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- 18.06.2015
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Venus tanzt
„Was Antikes. […] im Bann der Venus. Vielleicht […] Kosmos? Ewige Gesetze des Himmels.“
„Klingt gut. Wie ist das? Sind die Planeten nach den Göttern benannt? Oder andersrum?“
„[…] Ahnung.“
„Müsste man wissen.“ Lena senkte den Kopf und pustete in das Bierglas, das vor ihr stand. Zu viel Schaum.
„Müsste man nicht!“, rief Sascha. Sie griff nach Lenas Glas, schlürfte die Schaumkrone weg, und stellte ihr das Bier wieder hin. „So!“
Lena mochte, wie der Alkohol ihr Gesicht heiss werden liess. Sie mochte die laute Musik, die in ihre Ohren drang und überlagerte, was Sascha sagte. Das öffnete den Raum für Gedanken, die Lena nicht hörte und dennoch verstand. Sie mochte Sascha. Wenn sie nachdachte, blickte sie drein wie ein junges Kätzchen, dem man einen Wollknäuel vor die Nase hält. Als seien Ideen nicht in ihrem Kopf, sondern draussen in der Welt. Wenn Sascha sprach, dann tanzten ihre Hände.
„Und es braucht […] heutige Gesellschaft.“
„Unbedingt!“ Lena war, als ob Sascha ihr die Haare kämmte und sie dabei elektrostatisch auflüde.
Als sie die Kneipe verliessen, hakte sich Sascha bei ihr unter. Es dauerte eine Weile, bis sie synchron wankten. Gemeinsam umsteuerten sie grosse Pfützen, wechselten die Strassenseite, wann immer es ihnen passend erschien. Kein Verkehr, alles war ruhig.
„Dein Bett ist vorgewärmt?“, fragte Sascha.
„Denke schon.“
„Du hast’s gut!“ Die Luft war kühl und ernüchternd, die Strasse, auf der sie gingen, von dunklen Bäumen gesäumt, und Lena ahnte, dass Saschas Gemütslage gekippt war.
„Er war es nicht wert, dein Bett zu wärmen.“
„Da hast du verdammt noch mal Recht“, murmelte Sascha.
„Nächste Woche holen wir dir einen neuen.“
„Und alles wieder von vorne? Weisst du, das einzig Problematische an der Liebe ist, dass sie jederzeit zerbrechen kann.“
„Tiefe Einsicht, spät am Abend.“ Lena versetzte ihr einen Hüftstoss und die beiden gerieten für einen Moment ins Stolpern. Danach gingen sie schweigend weiter. Sascha tat ihr leid. Im Lärm der Kneipe, zwischen all den Menschen, eingehüllt in den Duft von Parfum, der sich mit dem Geruch der Pommes mischte, die sie bestellt hatten, schien sie vergessen zu haben, was sie bedrückte. Doch jetzt, in der Kälte der Novembernacht, tastete Sascha nach dem Ausschlag in ihrem Gesicht, den sie exakt an dem Tag bekommen hatte, als sie ihre Mitbewohnerin in der Küche überraschte. Diese kniete auf dem Boden und hatte die Beine von Saschas Freund umschlungen, der wiederum seine Jeans bis zu den Knöcheln heruntergezogen hatte. Das war vor drei Wochen gewesen und keine der Salben und Cremes, die Sascha seither aufgetragen hatte, zeigte Wirkung. Dennoch war sich Lena sicher, dass ihre Freundin bald wieder auf die Beine kommen würde. Sascha lebt, als kraule sie bei hohem Wellengang durch das Meer, dachte sie. Manchmal schlägt das Wasser über ihr zusammen, aber am Ende taucht ihr Kopf wieder auf und darauf kommt es schliesslich an. Ob es mir ebenfalls gelänge, ein solches Auf und Ab zu meistern? Keine Ahnung. Ich schwimme im warmen, klaren See und hohe Wellen gibt’s da einfach nicht.
Kurz bevor sie die Strasse erreicht hatten, in der Sascha wohnte, begann es zu regnen. Sie blieben stehen, Lena nahm ihre Freundin in den Arm und gab ihr drei Küsse auf das feuchte Gesicht.
„Alles klar mit dir?“ Sascha nickte, worauf Lena sie noch einmal drückte und alleine weiterging. Fünfhundert Meter. Schwere Tropfen prasselten auf ihren Kopf. Es hatte keinen Sinn, Lena verlangsamte ihre Schritte, streckte die Arme aus und empfing den Regen. Dann blieb sie stehen, wandte das Gesicht gegen den schwarzen Himmel und schloss, noch immer berauscht, die Augen. Was für ein aufregender Abend! Sie hatten Ideen im Überfluss gehabt. Eine reduzierte Bühne, ausgekleidet mit rotem und schwarzem Stoff. Drei Tänzerinnen und drei Tänzer. Im Zentrum das Spiel von Anziehung und Abstossung. Kosmische Kräfte, ewig und zeitlos. Allgegenwärtig und in jedem von uns wirkend. Lena sah, wie Jupiter seine Muskeln spannte und eine Nymphe zu sich zog. Wie diese sich an ihn schmiegte und ihre Glieder in Hingabe erschlafften. Wie sie ihren Kopf in den Nacken legte, um des Göttervaters gierigen Kuss zu empfangen. Beinahe hätte Lena zu tanzen begonnen, doch sie glaubte sich noch immer in Saschas Sichtweite. So ging sie nach Hause, fröstelnd und durchnässt und mit einem leichten Kribbeln auf den Lippen.
Rico schlief. Lena zog ihr T-Shirt hoch und schmiegte sich an seinen nackten Rücken. Er erwachte erst, als sie ihre Hand auf seine Schläfe legte.
„Deine Haare sind nass“, murmelte er.
„Oh ja, das sind sie, mein holder Prinz.“
„Bist du betrunken?“
„Ein bisschen.“
„Hast du morgen Vorlesung?“
„Zehn Uhr. Arbeitsrecht. Jeden Dienstag seit fünf Wochen, Schatz.“
„Ah ja, genau.“ Rico drehte sich auf den Rücken. „Schlaf gut.“
Der holde Prinz. Wäre er auf einem Pferd in den hell erleuchteten Lesesaal geritten, damals, als sie ihn das erste Mal sah, sie hätte mit den Achseln gezuckt und es für eine Selbstverständlichkeit gehalten. Blondes, schulterlanges Haar, die Augen karamellfarben, Jeans, weisses Hemd. Er setzte sich ans Nebenpult, schlug ein dickes Buch auf und nach einigem Ich-schau`-sofort-weg-wenn-du-mich-ansiehst fragte er sie, ob der Saal auch am Wochenende geöffnet habe. Lena hatte sich nie für besonders hübsch gehalten und traute sich in dieser Sache ein durchaus objektives Urteil zu. Als sie ihn viel später danach fragte, gestand er lachend, es sei das Buch in ihren Händen gewesen, das ihn dazu gebracht habe, sie anzusprechen. Ecos Nachschrift zum „Namen der Rose“, ein schmaler Band mit Reflexionen über das Schreiben eines Welterfolgs, den Lena nur deshalb aus dem Regal gefischt hatte, weil sie sich von ihrer Prüfungsvorbereitung ablenken wollte, wie sie wiederum Rico gegenüber zugab. Die folgenden zwei Samstage traf man sich zufällig in der Bibliothek, danach begann der Prinz in aller Form um sie zu werben.
