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U-Bahnneon

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26.04.2003
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U-Bahnneon

23.11.2048.7:15 und 0 Sekunden. Exakt. Der Wecker klingelt nervtötend. "Für verantwortungsbewusste Arbeiter", steht darauf. Ich stehe auf, dusche mich unter der chemischen Dusche, ziehe meine graue Arbeiterkleidung an und frühstücke synthetische Kapseln und Tabletten. "Mit allen nötigen Vitaminen und Stoffen für einen fleißigen Arbeiter", steht darauf.
Ich verlasse das Haus. Es ist 8:00 und 0 Sekunden. Exakt. So ist es vorgeschrieben.
Ich gehe zu Fuß zur U-Bahnstation. Neben mir gehen noch ein paar andere Arbeiter, die auch um 8:00 ihr Haus verlassen haben.Ihre Gesichter sind grau, ihre Kleidung ist grau und ihr Leben ist grau. Aber produktiv. Produktiv.
Das Neonlicht der vorbeifahrenden Autos spiegelt sich in den Pfützen. Ich stehe vor der U-Bahnstation. An einer Mauer hängt ein Schild: "Effizienz, Leistung, Stärke"
Aber dieses Schild kann ich mir zuhause ja auch ansehen.
Es ist 8:15. Die U-Bahn kommt. Ein Arbeiter steigt in letzter Sekunde ein. Missbilligende Blicke von allen Seiten. Auch ich sehe ihn verächtlich an. Schließlich gehört es sich ja so. Alle tun es.
Die U-Bahn fährt los. Durch den dunklen Tunnel. Aber es gibt doch die Neonröhren. Die schönen hellen warmen Neonröhren. Im dunklen dunklen Tunnel.
Neonröhre 17.
Ein Mann liest eine Zeitung. Seine weißen Haare glänzen vom Neonlicht. Sein Körper zittert. Er schwitzt. "700 Obdachlose hingerichtet - erfolgreiche Beseitigung von unproduktiven Elementen", steht in der Zeitung.
Eine junge Frau mit schwarzen Haare sitzt mir gegenüber. Sie sieht zum Fenster hinaus. Aber da ist nichts zu sehen, außer Neonröhren und Dunkelheit.
Da steht die Frau auf. Sie hat genug Dunkelheit gesehen. Sie fällt hin. Da sind ihre schwarzen Haare ganz rot. Und der Schuss ihrer Pistole klingt wie ein Schrei.
Der alte Mann mit der Zeitung nimmt sein Handy aus der Tasche. "Leichenräumungsdienst? Wir haben hier ein hygienefeindliches Element." Dann liest er weiter Zeitung.
Neonröhre 53.
Nächste Haltestelle. Ein Mann mit grauer Krawatte steigt ein. Seine Haare sind gerade nach hinten gekämmt. Sein Blick ist hart und starr. Seinen Koffer hält er wie ein Schwert in der Hand. Er sieht die junge Frau mit den roten schwarzen Haaren an. "Kann denn niemand diese Person entfernen? Man stolpert ja noch. Das ist doch gefährlich. Am Ende verletzt sich noch jemand."
Mit angewidertem Blick steigt er über die Frau hinweg.
Man hört eine Mutter ihr Kind anschreien. Man versteht nichts, sie schreit zu laut. Jetzt schlägt sie sogar zu.
"Warum schlägst du dein Kind?", fragt der Arbeiter, der fast die U-Bahn verpasst hätte "du bist doch seine Mutter! Warum schlägst du dein Kind!?"
"Was geht denn Sie das an? Kümmern Sie sich doch um ihre eigenen Angelegenheiten!", kläfft sie ihn an.
"Da hat die Dame recht", sagt ein Mann mit ungeheuer wichtigem Ton "das geht Sie doch nichts an. Also das geht ja nun wirklich nicht, dass Sie sich hier einfach so einmischen, nicht wahr, mein Herr? Wo kämen wir denn da hin, nicht wahr?"
"Jaja", erwidert die Mutter "sehr richtig, das sagte ich ja bereits. Aber wenn Sie es unbedingt wissen wollen,bitte sehr!" Das "Bitte sehr" spricht sie so hart aus, dass ich ein bisschen zusammenzucke.
"Mein Kind hat von einem Fremden Geld angenommnen. Und auch noch von einem Schwarzen, stellen Sie sich das mal vor!" Und ihre Stimme bebt vor Entrüstung. "Von einem Ausländer!"
"Aber er war doch so nett", sagt das Kind "und er hatte so warme Augen!"
"Bist du wohl still!", schreit die Mutter und zerrt ihr Kind aus der haltenden U-Bahn.
"Gesindel", murmelt der zweite Arbeiter "diese Ausländer, alles Verbrecher!" Dann verlässt auch er hektisch das Abteil.
Neonröhre 87. Und der Tunnel zieht vorbei. Vorbei vorbei.
Ein Kontrolleur steigt ein. Er hat eine Zigarette im Mund. Obwohl Rauchen in der U-Bahn verboten ist. Seine Haare glänzen von Haargel. Und vom Neonlicht.
Langsam geht er durch die Sitzreihen. Jeder zeigt ihm seine Fahrkarte. Ich auch. Meine schaut er länger an als die anderen, aber dann geht er weiter.
Einer hat keine Fahrkarte. Der hat ganz abgewetzte Kleidung. Er schleppt vier Tüten mit sich herum. und seine Haare sind ganz lang und fettig.
"Na, was is'? Hast wohl keine,hm?", fragt der Kontrolleur und pafft ihm ins Gesicht.
"Nein, hab' ich nicht", sagt der Obdachlose.
"Dich kriegen sie auch noch, Abschaum!", ruft der Mann mit der Zeitung und der mit der grauen Krawatte nickt wichtig.
"Tja, das macht dann wohl 40 Euro, mein Lieber", sagt der Kontrolleur und grinst.
"Ich hab' kein Geld. Keine Hoffnung. Nur Hunger und Heimweh. Aber ich muss doch weiter!", schreit der Obdachlose.
"Geld haben Sie also auch keines. Wo wohnen Sie denn?"
"Ich wohne überall. Ich wohne nirgends. unter Eisenbahnbrücken und in leeren U-Bahnen. Aber die fahren nirgendwo hin!"
Das Quietschen der Bremsen unterbricht die Verzweiflung des Hungernden.
"Endstation", sagt eine Stimme. Künstlich und kalt. Alles aussteigen! Alles aussteigen! Alles aus - alles aus!

