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Traue Jedem Etwas

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11.04.2012
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Traue Jedem Etwas

Auf der Intensivstation, acht offene Zimmer belegt mit insgesamt 16 Leidenden. Vollgestellt mit über 50 technischen Geräten, unzähligen Schläuchen, Beuteln und Flaschen.
Friedrich, Birgit und Monika, drei gelernte Pflegekräfte, teilen sich den Dienst und haben mich, einen Schüler, von einer anderen Station zur Hilfe geholt.

Fünf Uhr, Zeit zu betten.

Friedrich ist damit beschäftigt, einem Mann den blutverkrusteten Mund zu säubern, da dieser nach akutem Leberversagen und diverser anderer körperlicher Zerfälle sein Innerstes offenbart hatte. Im wirren Geist gefesselt an das Pflegebett, mit aufgerissenen und hervorstehenden Augen sich krampfhaft nach dem künstlichen Neonlicht der Deckenleuchten streckend.

Monika begleitet eine winzige Seele, gefangen im Berg aus Fleisch und Fäulnis unfähig sich zu bewegen, in den Operationssaal, um ihre zerdrückte Lunge zu stabilisieren.
Bleiben also noch Schwester Birgit und der Schüler, um jedem anderen Patienten etwas Aufmerksamkeit zu widmen.

Birgit ist etwa 45 Jahre alt und seit sicher 20 Jahren im Beruf. In ihren Birkenstocksandalen stecken ihre nackten Füße, ein Zeh ist gebunden in einen metallenen Ring.
Sie sieht nicht gut, trägt eine Brille mit eckiger Fassung, klaren Kanten und recht dicken Gläsern. Ihr Ausdruck offenbart ihre Erschöpfung. Sie ist müde, ständig umgeben von dem Leid, welches sie nie bekämpfen, sondern nur dämmen kann -
wohlwissend, dass die Zeit zu rar ist, um jedem Einzelnen gerecht werden zu können.

Zimmer vier, hinteres Bett. Ana liegt auf dem Rücken, die Augen geschlossen. Ruhend, fast leichenhaft.
Drei Drainagen, zwei Braunülen, mehrere Infusionen, ein Peridualkatheter, Sauerstoffsättigung und eine Blutdruckmanschette hängen an und aus ihrem Körper.
Ihre Haut quittegelb, die Augenhöhlen zu dunklen Schluchten eingefallen, das Haar dünn und wüst. Trotzdem findet ein Funken südländischer Anmut in dem Ganzen Platz.

Auf zwei Meter Entfernung ruft die laute, feste und sich ankündigende Stimme der mich begleitenden Schwester: "Na Frau Heinrig, sind sie müde? Zeit zum Betten!" - keine Reaktion.
Sie kommt dem Bett näher, schlägt die Decke auf und hebt erneut die Stimme: "Wachwerden!"
Als führe ein Blitz von der Decke direkt in ihr Haupt, reißt die Patientin Augen und Mund weit auf und schnappt nach Luft. Sofort hält sie sich den Bauch. Schmerz formt ihr Gesicht.
Sie greift unter dem ungläubigen Blick der Schwester an ihre Scheide.
"Was ist das? Hab ich einen Katheter? Wieso?!"
"Tja, Frau Heinrig", antwortet die Frau in blau hinter ihrer Brille hervor.
"Wer hier rumrandaliert, wird eben ein bisschen sediert und da kann man das nicht mehr so kontrollieren." Finstere Gleichgültigkeit schwingt in ihrer Stimme.

Fassungslosigkeit macht sich in Anas Miene breit: "Was habe ich denn gemacht?!"

Antwort gibt die Schwester mit einem kräftigen Ruck am Stecklaken, welches die Kranke auf die Seite wirft: "Ja ja, Ihre Spielchen kennen wir hier zu genüge. Ich dreh sie jetzt, Rücken eincremen. Du, halt sie auf der Seite."

Ich muss nicht halten.
Die Frau liegt von selbst, in Embryonalstellung gekauert vor mir, krallt sich vor Schmerz in den Bauch und ringt nach Luft.
Ich versuche sie nur mit sanftem Streicheln zu beruhigen. "Wunder dich nicht, Die steigert sich immer so rein. Die ist schon lange bekannt im Haus. Ihre Zwillingsschwester ist vor ein, zwei Jahren hier gestorben."
"Achtung, wird kalt am Po!"

Sie zieht die Patientin wieder auf den Rücken, geht zum Kurvenblatt, schreibt ein paar Zahlen, macht ein paar Punkte und setzt ihr Zeichen dahinter.
Sie wendet sich zur Patientin und fragt in ihrer Vorwärtsbewegung gespielt freundlich: "Und, Zähne putzen?"
Keine Zeit für eine Antwort, das Kopfteil ist schon oben. Tränen, Schmerz, Verzweiflung prägen die zerbrechlichen Züge der Frau.
"Was ist mit Durst?" - Sie bringt ein gequältes "Ja!" hervor.
"Na dann stell ich die Infusion mal hoch."