Die Rose welkt
nie, denn
die Idee besteht fort
in jeder Rose
Anmut, Grazie, Zauber
in dir
So lautete das erste Gedicht, das er ihr schrieb. Als sie das beige Büttenpapier aus dem Umschlag zog und die Zeilen das erste Mal las, musste sie losprusten. Rico war damals fünfundzwanzig, vier Jahre älter als sie, und seine Aktion erschien ihr ziemlich albern. Andererseits sah sie darin auch kein Hindernis, sich auf ihn einzulassen. Und sich auf ihn einlassen war, als läge man in einer Badewanne, umgeben von brennenden Kerzen und mit tausend Düften in der Nase. Man atmet aus, schliesst die Augen und taucht einfach ein. Anmut, Grazie, Zauber in mir, dachte Lena, bevor sie, den Kopf auf Ricos Brust, einschlief.
„Ich habe da so einen Knoten.“
„Wie?“
„Einen Knoten. In der Achselhöhle.“
„Was sagt Papa?“
„Er sagt, da sei nichts.“
„Und?“
„Ich spüre ihn ganz deutlich.“
„Da ist nichts, Mama.“ Lena seufzte, blickte zu Rico, der am Küchentisch sass, und verdrehte die Augen. „Weshalb rufst du an?“
„Ich möchte bloss wissen, wie es dir geht.“
„Gut.“
„Ist das alles?“
„Ich habe ein neues Stück in Planung. Mit Sascha.“ Lena biss sich auf die Unterlippe. Mit zwei simplen Fragen hatte ihre Mutter sie aufs Glatteis geführt.
„Schon wieder?“
„Ja.“
„Und die Uni?“
„Alles in Ordnung, Mama.“
„Du weisst, wie hart du für dein Abitur arbeiten musstest.“
„Ja doch.“
„Es reicht vollkommen, wenn unser künftiger Schwiegersohn das Studium nicht schafft. Da musst du nicht mitziehen.“
„Hmm.“
„Hört er mit?“
„Das tut er, Mama.“ Der künftige Schwiegersohn sah sie an und runzelte die Stirn.
„Zahlt er Miete?“, fragte ihre Mutter, so wie jedes Mal, wenn sie miteinander telefonierten.
„Mama, ich muss auflegen. Ich treffe mich mit Sascha und bin spät dran.“
„Küss dich, Lena.“
„Kuss zurück.“
In ihrer Schulzeit hatten Lenas Zeit und ihr Interesse an Männern bloss für einige Schwärmereien gereicht. Später trieb sie sich auf Studentenpartys herum und ging dort mit einigen Typen ins Bett. Vermeintlich emanzipatorische Akte, die den Moralvorstellungen ihrer Mutter einen Tritt ans Schienbein verpassen sollten, bis Lena erkannte, dass sie damit ihre eigenen Ideale traktierte. Sie wollte kein unordentliches Leben führen. Besser, sie konzentrierte sich auf ihr Studium und verhielt sich in Liebesdingen ruhig. Dies tat sie bis zu dem Tag, an dem der Prinz in die Bibliothek geritten kam. Und irgendwie tat sie das auch danach, so sanft kamen sie zusammen. Als sie Rico, nachdem sie ein zweites Gedicht erhalten hatte, anrief und sie sich zum Kaffee verabredeten, steckte er mitten in einer Seminararbeit über den Begriff der narrativen Identität. Sie sassen auf Barhockern an einem hohen Tisch aus Eichenholz. Rico schwenkte seine Espressotasse und fand, es sei eine perverse Verschwendung von Zeit und Talent, über das Schreiben zu schreiben.
„Und Umberto Eco?“, fragte sie lachend.
„Das ist okay. Wer solche Romane schreibt, der darf auch über das Schreiben schreiben.“ Jetzt, da er mit ihr darüber spreche, fuhr Rico danach fort und wirkte dabei ernster als sonst, spüre er deutlich, dass er am Scheideweg stehe. Lena gab ihm zu verstehen, dass sie seine Entscheidung gutheissen würde, egal wie sie ausfiele. Ihr gefiel die Vorstellung, dass die Begegnung mit ihr den Ausschlag dafür geben könnte, dass jemand beschloss, seinen Lebenstraum zu verwirklichen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich aber so oder so schon in Rico verliebt.
Drei Monate später zog er bei ihr ein, entsorgte die halbfertige Seminararbeit im Papierkorb und erklärte sich unter Verweis auf die inspirierende Kraft, die sie ihm verleihe, zum Schriftsteller. Auch wenn alles sehr schnell gegangen war, erschien es ihr richtig. Als sie draussen auf der Strasse stand und der Wagen mit Ricos Umzugskartons vorfuhr, war es, als hülle man sie in eine warme Decke. Und in dem Jahr, das seither vergangen war, hatte sich an diesem Gefühl nichts geändert. Nicht dass sie, wie ihre Mutter befürchtete, ans Heiraten dachte. Aber Rico brachte sie zum Lachen. Wann immer seine Hände sie berührten, entspannten sich ihre Schultern und sie atmete tiefer, bewusster. Beim Frühstück erzählten sie sich, was sie in der Nacht geträumt hatten, am Abend kochten sie, öffneten eine Flasche Wein und Rico sprach über das Buch, das er zu schreiben gedachte. Manchmal arbeitete er abends in einer Bar, unten in der Altstadt, und wenn er spät in der Nacht unter ihre Decke kroch und seine Hand auf ihre Brüste legte, entlockte ihr diese Geste schlaftrunkene Seufzer der Zufriedenheit. Gleichzeitig brannte Rico vor intellektueller Leidenschaft. Die Erstbesiedelung Nordamerikas. Schillers Kant-Lektüre. Der Ukrainekonflikt. Es gab nichts, worüber er sich keine Gedanken machte. Lena bewunderte seinen Geist ebenso sehr, wie sie Ricos Nähe genoss. Ihre Beziehung empfand sie als fest und geordnet. Rico war gut für sie. Sie wünschte, ihre Eltern hätten diese Einschätzung wenn nicht teilen, so zumindest akzeptieren können.
