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Vergissmeinnicht
Es war im letzten Frühjahr. Ich hatte den Abend bei einer Freundin verbracht und fuhr mit dem Fahrrad nach Hause. Es war bereits dunkel. Kaum dass ich losgefahren war, setzte Nieselregen ein. Ich zog mir mit einer Hand die Kapuze über den Kopf und trat fester in die Pedale. Als ich die Eisenbahnbrücke passiert hatte, wurde der Regen stärker. Kalter Wind blies mir entgegen. Immer wieder musste ich nach meiner Kapuze greifen, damit sie nicht verrutschte. Meine Füße glitten von den Pedalen und ich geriet ins Schlingern. Wie aus dem Nichts tauchte ein Auto auf und verfehlte mich nur um ein paar Zentimeter, um gleich darauf in der Dunkelheit zu verschwinden. Mit zitternden Beinen stieg ich vom Rad. Vor dieser Kurve hatte meine Mutter mich schon als Kind gewarnt. Autofahrer konnten einen Fußgänger oder Radfahrer erst im letzten Moment erkennen. Statt eines Bürgersteigs gab es hier nur den schmalen Seitenstreifen, auf dem ich mich hielt. Rechts davon lag ein kleiner Wald. Ich schob mein Rad über den erdigen, vom Regen aufgeweichten Boden seines Randes. Ab und zu streifte ein Zweig mein Gesicht. Ich fror.
Ein Geräusch ließ mich aufschrecken. Ein Tier? Kurz darauf hörte ich erneut etwas. Ein Knacken, als wenn jemand durch das Unterholz stapfte. Unwillkürlich blickte ich mich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Es knackte noch einmal, diesmal lauter. Ich konnte es trotz meiner Kapuze deutlich hören. Mein Herz klopfte schneller. So nah an der Straße hatte ich noch nie ein größeres Tier im Wald gesehen. Vielleicht mal im Vorbeifahren ein Kaninchen oder ein Eichhörnchen ... Es knackte zum dritten Mal. Ich biss mir auf die Lippen. Was für ein Tier trieb sich hier herum? Ein Fuchs etwa? Ein streunender Hund? Die Kurve wollte und wollte kein Ende nehmen. Sei nicht albern, schalt ich mich, egal was für ein Tier hier umhergeistert, es wird dir nicht zu nahe kommen.
Ein Stöhnen drang an mein Ohr. Ich erstarrte. Meine Hände krampften sich um den Lenker. Der grauenvolle Laut wiederholte sich. Mein Herz raste. Solch ein Geräusch konnte kein Tier von sich geben. Der Regen prasselte auf mich nieder, zu meinen Füßen bildete sich eine Pfütze, doch ich konnte mich nicht von der Stelle rühren. Fahr weg!, hörte ich eine Stimme in meinem Kopf, aber irgendetwas hielt mich zurück. Ich räusperte mich und rief ein zaghaftes »Hallo?« in den Wald hinein. Keine Antwort. Ich rief ein zweites Mal, diesmal lauter. Sekunden später meinte ich, ein Wimmern vernommen zu haben.
Meine Blicke suchten das Unterholz ab, ohne das Dunkel durchdringen zu können. Ein Auto näherte sich. So dicht wie möglich schob ich mich ans Gehölz. Für einen Moment tauchte der Scheinwerfer das Waldstück in gleißendes Licht und enthüllte eine zusammengekauerte Frauengestalt wenige Meter von mir entfernt. Ihre Augen starrten mir entgegen. Ich schrie, das Licht erlosch, der Lenker glitt mir aus den Händen und das Fahrrad fiel zu Boden. Zwei, drei Mal holte ich tief Luft, ehe ich einen Schritt auf die Stelle zu machte, bei der ich die Gestalt vermutete.
Endlich konnte ich die Frau in der Dunkelheit ausmachen. Sie lehnte in gekrümmter Haltung an einen Baum. Ihre Kleidung war vom Regen durchnässt. Meine Stimme bebte, als ich sie ansprach und nach ihrem Namen fragte. Sie gab keine Antwort.
