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Und die Kerzen erloschen

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19.06.2003
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Und die Kerzen erloschen

Ich wartete mit meiner besten Freundin vor der Schule und hoffte, dass meine Mutter wenigstens an meinem Geburtstag pünktlich sein würde. Der zehnte Geburtstag, sei schließlich ein ganz besonderer Geburtstag, meinte meine beste Freundin zu mir. Werden doch zum ersten Mal, zwei Ziffern auf meiner Geburtstagtorte brennen und darauf warten, dass ich mir was wünsche, während ich sie auspuste. Voller Erwartungen starrte ich auf die Parkplatzeinfahrt und suchte nach einem roten Auto, das leider nicht da war, weil mein Mutter sich wieder verspätete. Die Schultasche wurde schwer und ich stellte sie zwischen mich und meine Freundin ab, die gelangweilt auf ihrer Tasche saß und ebenfalls wartete.
„Freust du dich schon auf meine Geburtstagsfeier, Sarah?“, fragte ich sie, um die Stille zu durchbrechen.
„Aber klar doch! Mein Papa sagte, dass ich meinen Badeanzug mitnehmen soll, weil du ein kleines Schwimmbecken hast, stimmt das?“
„Jaja, mein Vati hat ihn gestern extra noch aufgebaut, damit wir ein bisschen ins Wasser springen können. Ich freu mich auch schon, wird sicherlich total lustig werden!“
Die Sonne schien auf uns herab, doch es gab auf dem Parkplatz vor der Schule keinen Baum, der uns Schatten hätte spenden können. Außerdem durfte ich mich nicht von unserem vereinbarten Treffpunkt entfernen; das hatte ich versprochen. Ich fragte mich, ob meine Mutter auf mich vergessen habe könnte, doch da kam bereits das ersehnte rote Auto um die Ecke gebogen. Es blieb stehen und meine Mutter rief mir aus dem Auto zu, dass Sarah und ich einsteigen sollen. Ich warf meine Schultasche und die von Sarah, auf die Rückbank, wo sich bereits volle Taschen, Koffer und bunte Schachteln häuften und suchte mir mit Sarah eine freien Platz zwischen all diesen Dingen. Kurze Zeit später, kamen wir bei mir zu Hause an und ich war erfüllt von Vorfreude und Spannung, Hoffnung und Spielfreude. Ich lief in den Garten und sprang von einer Girlande zur nächsten, hielt meine Finger in das kühle Nass des Schwimmbeckens und warf Luftballons und Bälle über den grünen Rasen. Tische waren aufgebaut, auf denen sich Brötchen, Knabbereien und Süßigkeiten häuften, außerdem waren Lichterketten von einem Baum zum anderen gespannt und blinkten in allen Farben. Ich wollte nicht die strengen Rufe meines Vaters hören, ich wollte nur mit Sarah spielen, die sich bereits an den Süßigkeiten zu schaffen gemacht hatte. Ich trollte mich zu ihr und hoffte, dass mein Vater auf mich vergessen würde, so wie es meine Mutter schon einmal vergessen hatte, mich von der Schule abzuholen. Da stand mein Vater jedoch bereits vor mir und sah mich finster an: “Komm Julia, du musst dir was anderes anziehen und ich habe noch was anderes zutun, als hier das Kindermädchen zu spielen!“ Natürlich trottete ich ihm nach und war enttäuscht, dass er mir an meinem Geburtstag noch nicht gratuliert hatte.
Auf dem Weg in mein Zimmer, konnte ich einen Blick in die Küche werfen, wo ich neugierig nach meiner Torte Ausschau hielt. Und da stand sie! Sie war über und über mit rosa Zuckerguss überzogen, mit Silberzuckerperlen verziert und in der Mitte der Torte standen zehn Kerzen, die nur noch darauf zu warten schienen, dass man sie anzündete.
Schnell lief ich meinem Vater voraus in mein Zimmer und wartete, dass er mir frische Kleidung auf mein Bett legen würde, damit ich endlich die Kerzen auf meiner Torte auspusten könne. Doch er blieb vor mir stehen und sah mich ernst an.
Mein Vater und ich hatten nie ein gutes Verhältnis. Wenn er nicht gerade auf Geschäftsreise war oder mit seinen Kunden beschäftigt war, saß er daheim vor dem Fernseher und wollte nicht gestört werden. Von Zeit zu Zeit besuchten wir ein Museum oder fütterten die Tiere im Zoo, was Unterricht näher kam, als Vergnügen. Aber er ist mein Vater und er hatte mir mein Schwimmbecken aufgebaut und die Schaukel im Garten repariert, er lernte mir das Radfahren und Skifahren, er erklärte mir die Sternbilder und zeigte mir wo man Pilze finden kann.
Doch damals stand er vor mir, sah mich an und wusste nicht so recht was er sagen solle.
Er half mir beim Ankleiden, gab mir einen Kuss auf die Stirn, wünschte mir ein schönes Geburtstagsfest und meinte, ich solle jetzt zu meiner Mutter laufen, die bereits mit meiner Geburtstagstorte auf mich wartete. Ich konnte es kaum erwarten und stürmte in den Garten, wo bereits alle meine Freunde versammelt waren und auf mich warteten. Die Kerzen waren angezündet, man ließ mich hochleben und führte mich durch ein Spalier zu meinem Platz am Tisch. Als ich vor meiner Torte saß und gerade die Kerzen auspusten wollte, beobachtete ich über den Gartenzaun hinweg, wie mein Vater mit dem vollbeladenen roten Auto davonfuhr.
Die eine Hand meiner Mutter streichelte meinen Kopf, die andere Hand suchte vergebens nach der meines Vaters. Aber mein Vater war nicht neben ihr. Er war auch nicht neben mir. Er war weg. Er ging zu seiner neuen Familie; zu der ich nicht dazugehören werde.
„Ich wünsche mir, dass mich mein Vati lieb hat“, und die Kerzen erloschen.