„Wären wir beide ein Paar, das würde ihnen noch viel mehr zu schaffen machen“, sagte Sascha.
„Na ja, so engstirnig sind sie nun auch wieder nicht.“ Lena trank einen Schluck heissen Tee.
„Nicht deswegen.“
„Sondern?“
„Weil ich gefährlich wäre. Natürlich ist Rico nicht das, was deine Eltern sich erhofft haben. Ein Arbeiterkind, das die Chance hat, gesellschaftlich aufzusteigen, und darauf verzichtet. Wie kann er nur? Aber solange du Anwältin wirst, ist für deine Eltern die Welt in Ordnung, glaub‘ mir! Sie wissen, dass Rico dich nicht davon abhalten will.“
„Du schon?“
„Ach Lena. Ist doch nur ein Gedankenspiel. Wir zwei Heteros.“ Sie lachte.
„Was jetzt?“
„Sie werden sich schon arrangieren mit deinem Rico. Haben sie ja schon, so wie ich das einschätze.“
„Die Sticheleien meiner Mutter ärgern mich trotzdem.“
„Lass uns jetzt arbeiten. So ein Konzept schreibt sich nicht von alleine.“
„Okay.“
„Ich geh‘ noch schnell zur Toilette.“ Sascha stand auf und fragte am Tresen nach dem Code. Lena blickte aus dem Fenster des Cafés. Sie konnte, ohne dass ihre Augen schmerzten, direkt in die blasse Dezembersonne sehen. Sascha würde meine Lehrbücher verbrennen, dachte sie. Lebte ich mit ihr zusammen, sie würde mich daran hindern, zur Uni zu fahren, mir Filzstifte in die Hand drücken, den Befehl erteilen, ein Instrument zu lernen und mit mir durch die Wohnung tanzen. Und es könnte sein, dass ich das alles zuliesse.
„Verbindungen zwischen menschlichen und göttlichen Prinzipien.“ Sascha hatte sich wieder hingesetzt und strahlte sie an. „Das muss auf alle Fälle mit rein.“ Erst jetzt fiel Lena auf, dass der Ausschlag im Gesicht ihrer Freundin vollständig verschwunden war.
Es war bereits dunkel, als Lena nach Hause kam. Beschwingt öffnete sie die Türe. Rico sass auf dem Sofa im Wohnzimmer, den Laptop auf den Knien, und grinste.
„Was?“
„Ich hab‘ meine neuste Kurzgeschichte online gestellt.“
„Ins Forum? Und?“
„Ich zitiere: Beeindruckend. Hast mich voll in den Bann gezogen. Und hier: Erstklassig. Fulminant.“
„Sehr geil. Zeig‘ mal.“
Lena setzte sich neben ihn und las die Kommentare. Rico legte seine Hand auf ihren Oberschenkel und wenige Minuten später liebten sie sich, berauscht und kichernd wie zwei Teenager. Das hatten sie in letzter Zeit viel zu selten getan und Lena genoss es umso mehr. Am Ende lagen sie auf dem Teppich, erschöpft und ausser Atem. Lena griff nach der Decke, die auf dem Sofa lag.
„Venus tanzt.“
„Hmm?“
„So könnte unser Stück heissen. Ist mir vorhin eingefallen.“
„Während wir es getan haben?“ Rico lachte, drehte sich zur Seite und sah sie an. „Erzähl von eurem Stück. Worum geht es?“
„Wir haben uns gedacht, antike Mythen aufzugreifen. Die haben so was Universelles. Uns interessieren die Kräfte, die alle Menschen bewegen. Liebe und Hass. Zorn und Eifersucht.“
„Und die Story?“
„Da gibt’s nicht so was wie einen Anfang und ein Ende.“
„Okay.“
„Wir kombinieren Elemente. Szenen. Es soll ein Bild entstehen. So was Unmittelbares. Keine Geschichte.“ Rico fuhr mit den Fingern durch ihr Haar und lächelte sie an. Lena befürchtete, er könnte das alles für einfältig und unausgereift halten. „Was denkst du?“, fragte sie.
„Gut. Es klingt gut.“
„Sascha macht Choreo und Regie.“
„Und du?“
„Ich hab‘ Mitspracherecht. Nicht schlecht, was? Im Ernst. Ich denke, dass ich mich da gut einbringen kann. Und ich werde das Organisatorische übernehmen.“
„Sehr gut“, sagte Rico.
„April ist der übelste Monat von allen, treibt Flieder aus der toten Erde.“
„Hast du das geschrieben?“
„Da ist mir jemand zuvor gekommen.“
„April der übelste Monat?“, fragte Lena.
„Wenn alles stillsteht da draussen, dann ist der eigene Stillstand besser zu ertragen.“
„Du stehst nicht still.“
„Fühlt sich aber so an. Zehn Seiten in drei Monaten.“ Rico klappte seinen Laptop zu, klemmte ihn unter den Arm und ging in die Küche.
„Dafür zehn vorzügliche!“, rief Lena ihm nach.
„Mal sehen.“
„Wann kann ich es lesen?“
„Es ist noch nicht so weit.“ Rico setzte sich mit einer Kaffeetasse in der Hand aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein.
„Ich freu‘ mich drauf“, sagte Lena und küsste ihn auf die Stirn. „Dann geh' ich mal.“ Sie sah, dass Rico sich nicht erinnerte. „Spazieren mit Sascha.“
„Ach so.“ Er wechselte den Sender.
Der Tag war ungewöhnlich warm. Lena zog ihre Jacke aus, setzte sich auf eine Parkbank und wartete auf Sascha, die sich wie immer verspätete. Am Wegrand blühten Strahlenanemonen und gelbe Elfenblumen, über ihrem Kopf pfiffen Vögel, deren Namen sie nicht kannte. Im Gegensatz zu Rico war sie froh, die Natur erwachen zu sehen. Die Wintermonate waren dunkel und trüb gewesen, die Sonne geizig, die Schneehaufen am Strassenrand gross und schmutzig. Die meisten Tage hatte sie im Lesesaal der Uni verbracht und sich auf die Prüfungen vorbereitet, die auf Ende Februar angesetzt waren. Danach hatte sie sich einen kleinen Urlaub gegönnt. Drei Tage in Florenz. Aber dort war es noch kälter gewesen als hier, und sie hatte sich im nur durch einen kleinen Elektroofen geheizten Appartement eine Erkältung geholt, von der sie sich erst langsam wieder erholte. Das neue Semester hatte begonnen und die Vorlesungen waren anspruchsvoller als bisher. Dies hatte Lena jedoch nicht davon abgehalten, jeden Tag an die tanzende Venus zu denken.
