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Vor mir sehe ich ihn
Vor mir sehe ich ihn. Den Mann mit dem ich mein Leben verbringen wollte.
Er schaut mich aus seinen traurigen, blauen Augen an.
Augen, die die Welt gesehen haben, denke ich jedes Mal.
Wir beiden stehen am Strand, dort wo ich ihn zum ersten Mal traf.
Damals war ich jung, voller Energie, voller Leben.
Doch das Leben hat mich verlassen.
Meine Blicke schwenken zwischen dem tiefen blau seiner Augen und meinen sonnengebräunten Händen hin und her. In meiner rechten Hand befindet sich eine Muschel. Die Muschel, die er mir vor drei Jahren schenkte. Kurz vor seinem Tod. Herzförmig, an der unteren Spitze braun, nach oben zu den Herzbögen hin immer heller werdend, schließlich am oberen Rand strahlend weiß.
Ich möchte sie dir wiedergeben, höre ich mich sagen, die Erinnerung bringt mich um.
Nur die Erinnerung? Sagt er in einem sehr ruhigen Ton.
Er wusste genau, dass dies nicht der einzige Grund war. Seit fast drei Jahren hatte ich ihn regelmäßig an diesem Strand geschaffen, hatte mit ihm geredet, mit ihm geweint. Nur hier war es mir möglich, ihm noch nahe zu sein.
Meine Mutter hatte kurz nach dem Tod meines Mannes eine neue Wohnung für mich gemietet und eingerichtet. In ihr fühlte ich mich nicht wohl. Ich hatte in ihr keine einzige Erinnerungen an die große Liebe meines Lebens, die mir viel zu früh genommen wurde.
So fuhr ich jeden Tag an diesen kleinen Strand, gelegen zwischen zwei kleinen Orten, meinem Geburtsort und seinem Geburtsort.
Das erste Mal trafen wir uns des Nachts am Strand. Er war ein leidenschaftlicher Surfer, der bei jedem Wetter rausging, nur um eine gute Welle zu erwischen. An diesem Abend wehte ein warmer Wind. Ich konnte damals nicht schlafen. Ich wohnte noch bei meinen Eltern, direkt am Strand und es war schon beinahe zu einem Brauch geworden, aus dem Fenster über der Veranda nach draußen zu klettern, die Sterne zu beobachten, sich nach einer Weile abzuseilen und einfach am Strand entlang zu gehen.
An jenem Abend war er gerade damit beschäftigt, sein Surfbord aus dem Wasser zu ziehen. Ich blieb lange ganz still stehen und beobachtete die Formen seines Körpers, jeden Muskel den er anspannte.
Irgendwann bemerkte er mich und setzte sich zu mir in den kalten Sand.
Sofort waren wir auf einer Wellenlinie.
Sechs Stunden später, bei Sonnenaufgang, saßen wir immer noch an der selben Stelle, etwas durchgefroren aber doch glücklich. Wir hatten uns die ganze Zeit über Gott und die Welt unterhalten, über Familie und Zukunftsplanung.
Nun stand ich also an diesem Strand, vor dem Menschen, der nicht mehr lebte. Vor dem Mann, für den ich alles getan habe, um ihn glücklich zu machen. Und er weint.
Er nimmt schweren Herzens die Muschel an sich.
Ein Abschied für immer, was? Sagt er. Du brauchst mich nun nicht mehr. Das ist in Ordnung. Ich wusste, dass dieser Zeitpunkt eines Tages eintreten wird. Nur schade, dass du mich nun nicht mehr besuchen kommst.
Er verstand. Wie er schon immer verstanden hatte. Es gab einen neuen Mann in meinem Leben. Ich musste lernen loszulassen, die Vergangenheit, den Tod meines Mannes hinter mir zu lassen um neue Wege, ein neues Leben kennen zu lernen.