Unendliche Liebe
Linda Renquist ließ ihre Augen über die in Trockeneis ausgelegten Fische streifen. Keine Frage, es waren fangfrische und dazu noch sehr exquisite Exemplare, jedoch konnte sie sich nicht entscheiden, welchen sie sofort bar bezahlen und mit nach hause nehmen wollte. Der Fischmarkt in Melvich hatte schon immer eine kaum erklärbare Faszination auf sie ausgeübt. Kaum erklärbar darum, weil Fischmärkte dieser Welt nicht unbedingt das waren, was man als faszinierend bezeichnete. Gewaltig groß vielleicht, oder ausgestattet mit dem besten Fisch weit und breit, ja, aber faszinierend ? Faszinierend war eher ein Wort, das im Kehlkopf entsprang, um über die Zunge aus dem Mund herauszusprießen, wenn man vor einem aus Goldsteinen gebauten Haus stand, oder die jüngste Tochter schon mit fünf Monaten anfing ihre ersten Sätze zu sprechen. Aber für einen Fischmarkt würde man sich doch wohl etwas anderes einfallen lassen müssen. So dachte Linda Renquist zumindest immer dann, wenn sie dieses wohlig–schaurige Gefühl überkam, wenn sie die Lincolnstreet hinunterlief, ja beinahe rannte, die sie direkt zum Fischmarkt ihrer Heimatstadt Melvich führte.
Auch an diesem Donnerstag war es so gewesen, als sie kurz nach acht Uhr die große Hauptstraße passiert hatte, auf dem Weg zu ihrem Lieblingsstand auf dem Markt. Es gab zwar viele gute Stände dort, die auch alle sehr frischen Fisch feilboten, aber mit dem Stand des alten Marley konnte es keiner aufnehmen.
Duncan Marley war lange genug selbst zur See gefahren und hatte auf Fischkuttern die Netze geknüpft, so daß er guten Fisch von sehr gutem Fisch auf eine Meile gegen den Wind unterscheiden konnte. Also stand Linda auch wieder an diesem Donnerstag, einen Tag vor Karfreitag, am Stand des alten Marley, um ein sehr gutes Stück Fisch zu erwerben.
„Was darrrf es denn heute sein, Linda ?“ fragte der alte Marley, während er auf einem Zahnstocher herumkaute. Linda erschrak etwas, als er sie ansprach, da sie gänzlich in Gedanken versunken auf den Fisch zwischen dem weißen Eis gestarrt hatte. Aber der alte Marley war erschreckende Menschen gewohnt. Täglich schreckten dutzende von Menschen vor ihm zurück. Sei es wegen seiner Zähne, die nur noch ein Schatten ihrer selbst waren, oder wegen der linken Gesichtshälfte, die durch einen Haibiss dermaßen entstellt war, daß man den alten Marley am allerliebsten nur von rechts anschauen mochte, da man sich sonst dabei ertappen konnte, wie man aus Ekel, oder sei es auch nur aus Mitleid, auf die zusammengeflickten Überreste von Haut und Knochen, die seine Wange überspannten, starrte. Der alte Marley war also einiges gewohnt.
„Äh, ja, ähm, ich weiß noch nicht. Sieht alles sehr gut aus.“ Linda blinzelte ihm ins Gesicht als käme sie direkt aus einer Dunkelkammer in die lichtüberflutete Natur. „Nicht wahrrr ? Alles ganz frrrisch, ganz frrrisch. Hab ich heute morrrgen errrst vom Fängerrr geladen. Sehrrr guten Schellfisch hab ich und einen tollen Goldbutt, oderrr Kabeljau. Aberrr den schönsten Fisch, den ich seit langerrr Zeit gesehen habe ist dieserrr Seeteufel hierrr.“ Marley packte ein Tier, das ganz am Rande der Auslage in einem Häufchen Trockeneis versteckt lag und hielt es Linda direkt vor die Nase. „Ein Prrrachtburrrsche, nicht wahrrr ? Und ganz frrrisch.“ Linda war ein oft gesehener Gast auf dem Fischmarkt und hatte deshalb auch schon den ein oder anderen Seeteufel gesehen, aber noch nie gewagt eines dieser häßlichen Viecher zu kaufen. Deshalb konnte sie Marleys Euphorie des Fisches wegen nicht ganz teilen, sah jedoch, daß es sich bei diesem Exemplar wohl um das am wenigsten häßliche handelte, das sie je gesehen hatte.