„Hey!“ Sascha hatte sich von hinten herangeschlichen und nun sass sie bereits neben ihr auf der Bank.
„Hey!“ Lena betrachtete ihre Freundin von der Seite und ihr wurde wieder einmal bewusst, wie umwerfend sie aussah. Elegante Sonnenbrille auf der sommersprossigen Nase. Die schwarzen Haare glänzten im grellen Sonnenlicht. „Wir ziehen das Ding durch?“
„Auf alle Fälle.“
„Du weisst, wie die Chancen auf Fördergelder stehen?“
„Wir wissen es, und es ist uns egal. Wir werden`s trotzdem machen.“ Sascha hob die Hand und Lena gab ihr einen High five. „Vielleicht könnten ja deine Eltern …?“
„Sicher“, sagte Lena. „Das letzte Projekt ignorieren und dieses gleich mitfinanzieren?“
„Sorry. Hab`s nicht ernst gemeint.“ Sascha stand auf, nahm sie bei der Hand und führte sie zu einer kleinen Eisdiele, die zu dieser Jahreszeit bereits geöffnet hatte. Sie belohnten den Mut ihres Besitzers, indem sie je drei Kugeln bestellten. Danach schlenderten sie durch die Parkanlage, die Jacken über den Arm gelegt, wichen entgegenkommenden Kinderwagen aus und querten schliesslich die grosse Wiese, die gleich vor dem Ausgang des Parks lag.
„Wie geht’s Rico?“, fragte Sascha.
Die finstere Phase. Wenn Lena nach Hause kommt, steht eine leere Weinflasche auf dem Couchtisch. Rico sitzt am Pult und starrt in den Bildschirm. Seine Recherchen haben ins Uferlose geführt und eine Unmenge an Informationsfetzen zu Tage gebracht. Manipulierte Wikipedia-Artikel, die teure chirurgische Eingriffe schönreden. Deutsche Zeitungsredakteure mit engen Kontakten zur Rüstungsindustrie. Die Absicht der USA, Osteuropa zu destabilisieren. Die Überzeugung der US-Generäle, aus einem dritten Weltkrieg gestärkt hervorzugehen. Mit glasigen Augen spricht Rico über das Leid, das sie umgebe, und das man vor ihnen verborgen halten wolle. Über die finsteren Pläne, die an den Bilderberger-Konferenzen geschmiedet werden. Über die Ohnmacht des einfachen Menschen. Dass er sich mal Kinder gewünscht habe, nun aber nicht mehr sicher sei. Wer wolle schon in dieser Welt leben? Und am Ende sagt Rico, dass diese Recherchen seinen Geist lähmten, und er den ganzen Tag über keine Zeile geschrieben habe. Rico hatte in den letzten eineinhalb Jahren wie versessen gearbeitet und war bei Kapitel zwei seines Buches angelangt. Knapp fünfzig Seiten hatte er geschrieben, dazu drei Kurzgeschichten.
„Sein Projekt ist ziemlich ambitioniert“, antwortete Lena. „Politische Literatur, viel Recherche.“
„Okay.“ Sascha sah sie an. „Also geht es ihm nicht gut?“
„Manchmal frage ich mich, weshalb er sich das antut.“
Nachdem sie sich von Sascha verabschiedet hatte, schlug Lena den Weg nach Hause ein, überlegte es sich aber anders und schlenderte durch die Innenstadt, bis die Dämmerung einsetzte. Sie blieb vor einer kleinen Kneipe stehen, zögerte kurz, ging dann rein und bestellte sich ein Bier. Eine abenteuerliche Handlung, dachte sie, während sie wartete, bis sich der Schaum gesetzt hatte. Bier trinken ohne Grund, und das alleine in einer schummrigen Spelunke. Sie sah sich um. Abgewetzte braune Lederjacken. Schnurrbärte. Rot unterlaufene Augen. Sie blickte auf die Uhr und seufzte, damit es aussah, als warte sie auf jemanden. Weshalb sass sie hier? Da erhob sich einer der Typen, die an der Bar sassen, ruckartig von seinem Hocker, der dabei kräftig ins Wanken geriet. Lena sah ihn schon am Boden, aber der Mann, offensichtlich ein Säufer, der hier sein Leben verbrachte, drehte sich um und hinderte den Hocker mit einer solch eleganten und unaufgeregten Bewegung am Fallen, dass Lena glaubte, das Ganze sei einstudiert. Schade, dass er den Hocker danach einfach wieder hinstellte. Wie schön wäre es gewesen, er hätte den Tanz fortgesetzt. Die Frau, die neben ihm sass, hätte sich dazugesellt und nach und nach hätte sich die ganze Kneipe um den dreibeinigen verchromten Fetisch versammelt.
Mit vierzehn hatte Lena das erste Mal ein Tanzstück gesehen. Während ihre Klassenkameraden gelangweilt in der Nase bohrten, war ihr, als stünde sie am Meer, die Füsse im heissen Sand, kräftiger Wind im Gesicht und salzige Spuren der Gischt auf den Lippen, die sie soeben getroffen hatte. Seither hatte sie sich jedes Stück angesehen, das in der Stadt aufgeführt wurde, und seither hatte sie diese seltsame Neigung, alltägliche Geschehnisse, eine Umarmung, ein Kind, das einen Eimer mit Sand füllt, der Versuch, einen Barhocker am Umfallen zu hindern, als Auftakt zu einer Tanzszene wahrzunehmen, eine Neigung, von der weder ihre Eltern noch Rico je erfahren hatten, von der nur Sascha wusste.