»Ich möchte Ihnen helfen, bitte sagen Sie mir doch -« Ich stockte. Was ich zuerst für Regennässe gehalten hatte, glänzte im erneuten Scheinwerferlicht in dunklem Rot. Ich stolperte zwei Schritte zurück.
»Warten Sie hier, ich ... ich hole Hilfe«, stammelte ich und stürzte zur Straße, wo ich nur noch die Rücklichter des eben vorbeigefahrenen Autos sah. Ich tastete nach meiner Jacke; ausgerechnet heute hatte ich kein Handy dabei. Hinter der Kurve stand jedoch eine Telefonzelle, die ich vom Vorbeifahren kannte. Während ich die Straße entlangrannte, betete ich, dass sie nicht defekt war.
Sie war es nicht. Ich hatte weder Geld noch eine Telefonkarte bei mir, doch der Notruf funktionierte auch so. Ich nahm mir keine Zeit um durchzuatmen, sondern betätigte sofort den Hebel. Eine nette Frauenstimme meldete sich. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu Wort zu kommen, dann sprudelten die Sätze aus mir heraus. Ich gab der Frau den Ort durch und bat dringend um einen Krankenwagen. Als ich einhängte, fühlte mich mich ein wenig besser. Eine Viertelstunde, zwanzig Minuten vielleicht, dann würde der Notarzt kommen. Das musste reichen, die Frau durfte noch nicht so viel Blut verloren haben. Mir schwindelte. Fünf Minuten gönnte ich mir in der Telefonzelle, bevor ich ins Freie trat. Es graute mir davor, die Verletzte wieder aufzusuchen. Ich hatte keine Ahnung von Erster Hilfe, aber ich konnte sie nicht bis zum Eintreffen des Krankenwagens alleine lassen. Mich schauderte beim Gedanken an ihr Stöhnen. Ich wollte diesen Laut nicht mehr hören, aber ich musste ihr mitteilen, dass Hilfe unterwegs war. Ihre Augen wollten mir nicht aus dem Kopf gehen. Große, dunkle Augen in einem winzigen Gesicht. Ich straffte die Schultern und lief zur Unfallstelle zurück. Der Regen hatte nachgelassen. Kein einziges Auto war zu sehen. Mein Fahrrad lag auf dem Boden, wie ich es verlassen hatte. Ich zögerte, hielt mich am Waldrand und rief nach der Frau.
»Hallo?«
Nur der Wind fuhr durch die Blätter, sonst blieb alles still.
»Hallo, bitte haben Sie keine Angst, ich habe Hilfe gerufen! Der Krankenwagen ist schon unterwegs!«
Stille.
So sehr mich das unheimliche Stöhnen gegruselt hatte, so sehr wünschte ich mir jetzt einen Laut der verletzten Frau herbei. Ob sie sich weiter in den Wald hineingewagt hatte? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich hatte sie nur kurz gesehen, aber ihre Haltung hatte große Schmerzen verraten. Außerdem musste sie begriffen haben, dass ich weggelaufen war, um Hilfe zu holen.
Ich zog meine Jacke enger an meinen Körper. Einen kurzen Moment lang erwog ich, mich in den Wald vorzuwagen, doch ich verwarf die Idee sogleich wieder. Es konnte sich nur noch um Minuten handeln, bis die Sanitäter eintreffen würden. Ich blieb in der Kälte neben meinem umgestürzten Fahrrad stehen, bis mich ein Autogeräusch aus meinen Gedanken riss. Beim Umdrehen blendeten mich das Blaulicht des Krankenwagens. Ich blinzelte. Zwei junge Männer sprangen aus dem Auto und kamen mir entgegen. Ich erklärte in knappen Sätzen die Situation. Einer der beiden kratzte sich am Nacken.