 
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Hallo Fanfarella!

Herzlich willkommen auf kg.de! :)

Zum Einstand präsentierst Du Dein Können mit einer locker und flüssig erzählten Geschichte, die sich dann doch als recht traurig herausstellt.
Im Prinzip hat sie mir ganz gut gefallen, ich bin mir nur nicht sicher, ob es für die Geschichte geschickt ist, den Geburtstag mit dem Auszug des Vaters zu kombinieren. Es steigert für die Protagonistin gewiß die Tragik, wenn beides auf einen Tag zusammenfällt, aber man bleibt dann vielleicht doch eher leicht bei der Frage hängen, ob das denn unbedingt am Geburtstag sein mußte... Andere Fragen gehen dadurch vielleicht unter.
Vielleicht wolltest Du damit aber auch etwas betonen, zum Beispiel, daß die Eltern dem Kind bis zum letzten Moment ein Theater vorspielen, es nicht in ihre Probleme einbinden, die Wahrheit verschweigen/verdrängen, sondern lieber bis zur letzten Minute so tun als wäre alles wie immer?

Ich lese aus Deiner Geschichte auch die Frage heraus, ob es richtig ist, ein Kind bei der Scheidung normalerweise automatisch der Mutter zuzusprechen. - Jedoch wird diese Frage sofort wieder von der Frage verdrängt, warum die Protagonistin denn so sehr am Vater hängt, wo er doch zu Beginn nicht sehr positiv beschrieben wird? - Die logische Antwort wäre, daß es ihr bei der Mutter noch schlechter geht, aber außer dem anfangs erwähnten Zuspätkommen finde ich nichts, was darauf hindeutet, sie hat im Gegenteil alles sehr liebevoll vorbereitet, also ganz und gar nicht "vergessen"...

Mich würde also interessieren, was Du mit Deiner Geschichte aussagen willst, da ich von allem ein bisschen aber nichts wirklich überzeugend dargestellt finde. - Zu lesen war sie jedenfalls sehr gut, nur das, was Du aussagen willst, solltest Du in meinen Augen etwas stärker hervorbringen. :)

Liebe Grüße,
Susi

 

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