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Vorbei der Kampf.

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28.06.2003
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Vorbei der Kampf.

Vorbei der Kampf.
Eine stille Geschichte (1996)

Es war einer meiner dienstlichen Besuche. Mir war Kuchen und Kaffee angeboten worden, und so saßen wir im Wohnzimmer und waren ins Gespräch vertieft.
Plötzlich läutete das Telefon. Es war für mich.
"Deine Großmutter ist gestorben. Du sollst nach Hause kommen, wenn du kannst."
Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg.
Im Auto dachte ich an meine Oma. Oft war ich bei ihr als kleiner Bub. Ihre Honigbrote waren für mich ein Gedicht. Immer wollte ich wissen, wie sie das mit dem Honig macht, daß er so gut schmeckt. Mein Großvater war ein krank, alkoholkrank, und die Oma mußte ihn oft vom Branntweiner holen gehen. Dann gab es immer Streit. In den letzten Jahren kam sie immer schlechter mit sich selbst zurecht. Das Herz, das Übergewicht, das Asthma. Und sicher die Depression. Aber darüber wurde nicht geredet. Sie saß den halben Tag in ihrem kleinen Wohnzimmer. Sie döste vor sich hin. Sie beklagte sich, daß sie in der Nacht nicht schlafen könne. Sie ging nicht mehr aus dem Haus, und wenn, dann nur für kurze Zeit.

Nun fuhr ich zur Wohnung, in der sie so viele Jahre gelebt hatte. Ich fand sofort einen Parkplatz, und als ich die Wohnung betrat, waren bereits viele Menschen da. Nachbarn, Tanten, Onkeln. Manche weinten alleine, manche trösteten einander, manche standen nur stumm herum und warteten.
In der Mitte des Wohnzimmers lag sie am Boden.
Eine Decke verhüllte sie.
Einige saßen auf der Bettbank und auf Sesseln um sie herum. Ich setzte mich dazu. Ich blickte zur Decke. Ich beugte mich hinab und hob die Decke von ihrem Gesicht. Es war unter ihren grauen Haaren versteckt. Ich streichelte mit meiner Hand über ihre Haare. Sie fühlte sich ganz warm an. Sie bewegte sich nicht. Jemand sagte, ich solle sie wieder zudecken.

Es war eine eigentümliche Stimmung. Es gab kein lautes Wort. Alle flüsterten oder sprachen mit gedämpfter Stimme. Immer wieder hörte man jemanden schluchzen. Dann wieder beherrschte Stimmen. Jemand schlug vor zu beten. Wir beteten den Rosenkranz.
Mir kam ein Lied in den Sinn. "Zum Paradies mögen Engel dich geleiten".
Sie lag da und rührte sich nicht.
Man erzählte mir, wie es gekommen war. Es war ein Anfall gewesen. Sie hatte keine Luft mehr bekommen. Sie hatte um ihr Leben gekämpft. Zuletzt war sie sogar noch aufs Klo gegangen. Und dann ist sie zusammengebrochen.

Der Kampf war vorbei.
Jetzt kämpften andere. Einen anderen Kampf. Sie selbst war zur Ruhe gekommen. Sie ist schon weiter als wir. Sie ist den menschlichen Weg gegangen. Sie so zu sehen, hat mich irgendwie beruhigt. Sie so zu sehen, hat die Dinge irgendwie ins Lot gebracht.
Ungewisserweise kann ich das vielleicht so sagen.

 

Hallo Frohmut!

Eine nachdenklich stimmende Geschichte, sehr schlicht formuliert, ohne Schnörkel oder Abschweifungen, geradlinig und stilsicher.

Sie hat mir gefallen, und ich habe sie zweimal gelesen.

Aragorn

 

Hey, Aragorn, danke für deine Nachricht, das hat mich sehr gefreut, was du über meine Erzählung geschrieben hast!
Grüß dich
Friedrich

 

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