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Von den Raben, denen die Flügel abfielen
Vor einiger Zeit lebte einmal ein Geschlecht von Raben, denen, so sie geboren waren, sofort die kleinen Flügel abfielen, die nicht einmal zum Flug gedient hatten. Auf dem großen Berg, den sie bewohnten, war alsbald kein Platz mehr da für alle, und so wurde eine Familie – ein Rabe mit seinem Weib und seinen drei Küken, und allesamt ohne rettende Flügel – hinabgestoßen vom Berg. Endlose Sekunden Todesqualen ausstehend fielen sie, und die Sekunden wurden zu Minuten und die Minuten zu Stunden, denn sie fielen nur und kamen nicht auf, so wie es zu erwarten gewesen wäre. Sie begannen ihr Schicksal zu akzeptieren, erfreuten sich weiterhin an ihrem Leben und zogen ihre Jungen mit dem auf, was ihre Artgenossen vom Berg herabfallen ließen.
So lebten sie viele Jahre, ohne jemals den tödlichen Boden zu sehen. Irgendwann hatte die fallende Rabenfamilie den Abgrund vergessen und wähnte sich in immerwährender Sicherheit. Bis ein kleiner Rabe, der mittlerweile ein Ururenkel des Raben war, der mit seiner Familie vom Berg gestürzt war, fragte: „Warum fallen wir das ganze Leben, Vater? Warum haben wir nicht etwas, was uns ermöglicht, wieder nach oben zu kommen?“
Sein Vater antwortete: „Höre gut zu, mein Sohn. Vor langer Zeit hat unsere Familie begonnen zu fallen. Dagegen können wir nichts tun. Das, was du meinst, nennt man Flügel, und jedem von uns fallen sie bei der Geburt – einem Fluche gleich – ab. Eines Tages, mein Sohn, werden wir den tödlichen Erdboden erreichen und somit enden. Doch niemand weiß, wann das sein wird. Also hoffe darauf, dass es nicht an dir sein wird, durch den Erdaufprall zu sterben. Gebe die Hoffung, einem unserer Nachfahren würden die Flügel nicht bei der Geburt abfallen, weiter an deine Kinder und Kindeskinder. Nur so können wir weiterleben.“
Der kleine Rabe hatte verstanden und tat, wie ihm geheißen...
(Januar 2001)