„Okay, schauen wir uns das mal an. Gesuch um Projektbeitrag. Arbeitstitel: Venus tanzt. Die ewigen Gesetze der Planeten inspirieren uns, den Gesetzen der heutigen Zeit auf die Spur zu kommen. Unser Projekt verknüpft antike mit modernen Fragestellungen und begibt sich auf die Suche nach Verbindungen zwischen menschlichen und göttlichen Prinzipien.“ Rico liess das Blatt sinken. „Habt ihr das gemeinsam geschrieben?“
„Ja.“
„Nüchtern?“
„Du findest es scheisse.“
„Nein, nein. Es ist gut.“
„Echt?“
„Klar.“
„Denkst du, wir haben Chancen?“
„Sicher. Hat man immer.“
„Magst du den Rest lesen?“
„Am Abend, okay?“
„Ist nicht viel.“
„Ihr wollt heute noch einreichen?“
„Natürlich nicht.“
„Dann echt lieber am Abend.“
Das Theater lag etwas ausserhalb der Stadt, in einer stillgelegten Fabrik, deren Aussenwände aus rotem Backstein bestanden, durchbrochen von Türen in unterschiedlicher Höhe, die man über Metalltreppen erreichte, und überwachsen von Efeu, das sich hier sichtlich wohlfühlte. Im Innern gab es zahlreiche Ateliers, bevölkert von Leuten mit blauen Haaren und gepiercten Lippen. Lena hatte über Monate mit den Verantwortlichen telefoniert, deren Unverbindlichkeit und Desinteresse sie immer wieder in Erstaunen versetzte, und am Ende eine Zusage erhalten. Vier Vorstellungen, auf zwei Oktoberwochenenden verteilt, im September zwei Abende die Woche für die Proben. Der Saal war nicht sehr gross, beinahe quadratisch, und die Bestuhlung setzte sich aus riesigen, mit rotem Samt überzogenen Sesseln zusammen, die man, wie Lena erfahren hatte, von einem in Konkurs gegangenen Kino übernommen hatte. Jetzt sass sie in einem dieser Sessel, blickte auf die Bühne und fühlte Wellen der Energie durch ihren Körper strömen. Jérômes Gesicht wirkte entspannt, nur die Halsschlagader trat etwas hervor, als er Julia emporhob und sie über seinen Kopf stemmte. Schweiss glitzerte auf seinen kräftigen Oberarmen und hätte sie ihn nicht bereits tanzen gesehen, Lena hätte ihn für einen Basketballer oder einen Sprinter gehalten. Jetzt drehte er ihr den Rücken zu und seine Bewegungen waren derart geschmeidig, dass sie den Drang verspürte, nach oben zu rennen und mitzutanzen. Sascha hatte ihn gefragt, ob er dabei sein wolle, noch vor den zwei Profis, die sie sich dank der städtischen Finanzspritze nun leisten konnten, und Lena hatte bereits nach zehn Minuten der ersten Probe begriffen, weshalb.
„Sehr schön, Jérôme! Julia, achte auf die Stellung deiner Hände!“, rief Sascha. „Wir machen noch mal den ersten Teil, okay?“ Jérôme legte seine Hände in die Hüften und blickte in den Saal. Lena hob den Daumen und Jérôme lächelte.
Später setzten sich alle in den kleinen Biergarten, den es im Innenhof gab.
„Auf die Venus!“ Sie stiessen an und bald plapperten alle wild durcheinander. Knatsch in der WG, die Funktion des modernen Tanztheaters, The 100 versus The Walking Dead, unbezahlte Praktika. All das zog an Lena vorbei, ohne dass sie sich einklinken wollte. Sie sass einfach nur da und genoss die Stimmung. Am Ende war sie ein wenig betrunken und beschloss, zu Fuss nach Hause zu gehen. Sie nahm den Weg, der den Fluss entlang führte. Mücken tanzten über dem Wasser. Als sie die Stadtgrenze erreichte, fühlte sie sich etwas müde. Und ihr schien, dass die Müdigkeit zunahm, je näher sie der Wohnung kam, in der sie mit Rico lebte. So sehr sie den Sommer genossen hatte, so sehr sie sich in das Venus-Projekt reingehängt hatte, so sehr bedauerte sie, dass Rico noch immer in der finsteren Phase steckte.
Als sie nach Hause kam, stand er in der Küche, einen Besen in der Hand. Auf dem Wohnzimmerboden lagen Scherben inmitten einer braunen Flüssigkeit.
„Kaffeetasse“, sagte er.
„Alles in Ordnung?“
„Es ist scheisse.“
„Was?“
„Die ersten Kapitel.“
„Wer sagt das?“
„Kannst es dir ja selbst anschauen.“ Rico zeigte auf den Couchtisch. Lena konnte im Bildschirm des Laptops, der dort stand, die Webseite des Literaturforums erkennen. Sie setzte sich hin und las.
Hallo Naphta
Falls dein Nickname eine Anspielung auf Thomas Mann sein sollte: Da hast du noch einen weiten Weg vor dir. Ich fasse mich kurz: Du schreibst gut, das lässt sich nicht bestreiten. Aber diese Ansammlung von Verschwörungstheorien! Wir erfahren deine Weltanschauung. Wen interessiert das? Das wirkt derart verkopft und belehrend. Sorry, aber damit kann ich echt nichts anfangen.
„Na und?“, fragte Lena. „Das ist eine Meinung.“
„Die anderen schliessen sich an.“
„Wenn dir die so wichtig sind, dann setz dich noch mal dran.“ Lena stand auf, ging an Rico vorbei in die Küche und griff nach einem Putzlappen. „Du willst den Kaffee nicht mit dem Besen aufwischen, oder?“
„Noch mal dransetzen? Der Text ist so, wie ich ihn haben wollte. Er ist perfekt.“
„Was jetzt? Scheisse oder perfekt?“ Rico antwortete nicht. Er kauerte am Boden und fischte die grösseren Scherben aus der Pfütze. Lena wusste, dass sie die Frage nicht hätte stellen sollen. Sie nahm einen zweiten Anlauf.
„Manchmal frage ich mich: Willst du ein Buch schreiben, oder willst du einfach eines geschrieben haben.“
„Beides. In dieser Reihenfolge.“
„Ja, witzig“, sagte Lena. „Ich denke bloss, es könnte helfen, wenn du dir darüber im Klaren wärst.“
„Danke für den Tipp.“
„Du sprichst kaum noch darüber.“
„Interessiert ja auch keinen.“
„Ach, komm schon!“ Lena kniete sich neben ihn und legte ihre Hände um seinen Nacken. „Natürlich interessiert es mich“, flüsterte sie. Sie wollte ihn küssen, doch Rico drehte den Kopf weg.
„Ich muss da alleine durch.“
Die letzten Tage des Septembers waren heiss, über dreissig Grad, so als wolle die Sonne ein Zeichen des Widerstands setzen, gegen das, was unvermeidlich ist. Die Luft im Theatersaal war stickig, doch sie zogen die Probe durch. Nach all den Schwierigkeiten, die Lena gemeistert hatte – ein Tänzer war abgesprungen und hatte ersetzt werden müssen, einem der unverbindlichen Verantwortlichen war aufgefallen, dass es eine Terminkollision gebe und vorgeschlagen, Vorstellung drei und vier zu streichen, Sascha hatte zeitweise die Nerven verloren, da sie die Diskrepanz zwischen ihren Idealen und der tänzerischen Realität, die das kleine Ensemble erschuf, nicht ertragen konnte - nach all diesen Schwierigkeiten also, standen sie nun kurz vor dem Ziel. Lena blickte zur Bühne. Eine der Nymphen lag in Jérômes Armen und erwartete dessen gierigen Kuss.