Marley wedelte mit dem Seeteufel vor ihrer Nase herum, als hielte er eine Feder in der Hand, mit der er jeden Moment beginnen wollte, Lindas Nase zu kitzeln. „Nicht wahrrr, Linda, ein Prrrachtburrrsche, nicht wahrrr ? Oderrr haben sie schon einmal so einen gesehen ?“ „Nein.“ Sie fühlte sich irgendwie bedrängt und das mochte sie nicht. Nicht beim Fischkauf und auch sonst bei nicht all zu vielen anderen Dingen des Lebens. Sie blickte abermals auf den Fisch, der ihr vor der Nase baumelte und fand ihn in diesem Moment gar nicht mehr so häßlich. Sie wußte nicht genau, was es war, aber irgendetwas an diesem Tier mochte sie. Sie beschimpfte sich selbst in Gedanken, daß sie soetwas überhaupt nur empfinden konnte, aber er hatte etwas in den Augen. „Tote Fische haben meist auch tote Augen.“ dachte sie. „Aber dieser hier hat etwas seltsam Lebendiges an sich.“ Sie gab dem Tier einen kleinen Schubs mit ihrem Zeigefinger. Er bewegte sich jedoch nicht, wie es ein noch lebender Fisch getan hätte. „Ist wirrrklich tot das Ding.“ lachte der alte Marley, als hätte er ihre Gedanken gelesen. „So tot wie alle anderrren, nur viel schönerrr und von viel besserrrem Geschmack, wenn man ihn rrrichtig zuberrreitet. Wissen sie wie man so ein Kerrrlchen kocht ?“ Marley sah sie spitzbübisch aus seinen blauen Augen an. „Natürlich weiß ich wie man Seeteufel zubereitet !“ gab Linda mit einer abwinkenden Handbewegung zur Antwort. Sie wußte es nicht, aber das würde sie diesem alten Seebären nicht auf die Nase binden. „Packen sie ihn mir ein !“ befahl sie mit einem Pokerface, das ihr beim Kartenspiel kaum jemand abgekauft hätte. „Gut, gut. Sehrrr gut.“ grinste der alte Marley und wickelte den Fisch zuerst in etwas Wachspapier und danach in die aktuelle Ausgabe der Melvich Daily News. Es überraschte Linda nicht, daß er die Zeitung scheinbar nicht gelesen hatte und sie nur kaufte, um den Leuten seinen Fisch einzupacken. Sie bezahlte, nahm das Zeitungspäckchen in Empfang und verabschiedete sich. „Auf wiederrrsehen und guten Appetitt.“ grunzte ihr Marley hinterher, wobei er das Gesicht zu einer Fratze verzog, die seine Ruine von Zähnen freilegte. Wahrscheinlich sollte es ein freundliches Lachen sein, aber mit diesem Gesicht brachte der alte Mann wohl nichts anderes zustande. Linda lächelte zurück und ging die Lincolnstreet hinauf, ihrem Zuhause entgegen.
Lindas Verlobter Samuel McAllister war zu der Zeit schon nicht mehr am Leben, aber das wußte sie nicht. Für sie war er immer noch auf dem Walfänger in der Grönlandsee, auf dem er eben zu der Zeit als Harpunier arbeitete. Er würde an Ostern nicht zu hause sein können, das hatte er ihr gesagt, jedoch wäre er an ihrem Geburtstag sicher hier und hätte dann eine große Überraschung für seine Süße. Lindas Geburtstag war zwei Wochen nach Ostern, am 27. April dieses Jahres, wie eines jeden Jahres, und auf diesen Tag freute sie sich schon seit Samuel Anfang Februar auf den Walfänger gegangen war, um zu tun, was Walfänger tun, nämlich Wale zu fangen. Der Grund ihrer Freude rührte zwar daher, daß sie ihn an diesem Tag endlich wieder in ihre Arme schließen konnte und ihm all diejenigen Worte sagen konnte, die ihr schon jetzt auf der Brust brannten, wie eine zu heiße Wärmflasche, die man ihr auf den Busen presste, aber ein klein wenig freute sie sich auch auf die Überraschung, die ihr ihr Liebster für diesen Tag versprochen hatte. Es war eigentlich weniger eine Überraschung, als eine Bestätigung dessen, was sie schon ahnte, nämlich, daß er ihr endlich den Wunsch erfüllen würde und das Brennen in ihrem Herzen erhörte und sie die fünf kleinen Worte fragte, die für zwei Menschen, die liebten so viel bedeuten konnten : Willst du meine Frau werden ?