 

Hallo Das Ich,

herzlich willkommen auf kg.de!

Eine ziemlich deprimierende Vision von einer Gesellschaft, in der Produktivität alles und Menschlichkeit nichts ist - Orwell läßt grüßen.

Die Dialoge könntest Du teilweise etwas überarbeiten, z.B.:

"Ich hab' kein Geld. Keine Hoffnung. Nur Hunger und Heimweh. Aber ich muss doch weiter!"
Das wirkt noch etwas unnatürlich.

Trotzdem: ein gelungener Einstieg.

Schöne Grüße
Roy

 

Hallo "Ich",

Deine Geschichte ist eine Mixtur aus Orwellschen Elementen und stark überspitzt dargestellten gesellschaftlichen Fehlverhalten. Das ist aber auch alles. Die Aneinanderreihung von aus Lesers Sicht unschönen Szenen erscheint relativ willkürlich, es gibt keinen Spannungsbogen. Du führst uns etwas vor Augen, ohne es zu hinterfragen. Dabei scheint der Erzähler durch einen fast zynisch klingenden Stil unzufrieden mit der Situation zu sein, aber das bleibt bei der Ahnung und wird nicht konkretisiert. Er ist Teil des Systems, irgendwie unzufrieden, bleibt aber passiv. Gut, das kann man als Aussage nehmen. Aber im Grunde ist Deine Geschichte für mich eine schwarzgraue Fassade aus Klischees, hinter der sich aber nichts befindet, kein Tiefgang. Der abgehackte Stil will wohl Härte zeigen, schafft aber nur erhebliche Distanz. Daher bleibt die Geschichte auf mich ohne Wirkung. Zudem sind einige Bilder schief: "Neonlicht der vorbeifahrenden Autos"? Haben die nicht normalerweise Halogenlicht?