»Sie ist also weiter in den Wald hineingelaufen?«
Ich zuckte die Schultern. Einer der Männer holte eine Taschenlampe aus dem Wagen. Ich sah ihnen zu, wie sie zwischen den Bäumen umherwanderten und nach der Frau riefen. Der Lichtstrahl glitt über den Boden und über die Sträucher. Ohne Erfolg. Ich trat ein wenig hin und her, richtete mein Fahrrad auf, wischte den Sattel ab und starrte in den Wald hinüber. Zwanzig Minuten mochten vergangen sein, als die Sanitäter zurückkamen.
»Sind Sie sicher, dass die Frau schwer verletzt war?«, fragte mich einer von ihnen. Ich verzog das Gesicht.
»Hören Sie, ihr ganzer Oberkörper war blutdurchtränkt, sie kann nicht tiefer in den Wald hineingelaufen sein!«
»Das kann sie in der Tat nicht«, bestätigte der andere, »der sogenannte Wald ist nämlich nicht der Rede Wert; ein paar Dutzend Schritte und schon stößt man an eine Grundstücksmauer. Viel Platz zum Verstecken ist dort nicht.«
Ich schwieg.
»Könnte es sein, dass ein Autofahrer sie mitgenommen hat?«
Ich schüttelte den Kopf.
»In der ganzen Zeit, die ich weg war, kam nicht ein Auto vorbei. Wenn, dann müsste der Fahrer gewendet haben ...« Ich merkte selber, wie unwahrscheinlich das klang und sprach nicht weiter. Die Sanitäter tauschten einen kurzen Blick aus.
»Sehen Sie, es ist gut, dass Sie uns gerufen haben, aber wir können hier beim besten Willen nichts mehr tun. Natürlich werden wir Meldung erstatten und wenn die Frau doch noch auftauchen sollte ..."
Ich presste die Lippen aufeinander. Als sie mir anboten mich nach Hause zu fahren, lehnte ich ab. Ich war wütend, obwohl ich wusste, dass den Sanitätern nichts anderes übrig blieb, als wieder in ihren Wagen zu steigen und zu fahren. Ich überprüfte den Dynamo meines Rades und schob es auf die Straße. Der Regen hatte aufgehört. Ich ließ meinen Blick automatisch schweifen, in der Hoffnung eine Spur der verschwundenen Frau zu finden. Einen Schal, einen Handschuh oder eine Tasche. Irgendetwas. Ich sah nichts. In einem letzten Impuls ging ich noch einmal den Straßenrand entlang. Mein Blick tastete über die Pfützen, den Erdschlamm, die Gräser, die Sträucher - ich hielt inne. Hinter einem der Sträucher lag etwas. Vorsichtig strich ich die Blätter beiseite. Ich schnappte nach Luft und hielt mich am Fahrrad fest. Wie oft schon war ich hier vorbeigefahren, ohne das Holzkreuz zu bemerken? Der eingeritzte Name war in der Dunkelheit nicht zu entziffern. Das Datum aber erkannte ich. Und ich erkannte noch mehr. Nie kam mir der Weg nach Hause länger vor als in jener Nacht.
Dort angekommen setzte ich mich an den Computer und recherchierte im Internet. Das Ergebnis verursachte einen Stich in meiner Magengrube. Vor genau einem Jahr war es passiert. Eine verregnete Nacht. Eine gefährliche Kurve. Ein Auto mit überhöhtem Tempo. Und keine Rettung. Ich starrte lange auf den Bildschirm, ehe ich zu Bett ging.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Sobald ich die Augen schloss, sah ich sie vor mir. Mein Verstand sagte mir, dass das Datum Zufall sein müsse. Der Blick der Frau sagte etwas anderes.
Am nächsten Tag fuhr ich zur Kurve und hinterließ einen Strauß Blumen an dem Kreuz. Vergissmeinnicht. Denn niemand sollte vergessen werden. Nicht im Leben und nicht nach dem Tod.