Nach der Probe machte sie einen Rundgang und schloss die Türen. In einer kleinen fensterlosen Betonzelle im Untergeschoss hatte man Duschen installiert. Sie warf einen Blick hinein, um nachzusehen, ob niemand etwas vergessen hatte. Der Raum war voller Dampf und die Wände feucht vom kondensierten Wasser. Und mitten drin stand Jérôme, ein weisses Tuch um die Hüften gewickelt und einen Deospray in der Hand.
„Was machst du denn noch hier?“
„Schlimm?“
„Ne. Aber wie …?“
„Ich hab` mich nicht gut gefühlt, nach der Probe.“ Er zeigte an die Decke. „Ich war draussen, etwas frische Luft schnappen.“
„Ach so. Aber jetzt geht es dir besser?“
„Es geht mir sehr gut.“ Jérôme grinste. Weisse, perfekte Zähne. Er stellte seinen rechten Fuss auf den einen Stuhl, den es im Raum gab, und kramte in seiner Sporttasche. Das Tuch rutschte ab und gab den Blick auf seinen Hintern frei. „Komm rein“, sagte er.
„Ich mach mal lieber meinen Rundgang fertig.“
„Machen wir zusammen. Nachher.“
„Nach was?“ Lena wich einen Schritt zurück.
„Nachdem ich mich angezogen habe.“
„Okay.“
„Kannst zuschauen, wenn du willst.“ Jérôme drehte sich zu ihr, nahm das Tuch von seinen Hüften, legte es sich auf die Schultern und streckte seinen Körper, als sei er soeben erwacht. Dann sah er sie an. „Gefällt dir, was du siehst?“ Er klang wie ein kleiner Junge, der seiner Lehrerin eine Zeichnung präsentiert.
„Ja.“ Fluchtinstinkt und Faszination hielten sich die Waage.
„Alles?“
„Ja, alles.“ Lena lachte. Der Dampf benebelte ihre Sinne. Eine Weile stand sie da, ohne sich zu bewegen. Dann gab sie sich einen Ruck. „Ich glaub`, ich warte doch lieber draussen.“
„Der Knoten geht nicht weg.“
„Ach, Mama.“
„Ich mache mir Sorgen.“
„Dann geh` zum Arzt, wenn du Papas Urteil nicht traust.“
„Ärzte! Was wissen die schon?“
„Mama, weshalb rufst du an?“
„Na, weil du es nie tust.“
„Okay.“
„Ich möchte an deinem Leben teilhaben, Lena.“
„Ist nicht dein Ernst?“
„Natürlich, mein Kind. Kein Grund, ironisch zu sein.“
„Du interessierst dich für mein Leben? Dann komm in die Premiere. Und bring Papa mit.“ Lena hörte ihre Mutter atmen. Vielleicht kriegte sie jetzt tatsächlich einen Knoten. Als Lena noch ein Kind war, hatte ihre Mutter jeden Elternabend besucht, sie war mit ihr zum Doktor gerannt, kaum hatte sie einen leichten Husten. Sie hatte sie umsorgt, so sehr sie nur konnte, wenn es um Dinge ging, die ihr wichtig waren. Ging es um Dinge, die Lena wichtig waren, hatte es stets ein wenig anders ausgesehen.
„Also gut“, sagte ihre Mutter plötzlich. „Wir kommen. Freitag in einer Woche, oder?“ Und nach einer Weile: „Lena? Bist du noch dran?“
Normalerweise hätte sie, nachdem sie aufgelegt hatte, einen Freudentanz aufgeführt. Aber ihr war nicht danach. Rico sass am Küchentisch, wo er in letzter Zeit bevorzugt arbeitete, hatte den Kopf auf seine gefalteten Hände gelegt und blickte ins Leere.
„Meine Eltern kommen zur Premiere.“
„Hmm.“
„Alles klar?“ Rico sah sie an und schüttelte den Kopf.
„Nichts ist klar. Alles im Nebel.“
„Vielleicht solltest du mal nach draussen gehen. Einen Spaziergang machen. Den Kopf lüften.“
„Das sagst du jedes Mal.“
„Weil es stimmt. Mir hilft so was sehr.“
„Sorry, aber das kann man wirklich nicht vergleichen.“
„Wie?“
„Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, an einer solch grossen Sache zu arbeiten. Die Infos fliessen in meinem Schädel und breiten sich aus. Der Pegel steigt und steigt, und ich kann den verdammten Abfluss nicht regulieren. Der ist verstopft und der Druck wird unerträglich. Mir platzt bald der Kopf, Lena.“
„Gerade deswegen solltest du mal abschalten. Die ganze Sache für eine Weile liegen lassen.“
„Damit alles noch länger dauert? Ich komme eh viel zu wenig dazu. Wenn ich in der Bar arbeite, dann ist der folgende Tag futsch. Nix, nada!“ Rico stand auf und begann, hin und her zu gehen, wie ein Raubtier im viel zu kleinen Käfig. „Das Schicksal des Arbeiterkinds. Geld verdienen, um zu überleben. Dass es etwas schaffen kann, etwas erschaffen kann, das ist nicht vorgesehen. Immer schön unten bleiben!“ Rico blieb stehen und sah sie an. „Aber davon hast du ebenfalls keine Ahnung.“
Sascha hatte weissen Cappuccinoschaum auf der Oberlippe, den sie mit ihrer Zungenspitze wegmachte.
„Echt? Sie kommen? Das ist ja grossartig!“
„Na ja, das haben sie zumindest gesagt.“
„Das freut mich sehr für dich. Das Stück wird der Hammer. Wie steht’s um die letzten Flyer?“
„Alle aufgehängt.“
„Champagner für die Premiere?“
„Ist bestellt.“
„Und ich krieg` Jérôme zum Nachtisch!“, rief Sascha.
„Bitte?“
„Warum nicht? Seine Hände. Ich würde auf der Stelle mit Julia tauschen. Ich liess mich ein paar Mal von ihm hochheben, nur um ihm was zu zeigen, was er eh schon richtig macht.“ Sie lächelte. „Aber erst nach der letzten Vorstellung. Wir wollen professionell bleiben, nicht?“ Sascha trank einen Schluck und wieder blieb Schaum an ihren Lippen hängen. „Obwohl. Saschscha, Schschampagner und Schscherome. Das sollte an ein und demselben Abend sein.“
„Du wirst professionell bleiben. Schschwöre!“, lachte Lena. Sie sah ihre Freundin an. Merkte sie, wie unangenehm ihr die Sache war? Sie wechselte das Thema, aber das Bild hatte sich in ihrem Kopf festgesetzt. Der nackte Jérôme hebt die nackte Sascha hoch und ihre Körper glänzen im Licht der Scheinwerfer. Was konnte sie dagegen haben? Nichts! Doch ihr Körper war anderer Meinung. Ihr Herz hämmerte wie ein Verrückter, der in der Isolierzelle gegen die Tür schlägt. „Nein!“
Rico stieg aus dem Bus. Er trug einen schwarzen Mantel und einen grün-schwarz karierten Schal. Die Temperaturen waren innerhalb von drei Wochen um zwanzig Grad gefallen, auf dem Boden vor der Bushaltestelle lagen feuchte Blätter, gelb und rot.
