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U-Bahn
U-Bahn
Ich weiß es nicht mehr. Manchmal denke ich, ich wäre durchgeknallt. Ich versuche mir dann immer einzureden, es läge nicht an mir. Aber sind es wirklich immer die Anderen? Nun, macht euch am besten selbst ein Bild.
Es passiert immer dann, wenn ich in eine U-Bahn steige. Ich suche mir einen mehr oder minder gemütlichen Platz und vertreibe mir die Zeit damit, die Leute um mich herum zu beobachten. Dort erlebt man Sachen, wenn es mir noch nicht passiert wäre, ich würde es nicht glauben.
Letzte Woche saßen gegenüber von mir zwei Engländer. Engländer sind ja schon von Natur aus etwas eigen, aber diese Beiden waren unübertrefflich. Kurze Badeshorts, darauf ein weisses Polohemd und ein, auch weisser, Stoffsonnenhut. Den obligatorischen Sonnenbrand möchte ich nicht auch noch detailliert beschreiben. Ihr Gesprächsthema war auch hervorragend. Sind die Deutschen verrückt oder sehen sie einfach nur sehr merkwürdig aus? Und das von diesen beiden, die aussahen als kämen sie geradewegs aus der Rocky Horror Picture Show. Mit mir ging es schon wieder bergauf und bergab. Sagte ich schon, dass ich manchmal glaube, ich sei etwas spinnert?
Aber nicht das es nur die Ausländer wären. Weit gefehlt. Die Deutschen sind noch viel schlimmer!
Einer meiner absoluten Lieblingstypen ist zum Beispiel der engagierte Grünen-Wähler, zu erkennen an den alten Jesuslatschen und weiteren alten Kleidungsstücken, die man nicht einmal mehr in den Tüten vom Roten Kreuz findet. Und die Leute von heute sind ja so kommerzialisiert und achten nicht im Geringsten auf ihr Umwelt! Gut, das ist in der Regel wohl war, aber muss man deshalb aussehen wie der letzte Strassenköter?
Apropos Strasse! Unsere guten alten Obdachlosen sind auch nicht ohne. Will sagen, sie sind schon arm dran, aber nachhelfen ist doch wirklich nicht nötig. Vielleicht ist das aber der springende Punkt in diesem Land. Man kann nicht anders. Sobald man sich als irgendetwas bezeichnet, verfällt man in die unglaublichsten Klischees, wohl zu dem Zwecke, die allgemeinen Vorurteile zu bekräftigen. Ich sag ja nicht, dass ich nicht vorurteilsbehaftet bin, doch glaubt mir, die hier beobachteten Vorfälle sind weder Vorurteile noch unrealistische Gedankenspiele. Also die Obdachlosen. Nachdem sie sich in der U-Bahn gemütlich eingerichtet haben, beginne sie zu erzählen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ihnen einer zuhört, ja ob sogar einer in ihrer Nähe ist. Das treibt sie vielleicht noch dazu an, lauter zu sprechen, mehr aber nicht. Dann beginnt sie, die immergleiche Moralpredigt, die grundsätzlich damit endet, dass alle Leute keine Manieren haben und so weiter. Am Ende kommt dann noch die Aufforderung zu einer kleinen Spende, die bestimmt ohne die Rede viel erfolgreicher wäre, aber wen stört das zu diesem Zeitpunkt noch? Das Geld ist die Ruhe wohl wert. Oder bin ich wieder zu mental angeschlagen, um die Dinge zu sehen, wie sie sind?
Den letzten Typ, der mir regelmäßig zuwider ist, ist die vierzig-fünfzig jährige Societylady mit hinter der Designer-Sonnenbrille versteckten Augen. Diese Apologeten des schlechten, aber dafür umso teureren Geschmacks sind unvergleichlich. Leute, die ihr ganzes Leben mit absolut nihilistischen Kleinigkeiten zermürben, mein Respekt! Aber wer will ihn schon, den Respekt eines verrückten, von der Gesellschaft dazu gemachten Menschen?