Von den drei Minuten dieser Ereigniskette ruhten Birgits Augen vielleicht eine auf dem Körper der Patientin, ihre Augen verbanden sich vielleicht eine, vielleicht zwei Sekunden. Ansonsten wand sie sich nach links und rechts, nach oben und unten. Zu Schläuchen, Flaschen, Gittern, Monitoren, Papier, Pflastern und allem anderen Toten.

Zu viel.
Ich reiche Ana ein Wasserglas, welches sie sogleich hinunterstürzt. Das Stöhnen danach klingt wie ein Hauch Erlösung aus dem verheulten, hoffnungslosen Gesicht.

Nur eine Frage dringt noch hervor, bevor sie die Augen erschöpft schließt:
"Warum ist sie so?"

 

Hallo,

ich habe das Gefühl beim Versuch zu zeigen, dass pflegebedürfitge Menschen zu Objekten degradiert werden, degradierst du den pflegebedürftigen Menschen hier zu einem Objekt.
Der Text erscheint sehr auf die Wirkung bedacht und hat wenig Platz für Subtilität oder irgendetwas zwischen den Zeilen.

Mit einer Wendung würde der Text literarischer wirken. Vielleicht könnte man zeigen, dass die brutale Pflegerin unglücklich mit ihrer Arbeit ist (so wirkt sie fast schon sadistisch) oder man wirft einen näheren Blick auf die Patientin oder die Erzählerin selbst, aber in der Geschichte ist dafür kein Platz. Das ist schade.

Ich finde die Geschichte ist zu eindimensional, um richtig zu berühren. Sie zeigt, wie grausam das Leben in so einer Situation sein kann. Das tun unzählige Dokumentationen auch. Menschen blenden das gerne aus. Damit man sie erreicht, muss wahrscheinlich anders an die Sache herangegangen werden.

Gruß
Quinn

 

Wahre Geschichten zu schreiben genügt nicht, das reicht dem Mensche nicht für Glauben. Damit er sie glauben kann, müssen sie ihm erzählt werden.

Schreibe nicht, erzähle mit Schrift.

Danke für die Erkenntnis, Quinn :-)

 

Hi Im Ursprung,

komm ich mich gleichmal revanchieren :)

Erstmal das Positive: Die Geschichte hat super funktioniert bei mir, ich hab mich miserabel gefühlt beim Lesen.

Jetzt das Negative: Wahrscheinlich ist das größtenteils nicht dein Verdienst, sondern liegt an Menschen, die ich gekannt habe, und Sachen, die ich persönlich gesehen/gehört habe. Mit Variationen dieses Themas (kranker alter hilfloser Mensch) bin ich immer leicht umzuhauen.

Weißt du, ich hab hier im Forum öfter Texte gelesen, Länge in etwa wie dein Text, die auf Rührung oder Schock aus waren, wobei die Geschichte nur so "angedeutet" wird. Die Reaktionen der Leser waren meist gemischt. Gut funktionieren solche Texte bei Lesern, die an etwas erinnert werden, was sie selbst erlebt haben, davon kann der Text dann zehren.
Andere Leser finden solche Texte effekthascherisch (schreibt man das so? sieht komisch aus) oder langweilig, je nachdem.

Wirklich gute Texte müssen nicht drauf hoffen, beim Leser vielleicht Erinnerungen auszubuddeln (die ja von Leser zu Leser verschieden sind). Die wirklich guten Texte funktionieren für sich alleine.

Das Thema ist doch eigentlich super, aber du würdest viel mehr Leser mitnehmen, wenn du die Geschichte mit runden Figuren spielst. Hier ist alles so plakativ ... die Arme, die da im Bett liegt, das herzlose genervte Pflegepersonal, der Erzähler, dem das leid tut.
Ich würde schon gerne lesen, was die Hintergrundgeschichte der Patientin ist, damit ich mit der Figur mitfühlen kann.
Und:

"Warum ist sie so?"
Das müsste auch thematisiert werden, finde ich, nicht dem Leser am Ende so hingeworfen. Was ist deine Erzählabsicht?
Pflegepersonal wird grauenhaft bezahlt.
Pflegepersonal stumpft mit den Jahren emotional ab.
Pflegepersonal muss sich einen emotionalen Abstand bewahren, um nicht durchzudrehen.
Etcetera ... nichts davon steht in deiner Geschichte, aber irgendwas in der Art könntest du der genervten Schwester mitgeben. Im Moment ist die einfach nur "böse", das gibt mir als Leser doch gar nichts.

