Um Himmels willen
Um Himmels Willen
Ja, es gibt Tage an denen sei es besser, mensch würde das Bett nicht verlassen. Aus Sicherheitsgründen kurz angemerkt. Klingt abgedroschen, ist es wahrscheinlich auch. Was heißt denn schon wahrscheinlich? Jedoch wie wahr, wie wahr. Kein Telefonieren, keine hastigen Bewegungen, keine Menschen, keine Situationen, lediglich jene im Bett zu liegen. Keine Sorge, es folgt hier jetzt keine Erzählung über einen Menschen, der das Bett doch verließ und an jenem Tag von einem Unglück in das nächste rennt. Er oder sie dann den Tag dennoch übersteht, es schafft den Tag zu überleben oder vielleicht auch nicht. Nein, keine Panik. Okay mag sein, diese Geschichte wäre aufregender, spannender oder wer weiß schon, vielleicht so melancholisch und traurig, dass mitfühlende Menschen nicht ohne eine Packung Papiertaschentücher auskämen. Aber vergessen, los, das alles vergessen! Es wird in diesem Moment keine dieser Geschichten folgen. Genau zu diesem Zeitpunkt drängt sich schon verhältnismäßig stark die Frage auf: Um Himmels Willen was dann? Und darum geht es auch. Um den Willen des Himmels. Denn genau diesen gibt es nicht. Überrascht, dass es ihn nicht gibt. Ist aber so, hat noch nie existiert und wird auch nie so sein. Ich mache mir nichts aus der fehlenden Vollständigkeit den Himmel zu beschreiben, ob naturwissenschaftlich, philosophisch oder was und wie auch immer. Ich nehme ihn einfach so wie er ist. Eine wechselnde farbliche Erscheinung über uns, die, ja gebe ich zu, Stimmungen hervorruft und nicht nur im Stande ist die Farbe zu wechseln, sondern auch die Bestückung auszutauschen. Sterne, Wolken, Planeten, Blitze, alles was von oben eben kommen mag. Flugzeuge und all jenes Zeugs, dass von Menschen hinaufgeschossen wird nicht eingerechnet. Soviel zu der nicht vorhandenen Vollständigkeit. Der Himmel kann es nicht wollen, dass Mensch nicht sein Bett verlassen soll und auch nicht raus in die Welt, auf die Erde sozusagen, aus Sicherheitsgründen. Nicht vergessen. Nein, Himmel kann das nicht wollen. Aber ja doch, es geht nach wie vor um den Willen des Himmels. Und da Himmel nichts wollen kann, wird es wohl der Mensch selbst sein. Was Mensch nicht will, das soll er auch nicht müssen, auch nicht dem Himmel zuliebe. Was für eine billige Ausrede nicht wahr, um Himmels Willen. Es ist lächerlich. Nach dem Willen des Himmels, ja klar, sonst noch etwas. Um Himmels Willen, jetzt mach doch endlich! Um Himmels Willen, weißt du noch immer nicht, was gut für dich ist! Um Himmels Willen warum musste das wieder passieren! Um Himmels willen, um Himmels Willen tausend verschiedene Formulierungen, Vorwürfe, Rechtfertigungen, Motivationsversuche unzählbar wahrscheinlich, alle Varianten sind möglich. Der Wille des Himmels hat sich über die Jahre wohl eingebrannt. Es interessiert mich nicht nachzuforschen, warum und woher dieser Spruch kommt. Ich halte nichts von dem. Aber bloß nicht auf falsche Gedanken kommen, nicht dass hier irgend jemand denkt, ich hasse den Himmel. Nein, ich mag ihn doch und ich verbringe genug Zeit damit, ihn anzustarren und aufzusaugen und zu fühlen. Aber ich mag den Willen nicht. Das Gefühl ja, den Willen, der kann mir gestohlen bleiben. Ich kann es einfach nicht mehr ertragen und schon gar nicht hören, dass die Menschen oder wer auch immer sich das ausgedacht hat, dem Himmel einen Willen aufzutragen. Aber es waren bestimmt Menschen. Sie sind doch die Meister darin, Geschehnisse die sie nicht verstehen, Taten die sie vertuschen wollen, Ereignisse, die sie nicht erklären können, Pflichten die sie sich selbst nicht auferlegen trauen, Grenzen, die sie sich selber ziehen oder nicht zu setzen wagen, Aufgaben diktieren, die niemand braucht und will, Verbote aufstellen die für nichts sind, abzuschieben. Auf alle möglichen Erscheinungen, Geister, Gottheiten, der Natur, die Möglichkeiten sind sehr vielfältig, fällt ja auch einiges an, zu übertragen und auch den Himmel haben sie nicht verschont. Wie arm eigentlich und wie gemein. Dem Himmel einen furchtbaren Willen zuzuschreiben! Was für eine Dummheit, der Wille des Himmels. Wie wäre es sich um den Willen des Menschen Gedanken zu machen. Und auch wenn ich jetzt noch hier liege und singe, einfach nur singe, mich noch nicht aus meinem Bett bewegt habe, es singt sich sehr gut hier, die Schalldämpfung ist durch meine Decken und Polster sehr gut, fast wie in einem Studio, nein, ich neige zu Übertreibungen, wird das Telefon läuten und meine Mutter wird an der Leitung sein. Und kalkulierbar wie sie ist, kann ich jetzt schon erwähnen, sie wird sagen: um Himmels willen, du bist noch immer im Bett. Dann werde ich obligatorisch erwähnen, ich glaube nicht an den Willen des Himmels. Ich will das so, ich, ich ganze alleine. Ich habe einfach ein ungutes Gefühl in der Bauchgegend und es zieht mich nichts nach draußen. Dann wird sie sagen ich spinne. Was soll denn das bloß für ein Gefühl sein und schon gar nicht sei das ein Grund, das Haus nicht zu verlassen. Ich werde mich dann verteidigen und ihr sagen, warum soll mein Gefühl weniger Wert sein als der Wille des Himmels. Und sie wird nichts verstehen, von alledem was ich meine. Und um sie dann noch vollkommen zu verwirren und es mir einfacher zu machen das Gespräch möglichst bald zu Ende zu bringen, sage ich ihr, dass ich an Elfen glaube, mehr als an ihren Gott, den sie jeden Sonntag fleißig anbetet. Und diese Elfe meinte, ich darf ruhig singen, wenn mir das besser bekommt, als auf der Straße von einem LKW angefahren zu werden. Mutter wird dann möglicherweise leicht wütend werden und sehr bald wieder den Hörer auf die Gabel legen. Und ich habe mir somit erspart ihr zu erklären, dass Gefühle wichtig sind und die Welt vielleicht nicht die wäre, die sie ist, wenn mehr Menschen auf ihren Bauch hören würden. Nicht wahr?! Aber reines Wunschdenken, ich weiß. Die Erde ist nicht geschaffen dafür. Ich kenne zwar keinen anderen Planeten, war bis jetzt immer auf der Erde, aber vielleicht ist auf der Venus alles besser!