht zur Tür und schlägt sich mit der Hand vor die Stirn: Das Telephon klingelt! Er schnappt sich das Telephon, und überlegt ob er rangehen soll. Er entscheidet sich und nimmt ab. „Martin Frierer“, sagt er, „wir sind zufrieden. Nein! Wir wollen keine neue Flatrate... Ja... Danke und tschüss!“ Er legt auf und fasst sich an den Kopf. Ihm ist schwindelig und etwas schlecht ist ihm auch. „Mir ist nicht übel“, sagt er sich. Dadurch schafft er es sich neu zu orientieren und zu konzentrieren. Immer noch sind seine Nerven zum Zerreißen gespannt.
Trotzdem geht er in sein Zimmer, fährt den Computer herunter und schmeißt sich aufs Bett. Tatsächlich fällt er in einen leichten Schlaf. Er träumt: Vor ihm stünde ein Karton. Er träumt er reißt ihn auf. Noch ein Karton kommt zum Vorschein, noch einer und noch einer, und in der Mitte ein Stück Papier mit der Aufschrift „Nichts enthalten“. Er wacht davon auf, dass ein Vogel gegen die Scheibe fliegt. Er steht auf und bemerkt den Krach eines Rasenmähers.
Er setzt sich im Wohnzimmer an den Computer und loggt sich bei Googlemail ein. Den Cursor bewegt er auf `eine neue Nachricht` und klick. „Sehr geehrter Herr Frierer, leider konnte ihre Bestellung nicht angenommen werden. Wir hoffen, Ihnen sind dadurch keine Unannehmlichkeiten entstanden. “ Seine Augen quellen ihm aus dem Kopf und er sinkt zu Boden. „Gott“, fleht er, „das ist jetzt nicht wahr!“ Draußen beginnt es stark zu regnen.