Virus
„Gib AIDS keine Chance.“ Diese Worte, so klein und unaufdringlich sie gedruckt waren, riefen den schmerzlichen Verrat in sein Gedächtnis zurück. Das Plakat mit dem Kondom, das er von seinem Sitzplatz in der Straßenbahn aus betrachtete, ermahnte und verhöhnte ihn zugleich. Es erinnerte ihn an die Menschen, denen er in den letzten zwei Jahren begegnet war, an jene Menschen, denen er die Dinge anvertraut hatte, die er bis dahin verschwiegen und tief in sich begraben hatte.
Zehn Jahre alt war er damals gewesen, als der Kinderarzt zu ihm in den Behandlungsraum kam und ihm mit besänftigender Stimme erzählte, dass er H.I.V. positiv sei. Selbst ohne die Erklärung des Doktors, man könne auch mit dem AIDS-Virus ein langes Leben führen, wäre er völlig ruhig und unbeeindruckt aus dem Krankenhaus gegangen - wäre da nicht der Mann von der Jugendführsorge gewesen, der unbedingt wissen wollte, von wem er die Krankheit bekommen hatte. Die eindringlichen Fragen über Sex und darüber, ob er es freiwillig getan hätte, verwirrten ihn und waren so schmerzhaft, dass er bereits nach wenigen Fragen in Tränen ausbrach. Trotz der Hand des Mannes auf seiner Schulter und seinem Ekel vor Berührungen, erzählte er ihm daraufhin die unerträglichen Details. Er erzählte ihm von der Frau, die ihm von seinen Eltern als Freundin vorgestellt worden war und der erlaubt worden war, ihn zu sich nach Hause mit zu nehmen. Er erzählte ihm, wie diese Frau unten an ihm rumgespielt hatte und sich dann mit vollem Gewicht auf ihn gesetzt hatte, so dass er kaum atmen konnte.
Auch der Psychologin in dem Kinderheim, in das ihn der Mann von der Führsorge direkt vom Krankenhaus aus gebracht hatte, erzählte er von diesen Dingen. Als er ihr in der zweiten Therapiestunde gegenüber saß, begann er, das erste Mal über seine Krankheit zu sprechen.
„Ich hab’ keine Angst vor dem blöden AIDS-Virus und ich hab’ auch keine Angst zu sterben.“
Die Psychologin schaute ihn fragend aber freundlich an.
„Wenn Du magst, erzähl’ mir, warum Du keine Angst vor dem Sterben hast.“
„Weil ich schon längst tot bin!“, sein Gesicht verdunkelte sich.
„Wie meinst Du das?“
„Ich meine, hier drin“, er zeigte auf seine Brust. „Die Frau hat mich noch mit einem anderen Virus angesteckt, der mich hier drin getötet hat.“
„Du meinst deine Seele?“, fragte sie und versuchte die Irritation, die seine einerseits harten, andererseits klaren Worte in ihr auslösten, zu verbergen.
„Ja, meine Seele. Immer, wenn die Frau mich berührt hat, ist ein Stück mehr von meiner Seele da drin gestorben.“
Als er diese Worte aussprach, war es, als hätte er sich von Ketten befreit, die fest um seinen Körper gewickelt waren und er spürte wieder einen Hauch von Lebendigkeit in seinem Inneren. Das erste Mal seit dem Krankenhausaufenthalt, liefen ihm wieder Tränen übers Gesicht. Er erzählte weiter und je mehr er darüber redete, desto lebendiger fühlte er sich. Je lebendiger er sich fühlte, desto leichter viel es ihm, sich an die qualvollsten Details zu erinnern und über sie zu sprechen. Auch wenn die Erinnerungen daran wie Feuer in seinem Herzen brannten, berichtete er der Psychologin nach einem Jahr Therapie endlich von dem, was ihn am meisten quälte.
