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Warm up
„Step vorwärts, Doublecheck und Sidestep!“, hallt die energiegeladene Stimme einer jungen Frau durch den Fitnessraum. Ami nimmt ihre Anweisungen kaum wahr. Beinahe unbewusst befolgen ihre Beine die Befehle, ahmen wie automatisch die vorgeführte Schrittfolge nach. Immer wieder tauchen die Bilder auf. Er über ihr. Beide nackt. Glänzender Schweiß auf seinem Rücken.
„Hey, pass doch auf!“, zischt das Mädchen neben ihr, das Ami angerempelt hat. Zu eng hier drin, zu viele Menschen in einem Raum.
Sie weiß nicht, warum sie heute ausgerechnet hierher gekommen ist. Vielleicht um zu vergessen, um wenigstens für ein paar Minuten zu verdrängen, was unaufhörlich in ihrer Vorstellung kreist. Ein Stück Alltag zurückholen.
Früher ist ihr nie aufgefallen, wie schlecht die Luft an diesem Ort ist. Abgestanden und nach schwitzenden Körpern riechend. Ihr Kopf fühlt sich an, als trüge er eine schwere Last mit sich. Ein Käfig voller Gedanken. Sie hatte nicht gedacht, dass es so bluten würde. In den Filmen blutete es nie. Ein sauberer Schuss, der Getroffene fiel um, das war’s.
Die Trainerin läuft zum Cassettenradio und dreht die Musik lauter. Hämmernde Beats graben sich in Amis Kopf, drohen ihn zu sprengen. Ihre Stirn schmerzt. Seelenruhig hatte Ami ihre Sportsachen zusammengepackt, als sei es ein Dienstag wie jeder andere. Sie hätte seine Augen verschließen müssen, bevor sie ging. Seinen leeren Blick verdecken, der nach innen gekehrt schien, der nicht mehr diese Welt betrachtete. Das wenigstens hätte sie tun sollen.
Sie muss raus hier. Glotzende Blicke verfolgen Ami neugierig, als sie quer durch den Saal rennt und dabei eines der Mädchen umstößt.
Im leeren Umkleideraum greifen ihre Hände zitternd nach dem glitzernden Gegenstand in ihrer Sporttasche, der zwischen T-Shirt und Handtuch völlig fehl am Platz wirkt. Das kalte Metall der Pistole kühlt Amis aufgeheizte Schläfen.
Sie lässt ihren Tränen freien Lauf.