„Hey.“ Lena gab ihm einen Kuss und drückte sich an ihn. In der Innentasche seines Mantels spürte sie einen Gegenstand. Rico nahm ihre Hand und sie gingen in Richtung Theater.
„Aufgeregt?“, fragte er.
„Ein bisschen.“
„Seid ihr startklar?“
„Denke schon.“ Die Premiere war beinahe ausverkauft. Lena hatte getan, was getan werden konnte. Nun lag es an den Tänzern.
„Wie lange dauert das Stück eigentlich?“, fragte Rico.
„Du hast ein Buch eingesteckt?“
„Ehm, ja.“
„Dann brauchst du dir ja keine Sorgen zu machen.“
„Das war für die Busfahrt.“
„Die dauert sieben Minuten.“
„Eben.“
„Ach Quatsch! Wann denkst du, wirst du zum Lesen kommen? Erst an der Party oder schon während der Show?“
„Möchtest du deinen grossen Abend wirklich mit einer kleinen Szene beginnen?“
„Witzig wie immer, Rico. Ich will keine Szene machen, ich möchte bloss, dass du meine Frage beantwortest.“
„Ich bin wegen dir hier.“
„Das heisst?“
„Na ja, nicht wegen dem Stück. Das muss dir doch klar sein. Du weisst, dass Tanz nicht mein Ding ist. Schuldig! Ich verstehe nicht, was die auf der Bühne tun, tut mir leid. Da habe ich einfach keinen Zugang.“ Er blieb stehen. „Ich bin ja da. Was willst du denn noch?“
„Wie kommst du voran?“, fragte Lenas Vater.
„Gut“, antwortete Rico.
„Hast du einen Verlag?“
„Papa, bitte“, sagte Lena.
„Schon gut, Lena.“ Rico zögerte. „Noch nicht. Du kannst mir ja einen vermitteln. Oder einen kaufen.“
„Das hättest du wohl gerne“, sagte Lenas Mutter.
„Echt jetzt?“ Lena blickte die drei der Reihe nach an. „Nette Einstimmung. Ihr macht mir wirklich Freude.“
„Entschuldige, Schatz.“ Ihr Vater zog seinen Mantel aus. „Dann setzten wir uns mal hin.“ Er küsste Lena auf die Stirn. „Toi, toi, toi!“
Venus tanzt. Zum ersten Mal sah Lena das Stück so, wie es die Zuschauer sehen sollten, und beinahe hätte sie geweint. Bei vielen Szenen hatten sie das Konzept über Bord geworfen und sich ganz auf Saschas choreographische Intuition verlassen. Jetzt wurde ihr bewusst, wie gut diese Entscheidungen gewesen waren. Das Stück hatte einen harmonischen Rhythmus bekommen, es atmete in gleichmässigen Zügen, und dennoch beschleunigte und bremste es an den richtigen Stellen. Alles floss, die Tänzer kamen sich näher und nahmen Distanz, federnd und harmonisch, so wie ihre Bewegungen. Die Planeten kreisten, bewegt durch die Macht der Götter. Und Jérôme war eine Wucht. Er war das energetische Zentrum, er war es, der die kosmische Suppe umrührte. Heisse Schauer liefen über Lenas Rücken.
„Das war toll!“, sagte ihre Mutter. „Das hat mir wirklich gefallen.“
„Alle sind aufgestanden, hast du gesehen?“ Lenas Vater fasste sie bei den Schultern.
„Ja, habe ich. Schön, dass ihr gekommen seid. Das bedeutet mir sehr viel.“
„Jetzt geniess die Feier.“
„Mach ich. Wo ist Rico?“
Nachdem sich ihre Eltern verabschiedet hatten, ging Lena hinter die Bühne und öffnete die Tür, die zu einer der Metalltreppen führte, um den Sekt zu holen, den sie dort gelagert hatte.
„Ach, hier bist du!“, rief sie. Rico stand auf der Treppe und sah sie an, als sei sie ein Gespenst.
„Hey!“, sagte er. Und nach einer Pause. „Gut gemacht.“ Rico umarmte sie und gab ihr einen Kuss.
„Gut?“, hörte Lena Sascha lachen. Die Tür hatte die Sicht auf ihre Freundin verdeckt. „Vorhin hast du gesagt, das Stück sei genial.“
„Was macht ihr hier draussen?“, fragte Lena. Sascha zeigte auf die Zigarette, die sie in der Hand hielt. „Ach so. Ich geh‘ dann mal ein paar Gläser füllen. Kommt ihr nach?“
„Ja, klar“, sagte Rico.
Es war nach eins. Lena taumelte. So viele Leute. So viele Gratulationen. So viel Sekt. Sie ging nach unten, um die Umkleide und Dusche abzuschliessen. Vorsichtig öffnete sie die Tür, doch der Raum war leer. Sie schloss ab und spürte eine leise Enttäuschung in sich hoch steigen. Als sie sich umdrehte, stand Jérôme hinter ihr.
„Mann, hast du mich erschreckt.“
„Ich hab‘ gesehen, dass du nach unten gehst.“
„Aha.“
„Da bin ich.“
„Und?“
„Wolltest du nicht, dass ich komme?“
„Dein Selbstvertrauen ist wirklich grenzenlos, Jérôme.“
„Stört dich das?“
„Echt jetzt. Mein Freund ist da oben.“
„Na und?“ Er grinste und Lena wurde Teil der kosmischen Suppe.
Die nächsten Tage verbrachte Lena in einer Art Rauschzustand. Am Montag nach der Premiere erschien eine kurze Besprechung im Kulturteil der Lokalzeitung. Damit hatten sie nicht gerechnet und noch weniger mit deren Inhalt, der ihnen für die folgenden Aufführungen ein volles Haus bescheren sollte. Es traf ein, was ihre Mutter befürchtet hatte. Sie besuchte in dieser Woche keine Vorlesungen. Sie hätte es nicht geschafft, auch nur eine halbe Stunde still zu sitzen.