Ich finde, gerade dieses Thema schreit nach ausgearbeiteten Figuren.
Vielleicht machst du ja noch was draus?

---
Edit: deinen post hatte ich noch nicht gesehen, als ich meinen abgeschickt habe.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hey Möchtegern (das fühlt sich komisch an, Jemanden so anzuschreiben), erstmal danke auch für deine Antwort! :-)

Ich würde auch nicht an deinem Leid verdienen wollen. Dich berührt zu haben, das kommt von dir selbst. ^^
Ich sollte vllt dazu erwähnen, dass es eine Aufgabenstellung in meinem Kurs gab, die ich in kurzer Zeit und ohne Muße (zwanzig Köpfe in einem Raum verursachen leichte Gedankennebel :-P ) aufschreiben musste. Das Ergebnis steht hier, blank vom Papier kopiert.
Ich habe mich hier gerade neu angemeldet und habe mich wenig kritisch mit meiner Schriftkunst auseinandergesetzt, während mir wissenschaftliche Niederschriften wohl bekannt sind. Die Anmeldung war der erste Schritt in die Richtung, also habe ich einfach mal ein bereits bestehendes Ergebnis in den Raum geschmissen und auf Widerhall gehofft.

Es ist eine Art kurzer Ausriss, eine 5 Minütige Wanderung in andere Augen. In meinem Kurs gelesen ergab es natürlich einen anderen Sinn.
Durch deine und Quinns Kritik habe ich gerade Grundregeln guten Schreibens direkt aus euren Köpfen, ohne es euch zu stehlen oder dafür ein Fachbuch aufzuschlagen - Danke! :-)

Den Leser über seine Erinnerungen hinaus wachrufen.
Charakterzüge auch ausführen statt nur mit Bruchstücken zu schmeißen.

Fantasia, ereile mich!
Mal sehen, wie die nächste Geschichte wird ;-)

 

Ich habe der Geschichte eine situative Erklärung und den Charakteren, auf denen der Fokus liegt, etwas mehr tiefe verliehen. Ich hoffe, das innigt den Eindruck der Geschichte und den Ausdruck der Botschaft.

Ich würde mich über Rückmeldungen freuen! :-)

 

Hallo Im Ursprung!

Also, ja, das geht schon in die Richtung, die ich meinte. Jetzt legst du den Fokus allerdings auf das Pflegepersonal (womit ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hatte, ich dachte, du würdest der Patientin mehr Gesicht geben).

Sie ist müde, ständig umgeben von dem Leid, welches sie nie bekämpfen, sondern nur dämmen kann -
wohlwissend, dass die Zeit zu rar ist, um jedem Einzelnen genug davon geben zu können.
Der ist schiefgegangen. Sie wird kaum absichtlich versuchen, jedem Einzelnen genug Leid zu geben, oder?

Sprachlich ist es sperrig. Du arbeitest viel mit Aufzählungen und Einschüben, sowas sollte man sparsam verwenden. Und: nicht zu sehr mit Adjektiven um sich schmeißen.

Du bekommst da bestimmt noch Rückmeldungen zum Text, wenn du selbst im Forum anderer Leute Geschichten kommentierst. ;)

 

Oha, den Haken hab ich mal rausgenommen, danke!
Ja, wenn ich einen Fokus gesetzt habe, fällt es mir schwer, den Winkel zu ändern, daran arbeite ich nun in vielen Bereichen :P
So viel Zeit zu schreiben habe ich eh nicht, aber ehe ich selbst wieder was versuche, sehe ich mich hier erstmal um ;)

 

ja, warum ist sie eigentlich so?
Und warum ist die Krankenschwester die Böse, bloss weil sie viel zu tun hat und sich offensichtlich ne dicke Haut zugelegt hat, damit sie das überhaupt alles machen kann und nicht jedesmal mitheult, und die Kranke die Gute, bloss weil sie leidet- ist jetzt echt kein Verdienst.

Sprachlich hats mir gefallen!

Liebe Grüße!

 

Ich dachte eigentlich, das einseitig böse Image der Schwester hätte ich bereinigt. :( ^^

 

oh je,

ja, das kenne ich. Manchmal hilft es die Geschichte nicht zu lesen, nur das Thema zu nehmen, das man erzählen wollte und noch einmal "blind" drauflos zu tippen.
Danach kann man an Stellen, die passen, geliebte Sätze aus der ersten Fassung reinkopieren.
Manchmal funktioniert leider auch das nicht und man muss bei der nächsten Geschichte vorher überlegen, was man sagen will und welche Kraft welche Figur braucht.

Liebe Grüße!

 

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