„Als sie mich da unten berührte und mein Körper so reagierte, wie ich es gar nicht wollte, schämte ich mich total dafür. Ich wollte das nicht, aber ich konnte nichts dagegen machen.“
Unsicher schaute er vom Boden auf, in Angst, im Gesicht der Psychologin Anwiderung und Ablehnung zu entdecken. Aber dann sah er überrascht in den freundlichen und verständnisvollen Ausdruck, den sie bisher immer gehabt hatte, wenn er ihr etwas von seinem Drama erzählte.
„Das war nicht deine Schuld! Die Frau hat das gegen deinen Willen getan. Sie hat dich missbraucht. Deshalb wurde sie auch verurteilt und ins Gefängnis gebracht.“
Er brauchte fast ein ganzes weiteres Jahr, bis er ihre Worte glauben konnte. Sie musste sie für ihn in fast jeder darauf folgenden Therapiestunde wiederholen.
Dann endlich hatte sie es durch die ständige Bestätigung seiner Gefühle und durch die Liebe in ihren Worten geschafft, ihn davon zu überzeugen. Er fühlte sich bei ihr von nun an so geborgen und verstanden, dass er damit begann, auch über seine Eltern zu sprechen.
„Papa hat mich nie sehr gemocht, das wusste ich schon immer. Aber dass auch Mama mich mit der Frau mitgehen ließ und das Geld dafür genommen hat, hat mich traurig gemacht.“
„Ja, das war völlig falsch und ungerecht!“, bestätigte sie. „Deshalb haben auch deine Eltern eine Strafe vom Gericht bekommen.“
„Schon vor der Sache mit der Frau waren meine Eltern oft gemein zu mir. Meine Mutter hat mich oft angeschrieen, wenn ich etwas falsch gemacht habe und mein Vater hat mir zum Beispiel gerne Stubenarrest gegeben oder mir Sachen verboten, die ich gerne gemacht habe.“
Er war überwältigt davon, dass er in der Gegenwart der Psychologin diese Ungerechtigkeiten aussprechen konnte, ohne dabei Schuldgefühle zu haben. Er wünschte sich, so wie in fast jeder Therapiestunde, dass sie seine Mutter sei. Doch dann plötzlich passierte es - er wurde erneut verraten. Als er von einem anderen Vorfall mit seinen Eltern berichten wollte, fiel die Psychologin ihn zum allerersten Mal seit den fast zwei Jahren ins Wort.
„Ich weiß, dass Du sauer auf deine Eltern bist. Dazu hast Du auch ein Recht. Sie haben dich mit der Frau mitgehen lassen, weil sie Geld brauchten. Das ist falsch gewesen!“, wiederholte sie. Aber plötzlich war ihr Gesichtsausdruck so ganz anders als gewöhnlich. Die Güte in ihren Augen verwandelte sich in Härte und sie sagte weiter mit gleich bleibend freundlicher Stimme: „Du musst deinen Eltern aber auch verzeihen können.“
Dieser Satz stach ihn mitten ins Herz. Alles in ihm Schrie: „Das ist eine Lüge!“ Doch er war so gelähmt und verletzt von den Worten seiner einzigen Vertrauensperson, dass er nichts erwidern konnte. Halb in sich zurückgezogen, bekam er nur ansatzweise mit, was die Psychologin ihm noch zu sagen hatte.
„Das ist nicht nur für Deine Eltern wichtig“, „Sie haben ihre Strafe verbüßt“, „Und sie lieben dich bestimmt noch“, „Nur wenn Du ihnen verzeihst, können deine Wunden vollkommen verheilen.“ „Meine Eltern haben mich auch verletzt, aber ich musste ihnen verziehen.“
Kurz bevor er den Raum nach seiner allerletzten Therapiestunde traurig und wütend verließ, ging die Psychologin zu ihm herüber und legte ihre Hand auf seine Schulter. Als sie ihre letzten Worte zu ihm sprach, fühlte sich auch ihre Berührung zum allerersten Mal so abstoßend an, wie zuvor bei all den anderen Menschen. Sie sagte: „Gib deinen Eltern eine Chance.“