Lindas Bauch verkrampfte sich vor Vorfreude schon beim bloßen Gedanken daran. Beim bloßen Gedanken an den Tag, an dem Samuel wieder heimkehren würde.
Als Samuel an diesem stürmigen Aprilmorgen in Angmagssalik an Bord der Nautica ging, dachte er nur an seine Verlobte, die er in knapp einem Monat endlich wiedersehen würde. Er hatte die letzten Monate wie ein Hund geschuftet, hatte kaum geschlafen und auch schon einmal mehr gegessen, aber das Geld, das er für diese Arbeit bekam war reichlich und die größte Nachsicht hatten Menschen schon immer beim in Empfangnehmen von Arbeitslohn.
Samuel hatte am Tag vor ihrer Ankunft in Angmagssalik, ihrem letzten Landaufenthalt vor der großen Fahrt in die Grönlandsee, von seinem Kapitän einen Vorschuß auf sein Entgeld erbeten, was dieser ihm, zwar unter Murren, jedoch nachdem ihm Samuel den Grund dafür nannte, doch bereitwillig gegeben hatte. Mit diesem Geld ging Samuel in das beste Juweliergeschäft ganz Grönlands, wie es ein nicht sehr vertrauenerweckendes Sperrholzschild über der Eingangstür des Geschäftes, in das Samuel ging, verriet.
Drinnen kauerte ein kleiner, gnomiger Mensch auf einen Schemel und strahlte ihm entgegen, als er den Laden betrat.
„Guten Morgen mein Herr !“ grinste der Gnom und stand von seinem Sitzplatz auf, was er besser nicht getan hätte, denn nun war er kaum noch hinter der Ladentheke zu erkennen.
„Guten Morgen.“ entgegnete Samuel und kniff die Augen zusammen, um den Ladenbesitzer hinter seinem Versteck zu suchen. Als Samuel aber etwas weiter an die Theke herangetreten war konnte er tief genug auf das andere Ende des langen Holztresens sehen und erkannte den kleinen Mann, der mit einem Monokel im rechten Auge und auf dem Rücken zusammengeschlagenen Armen dastand und zu ihm hinauflächelte. „Wie kann ich ihnen dienen ?“ Samuel mußte nicht lange überlegen. Er wußte ja weshalb er hierher gekommen war und warum er den Vorschuß von seinem Kapitän erbeten hatte.
„Ich möchte einen Hochzeitsring für meine Braut kaufen !“ schnellte es aus ihm heraus wie etwas, das man auf dem gespannten Seil eines Bogens gehalten hatte und nun endlich losließ, um es in weite Ferne zu schießen.
„Aha, ein Hochzeitsring ! Das ist ja sehr schön. Sehr schön, sehr schön, sehr schön. Schauen sie mal hier.“ Der Zwerg breitete ein blaues Samtdeckchen vor ihm aus, auf dem es nur so funkelte und blinkte. „Würde ihnen soetwas vielleicht gefallen, werter Herr ?“ Samuel blickte auf das Deckchen. Vor ihm lagen Goldringe mit Edelsteinen, Silberringe mit Edelsteinen, Goldringe mit silbernen Verzierungen, Silberringe mit goldenen Verzierungen und Edelsteinen. Edelsteine noch und nöcher. Rote, blaue, grüne und orangefarbene Steine hatte der Gnom auf diesem Deckchen zusammengetragen. Samuel verschlug es beinahe die Sprache. Er wußte in diesem Augenblick nicht, wie er sich je für eine dieser Kostbarkeiten entscheiden sollte. Doch da sah er ihn.