„Ist halt gut, wenn man jemanden von der Presse kennt.“ Mehr hatte Rico dazu nicht zu sagen. Als sie nach der Begegnung mit Jérôme nach oben gekommen war, hatte Sascha ihr gesagt, er sei bereits nach Hause gegangen und lasse sie grüssen. Am Morgen danach hatten sie schweigend gefrühstückt. Kein Wort über den Abend, keines über das Stück. Keine Träume, die man hätte erzählen wollen.
„Was ist los?“, fragte Lena, als sie die Teller abräumte.
„Nichts ist los.“
„War's so schlimm, gestern abend?“
„Ich habe dich gesucht.“
„Ich musste noch einiges erledigen. Sorry.“
„Okay.“
„Und das Stück?“
„Hab' ich dir doch gesagt. Es war gut.“
„Weshalb kann ich dir das nicht glauben?“
„Hör mal, erwartest du jetzt eine Lobrede von mir?“
Am Mittwochabend traf sie sich mit Sascha. Sie hatten sich in der Kneipe verabredet, in der sie vor einem Jahr die ersten Ideen zum Stück entwickelt hatten. Während sie auf Sascha wartete, fragte sich Lena, was sich in ihrem Leben seither verändert hatte. Nichts. Aber irgendwie auch alles.
„Jérôme und du?“ Sascha hätte sich beinahe verschluckt. „Sorry, aber das glaub` ich jetzt nicht.“
„Ist nichts passiert.“
„Was jetzt?“
„Wir standen da also im Gang vor den Duschen.“
„Okay.“
„Und dann habe ich ihn gebeten, mich hochzuheben.“
„Das hast du von mir geklaut!“
„Mir fiel nichts Besseres ein.“
„Und?“
„Es war schön. So à la Dirty Dancing. Aber schön.“
„Und das war alles?“
„Ja.“
„So ein Arschloch!“ Sascha seufzte.
„Warum? Er war ganz Gentleman.“
„Ich rede nicht von dem, was er mit dir gemacht hat.“ Sascha stellte ihr Bierglas hin.
„Sondern?“
„Nachdem du gegangen bis. Wie soll ich sagen? Ich habe mich von ihm nicht bloss hochheben lassen. So viel zur Scheissprofessionalität. Dass er bei dir abgeblitzt ist, hat er mir natürlich [...]“ Lena konnte den Rest nicht hören, obwohl es in der Kneipe ziemlich still war.
Am Tag der letzten Aufführung war Lena zwei Stunden zu früh dort. Sie hatte zum Fluss gewollt und gedacht, es könne sie beruhigen, wenn sie am Ufer sässe und der sanften, gleichmässigen Strömung zusehe. Doch ihr war zu kalt geworden. Nun betrat sie den Saal, setzte sich in einen der Kinosessel und dachte nach. Was wäre geschehen, wenn ich meiner Lust nachgegeben hätte? Ich will nichts von Jérôme. Weshalb macht es mich rasend, mir ihn in Saschas Armen vorzustellen? Sie hatte Rico nichts erzählt, doch sie war nahe dran gewesen, und sei es nur, um ein Lob von ihm zu erhalten. Sie hatte Jérôme widerstanden. Wenigstens dafür hätte Rico sie bewundern können. Die Gleichgültigkeit, mit der er ihrem Erfolg gegenüberstand, machte sie rasend. Sie vergrösserte die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte, ins Unermessliche. Kannte sie Rico noch? Hatte sie ihn je gekannt? Am Tag zuvor hatte sie sich an seinen Laptop gesetzt und die Seite des Literaturforums geladen. Sie hatte nicht gewusst, wonach genau sie suchte. Einen Einblick in das, was ihn bewegte? Sie fand bloss den Kommentar, den sie bereits gelesen hatte. Rico hatte darauf geantwortet, doch sein Beitrag war gelöscht und das Thema geschlossen worden.
Sascha kam ebenfalls zu früh. Sie sah bleich aus.
„Alles klar?“, fragte Lena.
„Ich muss mit dir reden.“
„Gut.“ Sie gingen nach draussen. Der Innenhof war leer. In der Mitte stand ein Weissdorn mit orangen Blättern. Auf die Mauer, die gegenüber des Theaters stand, war Refugees welcome in blauer Farbe gesprayt. Lena war schwindlig, denn sie spürte, dass Sascha keine guten Nachrichten hatte.
„Ich habe heute früh einen Brief gekriegt.“ Sascha blickte sie nicht an, ihre Augen wanderten unruhig hin und her.
„Okay.“
„Von Rico.“
„Wie?“ Damit hatte sie nicht gerechnet.
„Er hat mir ein Gedicht geschrieben. Venus, die den Tanz der Grazien anleitet. So was in der Art.“ Lena schwieg. „Ich dachte, du solltest es wissen.“
„Okay.“
„Wir haben nur ein wenig gequatscht. Nach der Premiere.“
„Mhm.“
„Da war sonst nichts, falls du das denkst.“
„Das denke ich nicht.“ Sie liess sich von Sascha umarmen. Die Kälte kroch dennoch in Lenas Körper. Sie begann zu zittern. Und dann weinte sie. Eine halbe Stunde lang flossen Tränen, die, wie Lena später dachte, schon längst hätten geflossen sein sollen.
Später, während der Vorstellung, stand Lena hinten im Saal und betrachtete das Treiben auf der Bühne. Sie wollte nicht an Rico denken. Nicht an den Liebesbrief, den er Sascha geschrieben hatte. Sie wollte sich auf das Stück konzentrieren, auf die letzte Vorstellung. Aber jede Bewegung, die sie wahrnahm, erschien ihr gewöhnlich und profan. Wie lächerlich ihr das alles erschien! Die Nymphen hüpften von links nach rechts. Jérôme bewegte sich mit einer unerträglichen Selbstzufriedenheit. Sie ging nach Hause, bevor die Vorstellung zu Ende war.
So schrecklich sie sich an diesem Abend gefühlt hatte, so schnell hatte sie sich wieder im Griff. Die Gespräche mit Rico verliefen undramatisch. Als Lena zwei Wochen später draussen auf der Strasse stand und der Wagen mit Ricos Umzugskartons wegfuhr, war es, als nähme man ihr eine schwere Decke von den Schultern. Lena sah, wie das Grau des Lieferwagens langsam im Grau des Novembernebels verschwand, atmete tief ein und ging dann wieder in ihre Wohnung. Oben angelangt, blickte sie noch einmal aus dem Fenster. Alles war ruhig. Da öffnete sich auf der gegenüberliegenden Seite eine Tür. Ein Mann kam heraus, machte zwei, drei Schritte in Richtung Strasse, drehte sich um und winkte der Frau zu, die am Hauseingang stand. Wie elegant er das tat!