Fazit: Sprachlich größtenteils brauchbar, inhaltlich fehlt mir Tiefgang.

Uwe

 

Ausnahmsweise wage ich es Uwe zu wiedersprechen:

Ich fand die Geschichte sprachlich dünn, Inhalt war aber genug da. Dieser kommt aber nicht rüber, weil die Sprache ihn nicht vermittelt.

Der Stil ist mir - selbst für dieses Thema - zu mechanisch. Beispiel:

Nächste Haltestelle. Ein Mann mit grauer Krawatte steigt ein. Seine Haare sind gerade nach hinten gekämmt. Sein Blick ist hart und starr. Seinen Koffer hält er wie ein Schwert in der Hand. Er sieht die junge Frau mit den roten schwarzen Haaren an.

Sicher, es ist kühl, starr aber die Welt welche du beschreibst, die kommt einfach nicht rüber. Irgendwo in dem Raum zwischen Monitor und mir geht sie verloren.

Das ganze liest sich wie ein Bericht eines Polizeibeamten. Durch deinen Sprachstil kommt bei mir zumindest keine Lust auf, die Bilder die du beschreibst, vor meinem Auge zu zeichnen.

Dadurch bleibe ich zu distanziert von deinem Text und somit verpufft der Inhalt.

Ergo:
Nur weil die Welt starr und mechanisch ist, muss es dein Text nicht sein.

Aber er ist ein Text mit Potential, vieles zeugt davon, dass du Sprache beherrschst, es sind gute Formulierungen dabei, aber wie gesagt, sie kommen bei mir leider nicht an :(

Liebe Grüße,

Thomas

 

Ach was, Thomas, wir sind der gleichen Meinung :cool:
Klar ist da Inhalt, es geht schließlich um Obdachlose, Selbstmord und Kindesmisshandlung. Damit will uns der Autor etwas sagen. Aber nichts, was wir nicht schon wissen. Die Motive sind nicht neu, sie sind lieblos aneinander gereiht, weil die Sprache sie nicht rüber bringt (das drückst Du treffend aus). Also: Inhalt ist da, aber kein wirklicher Tiefgang, sondern nur die gute Absicht.

Uwe

 

Ich fand die Geschichte klasse.

Klar, sie liest sich, als sei sie "spontan runtergeschrieben" worden und könnte nochmal überarbeitet werden.

Ich finde die Geschichte deshalb klasse, weil starke Emotionen rüberkommen. Die Hauptperson ist absolut kühl und zynisch, aber im Endeffekt genauso ein Arschloch wie alle anderen, denn er greift ja nicht ein. Daher ist die Geschichte eine gezielte Provokation an den Leser.

Die Häufigkeit (oder Frequenz, wie der ein oder andere Mod sagen würde ;-)der klischeehaften Worthülsen wie "Wo kämen wir denn da hin?" oder "Bist Du wohl still" rückt das ganze Szenario gezielt in die Nähe unserer heutigen Gesellschaft.

Die geschilderten miesen Zustände sind doch alle ohne Ausnahme Probleme der heutigen Zeit: Schikanieren von Obdachlosen, Ausgrenzung von Ausländern, das ist alles nicht so furchtbar futuristisch.

Von daher betrachte ich die Story eher als politische Satire denn als eine reine SF-Story.

Hat Spaß gemacht zu lesen.

 

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