Am rechten unteren Rand des Samtdeckchens lag neben einem riesigen Diamanten ein goldener Ring. Dieser hatte keine so prachtvollen und gewaltigen Verzierungen wie die anderen. Er war golden und ließ in sich einen kleinen eingelassenen Mondstein erblicken. Er war in seiner Schlichtheit der schönste Ring unter all diesen schönen und mit Prunk beladenen Gebilden. Samuel lächelte und zeigte genau auf eben diesen schönsten Ring der Welt. „Diesen möchte ich haben.“ sagte er und schaute den kleinen Zwerg an. So stand er noch eine Weile da und dachte an das wunderschöne Gesicht seiner Verlobten und wie sie bald schon seine Frau sein würde, wenn sie denn nur wollte. Aber dessen konnte er sich eigentlich gewiß sein. So stand Samuel da und war in Gedanken versunken, bis ihm das Gesicht des Gnoms wieder auffiel und er realisierte, daß er wohl die ganze Zeit über diesen Zwerg angelächelt hatte und hörte sofort auf damit. „Gute Wahl, mein Herr.“ sagte der Gnom mit einem bestimmten Gesichtsausdruck und machte sich kopfschüttelnd an das Verpacken des Rings. „Moment !“ rief Samuel „Moment ! Könnten sie mir wohl noch etwas auf die Innenseite eingravieren ? Wäre das möglich ?“ Ihm war es jetzt etwas peinlich, daß er den Zwerg so angelächelt hatte. „Aber natürlich. Was soll ich schreiben ?“
An dem Tag, als Samuel in Angmagssalik an Bord ging war es noch zwei Wochen bis Ostern und Linda hatte beschlossen, ihre Eltern für die Feiertage zu sich nach hause einzuladen. Da sie aus Glasgow anreisen mußten, wollte soetwas aber immer schon in Voraus geplant sein und deshalb rief Linda an diesem Tag ihre Mutter an, um die beiden für das Fest zu sich zu bitten. „Natürlich kommen wir gerne, Schätzchen.“ hatte ihre Mutter am Telefon gesagt. „Wann sollen wir denn hier sein ? Schon am Karfreitag ?“ „Naja, nur, wenn es Papa nichts ausmacht schon so früh hier hoch zu fahren, ich weiß doch wie sehr ihm das Klima bei uns zu schaffen macht.“ „Ach, der stellt sich nicht so an und wir kommen. Aus basta.“ Das war das Machtwort von Lindas Mutter „Aus basta.“ Ganz ähnlich wie bei den Indianern das „Huck, ich habe gesprochen.“ keine Widerworte mehr zuließ, so hatte auch Allan Renquist nichts mehr zu melden, hatte seine Frau einmal „Aus basta.“ gesagt.
„Ja, da freue ich mich.“ flötete Linda etwas gestellt, denn eigentlich hatte sie nicht mit dem Gedanken gespielt, ihre Eltern für vier volle Tage zu beherbergen. Mit Ostern hatte sie den Ostersonntag gemeint. Wenn es nicht anders ging vielleicht auch noch den Ostermontag, aber den Karfreitag und auch noch den Samstag hatte sie nicht im Sinn gehabt. Aber nun war es beschlossene Sache, denn was für Allan Renquist galt, galt natürlich zweimal für Linda und mit dem „Aus basta“ ihrer Mutter konnte Linda schon einmal die Gästebetten für den diesjährigen Karfreitag frisch beziehen.
„Kauf du nur den Fisch und wir bringen alles andere, ja ?“ sang ihr ihre Mutter beinahe ins Ohr und so blieb ihr nichts anderes übrig, als dem einfach zuzustimmen.
„Wird Samuel auch da sein ?“ Linda wurde am anderen Ende der Leitung etwas ruhig. „Linda ?“ „Ja.“ „Wird Samuel auch da sein, wenn wir euch besuchen kommen ?“ „Nein Mama, Samuel wird leider nicht bei uns sein können. Er kann erst zu meinem Geburtstag nach hause kommen. Er ist noch auf einem Walfänger in der Grönlandsee.“ Linda wurde etwas traurig. Sie hatte zwar die ganze Zeit gewußt, daß Samuel nicht bei ihr sein würde, jedoch hatte sie es bis hierhin noch nicht aussprechen müssen. Es zu sagen förderte in ihr ein Gefühl der Trauer zutage, das sie bis jetzt noch kaum gespürt hatte.
