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Traue Jedem Etwas
Auf der Intensivstation, acht offene Zimmer belegt mit insgesamt 16 Leidenden. Vollgestellt mit über 50 technischen Geräten, unzähligen Schläuchen, Beuteln und Flaschen.
Friedrich, Birgit und Monika, drei gelernte Pflegekräfte, teilen sich den Dienst und haben mich, einen Schüler, von einer anderen Station zur Hilfe geholt.
Fünf Uhr, Zeit zu betten.
Friedrich ist damit beschäftigt, einem Mann den blutverkrusteten Mund zu säubern, da dieser nach akutem Leberversagen und diverser anderer körperlicher Zerfälle sein Innerstes offenbart hatte. Im wirren Geist gefesselt an das Pflegebett, mit aufgerissenen und hervorstehenden Augen sich krampfhaft nach dem künstlichen Neonlicht der Deckenleuchten streckend.
Monika begleitet eine winzige Seele, gefangen im Berg aus Fleisch und Fäulnis unfähig sich zu bewegen, in den Operationssaal, um ihre zerdrückte Lunge zu stabilisieren.
Bleiben also noch Schwester Birgit und der Schüler, um jedem anderen Patienten etwas Aufmerksamkeit zu widmen.
Birgit ist etwa 45 Jahre alt und seit sicher 20 Jahren im Beruf. In ihren Birkenstocksandalen stecken ihre nackten Füße, ein Zeh ist gebunden in einen metallenen Ring.
Sie sieht nicht gut, trägt eine Brille mit eckiger Fassung, klaren Kanten und recht dicken Gläsern. Ihr Ausdruck offenbart ihre Erschöpfung. Sie ist müde, ständig umgeben von dem Leid, welches sie nie bekämpfen, sondern nur dämmen kann -
wohlwissend, dass die Zeit zu rar ist, um jedem Einzelnen gerecht werden zu können.
Zimmer vier, hinteres Bett. Ana liegt auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Ruhend, fast leichenhaft.
Drei Drainagen, zwei Braunülen, mehrere Infusionen, ein Peridualkatheter, Sauerstoffsättigung und eine Blutdruckmanschette hängen an und aus ihrem Körper.
Ihre Haut quittegelb, die Augenhöhlen zu dunklen Schluchten eingefallen, das Haar dünn und wüst. Trotzdem findet ein Funken südländischer Anmut in dem Ganzen Platz.
Auf zwei Meter Entfernung ruft die laute, feste und sich ankündigende Stimme der mich begleitenden Schwester: "Na Frau Heinrig, sind sie müde? Zeit zum Betten!" - keine Reaktion.
Sie kommt dem Bett näher, schlägt die Decke auf und hebt erneut die Stimme: "Wachwerden!"
Als führe ein Blitz von der Decke direkt in ihr Haupt, reißt die Patientin Augen und Mund weit auf und schnappt nach Luft. Sofort hält sie sich den Bauch. Schmerz formt ihr Gesicht.
Sie greift unter dem ungläubigen Blick der Schwester an ihre Scheide.
"Was ist das? Hab ich einen Katheter? Wieso?!"
"Tja, Frau Heinrig", antwortet die Frau in blau hinter ihrer Brille hervor.
"Wer hier rumrandaliert, wird eben ein bisschen sediert und da kann man das nicht mehr so kontrollieren." Finstere Gleichgültigkeit schwingt in ihrer Stimme.
Fassungslosigkeit macht sich in Anas Miene breit: "Was habe ich denn gemacht?!"
Antwort gibt die Schwester mit einem kräftigen Ruck am Stecklaken, welches die Kranke auf die Seite wirft: "Ja ja, Ihre Spielchen kennen wir hier zu genüge. Ich dreh sie jetzt, Rücken eincremen. Du, halt sie auf der Seite."
Ich muss nicht halten.
Die Frau liegt von selbst, in Embryonalstellung gekauert vor mir, krallt sich vor Schmerz in den Bauch und ringt nach Luft.
Ich versuche sie nur mit sanftem Streicheln zu beruhigen. "Wunder dich nicht, Die steigert sich immer so rein. Die ist schon lange bekannt im Haus. Ihre Zwillingsschwester ist vor ein, zwei Jahren hier gestorben."
"Achtung, wird kalt am Po!"
Sie zieht die Patientin wieder auf den Rücken, geht zum Kurvenblatt, schreibt ein paar Zahlen, macht ein paar Punkte und setzt ihr Zeichen dahinter.
Sie wendet sich zur Patientin und fragt in ihrer Vorwärtsbewegung gespielt freundlich: "Und, Zähne putzen?"
Keine Zeit für eine Antwort, das Kopfteil ist schon oben. Tränen, Schmerz, Verzweiflung prägen die zerbrechlichen Züge der Frau.
"Was ist mit Durst?" - Sie bringt ein gequältes "Ja!" hervor.
"Na dann stell ich die Infusion mal hoch."
Von den drei Minuten dieser Ereigniskette ruhten Birgits Augen vielleicht eine auf dem Körper der Patientin, ihre Augen verbanden sich vielleicht eine, vielleicht zwei Sekunden. Ansonsten wand sie sich nach links und rechts, nach oben und unten. Zu Schläuchen, Flaschen, Gittern, Monitoren, Papier, Pflastern und allem anderen Toten.
Zu viel.
Ich reiche Ana ein Wasserglas, welches sie sogleich hinunterstürzt. Das Stöhnen danach klingt wie ein Hauch Erlösung aus dem verheulten, hoffnungslosen Gesicht.
Nur eine Frage dringt noch hervor, bevor sie die Augen erschöpft schließt:
"Warum ist sie so?"