„Zu schade. Wir hätten ihn gerne einmal wieder gesehen. Hat er dir denn nun schon einen Heiratsantrag gemacht ?“ „Noch nicht, Mutter, noch nicht. Aber ich denke er wird`s an meinem Geburtstag tun. Er sagte, er hätte eine Überraschung für mich.“ „Schön, schön. Ich muß jetzt auflegen Kindchen, dein Vater braucht seine Medikamente. Also wie gesagt, du besorgst nur den Fisch, alles andere überlaß getrost uns. Bis bald.“ Mit einem leichten Knacks wurde die Leitung unterbrochen und Linda saß alleine auf dem Stuhl neben dem Telefon in ihrem einsamen Haus in Melvich, Schottland.
Das Gespräch mit ihrer Mutter hatte sie etwas melancholisch gemacht und sie hatte ein schier unstillbar scheinendes Bedürfnis, die alten Briefe, die Samuel ihr geschrieben hatte, zu lesen. Einen nach dem anderen.
Damit verbrachte sie den Nachmittag und auch noch den frühen Abend, bis sie zum letzten Brief kam, den ihr ihr Liebster geschrieben hatte. Er war mit seinem Abreisetag im Februar datiert und darin stand als Schlußsatz geschrieben :
Denn so wie das Zeichen Aurin, in dem sich zwei Schlangen gegenseitig an des jeweils anderen Ende fassen, so unendlich wird unsere Liebe gedeihen und leben und so werden auch wir unendlich miteinander verbunden sein.
Als sie dies gelesen hatte mußte Linda weinen. Weinen vor Glück; Denn konnte noch jemand auf dieser Welt in diesem Moment das selbe empfinden wie sie es just in diesem Augenblick tat ? Es schien ihr unwahrscheinlich.
Samuel steckte den Ring in seine Tasche und verließ das Geschäft. Er war vergnügt, er war glücklich, denn endlich hatte er den Schritt gewagt, den er schon so oft gewollt, aber aus unersichtlichen Gründen bis jeher nicht getan hatte. Dann blieb er kurz stehen. War seine Hosentasche wirklich der richtige Platz für diesen so wertvollen Ring ? „Sicher nicht !“ sagte er laut vor sich hin, obwohl er es eigentlich nur zu denken geplant hatte.
Er holte den Ring aus der Tasche und behielt ihn in der linken Hand. Mit der rechten nestelte er an seinem Hals herum, bis er den Verschluß seiner Kette aufbekommen hatte. Nun fädelte er den Ring in die Halskette ein und schloß sie wieder behutsam in seinem Nacken. Der Ring rutschte nach vorne und hing ihm nun kurz über dem Brustbein stolz um den Hals. So machte er sich mit geschwellter Brust in Richtung Hafen auf, wo er noch am selben Tag die Nautica bestieg und mit ihr in die Gewässer der Grönlandsee segelte.
Die See war garstig in dieser Nacht und der Wind peitschte haushohe Wellen gegen die Schaluppe, auf der Samuel und die Besatzung der Nautica versuchten ihre Arbeit zu machen.
Gegen ein Uhr des Nachts schlug etwas riesiges Schwarzes auf die Breitseite des Schiffes ein, so daß die Planken nur so davonstoben. Es war ein Wal. Einer der großen Grönlandwale, wie es sie hier zu Hauf gab. Der Wal hatte das Schiff von der Breitseite her vollständig aufgerissen und der Sturm tat sein Übriges und füllte das Deck mit salzig schmeckendem Meerwasser an. Die Besatzung kämpfte gegen diese Naturgewalt an, hatte jedoch keine Aussicht auf Rettung. Um ein Uhr und dreiundzwanzig Minuten sank die Nautica und riß all die tapferen Seemänner mit sich in den Schlund des Meeres und damit in den sicheren Tod.
Dies geschah eine Woche vor Ostern.
Als Linda an diesem verregneten Donnerstag vor Karfreitag nach hause kam war sie unsagbar müde. Es war zwar erst zwölf Uhr des Mittags gewesen, aber sie fühlte sich, als hätte ihr jemand Blei in die Adern gepumpt. So legte sie sich hin und schlief beinahe bis zum nächsten Morgen durch.
Als ihre Eltern an der Türe klingelten war sie deshalb noch nicht vollständig angezogen, wie es sich gehört, wenn man Besuch erwartet. Aber ihre Eltern waren auch wie immer zu früh dran gewesen. Lindas Vater beschwerte sich sogleich über das viel zu feuchte Klima an der Küste und ihre Mutter untersuchte ihre gesamte Wohnung sofort nach dem Begrüßungskuß auf Staub und Unordnung. Alles war also wie immer.
Nach der üblichen Anfangsplauderei setzte sich Lindas Vater in den großen Ohrensessel, der im Wohnzimmer direkt gegenüber des Fernsehers stand und zündete sich eine Pfeife an. Dies war, das wußte Linda noch von früher, als sie noch zuhause in Glasgow gewohnt hatte, das totsichere Zeichen dafür, daß ihr Vater hunger hatte. Er setzte sich immer und begann zu rauchen, wenn er hunger hatte, aber nicht jedermann mit dem Finger darauf stoßen wollte. Lindas Mutter wußte das natürlich auch. So machten sich die beiden Frauen auf in die Küche, um das Essen zuzubereiten, während Allan Renquist vor dem Fernseher saß und eine Pfeife rauchte. „Zum Glück ist mein Samuel nicht so.“ dachte Linda bei ihrem Gang in die Küche.
„Na dann zeig mal, was du uns für einen Fisch gekauft hast.“ drängte ihre Mutter, kaum daß sie am Herd standen. „ Einen Seeteufel habe ich uns geholt, Mama.“ „Einen was ?“ „Einen Seeteufel ! Du willst mir doch nicht sagen, daß du noch nie Seeteufel gegessen hast, oder ?“ Linda sah ihre Mutter mit fragenden Augen an. „Natürlich habe ich schon einmal Seeteufel gegessen, Kindchen, aber die Zubereitung dauert doch Stunden.“ Schachmatt ! Eben das hatte Linda beim Kauf des Fisches, für den sie soetwas wie Sympathie empfunden hatte, nicht gewußt. Wie, wie lange und mit was man das Tier eigentlich zubereiten mußte. Ihre Mutter schien dies aber alles zu wissen. „Du weißt nicht wie man ihn zubereitet, richtig ?“ ihre Mutter hatte auf einmal den Blick aufgesetzt, den sie Linda im Alter von 15 Jahren immer zugeworfen hatte, wenn sie zu spät nach hause gekommen war, oder vergessen hatte, die Briefe zur Post zu bringen. „Nein, weiß ich nicht, aber der Fischverkäufer sagte, es sei der beste Seeteufel, den er seit langem gesehen hat.“ Sie wollte nicht hinzufügen, daß ihr der Fisch nach längerem hinsehen auch sehr sympathisch vorgekommen war, ja beinahe lebendig. Ihre Mutter hatte kein Verständnis für solche Dinge. Aber wer hatte das schon.
„Dann zeig mal her deinen Seeteufel.“ Linda ging zum Kühlschrank, öffnete die große weiße Tür und holte das Päckchen heraus, das Duncan Marley mit der aktuellen Ausgabe der Melvich Daily News so nett für sie zusammengewickelt hatte. Ihre Mutter entriss es ihrer Hand förmlich.
Plötzlich gab es einen Donner so laut, daß man denken konnte, es wäre ein Zug direkt über dem Hausdach hinweggerast. Die beiden Frauen schreckten zusammen.
„Allan, alles klar ?“ rief Lindas Mutter ins Wohnzimmer hinaus. Zurück kam nur ein zustimmendes Gemurmel, das den beiden bedeuten sollte, daß es schon mehr brauchte, um Allan Renquist einen Schrecken einzujagen, als einen kurzen Donner.
Lindas Mutter legte das Päckchen mit dem Fisch darin auf die Theke und begann die Verpackung abzuwickeln. Dabei erzählte sie Linda, wie man den Fisch zubereiten mußte. Auf welche Art, wie lange, warum und alles andere, was noch zur Kunst der Fischküche gehörte. Linda hörte aber nicht hin. Sie hatte seit dem Donnerknall nur aus dem Fenster gestarrt und dem einsetzenden Regen zugeschaut, wie er zuerst ganz sanft, dann immer mehr und schließlich die gesamte Umgebung draußen in kühles Naß verwandelte. Sie fühlte sich einsam. Obwohl ihre Eltern zu besuch waren fühlte sich Linda einsam. „Ohne Samuel ist es eben nicht das gleiche !“ dachte sie, als sie ihre Mutter aus den Gedanken riß. „Schätzchen, hörtst du mir überhaupt zu ?“ Linda blickte ihre Mutter wie schlaftrunken an. „Entschuldigung, was ?“ „Hier, nimm du erstmal den Fisch aus, während ich den Rest zubereite.“ Sie schob Linda ein Messer über die Theke und zeigte auf den Fisch, der nun auf dem Schneidebrett lag und Linda anglotzte. Immer noch in Gedanken öffnete Linda dem Fisch das Maul und schob das lange Messer mit der scharfen Klinge hinein. Draußen zuckte ein Blitz hernieder und tauchte das umliegende Land in gleißendes Licht. Linda kniff die Augen zusammen. Irgendetwas ging hier vor. Mit kurzen aber präzisen Schnittbewegungen trennte Linda den Seeteufel zu den Seiten hin auf und legte so langsam seine inneren Organe frei. Wieder blitzte es und diesmal schien der Blitz noch heller als beim ersten Mal gewesen zu sein. Linda legte Herz, Schwimmblase und die anderen kleinen Innereien zur Seite, bevor sie nach dem Magen des Fisches griff. Der Regen war jetzt beinahe sintflutartig geworden und der Wind schwoll zu einem mächtigen Orkan an. Blitz und Donner fuhren im Minutentakt auf die Erde nieder. Das Licht im Haus begann zu flackern.
„Kind, was ist hier los ?“ kreischte ihre Mutter aus dem Nebenzimmer, aber Linda sah nicht einmal vom Magen ihres Fisches auf. Sie hatte etwas zu erledigen.
Als sie den Magen in die Kuhle ihrer rechten Hand nahm und ihn langsam hin und her bewegte, fühlte sie etwas Festes. Etwas zu Festes, als daß es in einem Fischmagen seine Daseinsberechtigung haben konnte. Blitz und Donner wechselten sich draußen ab, der Sturm verbog die Wipfel der Bäume, daß man meinen konnte, er wolle sie mitsamt den Wurzeln ausreißen und Lindas Mutter kreischte im Wohnzimmer ihren Mann an, er solle doch um Himmels Willen etwas tun.
Linda nahm das lange Fischmesser zur Hand und stach in den Magen des Fisches. Ein Schwall von rot – brauner, gallertartiger Masse quoll aus dem Innern hervor und ergoß sich über Lindas Hand und die Theke und lief von dort schnurstracks auf den Boden.
Linda griff in das geöffnete Organ und förderte das harte Stückchen aus dem Magen zutage.
Sie drehte am blauen Rad des Wasserhahns, der nur einige Zentimeter vor ihr aus der Wand ragte. Das kalte Wasser rann ihr über die Hand, lief am Unterarm über den Ellenbogen und tropfte von dort zu Boden. Draußen grollte ein unerbärmlich lauter Donnerschlag.
Linda starrte auf ihre Hand, als wäre sie ein ihr fremdes Körperglied, über das sie keine Gewalt mehr besaß und sah einen goldenen Ring auf ihrer Hand liegen. Er war schlicht aus Gold und hatte in sich einen kleinen Mondstein eingelassen. Genau die Art von Ring, die Linda am liebsten hatte.
Sie hob den Ring zwischen Mittelfinger und Daumen der linken Hand an und betrachtete ihn näher. Der Sturm tobte, der Regen klatschte gegen die Scheiben und Donner hallte scheinbar sekundenweise in ihren Ohren, aber Linda hatte nur Augen für diesen Ring.
Sie schaute auf die Innenseite des Schmuckstücks und erkannte eine Gravierung, die kreisrund den Ring zierte. Sie hob die linke Hand gegen das Licht der Deckenlampe, um besser erkennen zu können, um was es sich bei der Gravur handelte. Als der Lichtschein in den Ring hineinleuchtete sah sie zwei Schlangen, die sich gegenseitig am jeweiligen Ende des anderen fassten und somit das Aurin bildeten. Linda erschrak. Daneben stand in kleinen Lettern geschrieben : Unendlich miteinander verbunden. Unendliche Liebe. Linda & Samuel.
Im nächsten Moment schlug der Blitz in das kleine Häuschen ein und löschte alle Lichter.
Linda kauerte am Boden und weinte, während der Sturm weiterzog und Verwüstung und Leere zurückließ.
Verwüstung und Leere, die nie wieder ausgebessert oder aufgefüllt werden würden.